Es war immer dasselbe und Eric verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, welche Weinen und Lachen zugleich ausdrücken wollte. Madeline rannte durch ihre ordentliche Küche, stopfte sich das Brot in den Mund und leckte sich die Marmelade von den Fingern. Krümmel fielen auf den sauberen Boden. Sie trank hastig ihren Tee, an welchem sie sich sogleich verschluckte und stellte die Tasse achtlos in die Spüle, anstatt sie in die Spülmaschine zu legen. Der Teel?ffel klimperte. Er warf Sonia einen belustigten Blick zu und seine jüngste Schwester erwiderte ihn mit unterdrückten Lachen. Mal wieder verbreitete Madeline Unordnung und Chaos, nachdem er sauber gemacht hat.
?Los, los, los! Wir kommen zu sp?t!“, rief Madeline aus und trieb die beiden mit einem lauten H?ndeklatschen nach drau?en.
?Und an wem liegt das?“, fragte Sonia.
?Sei nicht so frech, ich hatte eine anstrengende Nacht.“
Das Auto piepste, als Eric es entriegelte. Ein Geschenk seiner Eltern zu seinem sechzehnten Geburtstag, welcher nun schon sechs Jahre zurückliegt. Eine halbe Entschuldigung dafür, dass sie die ganze Zeit wegen ihrer Arbeit auf Reisen waren. Diesmal jedoch nicht. Sie besuchten ihre Gro?eltern in Norwegen und Eric w?re so gerne mitgekommen. Aber er wollte seine Schwestern nicht alleine lassen, immerhin kümmerte er sich stetig um sie, wenn ihre Eltern mal wieder unterwegs waren.
?Auf, auf!“, rief Madeline aufgeregt, w?hrend sie sich in den Beifahrersitz setzte. Sie fieberte schon seit Monaten dem Klassentreffen entgegen und es erfüllte ihn mit so viel Freude, wie glücklich sie dabei war.
?Anschnallen“, sagte er belustigt an Sonia gewandt, welche mal wieder dachte, es würde ihm nicht auffallen, wenn sie sich hinter ihn setzte. Schmollend folgte sie seiner Aufforderung.
?Madeline, wenn du nicht zu sp?t kommen willst, dann solltest du anfangen, früher aufzustehen und nicht erst um 14 Uhr.“
?Ich hatte noch eine Abgabe“, jammerte sie, ?Ich bin deswegen sehr sp?t ins Bett.“
Sie hüpfte aufgeregt auf dem Beifahrersitz herum. Ihre Wangen waren ger?tet von Aufregung. Sie vermisste die Schulzeit. Die Universit?t gefiel ihr nicht und Eric hatte Sorge, dass sie abbrechen würde. Aber selbst wenn, das bedeutete nur, dass sie ihren Weg finden würde und es nur eine Etappe war, bei welcher sie gelernt hat. Er war so stolz auf seine kleine Schwester, welche sich so sehr ins Zeug legte und jedes Mal aufs Neue alle Erwartungen übertraf. Er war sich sicher, dass seine Angst unbegründet war und eher dem entsprang, dass er wirklich mitfieberte, als dass er nicht an sie glaubte.
?Und wer hat gestern Abend das Ganze noch für dich Korrektur gelesen?“, fragte er neckend.
?Ha! Eric war sp?ter schlafen, ist dennoch früh raus“, lachte Sonia, welche nur zu gerne die Rolle seines kleinen Sidekicks annahm.
?Ich bin auch nicht so eine Maschine“, erwiderte Madeline.
Er schnaubte lachend, als er aus ihrer Ausfahrt fuhr und sie langsam den Weg Richtung Schule anschlugen. Kurz verweilten seine Augen auf dem Haus mit dem verwahrlosten Garten gegenüber. Er glaubte, die flimmernde Hitze würde ihm einen Streich spielen, aber es sah noch wilder aus als gestern. Als h?tten die Pflanzen in kurzer Zeit ein Eigenleben entwickelt und kurz davor, das alte Geb?ude zu verschlucken, sich zu eigen zu machen. Manche von den Blüten sah er zum ersten Mal. Kuriose Farben aber haupts?chlich ein knalliges Kobaltblau und etwas Purpur, mit Formen, welche ihn verst?rten. Dann wandte er sich der Stra?e zu. Was auch immer diese alte Frau in den Garten geschleppt hat, es ging ihn nichts an.
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Normalerweise würden sie zu Fu? laufen, wenn Madeline nicht mal wieder so sp?t aus den Federn gesprungen w?re, nur um anschlie?end zu lange im Bad zu verbringen. Er liebte seine Schwester und hatte keine Probleme mit ihrer chaotischen Art. Es war nicht das erste Mal, dass sie auf den letzten Drücker losfuhren und er würde es ihr verzeihen, weil ihre Aufregung und Freude so erfrischend nach den letzten harten Wochen waren.
Madeline hatte sie beide eingeladen, eindringlich und ohne jegliche Anerkennung von einem Nein. Sowohl er als auch Sonia kannten einige der alten Schüler der Schule. Er selbst kannte fast den ganzen Jahrgang, weil Madeline nur zu gerne die eine oder andere Party geschmissen hat und ihre Einladungen keine Grenzen kannten.
Die Stadt war klein, es w?re schwer, niemanden zu kennen. Aber es war sehr schwer, die Menschen zu vergessen, welche die Stadt verlassen haben. Seine Gedanken huschten erneut zu Talisa. Sie würde heute da sein. Sein Herz fing schnell zu schlagen an und er würde sich dafür sch?men, dass er nach all den Jahren noch immer nicht über sie hinweg war, wenn er sich nicht so sehr freuen würde, sie zu sehen. Damals war irgendetwas schiefgelaufen. Er wusste bis heute nicht richtig, was. Aber er hat sich vorgenommen, die Gegenwart anders zu formen. Dazu geh?rte, es noch einmal zu versuchen.
Als er Madelines hellblauen Augen auf sich spürte, sah er an der roten Ampel fragend zurück. ?Was ist?“
Sie grinste ihn an und warf ihre braun-blonden Haare nach hinten. Er und Madeline sahen sich am ?hnlichsten, auch wenn er deutlich gr??er war. Helle Haut, markante Gesichtszüge. Ihre norwegische Abstammung w?re wahrscheinlich selbst in ihren Adern zu sehen. Sonia hingegen ging mehr nach ihrer Mutter. Sie hatte dunkles Haar und braune Augen, ein weiches Gesicht. Dennoch dasselbe freche Grinsen, wie ihr Vater und dieselbe Art, die Welt durch neugierige und forschende Augen zu betrachten, wie ihre Gro?mutter.
?Wei?t du, auf wen ich mich am meisten freue?“, fragte Madeline verschw?rerisch und er wusste ganz genau, wo das hingehen würde. Aber Sonia wusste es noch nicht und sie würde sich freuen.
?Wen denn?“, fragte er grinsend, freute sich, Sonia die Nachrichten zu überbringen und war zeitgleich gar nicht glücklich darüber, weil Madeline dieses Thema ?ffnen wollte.
?Talisa. Habe eigentlich damit gerechnet, dass sie ihren Hintern wieder hierher bewegen würde.“
?Talisa!“, rief Sonia freudig aus und Eric konnte nicht anders, als Madeline grinsend einen Blick zuzuwerfen, aber nur ganz kurz, denn die Ampel wurde wieder grün. Deswegen hat Madeline so sehr darauf beharrt, dass Sonia mitkommt, welche Menschenmengen normalerweise wirklich nicht leiden konnte. Talisa, einst ihre Nachbarin von gegenüber, hatte immer mal wieder Sonia beaufsichtigt. Sie und Riley waren auch stetige G?ste in Madelines Zimmer, welches ihr liebster Treffpunkt und Unterschlupf für Pl?ne jeglicher Art war. Sonia verehrte Talisa. Sie musste sie so sehr vermisst haben.
?Sie ist gestern schon bei Riley gewesen. Sie haben ihre typische Sommer-Limo-Party veranstaltet. Wenn diese verfluchte Abgabe nicht w?re, dann h?tte ich sie gestern in den Arm genommen und nie wieder losgelassen“, erz?hlte Madeline, ?Und ich habe Riley seit Wochen nicht gesehen! Seit Wochen! Sie hat wahrscheinlich schon l?ngst ihre Thesis abgegeben und ich eier immer noch herum!“
Madeline redete sich in Rage über die Uni. Dieselben Beschwerden, Aufregungen und Emp?rungen, welche er schon In- und Auswendig kannte. Dieselbe Geschichte über die sch?ne Vergangenheit, deren Erz?hlung im stillen Trübsinn endete. Eric wurde es schwer ums Herz, w?hrend er langsam zu den Parkpl?tzen einfuhr, welche heute ausnahmsweise auch für andere ge?ffnet waren, als nur für die Lehrer. Hoffentlich würde Madeline den Abend genie?en und mit dem Wiedersehen alter Freunde zu neuer Kraft finden. Es schmerzte ihn, zu wissen, wie verloren sie in den Jahren nach ihrem Abschluss gewesen war.