《Das Heilige Reich [German]》
Prolog
Es war eine finstre, kalte Nacht. Das Donnern das Gewitters war von drau?en zu vernehmen. Der Regen rauschte unaufh?rlich herab, war jedoch nur leise in den inneren R?umen zu h?ren.
Wo waren wir also? In einem stockfinstren Raum. Ein paar Kerzen waren die einzige Lichtquelle. Auf einem Sessel sa? eine junge Frau, ihr Gesicht verh¨¹llt durch eine Kapuze. Auf ihrem Scho? hielt sie ein Baby. Sie wippte ihn sanft hin und her. Es sah sie mit gro?en Augen an, verunsichert, was um es herum geschah. Fast gleichsam verunsichert erwiderte sie seine Blicke und hielt ihm ihren Finger hin, den es mit der Gesamtheit seiner kleinen Hand umfasste. Ein Mann stand neben ihr. Er legte ihr die Hand auf die Schulter. Es war still in diesem dunklen K?mmerchen. Au?er dem Flackern der Kerzen war nichts zu vernehmen. Die W?nde entlang hingen lange, dunkle Vorh?nge. Am einen Ende des Raums war eine h?lzerne T¨¹re, am gegen¨¹berliegenden Ende sa? die Frau neben einem kleinen Tisch, der mit einem Haufen B¨¹chern und Gl?sern zugestellt war.
So wartete die Dame eine ganze Weile, bis sich schlie?lich die T¨¹r nach innen ?ffnete. Herein trat eine vollst?ndig in einem Mantel mit Kapuze eingeh¨¹llte Gestalt. Ihr folgten zwei weitere. Als die letzte Person den Raum betrat schloss sie die T¨¹r hinter sich und verriegelte sie. Die Dame mit dem Baby stand auf.
Dame: ?Wir sind hier.¡°
Kapuzengestalt: ?Freut mich, dass ich euch daf¨¹r entschieden habt. Was wir hier tun werden, ist dies.¡°
Die Gestalt zog etwas aus ihrer Manteltasche und hielt es der Dame hin. Es war eine Kette, mit einem funkelnden roten Stein als Anh?nger. Auf der Fassung waren die Buchstaben M.R. eingraviert. Au?er, dass der Stein im Kerzenschein besonders faszinierend leuchtete, war nichts Besonderes an dem Objekt zu vermerken.
?Das soll es sein?¡°, fragte die Dame. Gleich darauf, aber fand sie sich noch einmal intensiv auf den Stein blickend. Es war nicht sein Aussehen, dass sie in seinen Bann zog. Es war das seltsame Gef¨¹hl, das er ihr gab. Einen kurzen Moment lief er ein Schauer ¨¹ber den R¨¹cken.
Die verh¨¹llte Person vor ihr zog das Amulett wieder zu sich heran und schloss es mit ihrer Hand ein.
?Ich glaube, dass Ihr es bereits gesp¨¹rt habt, warum dies das Objekt ist.¡° Die Person entfernte ihre Kapuze mit ihrer freien Hand. Zu sehen war das Gesicht einer mittelalten Dame, bleich, gro?e Augen. Die anderen Taten es ihr daraufhin gleich und nahmen ihre Kapuzen vom Kopf. Zwei waren junge Burschen. Die Frau mit dem Kind auf dem Scho? enth¨¹llte ihr goldgelocktes Haar, w?hrend der gro?e Mann neben ihr dicke Augenbrauen und einen fahlen Blick hatte.
?Nun denn!¡°, sprach die Frau mit dem Amulett. ?Wollen wir anfangen?¡°
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Die Dame und der Herr nickten. Somit nahm die Dame ein Glas mit einer roten Fl¨¹ssigkeit darin vom Tisch, ?ffnete es und fing an einen Kreis und darin andere Formen auf den Boden zu malen. Alle sahen ihr stillschweigend zu. Der Mann erhob die Stimme:
?Und das wird ihm auch nicht weh tun, oder? Du hast uns versprochen, dass es meinem Kind keinen Schaden zuf¨¹gen wird, Gabriela.¡° Ohne sich vom Zeichnen abzuwenden antwortete die Frau:
?Es ist so wie ich es gesagt habe. Dem Jungen wird dieses keinen physischen Schaden verursachen.¡° Sie pausierte kurz. ?Was den Geisteszustand angeht, kann ich euch keine Auskunft geben. Ist ohnehin nicht normal, w¨¹rde ich sagen. Wie sich das Teu¡¡¡.verfluchte Kind entwickelt h?tte, k?nnten wir ohnehin nicht voraussagen.¡°
Weiters schwiegen alle Anwesenden, w?hrend sie den magischen Zirkel fertig zeichnete. Die kleinere die beiden Burschen starrte, wie gebannt, auf alles, was sie zeichnete. Als sie fertig war, stand sie auf, ging hin¨¹ber zum Tisch und ergriff das oberste Buch vom Stapel. Es war ein dickes, in Leder gebundenes Buch, mit vergilbten Seiten. Gabriela versuchte tunlichst zu vermeiden, dass irgendjemand au?er ihr sah, was im Buch geschrieben stand. Sie bl?tterte einige Seiten, bis sie schlie?lich schien gefunden zu haben, wonach sie suchte.
Sie trat in die Mitte des Zirkels und bat die beiden Eltern sich zu ihr zu stellen, ohne aber dabei das Gezeichnete wieder zu verwischen. Da begann die Mutter allerdings zu z?gern. Ihr Mann schaute sie an und erkannte die Sorge, die ihr ins Gesicht geschrieben war.
?Alles wird gut. Um ihm zu helfen, m¨¹ssen wir das tun. Das wei?t du doch.¡° Er nahm sie in seine Arme und k¨¹sste sie. Sie schaute ihm in die Augen und nickte dann. Mit einem einzigen, entschiedenen Schritt traten sie in den Zirkel, ihren Sohn auf dem Arm. Um das Ritual zu beginnen, h?ngte sie dem Kind das Amulett um.
Die Dame begann etwas in einer unbekannten Sprache laut vorzulesen:
?Soma kai psyche. Kante dyo xechorista. Syndete ta metaxy tous. Anthropos kai kosmema.¡°
Alle im Raum begannen pl?tzlich einen seltsamen Druck zu sp¨¹ren. Eine W?rme begann aufzusteigen. Die Kerzen begannen zu flackern. Die Frau nahm eine kleine Nadel heraus und mit Einwilligung der Eltern pikste dem Baby in den Finger. Sie entnahm ihm einen einzigen Blutstropfen und lie? ihn auf das Juwel an der Kette fallen.
?Anaireste te moira. Desmeumenos gia te aionioteta. Allaxte to mellon.¡°
Pl?tzlich begann der Zirkel und die Symole auf dem Boden unter ihnen zu leuchten. Ein Windsto? blie? alle Kerzen im Raum aus und dennoch erhellte ein grelles Blau den Raum. Langsam begann dieses Licht aber wieder abzunhnehmen und bevor es ganz dunkel werden konnte, entz¨¹ndeten sich die Kerzen wieder von Neuem. Das seltsame Gef¨¹hl und der Druck verschwanden. Alle starrten ahnungslos umher.
Es war vollbracht. In diesem Augenblick begann das Kind pl?tzlich laut zu schreien und pl?rren.
?Dies ist nur ein Teil der L?sung¡°, vermerkte Gabriela k¨¹hl.
?Wissen wir¡°, erwiderte der Mann stumpf.
?Nun denn, so gebiete ich Euch einstweilen Abschied, eure Hoheit.¡° Gabriela deutete ihnen zur T¨¹r, w?hrend die Dame versuchte das Kind zu beruhigen. Der Mann lie? er einen b?sen Blick zukommen und sprach: ?Ich glaube, du hast deine Manieren mir gegen¨¹ber vergessen.¡° Ihm wurde nur mit starrem Blick entgegnet. ?Wir sind hier nicht in der ?ffentlichkeit, mein Herr.¡°
?Komm, Schatz. Wir gehen.¡° ¨C ?Ja, ich komme¡°, sagte die Frau mit sehr verhaltener Stimme.
001.1 Der Verluchte (Teil 1)
Es war ein k¨¹hler Morgen. ¨¹ber Nacht hatte es drau?en geregnet, aber nun schien schon wieder die Sonne beim Spalt des Vorhangs herein. Drau?en begann der Hahn zu kr?hen.
Dieser L?rm weckte Wenzel. Er hatte ohnehin immer einen sehr leichten Schlaf, wenn er ¨¹berhaupt einschlief. Ja, leider gab es bei ihm oft ganze N?chte, in denen er kein Auge zutat. F¨¹r ihn war das normal. Somit raffte sich Wenzel auf, ?ffnete den Vorhang und ebenso das Fenster, um kurz durchzul¨¹ften. Er lehnte sich ein St¨¹ck aus dem Fenster, um ein wenig frische Luft zu schnappen und blickte dabei auf den, mehrere Stockwerke darunter liegenden, Vorplatz hinunter. Gleichzeitig stand auch Aurel auf.
?Guten Morgen!¡°, sagte Wenzel seinem Bruder. ?Morgen!¡°, kam es zur¨¹ck. Die beiden begannen sich gleich ihre Schuluniformen anzuziehen und w¨¹rden sich sehr bald zum Fr¨¹hst¨¹ck im Speisesaal begeben. Dieser war einige hundert Meter weg, in einem anderen Geb?ude. Als sie gerade bei der T¨¹r hinausgingen, hielt Aurel kurz inne. ?Warte.¡° Er tastete seine Taschen ab, dann ging er kurz zur¨¹ck zu seinem Nachtk?stchen und griff nach einem in einem kleinen Tuch eingewickeltem Gegenstand. ?H?tte ich schon fast vergessen¡°, vermerkte Aurel kurz. Wenzel schaute ihn nur gef¨¹hlsentleert an oder, um genau zu sein, schaute auf den Gegenstand, den er einsteckte. Aurel schaute ihn b?se an und klatschte Wenzel mit seiner Handfl?che auf die Stirn. ?Komm! Gehen wir!¡°, fauchte er und dr?ngte bei der T¨¹r hinaus.
Zum Fr¨¹hst¨¹ck gab es, wie immer, Haferbrei. Generell gab es fast immer Haferbrei, au?er es war mal ein Feiertag oder irgendein Fest. Nun, ja. Wenzel nahm sich seine Sch¨¹ssel, setzte sich ans Ende des langen Tisches und begann zu essen. Wie ¨¹blich sprach er mit niemandem und a? ohne Ablenkung seinen Brei. Nicht, dass er mit irgendjemandem reden h?tte k?nnen. Keiner sa? neben ihm und selbst, wenn er sich zu anderen dazugesetzt h?tte¡.. ,nein, an sowas wollte Wenzel gar nicht denken. Alle mieden ihn. Niemand mochte ihn. Also, warum sollte er es ¨¹berhaupt probieren sich bei einer fremden Freundesgruppe einfach dazuzusetzen? Das war Wenzels Gedankengang.
Im restlichen Speisesaal war es, im Gegensatz dazu, relativ laut. Alle Sch¨¹ller plauderten miteinander, manche scherzten und lachten. Wenzel lie? ihnen nur gelegentlich einen Blick zufallen, um vielleicht irgendwie ausmachen zu k?nnen was so lustig war. In seinen Hinterkopf schwebte stets der Gedanke, dass sie vielleicht ¨¹ber ihn lachten, obwohl er genau wusste, dass das nicht der Fall war. Niemand fand ihn ?lustig¡°. Die Sch¨¹ler mieden ihn, weil sie ihn nicht leiden konnten. Warum das? Weil, Wenzel angeblich verflucht ist, oder so ?hnlich hie? es laut den Ger¨¹chten. Wenn die nur w¨¹ssten¡..
Abseits von Wenzel sa? Aurel. Sein Bruder leistete Wenzel auch keine Gesellschaft. Er konnte ihn ebenso wenig¡., eigentlich sogar noch weniger leiden als die anderen Sch¨¹ler. Aber Aurel war trotzdem sein gro?er Bruder. Er war sein Besch¨¹tzer auf den er h?ren musste. Er war f¨¹r ?das Wichtigste¡° zust?ndig. Als Aurel fertig gegessen hatte stand er auf, kam her¨¹ber zu seinem Bruder und zog ihn am Arm. ?Zeit zu gehen, Winzel!¡° Wenzel verabscheute den dummen Spitznamen, den er ihm gegeben hatte, folgte aber ohne widerrede.
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Nach dem Fr¨¹hst¨¹ck ging¡¯s in den Unterricht. Das Hauptgeb?ude der Schule lag am selben Gel?nde wie die Unterk¨¹nfte der Sch¨¹ler. Alle Geb?ude hatten aber gemein, dass sie alt und ehrw¨¹rdig waren. Entlang der sorgf?ltig angelegten und gut gepflegten Wege des Parks wanderten die Sch¨¹ler, darunter auch Wenzel, in einem langen Strom in Richtung Schulgeb?ude. Die G?nge darin waren lang und weit. Ebenso waren die Klassenzimmer gro? und mit sehr hohen Decken. Auf diesen waren, wenn man den Kopf senkrecht nach oben streckte, viele filigrane Stukkaturen und oft auch Bilder von Malern zu sehen. Kurz gesagt: Es war ein sehr elit?res Internat der Oberschicht. Dies kam auch in der Kleidung der Sch¨¹ler zum Ausdruck. Es gab eine Schuluniform und die war Vorschrift. F¨¹r Burschen war es ein wei?es Hemd, ein dunkelblaues Sakko, eine ebenso dunkelblaue Krawatte und eine lange Hose. F¨¹r M?dchen war es dasselbe, nur hatten sie einen Blazer, der leicht anders aussah und einen Rock zu tragen. Alles recht edel.
Heute war ein langer Schultag. Die erste Stunde war Schreibunterricht, dann Mathematik und in der dritten Stunde hatten sie Geschichte. Hier musste Wenzel nun besonders aufpassen. Wenzel mochte Geschichte nicht, aber als er das letzte Mal vom Lehrer aufgeklopft wurde und dieser herausfand, dass er oft nichts im Unterricht mitgeschrieben hatte, musste er den ganzen Schmarren nachschreiben! Drum schrieb er hier jetzt immer genau mit. Der Lehrer begann damit das Datum auf die Tafel zu schreiben.
12.4.461 Es war das Jahr 461 der ?K¨¹r des Herrn¡°.
Eilig begann Wenzel mit Feder und Tinte abzuschreiben. Seine Hand war zwar schon m¨¹de, weil er heute bereits im Schreibunterricht sehr viel zu schreiben hatte. Aber es half nichts. Heute krachten die Finger.
Das heutige Thema war der Sturz der Melgarionen vor 80 Jahren und die Macht¨¹bernahme des jetzigen Herrscherhauses. Die Melgarionen waren die Nachfahren Melgars des Gro?en, welcher das Ordanische Reich gr¨¹ndete. Mit seiner Machtergreifung begann die heutige Zeitrechnung, so wichtig war er! Heute hie? unser Land der ?Ordanische Bund¡°. Der Lehrer erkl?rte weiters, dass der Untergang der Melgarionen ?das Ende der Tyrannei¡° bedeutete und die jetzigen Herrscher Ordaniens nicht mehr mit ?teuflischer Hexerei¡° das Volk unterdr¨¹ckten.
Der Lehrer ging durch, um sicherzustellen, dass auch alle das mitschrieben. Er ging bis in die hinterste Reihe, wo Wenzel allein auf einem eigenen Tisch sa?, um auch bei ihm einen Kontrollblick zu machen. Dies gab Wenzel zumindest einen kurzen Moment Zeit, um seine vom Schreiben geplagten Finger zu entlasten. Die Schreiberei ging die ganze Stunde aber so weiter. Wenzel hasste das!
Endlich endete die Stunde und Wenzel durfte gehen.
001.2 Der Verfluchte (Teil 2)
Seine M¨¹digkeit begann jetzt schon durchzuschlagen und das, obwohl Camenisch und Etiquettestunden und Turnunterricht heute noch auf ihn warteten. Ebenso fing leichtes Kopfweh an ihn zu plagen. Naja, es half ohnehin nichts. Wenzel packte seine Sachen und folgte dem Rest der Klasse, die sich zur n?chsten Stunde aufmachten.
Im Camenischunterricht schlug er sich eigentlich immer gut. Viele der W?rter waren auch nicht allzu anders als im Ordanischen. Nur die Art sich auszudr¨¹cken war anders, aber selbst das war mehr Gef¨¹hlssache, als Logik. Andere stimmten ihm da wahrscheinlich nicht zu. Heute ¨¹bten sie Grammatik. Zuerst wiederholten alle zusammen die Vergangenheitsformen, dann sollten sie diese richtig in die L¨¹cken eines Arbeitsblatts einf¨¹llen. Entmutigtes St?hnen war von irgendwo zu h?ren. Niemand mochte Grammatik. Wenzel war nicht unbedingt ein Fan davon, aber er st?rte sich nicht daran ein paar einfache L¨¹ckenf¨¹llaufgaben zu erledigen.
W?hrend er den Arbeitsauftrag erf¨¹llte, sp¨¹rte Wenzel pl?tzlich etwas an die Seite seines Kopfes klatschen. Er griff hin und es f¨¹hlte sich feucht an. Von nebenan war Gekicher zu h?ren. Er drehte den Kopf hin¨¹ber, um auszumachen wer ihn mit Papierk¨¹gelchen bespuckt hatte, und fand auch gleich heraus wer es war: Bert und sein d?mlicher Sitznachbar! Er blickte kurz nochmal her¨¹ber und lachte wieder, hielt sich aber die Hand vor, damit die Lehrerin ihn nicht gleich h?rte.
Wenzel ignorierte ihn und wandte sich wieder seinem Zettel zu. Keine zwei Minuten sp?ter kriegte er den n?chsten Papierball ab. Er versuchte leise zu Bert hin¨¹berzureden, um ihm zu sagen, dass er aufh?ren soll, doch die Lehrerin ermahnte ihn nur, dass er arbeiten solle. Die restliche Stunde w¨¹rde das noch ein paar Mal passieren. Einige andere Sch¨¹ler sahen was passierte und lachten auch dar¨¹ber. Aber keiner half Wenzel! Das machte ihn voll w¨¹tend, aber er schluckte es alles hinunter. Einen Kampf mit ihnen zu beginnen, w¨¹rde nur noch mehr Probleme verursachen.
Dann war es Zeit f¨¹r die Mittagspause. Zu essen gab es Heringsfilet mit Reis. F¨¹r Wenzel m?ge es vielleicht ein normales Mahl sein, doch es war etwas, was f¨¹r die Oberschicht vorbehalten war, insbesondere der Reis, welcher aus Camenia importiert werden musste, weil er in diesen Breiten nicht wuchs. Wie immer a? Wenzel alleine.
W?hrend er am Tisch sa?, blickte er allerdings zur M?dchenclique seiner Parallelklasse hin¨¹ber. Sie sa?en heute woanders als sonst. Sein Blick blieb an Amalie h?ngen. Normalerweise versuchte Wenzel immer Augenkontakt mit anderen zu vermeiden, da sie ihn nur noch mehr verurteilen w¨¹rden, als sie es eh schon taten. Diesmal konnte er aber seinen Blick nicht abwenden. Ihr sch?nes Gesicht bannte ihn. Als sie ihren Kopf hob, w?hrend sie offenbar mit den anderen plauderte, traf ihr Blick den Seinen. Kurz darauf senkte sie ihn wieder, Wenzel jedoch starrte noch einen Moment l?nger, bevor er sich wieder seinem Essen zuwandte. Was f¨¹r ein seltsames Gef¨¹hl. Wenzel w¨¹sste aber genau was es war. Er war sich sicher, dass er sich in Amalie verliebt hatte.
Sei es wie es ist, die Mittagspause dauerte nicht lang und alle machten sich wieder auf den Weg zur¨¹ck ins Schulgeb?ude. Auf dem Weg dorthin, der durch den Park f¨¹hrte, blinzelte die Sonne zwischen den Wolken wieder durch. Wenzel hielt kurz inne. Die Hand auf die Stirn haltend, blickte er in Richtung des Lichts und in die Natur, die sich vor ihm pr?sentierte. Einen kurzen Moment blieb die Zeit stehen. Der n?chtliche Regen hatte die letzten Reste an Schnee endg¨¹ltig weggeschwemmt und die ersten Blumen begannen zu sprie?en. Auch der erste Vogelgesang des Jahres war zu vernehmen. In weiter Ferne war die hohe Mauer, die das Schulgel?nde begrenzte zu sehen.
Bald schon merkte Wenzel, dass er ganz alleine hier stand. ?Verdammt!¡°, rutschte es ihm heraus. Er musste schnellstm?glich in den Unterricht. Er kam nur eine Minute zu sp?t. Dennoch bekam er Schimpfen vom Lehrer. Der Rest der Stunde war langweilig. Sie lernte dar¨¹ber, wie man sich in Gesellschaft zu verhalten hat. Die halbe Zeit h?rte Wenzel gar nicht zu. Das war nicht, weil es ihn nicht interessierte, sondern weil seine Kopfschmerzen nun drastisch zugenommen hatten. Und im Laufe der Stunde w¨¹rde sie auch stetig mehr werden. Wenzel war ¨¹bel und schwindelig. Ihm ging es wirklich schlecht, so schlecht, dass es ihm relative gleichg¨¹ltig war, als die Stunde endete. So konnte er nicht weitermachen.
Als die Klasse das Zimmer verlies, informierte er den Lehrer ¨¹ber seinen Zustand. Dieser sandte ihn zu Frau Adele. Nat¨¹rlich tat er das. Frau Adele war keine Krankenschwester, doch immer wenn so etwas wie heute passierte, w¨¹rde sie ihm helfen. Wie tat sie das? Die Antwort ist, sie machte gar nichts. ES war die Antwort.
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Als Wenzel ihr Arbeitszimmer betrat, musste er sich hinsetzen und warten. Frau Adele, eine gro?e Dame mit langen, schwarzen Haaren, einer kleinen runden Brille und strengem Blick, lie? um Aurel rufen. Bald darauf latschte dieser mit laxem Gang bei der T¨¹re herein.
?Willst du dich schon wieder aus dem Unterricht schummeln, Winzling? Hah?¡°
Wenzel antwortete mit leise: ?Nein, ich halt''s einfach nicht mehr aus. Ich¡¡° ¨C ?Dumme Ausrede, wie immer!¡° Aurel fischte etwas aus seiner Tasche und h?ndigte es Frau Adele aus. Es war das Tuch von heute Morgen.
?Junger Mann, das ist mal ¨¹berhaupt kein Umgangston!¡°, ermahnte ihn Frau Adele. ?Au?erdem, wie oft habe ich dir gesagt, dass wir hier die F¨¹?e ordentlich heben, wenn wir gehen! ¨C ?¡®Tschuldigung¡°, erwiderte Aurel halbherzig.
Sie deutete ihm mit einer Handbewegung an, dass er gehen soll. Er verlie? den Raum. ?Na gut!¡°, sagte die Dame. ?Ich gebe dir eine Stunde Zeit, wie sonst auch. Sag mir danach wie es dir geht.¡° Wenzel nickte und antwortete mit einem kurzen ?Ja¡°.
Aus dem Tuch heraus nahm Frau Adele ein Amulett mit einem funkelnden roten Stein darin eingebettet. Sie legte gro?en Wert darauf es nicht direkt mit ihren Fingern, sondern nur durch das Tuch zu ber¨¹hren. Wenzel nahm es entgegen, ohne Tuch. Er setzte sich auf einen Sessel und blickte beim Fenster hinaus. W?hrenddessen ?beaufsichtigte¡° ihn Frau Adele, wobei sie Papierkram,¡also B¨¹roarbeiten auf ihrem Schreibtisch erledigte.
Wenzel begann sich sofort besser zu f¨¹hlen. Viel, viel besser. Seine Kopfschmerzen waren wie weggefegt und sehr schnell setzte eine tiefe Entspannung ein. Drau?en sah er die ?ste der B?ume, deren allererste Knospen schon sichtbar waren, im Wind wippen. Weiter hinten sah er wieder die Begrenzungsmauer. Wie sehr w¨¹nschte er sich dar¨¹ber hinaus zu fliegen und die Welt dahinter zu sehen. Weg aus diesem bedr?ngendem ¡..Gef?ngnis. Ja, f¨¹r ihn war das Internat wie ein Gef?ngnis. Einfach weg wollte er, das war sein innerster Wunsch. Hinaus in die Wolken, die Felder, W?lder und St?dte der Welt sehen.
Wenzel sah seinen Bruder am Gang neben sich gehen. ?Wenn wir zur¨¹ck ins Zimmer kommen, f?ngst du sofort mit deiner Haus¨¹bung an. Ist das klar? ?Kein Sich-Dr¨¹cken vom Unterricht! Deine Noten sind ohnehin nicht gut!¡°, sagte dieser mit strenger Stimme. Dann h?rte Wenzel eine leise Stimme seinen Namen rufen. ?Wenzel!¡° Sie wurde immer lauter. Es war die Stimme von Frau Adele. Pl?tzlich riss sich Wenzel wieder ins Bewusstsein zur¨¹ck. Er war offenbar wegged?st. Als er die Augen aufmachte, konnte er Frau Adel von oben sehen. Sie hatte den Kopf zu ihm nach oben gerichtet. Wenzel schwebte an der Decke! ?Verdammt!¡°, dachte er sich, ?Schon wieder habe ich versagt!¡°
?Wie oft habe ich dir gesagt, dass wir sowas verhindern wollen, Wenzel! Wenn du runterf?llst, k?nnte ich nichts machen!¡°, schimpfte ihn seine Aufseherin. Sogleich senkte sich Wenzel wieder langsam von der Decke herab. Er hatte genug Gef¨¹hl daf¨¹r, dass bei der Landung nichts schiefgehen konnte. Aber leider verstand Frau Adele das nicht. Er entschuldigte sich und setzte sich wieder hin. Er hatte zwar keine Ahnung wie viel Zeit vergangen war, aber offensichtlich war die Stunde noch nicht um. Den Stein hatte er die ganze Zeit fest in seiner Hand gehalten. Er ?ffnete sie und betrachtete das rot funkelnde Objekt. An seiner Fassung waren die Buchstaben M.R. zu lesen.
Ohne diesen Stein w¨¹rde er es nicht aushalten. Dies war v?llig logisch. Seine Seele befand sich darin! Wenzel war ein Magier, ein Hexer, wie viele dazu sagen w¨¹rden. Das bedeutet, er hatte magische Kr?fte, welche als gef?hrlich und ?teuflisch¡° angesehen wurden. Um zu verhindern, dass er auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird, wurde Wenzels Seele von seinem K?rper getrennt. Die Magie, die er innehatte, war an seine Seele gebunden. Daher w¨¹rde Wenzel keine Gefahr darstellen, solange er das Amulett nicht hatte, da seine Seele und damit seine magischen Kr?fte von ihm getrennt waren. Das einzige Problem war nur, dass sein K?rper seine Seele brauchte und ohne dieser begann zu leiden. Dies war die Ursache seiner h?ufigen Kopfschmerzen, ¨¹belkeit, M¨¹digkeit und Schlafst?rungen. Aber das musste sein, denn Wenzel war eben nicht wie die anderen. Er war verflucht, verflucht durch die Magie, die er hatte! Ganz ohne seine Seele konnte er aber nicht sein, daher bekam er, wenn es ihm zu schlecht zu gehen begann, eine Stunde seine Seele zur¨¹ck, um sich wieder zu erholen. Das Resultat war, was soeben passiert ist. Totale Entspannung.
Als die Stunde verstrichen war, kehrte Aurel zur¨¹ck und bekam das Amulett ausgeh?ndigt. Die beiden verlie?en verabschiedeten sich und verlie?en den Raum von Frau Adele. Aurel, als der ?ltere Bruder war im Wesentlichen der Vormund Wenzels und hatte somit auch die Verantwortung ¨¹ber das Amulett. So hatten es ihre Eltern festgelegt.
?Wenn wir zur¨¹ck ins Zimmer kommen, f?ngst du sofort mit deiner Haus¨¹bung an. Ist das klar?¡°, beorderte ihn Aurel sogleich. ?Kein Sich-Dr¨¹cken vom Unterricht! Deine Noten sind ohnehin nicht gut!¡° Wenzel z?gerte einen Moment. Er hatte diese Szene vorausgesehen. D¨¦j¨¤-vu. Dann antwortete er: ?Aber ich hab nur den Turnunterricht verpasst. Das war nichts Wichtiges.¡°- ?Halt den Mund! Aus dir wird sowieso nichts werden! Aber versuch¡¯s zumindest dich zu bem¨¹hen. Wenn deine Noten schlecht sind, dann krieg ich wieder von Frau Mutter auf den Deckel!¡°-
?Ja. Mach ich¡°, antwortete Wenzel nur. Er hasste seinen Bruder, aber er traute sich nicht sich ihm zu widersetzen.
002.1 Der Stein (Teil 1)
So verging Tag um Tag, immer in derselben Eint?nigkeit: Aufstehen, fr¨¹hst¨¹cken, Unterricht, Mittagessen, mehr Unterricht, nach Hause gehen, Haus¨¹bung, lernen, schlafen gehen und ab und an dazwischen wurde ihm eine kurze Stunde mit dem Amulett erlaubt. Wenzel hasste diesen Alltag und er hatte niemanden, mit dem er dar¨¹ber reden konnte. Eine Sache ver?nderte er allerdings an sich. Er arbeitete an seiner Selbstkontrolle, wenn er sein Amulett bei sich hatte. K¨¹nftig w¨¹rde es ihm nicht mehr passieren, dass seine Gedanken einfach ins Wolkenkuckucksheim abschweiften, w?hrend Wer-Wei?-Was um ihn herum geschah, nur weil er zu trunken von seiner eigenen Magie war. Das war das letzte Mal gewesen. Dies zu schaffen hatte er sich in der Vergangenheit schon mal geschworen, aber jetzt hatte er es tats?chlich geschafft. Was einst Aurel mit ihm gemacht hatte, w¨¹rde ihm nie wieder passieren!
Am heutigen Tag begann alles wie ¨¹blich vonstattenzugehen. Er stand auf und l¨¹ftete das Zimmer. Aurel schien noch zu m¨¹de zu sein, um aus den Federn zu kommen. Als Wenzel nach einer weiteren schlaflosen Nacht seine Glieder von sich streckte, um zumindest irgendwie in die G?nge zu kommen, fiel sein Blick hin¨¹ber auf seine Seele, die ausnahmsweise unverdeckt auf Aurels Nachk?stchen lag. Wie immer packte ihn das Verlangen sie an sich zu rei?en, sie zu sich zu holen, dort wo sie hingeh?rt. Dann setzte aber gleich wieder seine Vernunft ein und er verabschiedete den dummen Gedanken.
Diesen kurzen Moment des Wankens hatte Aurel allerdings mit seinen gerade erst ge?ffneten Augen gesehen. Augenblicklich schnellte seine rechte Hand aus der Decke hervor und schnappte das Amulett. ?Glaub ja nicht, dass du irgendwas Dummes probieren kannst!¡°, fauchte Aurel. Sofort darauf wickelte er den Stein in seiner Decke ein, um ihn nicht direkt ber¨¹hren zu m¨¹ssen. Er f¨¹rchtete sich vor der ?dunklen Kraft¡°, die in dem Ding steckte, weshalb er es immer vermied, es mit blo?en H?nden anzugreifen. ?Mach dir keine Sorgen, ich mach schon nichts¡°, entgegnete Wenzel. Aurel schaute in halb verschlafen, halb w¨¹tend an. Dann f¨¹ge Wenzel hinzu: ?Aber du solltest auch verstehen, dass ich mich halt zu einem Teil von mir immer hingezogen f¨¹hle. Ich kann halt nicht anders.¡°
?Nein, du solltest verstehen, dass du deinem eigenen K?rper nur schadest, je ?fter du Hexerei benutzt. Anscheinend verstehst du¡¯s noch immer nicht.¡° Das hatte ihm Aurel schon oft gesagt. Fr¨¹her hatte er stets alles geglaubt, was sein gro?er Bruder ihm sagte, aber Wenzel konnte beim besten Willen nicht verstehen, warum sein K?rper von der Magie leiden sollte, wenn er doch ganz offensichtlich AUFH?RTE zu leiden, wenn er mit dem Stein wieder vereint war. Er wollte aber seinem Bruder nicht herausfordern und behielt seine Zweifel f¨¹r sich. Dann begann Aurel b?se zu grinsen und sagte: ?Du wei?t sowieso genau, was passiert, wenn du das Amulett von mir bekommst. Im Endeffekt werde immer ich derjenige sein, der es beh?lt.¡° - ?Sei dir da mal nicht so sicher!¡°, dachte sich Wenzel.
Mal abgesehen davon, war der heutige Tagesablauf ganz normal, bis schlie?lich der Unterricht begann. Am Anfang der ersten Stunde, betrat pl?tzlich jemand Neuer die Klasse. Der Lehrer stellte ihn allen als ?Peter Rubellio¡° vor. Ohne aufgefordert zu werden stellte dieser sich selbst gleich nochmal der Klasse vor. Was nun passierte, ¨¹berraschte alle, Wenzel miteingenommen: Peter sah, dass neben Wenzel noch ein Platz frei war und setzte sich zu ihm. Leises Genuschel war von den Sch¨¹lern zu vernehmen. Peter hatte keine Ahnung. Er hatte sich lediglich auf einen freien Platz gesetzt. Er kannte noch niemanden hier und hatte somit die Ger¨¹chte ¨¹ber Wenzel nat¨¹rlich auch noch nicht geh?rt.
?Hallo, nett dich kennenzulernen¡°, sagte er h?flich zu Wenzel. Dieser versuchte so ?normal¡° wie m?glich her¨¹berzukommen und stellte sich auch ganz kurz vor. Wenzel konnte sofort von seinem starken Akzent darauf schlie?en, dass er aus Camenia stammte. Der Lehrer hatte es zwar nicht erw?hnt, aber es war offensichtlich. Auch sein Nachname hatte dies sofort klar gemacht. Die beiden tratschten ein wenig miteinander w?hrend der Stunde. So gut es zumindest m?glich war, ohne vom Lehrer ermahnt zu werden.
Peter schien ein netter Kerl zu sein. Er war auch ganz eindeutig ein Einsersch¨¹ler. Er hatte immer seine Sachen gut bereitgelegt, machte alles, was ihm angeschafft wurde und wusste offenbar auch immer die Antwort auf alles, was er gefragt wurde. Das hielt ihn nat¨¹rlich nicht davon ab, bei jeder Gelegenheit zu tratschen. In der Pause kam Bert zu ihm her¨¹ber und sagte: ?Hey, willst du nicht lieber woanders sitzen? Du kannst dich auch neben mich setzen, aber beim Wenzel ist es ¡..du willst lieber nicht bei ihm sitzen.¡° Diese Aussage machte Peter echt w¨¹tend! ?Ich wei? genau, wo ich sitzen will und wo nicht! Um das zu wissen, brauche ich dich nicht f¨¹r!¡° Als Wenzel das h?rte begann er innerlich zu lachen, versuchte es aber nicht zu zeigen.
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Sp?ter beim Mittagessen, sa?en die beiden dann ebenfalls zusammen und erz?hlten sich ein wenig voneinander. Es war das erste Mal, dass Wenzel jemanden hatte mit dem er reden konnte. Wenzel erz?hlte ein wenig von sich. Er sprach dar¨¹ber, dass seine Eltern in Meglarsbruck wohnten, dass sein Bruder in deren Abwesenheit quasi sein Vormund war, dass er die Schule hasste, aber sich bem¨¹hen musste und so weiter. Er bem¨¹hte sich ja nichts zu erz?hlen, was niemand von ihm wissen durfte. Vonseiten Peters wurde nichts, was er sagte, hinterfragt, doch fand dieser fast schon eine Faszination f¨¹r Wenzels rote Haare. So etwas hatte er noch nie gesehen. ?Ist auch ziemlich selten¡°, war das Einzige was Wenzel antworten konnte. Er wagte es nicht zu erw?hnen, dass dies wahrscheinlich seinen ?Fluch¡° zur Ursache hatte. Seine Eltern hatten, ja auch keine roten Haare.
Und wie es sich Wenzel gedacht hatte, stammte Peter aus Camenia. Seine Eltern waren nun, ?aus irgendeinem beruflichen Grund¡°, wie Peter meinte, hierhergezogen. Sein Ordanisch war gebrochen und manchmal fehlten ihm die richtigen Worte, um auszudr¨¹cken was er wollte. Daraufhin schlug Wenzel vor, dass er zu Camenisch wechseln k?nne, wenn er etwas nicht wusste. Wenzel w¨¹rde ihn auch so verstehen. Dies lie? fast schon einen Funken der Freude in Peters Augen aufleuchten. Die meisten anderen Sch¨¹ler w¨¹rden ihn in seiner Muttersprache nicht verstehen.
Gleich die Stunde darauf hatten sie ironischerweise auch gleich Camenischstunde. F¨¹r Peter war alles, was sie machten, kinderleicht. Selbstverst?ndlich war es das. Das Einzige, was f¨¹r Wenzel z?hlte war, dass er zum ersten Mal einen echten Arbeitspartner hatte. Lernen war ihm relativ egal. Die Stunde darauf hatten sie dann Religionsunterricht. Hier w¨¹rde etwas Ungew?hnliches passieren. Wie immer begann die Stunde mit einem Gebet, woraufhin sich alle setzten. Das heutige Thema war ?Gottesgnadentum¡°. ?Uff!¡°, achte sich Wenzel und wahrscheinlich auch der Rest der Klasse. Nur Peter schien gebannt zuzuh?ren.
Der Lehrer begann die Sch¨¹ler mit seiner Litanei: ?Der K?nig ist von Gott erw?hlt. Sein Wort ist Recht und ge-recht. Seine Autorit?t ist nicht vom Menschen, daher kann ihn auch der Mensch nicht von der Macht entfernen. Das ist das Konzept des Gottgnadentums. Diese Vorstellung wurde allerdings von fr¨¹heren Herrschern Ordaniens missbraucht, um das Volk zu unterdr¨¹cken und um falsche Ideen in die K?pfe der Menschen zu pflanzen. Es ist noch nicht so lange her, dass die fast 400 Jahre lang w?hrende Dynastie der teuflischen Melgarionen endlich gest¨¹rzt wurde. Diese benutzen Hexerei, um die Gedanken der Menschen zu manipulieren und an der Macht zu bleiben. Sie bezeichneten den ersten Hexerkaiser Melgar, oder ?Melgarus¡°, als den ?von Gott Erkorenen¡°. Das bedeutet so viel wie auserw?hlt, f¨¹r alle die das nicht wissen. Ein Hexer machte sich zum Kaiser und lie? sogar die Zeitrechnung seines Reiches mit seiner Machtergreifung beginnen. Welch ein dunkler Fleck in unserer Geschichte! Doch die Wahrheit ist nur mit Gott und Gott allein. Und am Ende siegt immer die Wahrheit. Dies geschah vor achtzig Jahren, als das Herrscherhaus der Sorenstein der unrechten Herrschaft endlich ein Ende bereitete. Die Probleme sind aber noch nicht vorbei. Es gibt immer noch Einige, die an die falschen Lehren der Melgaristen und ihrer verlogenen, sogenannten Kirche glauben. Das zu beseitigen wird noch viele Jahrzehnte dauern.¡°
Peter hob seine Hand. Der Lehrer lie? ihn seine Frage stellen: ?Aber war nicht die Kirche, die Melgar ins Land brachte, die Erste? Davor war doch nur irgendein polytheistischer Glaube in Ordanien oder?¡°
?Vor dem Teleiotismus gab es nur irgendwelche absurden Vielg?tterglauben hier, ja. Aber unsere heutige Kirche, die Alethische Kirche, hat es schon immer, seit dem ersten Aufkommen des Teleiotismus gegeben. Sie verbreitete sich in Ordanien gleichzeitig mit der anderen, der falschen Melgaristenkirche, welche dann alles, au?er sich selbst, verbieten lie? und verfolgte¡°, antwortete der Lehrer.
Peter dachte einen Moment nach und bevor der Lehrer weitermachen konnte, zeigte er schon wieder auf. Genervt nahm ihn der Lehrer nochmal dran. ?Aber ist nicht die Heiligenverehrung auch ein Bestandteil der ?Melgaristenkirche¡°, wie Sie sie nennen? W¨¹rde das nicht hei?en, dass das, was die Gl?ubigen in Camenia zum Beispiel machen, auch ketzerisch ist. Bei uns werden n?mlich ¨¹berall Heilige verehrt.¡°
Damit schien Peter unseren Lehrer eindeutig ver?rgert zu haben. Das war an seiner Haltung und seinem Blick klar erkennbar. Er fasste sich kurz und antwortete dann: ?Diese alte Praxis der Heiligenverehrung wird von der Alethischen Kirche als ketzerisch verurteilt, ja. Und das ist richtig so! Diese sogenannten Heiligen, waren fast alle Hexer des Geschlechts der Melgarionen. Die Sache ist nur die, dass sich diese Praxis eben so lange schon eingenistet hat und nicht von heute auf morgen entfernt werden kann.¡°
Peter entgegnete, dass er nicht sehen k?nnte, wie es jemals m?glich w?re diese Dinge aus den Kirchen in Camenia zu entfernen. ?Gibt dem Ganzen Zeit¡°, war alles, was der Lehrer darauf antwortete. Nichts von all dem war Wenzel bisher bekannt. Er interessierte sich auch nicht wirklich daf¨¹r, aber Peter schien, doch etwas beleidigt auf den Lehrer gewesen zu sein, wegen dem was er gesagt hatte. Anscheinend war Religion etwas sehr Wichtiges f¨¹r die Camenier. Und nicht nur die. Auch hier in Ordanien h?rte man st?ndig nur von solchen Dingen. Wenzel h?ngte dies beim Hals hinaus. Sollten doch alle glauben, was sie wollen!
002.2 Der Stein (Teil 2)
Von diesem Tag an verbrachten Wenzel und Peter immer mehr Zeit miteinander. In der Klasse sa?en sie immer zusammen und in den Pausen quatschten sie miteinander, wobei Wenzel interessiert daran war, von seinem Freund zu h?ren wie das Leben in Camenia denn so war. Anscheinend waren die Sommer dort superhei? und im Winter gab es keinen Schnee. Sogar Palmen wuchsen dort! Das w¨¹rde Wenzel auch gerne mal sehen! Er erz?hlte von den Sommern, die er immer bei seiner Tante verbrachte, die ein Weingut besa? und wie er als Kind ihre G?nse zum Spa? durch den Hof gejagt hatte. Wenzel wollte da hingegen fast gar nichts von seiner Kindheit erz?hlen. Bei seinen Eltern hatte er sowieso immer nur zweite Geige gespielt¡
Nach dem Unterricht wollten die beiden dann noch zusammensitzen und plaudern. Aber, um sp?ter als sonst ?nach Hause¡° in sein Zimmer zu kommen, musste Wenzel seinen Bruder um Erlaubnis fragen. So ging er zu Aurel und fragte, ob er mit einem Freund nach dem Unterricht noch in der Schule bleiben konnte, um ?Haus¨¹bung zu machen und zu lernen¡°.
Als er das h?rte runzelte Aurel die Stirn. ?Mit einem Freund? Der Winzel hat einen Freund?¡°, fragte er mit verwundertem Ton. Dann ¨¹berlegte er kurz und sagte schlie?lich: ?Es ist der Neue, oder? Du wei?t schon: schwarze Haare, Seitenscheitel, Brille. Spricht nicht richtig Ordanisch.¡° ¨C ?Ja, das ist er. Er hei?t Peter¡°, antwortete Wenzel. ?Hast dir wohl genauso einen Versager wie dich gefunden!¡°, kam es von Aurel. Wenzel hielt seinen Zorn zur¨¹ck und zeigte ihn nicht. Peter war kein Versager, er war ein guter Sch¨¹ler¡..im Gegensatz zu Wenzel. Anfangs war Aurel der Idee nicht gerade zugeneigt. Doch er erlaubte es schlie?lich unter der Bedingung, dass Wenzel vor f¨¹nf Uhr nach Hause kam. Und er pers?nlich w¨¹rde des ?fteren vorbeischauen, um zu kontrollieren, ob Wenzel auch tats?chlich seine Hausaufgaben machte und nicht irgendwas anderes. Als Wenzel das h?rte war er gleichzeitig erfreut und ein wenig entt?uscht. Er hatte sich schon gedacht er k?nnte die Zeit nutzen, um weg von all der furchtbaren Arbeit f¨¹r die Schule zu kommen. Naja, zumindest musste er nicht mehr nur allein in seinem Zimmer sitzen.
Jetzt hatte er tats?chlich einen Freund. Und f¨¹r ihn war Peter sein bester¡.naja, und auch sein einziger Freund, wenn man mal den Herr Albrecht ausnimmt. Herr Albrecht war der einzige Lehrer der nett zu ihm war und der ihm zuh?rte, aber dieser war nat¨¹rlich kein ?Freund¡° f¨¹r ihn in diesem Sinne, mit dem er alles teilen konnte. Ein Erwachsener w¨¹rde ihn nicht verstehen, doch Peter schon. F¨¹r Peter hingegen war Wenzel nicht sein einziger Freund, er hatte auch ein M?dchen aus einer Klasse unter ihnen, eines, das auch camenische Wurzeln hatte, mit dem er reden konnte. Dennoch Wenzel wuchs eindeutig zu seinem wichtigsten Freund heran. Insgesamt hatte Peter aber auch kaum Freunde und war fast schon so aussetzig wie Wenzel in der Klasse. Aber, und das ist das Wichtige hier, er w¨¹rde k¨¹nftig Wenzel vor den H?nseleien anderer besch¨¹tzen.
Als sie einmal beim Mittagessen sa?en, rutschte Peter n?her zu ihm heran und fl¨¹sterte leise zu ihm her¨¹ber: ?Was ist mit Amalie? Willst du sie nicht einmal ansprechen?¡° Beinah schockiert, wusste Wenzel nicht, was er sagen sollte, und stammelt nur irgendwas daher. Ja. So sah¡¯s aus. Peter hatte Wenzels Gef¨¹hle durchschaut und zwar nur anhand seiner Blicke, die er ihr zufallen lie?. Nun versuchte er Wenzel zu ¨¹berzeugen sie anzusprechen, doch dieser verweigerte vehement. ?Komm schon! Du musst nur den ersten Schritt wagen. So schwer ist es wirklich nicht!¡°, versuchte er ihn zu animieren. Doch Wenzel war stur wie ein Esel¡. oder eher feige. Bei seinem Ruf in der Schule war bez¨¹glich so einem Unterfangen sowieso Hopfen und Malz verloren. Zumindest war das Wenzels ¨¹berzeugung.
Peter war anderer Meinung. Er versuchte Wenzel von Tisch wegzuziehen, also ihn mit Gewalt auf die Beine zu zwingen und zum Handeln zu bewegen. Wenzel wehrte sich und hielt sich an seinem Tisch mit aller Kraft fest. ?Nein!¡°, war es laut von ihm zu h?ren. Als daraufhin die anderen Sch¨¹ler auf sie her¨¹berzuschauen begannen, gab Peter seinen Versuch auf. Bald schon ¨¹berlegte er sich was anderes.
Stattdessen schlug er Wenzel vor ihr einen Brief zu schreiben und diesen in ihre Tasche zu schummeln, wenn sie in der Pause Klasse wechselten. Daf¨¹r w?re keine ?ffenltliche ?Zurschaustellung¡° n?tig. Nach kurzer ¨¹berlegung stimmte ihm Wenzel zu. Er setzte sich hin und schrieb Amalie einen Liebesbrief. Wenzel mochte diesen Begriff nicht und er war furchtbar darin seine Gef¨¹hle in Worte zu fassen, doch er versuchte es so gut es ging. Als dann zum Ende einer Stunde alle ihre Sachen zusammenpackten war Wenzel ausnahmsweise schneller als die anderen, damit er, w?hrend er das Klassenzimmer verlie?, im Vorbeigehen den Brief unauff?llig in die offene Tasche Amalies platzierte konnte. Sein Unterfangen gl¨¹ckte. Nun musste er nur noch warten, wie Amalie darauf reagieren w¨¹rde. Er dachte sich, warten wir mal ab. Eines war ihm allerdings nicht bewusst:
Eine Antwort w¨¹rde niemals kommen.
Nur einige Tage darauf w¨¹rde die Klasse einen Geographietest haben. Wenzels aktueller Notenstand in diesem Fach war ¡..besorgniserregend. Deshalb setzten er und Peter sich zwei Tage davor zusammen, um f¨¹r den Test gemeinsam zu lernen. Zuerst erledigten sie nur noch schnell die Haus¨¹bung, ein Prozess, der folgende Form annahm: Peter machte die Haus¨¹bung und Wenzel schrieb diese, leicht ver?ndert, ab. Dann lernten sie gemeinsam ein paar Dinge f¨¹r den Test. Peter betonte immer wieder wie ?leicht¡° diese eigentlich waren. ?L?sst sich leicht sagen, wenn man klug ist¡°, dachte sich Wenzel da nur. Es ging darum die wichtigsten L?nder, St?dte, Gew?sser und Gebirge in Kaphkos nennen zu k?nnen. Auf dem Kontinent Kaphkos, welcher fast zur G?nze vom Ordanischen Bund eingenommen wurde, gab es 5 wichtige L?nder: das kalte Corakien im Norden, die st¨¹rmische Zeemark im Westen, das warme Camenia im S¨¹den, das raue, gebirgige Kascharovar im Osten und Nordosten und mittendrin Ordanien mit seinen weiten Ebenen und Vier-Jahreszeiten-Klima.
Wenzel hatte keine Probleme sich die L?nder und wo sie waren zu merken, aber, wenn es darum ging Karten zu lesen und Fl¨¹sse, Berge und St?dte zu finden, sah es bei ihm schon ¨¹bel aus. Nur eine Stadt konnte er immer zuverl?ssig verorten: Seine Heimatstadt, oder eher die Stadt, in der er aufwuchs, Meglarsbruck und den Strom an dem sie lag, den Duhn. Darum ¨¹bte er nun stundenlang mit Peter, um die Orte und Landschaften richtig zu benennen. Es war eine Tortur. Die Isaraberge als das h?chste Gebirge in Kaphkos waren in Kascharovar, aber, weil dort so viele Berge waren, deutete Wenzel immer auf die falschen Berge auf der Karte. Auch den genauen Ort, wo sie die Hauptst?dte der jeweiligen L?nder befanden, hatte er immer und immer wieder falsch. Am Ende des Tages konnte er zumindest ein paar Orte in Ordanien und Camenia benennen, weil deren Namen ihm am besten im Ged?chtnis h?ngen blieben.
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Vom vielen Lernen erm¨¹det schaute Wenzel auf die Uhr, sah aber, dass es erst vier Uhr war. Sie hatten noch eine Stunde Zeit. Dann, aus dem Nichts heraus, stellte ihm Peter pl?tzlich die wichtigste Frage, die er ihm jemals gestellt hatte: ?Du, Wenzel! An manchen Nachmittagen, wenn du einfach total fertig von der Schule bist, gehst du wo hin und danach geht¡¯s dir offensichtlich tausendmal besser. Was geht da vor sich? Hast du irgendeine Art Krankheit?¡° Wenzel, eindeutig ¨¹berrumpelt von dem, was Peter soeben gefragt hatte, starrte ihm mit leerem Blick in die Augen, wandte sie aber gleich wieder ab. Was f¨¹r eine Ausrede k?nnte ihm so auf die Schnelle einfallen? In Wenzels Kopf war nur g?hnende Leere. Er war ja auch m¨¹de vom langen Lernen. Sein Blick schweifte zum Fenster hinaus, wo jetzt drau?en alle Blumen in voller Bl¨¹te standen und das saftige Gr¨¹n der sprie?enden Pflanzen zu sehen war. ?Wenzel?¡°, adressierte er ihn in einem etwas besorgten Ton. Er antwortete nicht. Weiterhin den Blick auf die Natur fixiert habend, war nichts von ihm zu h?ren. Die Singv?gel zwitscherten im Hintergrund.
¡¡¡.
?Du glaubst an Magie, oder?¡°, begann Wenzel seine Antwort. Ja, das geschah nun in der Tat. Wenzel fuhr fort, ihm ¨¹ber seine Magie und das Amulett zu erz?hlen. Der Hauptgrund daf¨¹r war ganz einfach, weil er Peter vertraute. Unbewusst in seinem Hinterkopf dazu beigetragen hatte nat¨¹rlich auch sein Bewusstsein, dass Peter anscheinend keine Abneigung gegen¨¹ber der Heiligenverehrung, also der Verehrung von Magiern, hatte. Zu sagen, dass Peter davon ¨¹berrascht war, was er nun erfahren hatte, w?re wohl eine massive Untertreibung. Dennoch, er glaubte Wenzel nicht zur G?nze! Jedoch gab er ihm einen Vertrauensvorschuss und behandelte alles, was Wenzel sagte als ob es wahr w?re. Au?erdem versprach er es niemandem weiter zu verraten.
?Also, deine Magie ist in einem Amulett?¡°
?Ja.¡°
?Und warum willst du es nicht einfach zur¨¹ckstehlen, zumindest, wenn es nicht auff?llt?¡°
?Ich ¡..das konnte ich bisher nicht. Ich habe sogar schon mal eine Wette mit Aurel gemacht, dass ich es dauerhaft zur¨¹ckbekomme, wenn ich ihn im Weitwurf besiegen kann.
?Im Ernst? Warum hast du sie dann nicht angenommen?¡°
?Hab ich doch! Ich hab sie sogar gewonnen. Obwohl, ich mir sicher bin, dass Aurel mich nur gewinnen hat lassen. Als ich den Stein dann bekam, bin ich, so wie immer aus den Latschen gekippt und, als ich nicht geistig anwesend war, hat Aurel mir den Stein wieder weggenommen!¡°
?Also hast du gar keine Kontrolle?¡°
?Doch, die hab ich! Zumindest jetzt. Ich war es halt nicht gewohnt in meinem ?normalen¡° Zustand zu sein. Aber ich hab jetzt schon lange Zeit ge¨¹bt und kann mich jetzt zusammenrei?en.¡°
Peter ¨¹berlegte einen Augenblick, gab Wenzel dann aber die Empfehlung das Amulett nicht zu stehlen. Er w¨¹rde damit n?mlich nur Probleme mit allen Leuten, die er um sich hatte, erzeugen.
?Wenn du nicht vorhast wegzulaufen, dann w¨¹rde ich es sein lassen. Du bekommst sonst nur ?rger.¡°
Wenzel hatte nicht vor davonzulaufen. Er w¨¹sste ja nicht mal wohin. ?Ja, du hast recht¡°, bescheinigte er seinem besten Freund.
Den Test, den sie zwei Tage sp?ter hatten bestand Wenzel! Er war nur haarscharf nicht durchgefallen, doch hatten die paar Orte in Ordanien und Camenia, die er richtig benennen konnte den Unterschied ausgemacht! Sein Lehrer in dem Fach war zwar auch Herr Albrecht, der ihn (h?chstwahrscheinlich) gn?digerweise bestehen hatte lassen, doch es war ein kleiner Sieg f¨¹r ihn, nichtsdestotrotz. Wenzel nahm, was er kriegen konnte.
Bald schon aber w¨¹rde Wenzel tats?chlich das Amulett von Aurel entwenden! Nein, er w¨¹rde es nicht dauerhaft stehlen und er hatte nicht vor wegzulaufen, obwohl er es hier hasste. Es war sp?t in der Nacht und Aurel war so tief am Schlafen, dass er einen ganzen Wald mit seinem Schnarchen ums?gte. Wenzel, schlich langsam zu ihm hin¨¹ber und stahl seine Seele aus der obersten Schublade dessen Nachtk?stchens. Er wollte nur die Entspannung, wieder ganz zu sein, wenigstens f¨¹r ein paar Stunden haben. Das war definitiv riskant! Wenn er einschlafen w¨¹rde, was sehr gut m?glich war, weil es finsterste Nacht war, w¨¹rde ihn Aurel am n?chsten Morgen mit dem Stein in H?nden auf frischer Tat ertappen. Das durfte ihm auf keinen Fall passieren! Somit strengte sich Wenzel sehr an, nicht einzuschlafen. Er war hundeelendsm¨¹de, doch konnte sich mit gro?er Anstrengung wachhalten. Den Effekt, dass seine ¨¹blichen Kopfschmerzen und Kraftlosigkeit verschwanden, erreichte er trotzdem.
Dann f¨¹hlte sich Wenzel pl?tzlich federleicht. ¨¹ber dem Boden schwebend blickte er um sich: Er war umgeben von schwarzen Scherben, unz?hlbar vielen. Wenzel drehte sich herum und schaute neben sich und hinter sich. Ein riesiges Meer an Scherben befand sich rings um ihn herum. Egal wohin er blickte ein endloses Scherbenmeer erstreckte sich in alle Richtungen. Auf einigen der gro?en Scherben, die mannshoch waren, hingen purpurne Fetzen. Wenzel kam n?her zu einem heran, um ihn genauer zu betrachten. Eine leichte Brise erfasste den Fetzen, der wie von einem Umhang aussah, und verwehte ihn. In diesem Moment verwandelten sich die Scherben pl?tzlich zu Stein, aber nicht irgendeine Art von Stein. Es waren ein Haufen Ziegel und andere Steine, Holzbalken, St?be Werkzeuge, M?bel und andere Dinge die pl?tzlich ¨¹berall verstreut lagen. Wenzel stand inmitten von H?userruinen. In der Ferne waren Schreie und Wimmern zu h?ren. Mit seinem linken Fu? trat Wenzel, als er sich umdrehte, um sich umzuschauen, in eine Pf¨¹tze. ¨¹berall um ihn herum war nur Zerst?rung. Wenzel hatte ein sehr ¨¹bles Gef¨¹hl. Diese Szene war so real, als w?re er wahrhaftig an diesem Ort gestanden.
Doch pl?tzlich riss es ihn heraus aus dem Moment und er ?ffnete seine Augen. Wenzel blickte auf die dunkle Decke seines Zimmers. Als er hin¨¹berblickte, sah er Aurel im Nachbarbett schlafen. Dieser schnarchte immer noch. Ja, Wenzel hatte wieder sein Bewusstsein verloren, aber er war anscheinend nur kurz weggewesen. Eines war er sich sicher: Dies war eine Zukunftsvision gewesen. Was er mit diesem Wissen anfangen sollte, wusste er nicht. Somit verbrachte er dann noch eine weitere Stunde mit seiner Seele, hatte aber keine weitere Vision mehr. Dann gab er das Amulett unbemerkt zur¨¹ck.
Zusammenfassung f眉r Band 1
Wenzel ist ein stiller, sch¨¹chterner Junge, der ein Geheimnis birgt. Dieses ist, dass er ein "Hexer" ist, also Magie beherrscht, was ihn normalerweise auf dem Scheiterhaufen landen w¨¹rde. Um dies zu verhindern hatte man seine Seele (an welche auch seine magische Kraft gebunden ist) von seinem K?rper getrennt und in einem mysteri?sen Amulett versiegelt. Sein gro?er Bruder Aurel hat die Aufgabe dieses zu verwahren. Wenzel, dessen K?rper sich aber immer nach seiner Seele sehnt, stiehlt ab und an das Amulett, wodurch er Visionen von der Zukunft hat. Wenzel hasst seinen dominanten Bruder, der immer gemein zu ihm ist.
Unser Protagonist macht seinen ersten Freund in Peter, welchem er als Einzigem sein Geheimnis verr?t. Dieser dr?ngt ihn dazu Amalie, ein M?dchen in das er verknallt ist, einen Liebesbrief zu schreiben, welcher aber letzten Endes von ihr nie beantwortet wird. W?hrend eines Besuchs bei ihren Eltern, bei dem wir einen Eindruck von der Strenge dieser beiden bekommen, haben die zwei Br¨¹der einen Streit, in dessen hitzigem Verlauf Aurel seinem kleinen Bruder versehentlich enth¨¹llt, dass er nur adoptiert worden ist.
Bald schon dr?ngen die zuvor genannten Eltern, Peter dazu immer weniger Kontakt mit Wenzel zu haben. Daraus resultiert Wenzels h?ufigeres Hinausschleichen aus dem Internat und sein Aufsuchen von Herrn Albrecht, dem einzigen seiner Lehrer, der ihn leiden kann und dem er vertraut. Bei einem seiner Besuche bei diesem erlebt er auch eine Hexenverbrennung in der Stadt mit, was ihn zutiefst ersch¨¹ttert.
Gleichzeitig mit all dem geht ein organisierter Widerstand des ordanischen Volkes gegen das aktuell herrschende Regime einher, welches dem Alethismus anh?ngt, also einer Ideologie, die dem "Altgl?ubigentum", welches die Mehrheitskonfession in Ordanien ist, stark feindlich gegen¨¹bersteht. Das Altgl?ubigentum verehrt Melgar, den ersten Kaiser des Ordanischen Reiches, als ihren "Erkorenen", also einer messianischen Figur. Die sogenannten M?rtyrerbrigaden unter der F¨¹hrung Theodors leisten bewaffneten Widerstand aus den Schatten und scheinen immer mehr die Unterst¨¹tzung des einfachen Volkes zu gewinnen.
Eines Tages wird Wenzel von Mitgliedern dieser Organisation gesehen, als er unklugerweise Magie in der ?ffentlichkeit aus¨¹bte. Infolge wird er von diesen entf¨¹hrt, wobei sie ihn aber gleich wieder freilassen, da sie ihn als ihren neuen Erkorenen erkennen. Dieser will sich diesen nicht anschlie?en. Bald darauf aber erwischt Wenzel seinen Bruder in flagranti mit Amalie. Dies erz¨¹rnt ihn so sehr, dass er die Kontrolle ¨¹ber seine magischen Kr?fte verliert und unabsichtlich Aurel t?tet. Dies zwingt ihn nun zur Flucht und er sucht Schutz bei den M?rtyrerbrigaden.
Er schlie?t sich diesen an und wird Theodor und dem intelligenten und ausgefuchsten August als dessen rechte Hand vorgestellt. Die Teleiotische Kirche (="Altgl?ubige Kirche") erkennt ihn als den neuen Erkorenen an und Wenzel erf?hrt von diesen, dass es eigentlich keine anderen Magier au?er ihm gibt und die Hexenverfolgungen in Ordanien prim?r dem Zweck der Vernichtung aller Regimegegner/kritiker dient.
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Auch bekommt Wenzel 2 Leibwachen: Brahm und Isidor. Er lernt von diesen das Schwertk?mpfen. Bald schon hintergeht aber Isidor sie und versucht Wenzels Amulett zu stehlen. Dieses Unterfangen scheitert aber und der Dieb wird beim Versuch es dem K?nigshaus zu ¨¹berbringen ermordet. Nun ist Wenzel sehr verunsichert, vor allem da er von August erfahren hatte, dass der Anf¨¹hrer der Organisation, Theodor, angeblich seine eigene Agenda hat und nicht vertrauensw¨¹rdig ist. Folglich Besuch Wenzel diesen, liest dessen Gedanken und kann sich somit versichern, dass dieser tats?chlich vertrauensw¨¹rdig ist.
Unterdessen erliegt der akutelle K?nig Ordaniens einer Krankheit und seine Gattin r¨¹ckt als Regentin nach. K?nigin Katharina will nun Verhandlungen mit den immer m?chtiger werdenden Rebellen aufnehmen. Dies ist f¨¹r die restlichen Einflussreichen am Hof inakzeptabel. Nachdem diese auch noch von der K?nigsberaterin Gabriela erfahren, dass Wenzel, ein Teufelskind mit Magie und der neue Erkorene der Aufst?ndischen, der leibliche Sohn der jetzigen Regentin ist, organisieren sie einen Coup. Infolge sterben Katharina und ihr ?ltester Sohn und Gabriela wird als Regentin ihres Sohnes Lucius, eingesetzt.
All diese Dinge erzeugen gro?e Zerw¨¹rfnisse in Ordanien und dar¨¹ber hinaus, woraufhin die M?rtyrerbrigaden ihren gro?en Sprung mit "Operation Abendrot" wagen. Sie nehmen die alte Hauptstadt Meglarsbruck ein. Dort wird Wenzel auch wieder mit seinen "Eltern" konfrontiert, deren Gedanken er liest, wodurch er seine wahre Herkunft erf?hrt. Dies w¨¹hlt ihn derart emotional auf, dass er erneut einen Ausbruch seiner Magie hat, der August am Bein verletzt. Dies w¨¹rde ihm August nie vergeben.
Die Revolution war nun in vollem Gange und die M?rtyrerbrigaden mobilisieren das "Volksheer", um Greifenburg zu belagern. Schlie?lich k?nnen sie die befestigte Stadt einnehmen, da Feldmarschall Etzel scheitert diese aufzuhalten. Sie rufen das "Heilige Ordanische Reich" aus, w?hrend das Alte Regime alle seine Kr?fte sammelt, um die gro?e Entscheidungsschlacht am Archfeld zu f¨¹hren. Theodors Heer schl?gt aber auch diese Schlacht auf fulminante Weise. Danach wehren sie sogar noch einen Einfall der Kascharenhorden aus dem Osten ab, wobei Theodor eine Hand verliert.
W?hrend all dies vor sich geht, rettet Wenzel das M?dchen Amalie, welche von Gabriela als Geisel genommen wurde. Dabei wird aber sein Amulett zerst?rt und er wird wieder mit seiner Seele vereint. Amalie bleibt nun eine Weile im Palast in Meglarsbruck und sie und Wenzel n?hern sich einander an und verlieben sich schlie?lich ineinander. Bald schon wird Wenzel zum Kaiser gekr?nt, obwohl er relativ wenig tats?chliche Macht hat.
Zuvor waren die Eltern des Hauptcharakters im Gef?ngnis gestorben, wobei Wenzel vermutet, dass August dahinter steckt. Wenzel hat eine Vision von seiner Ermordung durch August, etwas, das er WEISS, dass irgendwann eintreten wird. Daher h?ngen sie August prophylaktisch falsche Vorw¨¹rfe an und lassen diesen f¨¹r Hochverrat hinrichten. Die mit dessen Kind schwangere Petra kann allerdings noch aus dem Palast fliehen.
1. 01 Willkommen im Heiligen Reich
Langsam, aber stetig spuckte der Erdboden die Sonne wieder aus. Ihre Strahlen trafen auf einen Haufen verschwitzter M?nner, die mit Spitzhacken, Mei?eln und gro?en H?mmern den Berg vor ihnen bearbeiteten. Als dies geschah, drehten sich ein paar von ihnen um und schauten kurz der aufgehenden Sonne entgegen. ?Nicht schlapp machen! Kommt, Jungs, macht weiter!¡°, rief ihnen da jemand zu. Sogleich wandten sie sich wieder ihrem Werke zu. Was war dieses Werk nun? Die Bergarbeiter von Szinesbanja waren eifrig damit besch?ftigt den Marmor hier im Tagebau in m?glichst gro?en St¨¹cken abzubauen und zur weiteren Verarbeitung abzutransportieren. Starke Arme hoben die Werkzeuge in die Luft, und nachdem sie den h?chsten Punkt erreicht hatten, wurden sie wieder nach unten geschwungen, um mit m?glichst gro?er Wucht auf das Gestein zu prallen. Dies hier war eine der gr??ten Marmorlagerst?tten in Kaphkos. Sie war bekannt daf¨¹r, dass das Gestein hier viele verschiedene Farben und Schattierungen annahm. Da gab es wei?en, schwarzen, blauen und roten Marmor. Oft gab es auch Abschnitte in den Felsw?nden, wo sich die Farben vermischten, und faszinierende Muster und Farbt?ne annahmen. An anderen Tagebauen lie?en sich auch noch andere F?rbungen, die ins Gelbe und Gr¨¹ne gingen, finden. Die meisten davon waren in den entsprechend benannten ?Regenbogenbergen¡° in Kascharovar zu verorten. Sowieso war der ¨¹berwiegende Gro?teil dieses Bodenschatzes in dem ?stlichen K?nigreich zu finden.
Das Material wurde nun in gro?en Mengen ben?tigt. In den letzten Jahren wurde eine gigantische Anzahl an neuen Geb?uden, vor allem aber eine immense Menge an Statuen in Auftrag gegeben, die nat¨¹rlich aus dem edlen Rohstoff, der als Marmor bekannt war, hergestellt werden sollten. All die entstellten und zerst?rten Heiligenstatuen in allen Orten und Kirchen von Kaphkos wurden nun systematisch ersetzt oder restauriert, was eine Explosion der Nachfrage nach dieser seltenen Erde bewirkte. Kurz gesagt, die Bergknappen hatten alle H?nde voll zu tun. Kontinuierlich war das Auftreffen ihrer metallenen Werkzeuge auf das harte Gestein zu h?ren, sodass es f¨¹r die Kumpel im Grunde zu einem omnipr?senten Hintergrundger?usch wurde.
Nach vielen Stunden des harten Schuftens wurde es aber Zeit f¨¹r die Mittagspause. Die Arbeitskollegen setzen sich zusammen und a?en gemeinsam ihr bescheidenes Mahl. Die Mittagshitze knallte mittlerweile mit voller St?rker herab und die M?nner sp¨¹rten das auch. ?Und wie sieht¡®s jetzt mit deinem Haus aus, Gy?rg? Es m¨¹sste jetzt langsam mal fertig sein, oder?¡° Der Adressierte wandte sich seinem Kollegen zu und antwortete mit noch vollem Mund: ?Die Mauern stehen und das Dach ist drauf, das ist mal das Wichtigste. An zus?tzlichen Sachen, neuen R?umen und so weiter, werde ich sowieso immer zu tun haben. Meine Frau hat ja immer wieder neue Einf?lle in die Richtung. Du kennst sie ja eh.¡° Die anderen mussten darauf kurz lachen. Sein Kollege sagte dann: ?Ich hab jetzt endlich auch einmal den Kopf ¨¹ber Wasser. Zum Gl¨¹ck ist es in den letzten Jahren immer mehr bergauf gegangen mit allem.¡° Die Runde gab ihm einstimmig recht. ?Seitdem mein Haus das letzte Mal von den Horden zerst?rt wurde, habe ich gar nichts mehr von diesen geh?rt oder gesehen¡°, stellte Gy?rg unaufgefordert fest.
Sein Freund vermerkte dazu aber gleich: ?Die sind immer noch da, glaub¡¯s mir! Aber soviel ich mitbekommen habe, werden sie immer und immer schw?cher. Fr¨¹her hatten sie Grund f¨¹r etwas zu k?mpfen. Aber jetzt da wir einen eigenen Landtag haben und die alten Gebr?uche immer mehr aussterben, haben sich mehr und mehr von ihnen entschieden die Waffen ruhen zu lassen und einfach ein friedliches Leben zu f¨¹hren.¡° Seine Aussagen stie?en auf etwas Ungemach bei den anderen. Sie wollten dieses Thema lieber sein lassen. Nach einer Weile des Schweigens meinte aber Gy?rg selbst: ?Die, die ¨¹brig sind, haben sowieso keine Chance mehr und werden irgendwann einfach wegsterben. Das Rad der Zeit ist nicht aufzuhalten.¡° Die M?nnerrunde gab ihm stillschweigend recht. Die Pause war dann letztlich vor¨¹ber und es ging wieder zur¨¹ck ans Werk. Der Marmor baute sich ja nicht von selbst ab und ihre L?hne bekamen sie auch nicht f¨¹rs Nichtstun.
Viele Jahre waren nun seit dem Ende der Revolution ins Land gezogen. Frieden war ¨¹berall eingekehrt, auch wenn ein paar Wenige immer noch aussichtslosen Widerstand an den R?ndern des Reiches gegen dessen Herrschaft leisteten. Recht und Ordnung war in fast alle St?dte und D?rfer zur¨¹ckgekehrt und die Heilung von all den tiefen Wunden, die der Krieg und die ihm vorausgegangene Unterdr¨¹ckung verursacht hatten, war in vollem Gange. Doch auch wenn nun alles wieder besser wurde, zum Alten w¨¹rde nichts mehr zur¨¹ckkehren, weder zur Zeit der Melgarionen, noch dem kurzen Zwischenspiel der alethischen Herrschaft. Es gab nun einen Reichstag und mehrere Landtage, welche Angelegenheiten von unterschiedlicher Relevanz behandelten. Vorbei waren die Tage, in denen der Herrscher allein die Politik, die Minister und, naja, eigentlich alles im Staat bestimmte. Eine neue ?ra war angebrochen, eine, die die Revolution geboren hatte. ¨¹ber dem Reich war ein neuer Morgen gegraut. Eine Unmenge an Leuten, unterschiedlichster Art erlebte diesen mit.
In den ersten zwei Jahren direkt nach der Revolution hatte es wenig zu essen gegeben. Viele Bauern waren im Krieg gestorben und viele waren auch in den Wirren woanders hingezogen. Zudem zog in dieser Zeit eine Seuche durchs Land, die auch eine Anzahl an Leuten dahinraffte. Weniger Felder wurden damals bebaut und daher gab es weniger Getreide zu essen. In der Not griffen viele Leute in die Trickkiste. B?cker Fritz mischte zum Beispiel seinem Brot oft S?gesp?ne bei. Allen fiel das sehr bald auf und es wurde ¨¹berall ¨¹ber ihn geredet. Er verdiente sich den Spitznamen ?Herr Trockenbrot¡°, den er bis heute nicht ablegen konnte. Und das, obwohl er sicher nicht der einzige B?cker war, der sein Brot ?streckte¡°. Er war halt leider derjenige, bei dem es am meisten aufgefallen war. Die Probleme nahmen in den Folgejahren kontinuierlich ab, bis schlie?lich alles wieder beim Alten war. Sofern man von einer R¨¹ckkehr zum Alten sprechen konnte, zumindest. Das normale Leben blieb dasselbe, aber der Hexenwahn war nun Geschichte.
Dietrich, der selbst ein B?ckergeselle war, war nun fr¨¹hmorgens auf dem Weg zur Arbeit. Kurz lief ihm eine G?nsehaut auf, weil er die noch eiskalte Morgenluft sp¨¹rte, w?hrend er ¨¹ber die Stra?en spazierte. Neureut, ein kleines St?dtchen ?stlich der Karantischen W?lder, war im Wesentlichen derselbe verschlafene Ort geblieben. Auch um diese Uhrzeit war schon einiges los. Die Handwerker machten sich in ihre Arbeit auf und die H?ndler begannen ihre St?nde aufzubauen, w?hrend ein paar wenige Soldaten umherzogen oder einfach herumstanden, um auf die Dinge ein Auge zu werfen. Auch Dietrich warfen diese einen fl¨¹chtigen Blick zu, als dieser an ihnen vorbeischlenderte. ¨¹ber die Hofgasse schritt er und ¨¹berquerte den sogenannten M?rtyrerplatz. Dieser relativ im Stadtzentrum gelegene Platz war erst letztes Jahr umbenannt worden. In dessen Mitte war immer noch der Brunnen, nach dem der Platz urspr¨¹nglich benannt war. Nun war neben diesem eine kleine Kriegerstatue auf einem Sockel aufgestellt worden. Wie man es sich wohl denken kann, war diese ein Denkmal zum Andenken f¨¹r die, die in der Revolution gefallen waren.
Unseren Handwerksgesellen interessierte dies nur recht wenig, als er an dem Monument, das er ohnehin nun jeden Tag sah, vorbeiging. Gedanklich war er sowieso bereits bei seiner Arbeit. Den Teig f¨¹r das Brot zu kneten war eine schwere, anstrengende Arbeit. Jeder der diese T?tigkeit verrichtete, wusste das. Gleich in der Gasse um die Ecke war die kleine B?ckerei Utz, benannt nach ihrem Inhaber. Der ?ltere B?ckermeister war auch schon auf, als sein Geselle den Laden betrat. Sogleich zog sich Dietrich um, um sich ans Werk zu machen. Zur Mittagszeit war dann schon wieder das Gro? der Arbeit erledigt. Als der Mann dann vor die B?ckerei hinaustrat, um ein wenig frische Luft als Abwechslung zu der mit Mehlstaub verhangenen, zu schnappen, bekam er mit, dass irgendetwas am M?rtyrerplatz vor sich ging. Geschwind machte er sich dorthin auf, wie es offenbar auch ein paar andere getan hatten. Als er dort ankam, begriff Dietrich aber, dass er die Ereignisse hier schon l?ngst verpasst hatte. Ein paar Interessierte schlugen sich, genauso wie er, herum, aber ansonsten war nichts mehr vom Vorgefallenen zu sehen. Ein paar Meter neben der Statue war ein gro?er, roter Fleck am Boden, das war alles. Es war ganz offensichtlich Blut, aber der Mann hatte keine Ahnung, was passiert war. Darum fragte er eine Dame, die auch hier herumstand.
?Ob ich gesehen habe, was hier vorgefallen ist? Ja, hab ich. Ein Herr hat versucht das Denkmal zu beschmieren, woraufhin, die Stadtwachen eingegriffen haben. Er hat auf die Kerle hingeschlagen und was dann passiert ist, k?nnen Sie sich ja denken.¡° Dietrich war ¨¹berrascht, aber nicht sonderlich schockiert. Dann blickte er hin¨¹ber auf die Statue und sah, dass direkt davor auf dem Boden ein schwarzer Fleck war. Das war die Farbe, mit der der Vandale versucht hatte, das Denkmal zu verunstalten. ?Was f¨¹r ein dummer Grund, sich selbst zu opfern!¡°, dachte sich Dietrich da nur. ?Man sollte wissen, dass die Soldaten da keinen Spa? verstehen.¡° Dem B?ckergesellen war es nat¨¹rlich glasklar, dass viele derer, die in der Stadtwache dienten, auch in der Revolution gek?mpft hatten. Ihr Kommandant war damals sogar in den M?rtyrerbrigaden gewesen. Diese M?nner verstanden keinen Spa?, wenn es um so etwas ging. Nach diesem Vorfall begab sich Dietrich wieder zur¨¹ck zur B?ckerei. Die anderen w¨¹rden ihn sicher auch fragen, was auf dem Platz geschehen war, und er w¨¹rde es ihnen erz?hlen. Immer wieder h?rte man von Leuten, die einen Kopf k¨¹rzer gemacht wurden, weil sie das Falsche sagten oder taten. Das war nichts Neues. Jeder wusste es.
Ludo war ein recht stiller Junge. Es gab so einiges, das immer durch seinen Kopf ging, doch er behielt es lieber f¨¹r sich. Dies hatte weniger damit zu tun, dass er sich nicht traute sich vor anderen zu ?u?ern, sondern vielmehr damit, dass er einfach nicht das Verlangen versp¨¹rte seine Gedanken mit denen, um sich zu teilen. F¨¹r ihn gab es einfach keinen Grund sonderlich viel zu sagen. Die Pfaffen interpretierten seine Verschwiegenheit immer als Zeichen dessen, dass der Verlust seiner Eltern in so jungen Jahren den kleinen Ludo traumatisiert hatte. Dem Jungen war dies nicht bewusst und er dachte einfach, dass die Priester m?glichst nett zu ihm sein wollten. W?ren ihm deren Annahmen bez¨¹glich seiner Person bekannt gewesen¡., naja, eigentlich h?tte dies nichts ge?ndert. Er h?tte es ihnen wahrscheinlich trotzdem nicht gesagt, dass er sich gar nicht mehr an den Tod seiner Eltern erinnern konnte. Das Einzige, woran er sich erinnern konnte, war wie er hungrig und ziellos durch einen kleinen Ort lief, als ihn die Geistlichen fanden und mit sich nahmen.
Der Bursche lebte nun in einem Waisenhaus gemeinsam mit einer ganzen Reihe an anderen Waisenkindern. Er war sicher nicht allein hier, aber es gab hier nur Jungen, keine M?dchen. ?Wir sind eine Einrichtung f¨¹r M?nner, nicht f¨¹r Frauen!¡°, war was ihm Vater Gregor dazu gesagt hatte, als er einmal gefragt hatte, warum nur M?nner hier waren. Das leuchtete ihm ein. Alles musste sch?n getrennt bleiben, wie Gottes wollte! Jeden Tag w¨¹rden die Burschen verschiedene Arbeiten erledigen, die mit dem Erhalt des Hauses zu tun hatten: Gem¨¹se-, Obst- und Getreideanbau, Reparaturarbeiten am Geb?ude, Viehzucht, Putzen, und vieles mehr. Es wurde aber immer auch Zeit f¨¹r das Studium des Testaments und f¨¹r das Beten einger?umt. Den Priestern und Betreuern war dies EXTREM wichtig. Ludo hatte in den wenigen Monaten, die er hier war, auch schon gelernt, von welch gro?er Relevanz die Verehrung Gottes und die Einhaltung seiner Gesetze war. Dennoch bl?uten die Geistlichen die Botschaft unnachl?ssig in die Jungen, das hatte f¨¹r sie sogar noch gr??ere Wichtigkeit, als die Arbeiten, die in dieser Selbstversorgungseinrichtung zu erledigen waren. Auch Ludo kannte alle Gebete schon in-, und auswendig. Jeden Tag ratschte er sie herunter.
Sei gegr¨¹?t, Melgar, heiliger Erkorner Gottes!
Sei gegr¨¹?t, du der Sch?pfung kostbarer Schatz!
Sei gegr¨¹?t, du nie verl?schendes Licht!
Gepriesen sei deine Sippschaft!
Gepriesen sei deine Herrlichkeit!
Lob sei Gott, dem Herrn!
Melgar war der Erkorene Gottes. Der Herr hatte ihm die Macht gegeben Wunder zu wirken. Er war es, der den Weg f¨¹r das Reich Gottes auf Erden bereitet hatte. F¨¹r sie w¨¹rde es nur eine Zukunft geben, n?mlich eine, die den Willen Melgars und die himmlischen Gesetze in der irdischen Welt durchsetzten. Eben diese Gedanken gingen tats?chlich durch den Kopf des jungen Ludo, als er im leeren Speisesaal stand. Besen in der Hand, kehrte er energetisch zwischen den alten, abgen¨¹tzten Holzbeinen der Tische und Sessel. Er holte die ganzen Br?sel und anderen Mist hervor, der sich hier jeden Tag vom Essen ansammelte und kehrte ihn auf einen gr??eren Haufen zusammen. Dabei war er zu faul, um die Tische und Sessel beiseitezur¨¹cken, sondern holte nur hervor, was er erwischen konnte, sodass der Boden f¨¹r das Auge sauber erschien. ?Ohnehin wird hier jeden Tag saubergemacht. Ich brauche mir hier kein Bein ausrei?en¡°, waren die Gedanken des Burschen. Wild und mit der Intention so schnell wie m?glich wieder mit der Arbeit fertig zu sein schwang er den Stiel mit Stroh am Ende herum.
¨¹ber all das wachte die Abbildung Wenzels, die oben an der Wand hing. Es war eine sehr schmeichelhafte Darstellung des Kaisers, die in allen ?ffentlichen und religi?sen Einrichtungen des Reiches hing. Stets fand man diese Seite an Seite mit den Ikonen Melgars vor, obgleich zwischen beiden Personen ein riesiger Unterschied war. Kaiser Wenzel wollte nicht Objekt der Verehrung, ganz im Gegenteil, dieser hatte pers?nlich eine starke Abneigung gegen¨¹ber so etwas. Dennoch hingen sein Portr?t und die Ikone Melgars gleich dem Janus nebeneinander. Zwei Gesichter derselben Gestalt: Des Erkorenen. Das Kind, das den kommunalen Speisesaal fegte, hatte davon nat¨¹rlich keine Ahnung. Er schob nochmal den ganzen Dreck auf einem gr??eren Haufen zusammen. Dann holte Ludo ein Sch?ufelchen, um ihn in den Mistk¨¹bel zu verabschieden.
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?En garde, du Schuft!¡°, kreischte es pl?tzlich, als die Fl¨¹gelt¨¹r abrupt aufschwang und mit viel zu viel Kraft gegen die Wand krachte, um einen Mordsl?rm zu machen. Nico kam hereingedonnert. Offenbar war er schon mit seiner Aufgabe, den Gang drau?en sauber zu machen, fertig. Als sich Ludo zu ihm umdrehte, hielt dieser seinen Besen am unteren Ende oberhalb der Borsten. Schr?g nach oben stand der lange Stiel weg, den der Junge nun in Richtung seines ?Kontrahenten¡° richtete. ?Warte, ich bin noch nich¡.!¡° Bevor der Herausgeforderte den Satz beenden konnte, schwang sein Freund, der in diesem Fall sein Feind war, sein ?Schwert¡° schon auf ihn. ?Ach, Gott!¡° Ludo blieb keine andere Wahl als sich zu verteidigen. Auch er griff um, damit sein Besen zum imagin?ren Schwert wurde. Dann begann das Duell. Es war ein feuriger Austausch an Hieben und Stichen. Links, rechts¡oben? ?Aua!¡° Schrie Ludo auf, als seines Opponenten Schwert ihn direkt auf dem Kopf schmetterte. Dieser hielt daraufhin einen kurzen Moment inne. Dann aber sp¨¹rte Nico etwas auf seiner Schulter. Es war die starke Hand von Vater Gregor, wie es der Bursche sogleich realisierte, als er sich zu dessen grimmigen Gesicht umdrehte.
?Wirklich? Wirklich, ihr Zwei?¡°, fuhr er sie in verurteilendem Ton an. ?Seht euch doch mal an, was ihr hier macht!¡°, verlautete der alte Mann, als sein faltiger Finger neben die beiden auf den Boden zeigte. Die zwei Buben blickten hin und sahen, dass sie alles, was Ludo zusammengekehrt hatte, wieder vertreten und herumgewirbelt hatten. Nico und sein Freund zucken sogleich zusammen und entschuldigten sich kleinlaut. Das war dem Geistlichen aber nicht genug. Er trug ihnen auf, die Arbeit hier drin endlich zu erledigen, und als Strafe f¨¹r ihr dummes Herumgebl?del w¨¹rden sie danach noch etwas anderes tun m¨¹ssen. Niedergeschlagen f¨¹gten sie sich und begannen gemeinsam unter der Aufsicht von Vater Gregor die Sauerei, die sie angerichtet hatten, wieder zu richten. Insgeheim war der Pfaffe dennoch nicht wirklich w¨¹tend auf die beiden. Er wusste, dass Jungen halt so waren, und dass es sogar recht w¨¹nschenswert war, dass sie sich f¨¹r den Kampf interessierten. Alle Waisen im Reich wurden traditionell von einer Ablegerorganisation der Kirche aufgenommen und gro?gezogen. Sie w¨¹rden und sollten sogar dem Herrn und dem Reich dienen, wenn sie gro? waren. Daher lag die religi?se Erziehung sehr stark im Fokus hier. Eines Tages w¨¹rden die Besenstiele zu echten Schwertern werden und dann w¨¹rde es gut sein, wenn sie w¨¹ssten, WEM diese dienten.
Auf der Wiese hinter dem Stall war ein Mordsgegr?le zu h?ren. Kinderlachen mischte sich mit deren lautem Geschrei. Wenn man n?her herantrat, konnte man sehen, wie ein Bursche gerade einen Stock, den er in der Hand hielt, in die Luft hochzuschmei?en andeutete. Er machte drei Probeschw¨¹nge, alle davon sahen ¨¹beraus komisch aus. Jedes Mal, wenn er der Bursche namens Faramund sein d¨¹nnes ?rmchen nach oben schwang, woraufhin es dann wieder schlapp zur¨¹ckpendelte, ging sein ganzer K?rper mit und wankte derartig, dass man meinen k?nnte er w¨¹rde jeden Augenblick umfallen. Beim vierten Mal lie? er dann schlie?lich den Stock los und warf ihn, so hoch er nur konnte in die Luft. Dann versuchte er schnell eine ganze Menge an St?ckchen, die auf der kurzgem?hten Wiese vor ihm wirr aufgelegt waren, einzusammeln. Das Spiel endete, wenn der hochgeworfene Stock wieder am Boden aufprallte. Das war das ?Stockspiel¡°. Und da war er schon. Faramund hatte leider nur f¨¹nf St?cke einsammeln k?nnen. Die anderen meinten, dass der sechste nicht mehr z?hlte, da der Stecken zuvor schon heruntergekommen war.
?Woher wollt ihr das so genau wissen? Ihr habt ihn noch nicht einmal am Boden aufkommen geh?rt!¡°, ?rgerte sich der Junge. Er hatte recht, denn man konnte kaum h?ren, wenn der kleine Stock das Gras ber¨¹hrte. Seine Spielkameraden wollten davon aber nichts h?ren. ?Nein, der letzte gilt nicht! Du hattest nur f¨¹nf. Schummeln geht hier nicht, Faramund!¡°, sagte ihm Viktoria gebieterisch. Etwas b?se blickte er auf das M?dchen hin¨¹ber und schnaubte: ?Du bist doof! Kein Wunder, dass dich keiner mag!¡° ¨C ?H?r auf damit! Du brauchst dich nicht so dar¨¹ber ?rgern. Es ist nur ein Spiel!¡°, versuchte ihre Freundin, Isolde, die Situation zu entsch?rfen. Der kleine Hitzkopf beruhigte sich gleich wieder. Dann war Viktoria an der Reihe. Sie holte sehr weit aus, schwang den Stock aber auch auf seltsam anmutende Weise von unten, genauso wie es die anderen davor getan hatten. Nur ihr Wurf war gewaltig und der Zweig flog beeindruckend hoch hinauf. In einer irren Hast warf sich das M?del f?rmlich auf den Boden und raffte so viele St?cke zusammen, wie sie nur konnte. Das geworfene Objekt schien ungew?hnlich lange zu brauchen, bis es wieder herabkam. Als es dann endlich in die Wiese fiel, hatte Viktoria alle, ja alle Stecken aufgesammelt.
Gunna und Isolde waren total beeindruckt, aber nat¨¹rlich musste sich Faramund wieder beschweren. ?Das gibt¡¯s nicht! Du musst geschummelt haben!¡° ¨C ?Wie soll ich hier bitte geschummelt haben, ha? Das ist nur ein einfacher Stock, den wir alle hochgeworfen haben.¡° Der Bub, unsicher wie er seine Vorw¨¹rfe rationalisieren sollte, antwortete einfach: ?Du wei?t, ja was sie ¨¹ber dich sagen!¡° ¨C ?Faramund! Nein!¡°, kam es sogleich hinter ihm von Isolde. ?Aber ist¡¯s nicht wahr?¡° Auf diese Aussage hin schaute ihn das M?dchen noch viel grimmiger als zuvor an. Als er dann aber seinen Blick wieder zur¨¹ck zu Viktoria wandte, begann ihm bange zu werden. In dominanter Pose stand sie breitbeinig da. Ihr durchdringender Blick fiel ihn scharf an. In ihren Augen brannte ein Feuer, ein Feuer so hei? und rot, wie das Karmesin ihrer Haare. ?He¡¡°, bevor der Junge ¨¹berhaupt das Wort beenden konnte, gab ihm das M?dchen einen ordentlichen Schubser, sodass dieser auf seinen Hintern fiel. Eigentlich wollte sie ihm eine hauen, alle konnten ihr das ansehen. Wenn man sie w¨¹tend machte, wurde sie zu einer Furie, die niemand z?hmen konnte. Doch das Kind hielt sich diesmal zur¨¹ck und drehte sich einfach um.
Da kamen pl?tzlich ein paar Erwachsene um die Ecke des Stalls. Es waren nicht blo? zwei, sondern gleich einige. ?Gunna! Was machst du hier!¡° Verdattert antwortete der Junge: ?Wir spielen das Stockspiel. Ich¡¡°, seine Mutter lie? das Kind nicht seinen Satz beenden, sondern schnappte ihn einfach am Arm. ?Nie h?rst du auf mich!¡°, schimpfte sie und warf einen verachtenden hin¨¹ber auf das die rothaarige Viktoria. Die Eltern der anderen Kinder waren auch hier. Einer nach dem anderen, zerrten sie ihre Kinder wieder mit sich nach Hause. Eine, n?mlich Isolde, blickte noch zur¨¹ck zu ihrer Freundin, w?hrend sie am Arm weggezogen wurde. Allein blieb Viktoria hier stehen. Niemand sonst war mehr da. Sie wusste genau warum. Und sie hasste es. W¨¹tend nahm sie einen der St?cke, mit denen sie gespielt hatten und warf ihn gegen die Wand des Schuppens, der in dieselbe Richtung lag, in der ihre Freunde verschwunden waren. Diese bl?den Erwachsenen wollten nicht, dass ihre Kinder mit ihr spielten. Immer dasselbe! Wieder war Viktoria alleine, so wie fast immer.
Johann setzte vorsichtig einen Fu? vor den anderen, als er den holprigen Pfad talw?rts hinabstieg. Sehr lange war er schon nicht mehr in der ?Zivilisation¡° gewesen. Er lebte als Einsiedler weit weg von allem und jedem der ihn st?ren konnte. Dort oben gab es nur ihn, die Natur und die Tiere. Eigentlich war er ja Selbstversorger. Es gab nichts, was er von der Au?enwelt brauchte. Der Eremit baute sein eigenes Essen an, hielt seine eigenen Ziegen, deren Produkte er zu entsprechenden Speisen verarbeitete. Er k¨¹mmerte sich selbst um die Instandhaltung an seiner kleinen H¨¹tte und seinem Stall. Den Gartenbau hatte er ohnehin immer geliebt und jetzt lebte er ihn jeden Tag. ?pfel, Birnen, Karotten, Gurken, Zwiebeln, Getreide, Kr?uter unterschiedlichster Art, all das wuchs in seinem Garten. Und es bereitete ihm gr??te Freude sich jeden Tag, dem in Ruhe widmen zu k?nnen.
Hier in Corakien war die kalte Jahreszeit gerade erst zu Ende gegangen, daher konnte er nun herunter ins Tal wandern. Er hatte dort einen Freund, der ihn immer wieder besucht hatte, doch mittlerweile war dieser f¨¹nf volle Jahre schon nicht mehr erschienen. Johann machte sich Sorgen, um ihn, denn sein Freund war noch nicht alt. Konnte ihm etwas zugesto?en sein? M?glich, aber das konnte man nicht wissen. Da er wusste, wo sein Freund wohnte, w¨¹rde er ihm nun einen Besuch abstatten. Es war das erste Mal in ¨¹ber zwanzig Jahren, dass der Einsiedler sich wieder in eine bewohnte Gegend begab. Als er an den ersten H?usern vorbei in das Dorf spazierte, sah er sehr viele bekannte Dinge aus seiner Vergangenheit. Was er allerdings auch sah, war ein massiver Wandel. Auf den kleinen Dorfstra?en war viel los, mehr als er sich jemals erinnern konnte. Allein schon an der Kleidung der Leute und den vielen renovierten Geb?uden konnte er erkennen, dass ein neuer Wohlstand entstanden war. ¨¹ber dem Amtshaus wehte eine Fahne, die er noch nie gesehen hatte. Eine goldene Sonne auf rotem Grund.
¨¹ber die schlammigen Wege schritt er zum dem kleinen H?uschen Oskars. Eine recht alte, aber feste, Holzt¨¹re aus dunklerem Kirschenholz verhinderte seinen widerstandslosen Eintritt. Sie war anscheinend erst neu lasiert worden. Der mittlerweile schon in die Jahre gekommene Mann klopfte dreimal laut an der T¨¹r. Nach einer Weile konnte man von drinnen eine Stimme vernehmen: ?Was wollen Sie?¡° Als Oskar dann aber h?rte, dass es sein alter Freund war, bat er ihn sogleich einzutreten. Eine Dame, die auch schon etwas ?lter schien, lie? ihn hinein. Zuerst sah er ihn nicht, doch als der Eremit dann um die Ecke ins Wohnzimmer trat, verstand er was los war. Jetzt wusste er, warum sein Freund ihn nicht mehr besucht hatte. Auf einem Sessel sitzend starrte ihn ein Mann mit k¨¹hlem Blick an. Dessen rechtes Bein fehlte, wobei eine einfache Holzprothese als sp?rlicher Ersatz diente. Als er sich vom anf?nglichen Schock erholt hatte, kam er zum ihm und gab ihm eine freundliche Umarmung. Ohne gefragt zu werden, wie es dazu gekommen war, begann Oskar von selbst dar¨¹ber zu sprechen. Und was der vom Rest der Welt isoliert Lebende nun erfuhr lie? ihn doch aufhorchen.
Anscheinend hatte es einen gro?en Umsturz in ganz Kaphkos gegeben, eine Revolution wie Oskar es nannte. Auch er wurde gezwungen daran teilzunehmen und wurde im Kampf verwundet. Nicht nur eine neue Dynastie war nun auf dem Thron Ordaniens, sondern die ganze alte Alethische Kommune war hinweggefegt worden und operierte nur noch im Untergrund. Die Hexenverbrennungen hatten nun aufgeh?rt, doch eine erstickende Unterdr¨¹ckung war geblieben. Nur wurden nun andere unterdr¨¹ckt als zuvor. Voller Frustration erz?hlte ihm der Veteran all diese Dinge, als er darauf wartete, dass seine Partnerin ihnen einen hei?en Tee brachte. Es war ihm eine riesige Verbitterung anzusehen. Das konnte sein Freund aus den Bergen ¨¹berhaupt nicht verstehen, denn er interessierte sich nur f¨¹r seine eigene Existenz. All das f¨¹hlte sich sehr unangenehm f¨¹r ihn an. Er bemitleidete all die Narren, die ihre Existenzen so beschritten. Politik und Intrigen, Religion und Fanatismus, Beziehungen und pers?nliche Trag?dien, all das war der Grund, weshalb er sich von der Gesellschaft losgesagt hatte. Er f¨¹hlte sich auf seltsame Weise best?tigt, so unfair dies auch Oskar gegen¨¹ber klingen mochte.
Abbondio r¨¹ckte sich, in einem Versuch sein Gesicht etwas besser gegen die einfallende Sonne zu sch¨¹tzen, seine Kappe zurecht. Es half leider nichts. Wieder einmal war es ein sengend hei?er Tag. Dies war zwar v?llig normal zu dieser Jahreszeit in Camenia, dennoch machte die Erkenntnis dessen die Umst?nde nicht leichter. Aber der Mann war dies ohnehin gewohnt. Er musste sich eben damit abfinden. Die Z¨¹gel in der Hand fuhr Abbondio langsam auf die Br¨¹cke ¨¹ber den Seranzo. Er konnte sich dabei nicht davon abhalten, seinen Kopf nach oben und hin und her zu strecken, um das Ding zu bewundern. Bis hoch in den Himmel reichten die dicken Pylone der neuen Br¨¹cke. Diese war erst k¨¹rzlich fertiggestellt worden und verk¨¹rzte den Weg, den er vom Handelshafen in Richtung der Stadt zur¨¹cklegen musste erheblich. Es war ein beeindruckend gro?es Bauwerk, das eine tiefe Schlucht ¨¹berwand. Tief darunter konnte man die Fluten des Seranzoflusses rauschen h?ren. Deren Frische wurde von den Luftstr?mungen dennoch bis hier heraufgetragen. Welch einen angenehmen Geruch und welche eine Erquickung dies doch erzeugte, wenn es auch nur kurz w?hrte.
Der H?ndler fuhr weiter. Er musste eine neue Fuhr an Waren in das Gesch?ft von einem seiner Kunden bringen. Edle Seide, die er von jenseits des S¨¹dmeeres importiert hatte. Sehr teuer. Der Handel war in den letzten Jahren aufgebl¨¹ht und auch Abbondio erfreute sich des guten Gesch?ftes. F¨¹r ihn war eine goldene Zeit angebrochen. Was seine Eltern ihm vermacht hatten, konnte er nun erheblich vergr??ern. Alle seine Freunde und Kollegen empfanden ebenso wie er. W?hrend er ¨¹ber all dies nachdachte, rumpelte sein Wagen in der Tageshitze ¨¹ber die kleine L¨¹cke die zwischen der Br¨¹cke und der Stra?e war. ?Badum!¡°, ging es. Dann konnte der Fahrer seine Reise mit einer h?heren Geschwindigkeit wieder fortsetzen. Diese Br¨¹cke war nur eines der Beispiele f¨¹r den Aufschwung in Camenia. ¨¹berall, wo er bisher hingekommen war, konnte Abbondio einen Haufen Bauprojekte sehen. Es wurde nun viel in Infrastuktur investiert, was nat¨¹rlich H?ndlern wie ihm half. Stra?en, Br¨¹cken, Tunnel, H?fen, aber auch B?der und sogar neue Kirchen. Den Bauarbeitern w¨¹rde nicht so schnell langweilig werden.
Kurzerhand holte er seinen Geldbeutel aus der Tasche. Er leerte sich die darin enthaltenen M¨¹nzen auf die andere Handfl?che und begann zu z?hlen. F¨¹nfunddrei?ig, nein, Sechsunddrei?ig Sesterze konnte er z?hlen. Alle mit dem Gesicht Vincenzo I. auf einer Seite eingepr?gt. So viel waren sie leider nicht mehr wert, seitdem sein Nachfolger den Goldgehalt in den M¨¹nzen reduziert hatte. Allzu schlimm war die Sache aber auch nicht. Zumindest dachte sich das der H?ndler so. Dann ¨¹berlegte er nochmal kurz wie viel er f¨¹r die Waren, die er jetzt dabei hatte beim Importeur bezahlt hatte. Er lie? einen genervten Seufzer aus, als er feststellen musste, dass er sich nicht mehr ganz erinnern konnte, wie viel das gewesen war. Eine Rechnung f¨¹r derartiges zu bekommen war ungew?hnlich. Das w¨¹rde nur bei sehr gro?en Gesch?ften der Fall sein. Bei Gott konnte er sich nicht mehr erinnern, was er genau bezahlt hatte¡. ?Verdammt!¡°, kam es ihm aus. Nun ja, es lie? sich nicht ?ndern. So schlimm war sein Patzer nicht. Es waren nun gute Zeiten und er konnte aus dem Vollen sch?pfen. Jeden Semi musste nicht umdrehen, um ¨¹ber die Runden zu kommen. Dennoch w?re ihm das sicher nicht passiert, wenn er seinen Lehrling dabeigehabt h?tte, den er heute aber mit etwas anderem beauftragt hatte.
Knarzend rollte sein Einsp?nner weiter. Links und rechts vom Weg war nur von der Sommerhitze ausgedorrtes Gestr¨¹pp. Ab und an stand mal ein alter wild gewachsener Olivenbaum oder eine Aloe, aber ansonsten war es hier eher karg momentan. Immer wenn er diese Flora betrachtete, f¨¹hlte er sich an seine Jugend zur¨¹ckerinnert, vor allem an die Ausfl¨¹ge, die er und seine Eltern ans Meer unternommen hatten. W?hrend der Fahrt kam eine kleine Brise auf, die sogleich Staub in die Augen des Mannes wirbelte und ihn sogleich wieder aus seiner Tagtr?umerei riss.
Es war noch ein ganzes St¨¹ck bis zu einer der Vorst?dte Galadeas. Es musste sich heute noch ausgehen. Leider. Die Kunden hatten den Termin so ausgemacht. ?Hach¡.¡°, atmete er aus. Abbondio w¨¹rde heute wieder sp?t nach Hause kommen.
1. 02 Viktoria
Entlang der zyklopischen Kolonnaden schritt seine Hoheit, immer wieder den Blick auf die beeindruckenden Ausma?e dieser architektonischen Meisterleistung schweifen lassend. In ihnen fand das Gewicht des Reiches, das Gewicht des Erbes, das er angetreten hatte, seinen Ausdruck. So oft war Wenzel schon hier entlang gegangen und dennoch war er immer wieder vom Anblick der Werke seiner Vorg?nger in Ehrfurcht versetzt. Das Bauwerk fing ein St¨¹ck Ewigkeit ein, verlangte, ja forderte sogar, seinen Respekt. Auch wenn er sich bereits an den Anblick der S?ulen, B?gen und Kuppeln gew?hnt hatte, so war dies nur, weil er sie Tag um Tag sah und sie sich in sein Unterbewusstsein eingefressen hatten. Die monumentalen S?ulen, die sich endlos die G?nge entlangzogen, und die das riesige Gew?lbe ¨¹ber sich trugen, konnten genauso gut auch als Allegorie f¨¹r das Gewicht, das nun auf Wenzel¡¯s Schultern lastete, interpretiert werden. ¨¹ber die Jahre war ihm das bewusst geworden.
Raschen Schrittes bewegte er sich ¨¹ber die bunten Marmorfliesen in Richtung seiner Gem?cher. Wenzel hatte sich klar ver?ndert. Sein roter Haarschopf war immer noch kurz, doch trug er nun einen Bart. Seine kaiserlichen Gew?nder waren edel, strahlten aber gleichzeitig eine Art von Formalit?t aus und hatten in ihrem Design ein paar Anspielungen an die Milit?runiformen der Soldaten. Rot-wei? war die Farbgebung, wobei der Umhang ganz im imperialen purpurrot gehalten war und obendrein noch das Kaiserwappen abbildete. An der Brust trug er ein paar wenige Abzeichen, dieselben, die er auch schon zu seiner Kr?nung getragen hatte. Seine Schuhe waren aus Leder und er hatte sehr gro?en Wert darauf gelegt, dass der Schuhmacher sie auch so bema?, dass sie bequem zu tragen waren. All dies mochte nun auf den unwissenden Beobachter durchaus opulent wirken.
Es war bereits Abend geworden. Seine Majest?t war den ganzen Tag mit politischen Alltagsgesch?ften und dem Studium besch?ftigt gewesen. Vor allem das Letztere nahm bei Wenzel aktuell, wie in den letzten Jahren, sehr viel seiner Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch. Es gab viele Dinge, die der Kaiser aus seiner Schulzeit vers?umt, beziehungsweise nie richtig verstanden hatte. Die Sache war nach all den Jahren des Studiums mit Privatlehrern nun definitiv Geschichte. Seine Hoheit hatte sich nun einen Grundstock an Wissen in allen m?glichen Disziplinen angeeignet. Entgegen seinem massiven Desinteresse zu Jugendzeiten, war nun der Sturm und Drang vergangen und ein Interesse f¨¹r das Verstehen der Welt hatte sich bei ihm entwickelt. Besonders hatte sich Wenzel f¨¹r Geschichte zu faszinieren begonnen. Intensiv w?lzte er sich durch riesige Chroniken oder andere Zeugnisse der Vergangenheit, welche die meisten anderen Leute wohl als unheimlich langweilig empfunden h?tten.
Ebenso hatte der Herr nun die Gesamtheit des Testaments gelesen und sich auch dabei von einem Theologen Beihilfe geben lassen, wie denn dessen Inhalt zu verstehen ist. Er fand das Werk wenig berauschend, aber las es dennoch. Es war eine Notwendigkeit, wenn er der Herrscher ¨¹ber V?lker sein wollte, denen diese Glaubensschrift doch von solch unglaublicher Bedeutung war, wie er es selbst miterlebt hatte. Dennoch hatte sein Lesen des Textes sicher auch einen Einfluss auf ihn gehabt. Wenzel hatte sich im Laufe der Jahre deutlich ver?ndert. Wenn er auf sein altes, naives Selbst zur¨¹ckblickte, war ihm doch manchmal zu Lachen zumute. Auch, wenn die Umst?nde sicher nicht lustig waren¡.
Schlie?lich kam Wenzel bei der T¨¹r seiner R?umlichkeiten an. Schon beim Herannahen hatte er den Geruch von exotischem Parfum vernommen, was bedeutete, dass Amalie sich im Moment auch in ihrem Zimmer aufhielt. Er klopfte nicht an, sondern trat einfach ein. Als sie ihn h?rte, drehte sich seine Frau gleich zu ihm um. Sie war eine Dame von au?ergew?hnlicher Sch?nheit. Ihr Gesicht wirkte makellos und ihre br¨¹netten Haare waren so lang, dass sie ihr fast bis zum Ges?? reichten. Vor dem Spiegel stehend, hatte sie soeben neue Kleider anprobiert. ?Hallo, Schatz! Der Schneider hat mir vorhin die neuen Kleider gebracht, die ich anfertigen habe lassen.¡° Ihr Mann lie? einen schnellen Blick ¨¹ber das Gewand wandern, das sie gerade trug. Es war ein pastelgr¨¹nes, langes Kleid, mit intrikaten aufgestickten Blumenmustern. ?Sehr sch?n!¡°, vermerkte Wenzel mit einem obligatorischen, aber dennoch ernst gemeinten L?cheln. Sie kam zu ihm heran und dr¨¹ckte ihm einen Kuss auf. Sofort konnte man dadurch sehen, wie sich seine Stimmung etwas hob. ?Du siehst heute mal wieder ausgelaugt aus¡°, vermerkte seine Gemahlin. ?Leg dich mal f¨¹r eine Stunde hin und ruh dich aus.¡° ¨C ?Nein¡°, gab Wenzel darauf sofort Widerrede. ?Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.¡°
Auf seine etwas morbide Aussage hin, stutzte Amalie kurz, worauf ihr Ehemann sie aber gleich wieder versuchte zu versichern, dass er das nicht so ernst gemeint hatte. Sogleich nahm er seine Liebste zu sich und die beiden liebkosten sich einen kurzen Augenblick. ¨¹berall im Zimmer waren s¨¹ndteure M?bel. An den W?nden waren edle Tapeten in heller oranger Farbe und auf einer Seite des Bettes lag ein Turm an Kleidern, jene, die die Dame vorher bekommen hatte und nun eines nach dem anderen anprobieren w¨¹rde. Amalie genoss all den Luxus in ihrer Position als Gattin des Kaisers. Es war ihr an ihrem strahlenden L?cheln anzusehen, wann immer sie eine neue Sache bekam, die sie sich eingebildet hatte. All dem brauchte Wenzel gar nicht ?nachgeben¡°, denn er machte ihr hierbei ohnehin keine Vorschriften. Generell war er gl¨¹cklich, wenn seine Liebste gl¨¹cklich war. Somit trug er auch einen solchen Lebensstil nun mit, auch wenn er ihn selbst nicht wirklich aktiv lebte. In dieser Hinsicht hatte sich Wenzels Verhalten in all den Jahren nicht ge?ndert. Er brauchte nur das Notwendigste, alles andere betrachtete er als ¨¹berfl¨¹ssig. Allerdings w¨¹rde er nicht versuchen seine Art auch auf Amalie zu ¨¹bertragen. Jeder Mensch war anders. Au?erdem waren sie ja die Elite. Wie konnte man anderen Leuten, die an der Spitze des Staates standen, einen ausschweifenden Lebensstil verwehren? W¨¹rde dies ¨¹berhaupt Sinn oder einen Unterschied machen? Die Kirche h?tte bei Nachfrage wohl gesagt, dass es nicht moralisch war, aber, naja, wo kein Kl?ger, da kein Richter.
?Morgen treffe ich mich mit Flora und Emma. Es gibt einiges, was ich mit ihnen zu besprechen habe, also k?nnte es wohl l?nger dauern. Wundere dich also nicht, wenn ich vielleicht noch nicht da bin, wenn du zur¨¹ckkommst¡°, informierte sie ihn. Wenzel nickte nur und entgegnete: ?Sicher. Kein Problem.¡° Amalie fiel auf, dass er geistesabwesend auf ihre Perlenhalskette starrte. ?Wenzel?¡°, sprach sie ihn an. Er zwang sich wieder zur¨¹ck zur Geistespr?senz und schaute ihr in die Augen. ?Ja?¡° Sie ¨¹berlegte kurz einen Moment, wie sie an das Thema herangehen sollte, das sie nun zu beginnen beabsichtigte. Dann begann sie:
?Du, Schatz, wie sieht die Sache mit den Gesandten nun aus?¡° ¨C ?Gesandte?¡° Ihr Ehemann war heute schon recht m¨¹de, aber Amalie hatte daf¨¹r in diesem Moment nur bedingt Verst?ndnis. Etwas genervt entgegnete sie: ?Du wei?t schon, die Heilige Gesandtschaft, diejenigen, die wir ausgeschickt haben, um einen oder eine zu finden.¡° ¨C ?Oh, ja. Entschuldigung, ich bin schon recht geschafft heute.¡° ¨C ?Merkt man.¡° Wenzel dachte kurz nach und antwortete ihr dann: ?Immer noch nichts, so viel ich wei?. Wir brauchen uns hier keine gro?en Hoffnungen zu machen. Das Sentiment in der Bev?lkerung hat sich diesbez¨¹glich nur teilweise ver?ndert. Darum sind die Chancen einen oder eine zu finden wohl eins zu hundert Millionen, zumindest wenn wir dem Glauben schenken, was Marwin uns mitgeteilt hat. Und ich glaube wohl kaum, dass er uns hier anl¨¹gt.¡°
Mit einem Hauch von Resignation lie? seine Ehefrau da ihren Blick sinken. Auch ihr K?rper sackte etwas auf dem Bett herab, auf dem sie Seite an Seite mit Wenzel sa?. Dies bemerkte ihr Mann sofort und nahm sie zu sich. ?Es wird nichts zwischen uns ?ndern. Egal was passiert, du bist mein und ich bin dein! H?rst du mich!¡° ¨C ?Ja, tu ich¡°, gab die Dame zur¨¹ck. Er hatte es ihr ohnehin schon mehrmals gesagt, dass er sie nie beiseiteschieben w¨¹rde. Auch diesmal versuchte er wieder seiner Geliebten mit Nachdruck zu versichern: ?Ich w¨¹rde mir nie eine andere Frau nehmen.¡° Daraufhin antwortete Amalie nun aber: ?Wir beide wissen, dass auch das nichts ?ndern w¨¹rde, mein Schatz.¡° Es gab nicht viel, was er darauf entgegnen h?tte k?nnen. Wenzel tat das Richtige und erwiderte gar nichts.
Folglich sa?en die beiden nun still nebeneinander auf der Bettkante. Fast schon wollte der Mann ein neues Thema anfangen, als es pl?tzlich an der T¨¹r klopfte. Als die zwei ihm den Eintritt erlaubten, erkannten sie gleich an seiner Uniform, dass es ein ganz besonderer Bote war. ?Die Heilige Gesandtschaft l?sst Ihren Hoheiten hiermit ausrichten, dass das Gesuchte gefunden wurde!¡°, verk¨¹ndete Ihnen der Mann in straffer Uniform in viel zu lautem Ton. ?Das n?chste Mal, bitte, etwas leiser, wenn¡¯s geht. Wir sind nicht taub, okay?¡°, teilte ihm Wenzel seine Einw?nde mit. ?Jawohl, mein Herr!¡°, kam es von diesem mit immer noch zu hoher Lautst?rke zur¨¹ck. Er ¨¹bergab ihnen den Brief. Dann salutierte der Mann wie ein braver Zinnsoldat und trat ab. Die Nachricht, auf die sie so lange gewartet hatten, jene, von der sie dachten, dass sie m?glicherweise ¨¹berhaupt niemals kommen w¨¹rde, war nun eingetroffen.
Mehrere Gestalten in braunen Kutten gingen die Dorfstra?e entlang. Es war ein relativ warmer Tag und es d¨¹rfte diesen in ihren Gew?ndern wohl relativ hei? gewesen sein. Nichtsdestotrotz gingen sie so weiter. Vorne an der Brust war diesen ein ganz eigenes, den Einheimischen unbekanntes Zeichen auf die Kleidungsst¨¹cke aufgen?ht. Es bildete ein aufgeschlagenes Buch mit einem Olivenzweig ab. Ein paar Leute lie?en ihnen misstrauische Blicke zufallen, das war es aber auch schon. Es handelte sich um die sogenannte Heilige Gesandtschaft. Angef¨¹hrt wurde die Delegation vom Obersten Gesandten Marwin. Eben dieser blickte gerade aufmerksam umher. Offensichtlich waren sie auf der Suche nach etwas. Einer der anderen M?nner holte eine Rolle Pergament hervor und hielt sie ihm hin. Gemeinsam lasen sie dann, vermutlich erneut, das Dokument durch. Danach hoben sie ihre Blicke und einer von ihnen deutete mit seinem Zeigefinger nach hinten zum Bauernhof der Mosers. Es folgte ein kurzer verbaler Austausch der Gruppe, dann machten sie sich genau dorthin auf. Die Dorfbewohner hatten diesbez¨¹glich eine sehr ¨¹ble Vorahnung, denn jeder kannte diese Familie. Der Grund daf¨¹r war ein sehr schlechter.
Es gab einen Haufen Dinge, die Marwin nun gedanklich besch?ftigten. Die Organisation, deren Leiter er nun war, hatte der Kaiser h?chstpers?nlich ins Leben gerufen. Sie war eine aus jenen wenigen M?nnern, die die Verfolgung der ehemaligen Inquisitoren ¨¹berlebt hatten, zusammengew¨¹rfelte Organisation. Warum? Diese Frage hatte sich Marwin auch gestellt, als er damals zu seiner Hoheit zitiert wurde. Dieser hatte ihnen den Auftrag gegeben, wieder Magier ausfindig zu machen. Der Moment, in dem der einstige Inquisitor dies h?rte, konnte er seinen Ohren kaum glauben. Doch bald schon w¨¹rde es f¨¹r ihn Sinn ergeben. Der Erkorene hatte n?mlich ein Problem. Es schien so, als ob seine Gemahlin ihm keinen Erben bereiten konnte. Selbst Marwin hatte, als er dies von seiner Majest?t, Wenzel, pers?nlich erfuhr, schlicht den Vorschlag, eine Beischl?ferin zu arrangieren, gemacht. Dies schien den Kaiser ungemein zu erz¨¹rnen, woraufhin sein Gegen¨¹ber sofort den Mund hielt und das Thema nicht weiter ansprach. So etwas war dem Herren ganz sicher auch schon von anderer Seite gesagt worden, da war er sich sicher.
Wie dem auch sei, das Kaiserhaus brauchte einen Nachfolger in der Sukzessionsordnung und dieser Nachfolger konnte nicht einfach irgendwer sein. Irgendein Kind zu adoptieren war hier nicht m?glich, denn der Herrscher des Heiligen Ordanischen Reiches musste ?heilig¡° sein. Dies bedeutete, dass der k¨¹nftige Souver?n, so wie der jetzige, magische Kr?fte besitzen musste. Und hier kamen er und seine Untergebenen ins Spiel. Die Heilige Gesandtschaft unter der F¨¹hrung Marwins sollte Zauberer ausfindig machen. Die Absicht dahinter war nicht diese zu vernichten, sondern einen Erben f¨¹r das Kaiserhaus zu finden! Dies brachte die Gruppe nun hierher. Sie gingen Ger¨¹chten, ¨¹ber ?D?monen¡° und ?verhexte Kinder¡° nach, in der Hoffnung, einen Magier zu finden. Es war eine wahre Tortur. Seit ¨¹ber zwei Jahren streiften die M?nner nun schon durch alle Lande, hatten aber bisher nichts gefunden. Bestenfalls waren die Kinder, die sie vorfanden, ?besonders¡°, aber nicht magisch.
Langsam wurden sie der Sache schon m¨¹de und sie weiteten die Suche von Kleinkindern auf etwas ?ltere aus. Diese Ereignisse und Umst?nde hatten sie nun heute hierhergef¨¹hrt. Allzu gro?e Hoffnungen machten sie sich nicht. Die meisten Eltern, die ein offensichtlich ?verfluchtes¡° Kind zur Welt brachten, sahen sich bald mit einem Lynchmob oder ?hnlichen Entwicklungen konfrontiert, die sehr schnell zum Tod des Babys f¨¹hrten. Die Bev?lkerung war so abergl?ubisch wie eh und je. Dazu hatte auch der jahrzehntelange Hexenwahn das seine getan. So oder so w¨¹rden die M?nner nun ¨¹berpr¨¹fen, ob es mit dem Gerede, das ¨¹ber die Mosers umging, etwas auf sich hatte. Es war die Aufgabe, die ihnen seine Majest?t aufgetragen hatte und man wagte es nicht sich hierbei zu widersetzen.
¨¹ber den kleinen Weg n?herten sich die Gesandten dem Bauernhaus an. Im Fenster des ersten Stocks konnte man sehen, wie sich ein Vorhang bewegte und das Gesicht eines Kindes auf diese herunterblickte. Marwin trat an die Eingangst¨¹r heran und klopfte an deren altes Holz. Es dauerte ein Weilchen, aber schlie?lich h?rte man Schritte von drinnen und eine Person ?ffnete ihnen die T¨¹re. Es war eine Dame noch nicht ganz mittleren Alters mit goldblonden Haaren, welche unter einem traditionellen, b?uerlichen Kopftuch fast zur G?nze verschwanden. ¨¹berrascht blickte sie den Ank?mmlingen entgegen. ?Kann ich Ihnen helfen?¡°, fragte sie in unsicherem Ton. ?In der Tat k?nnen sie das¡°, gab der Mann kurz zur¨¹ck. ?Ich bin der Oberste Gesandte der Heiligen Gesandtschaft und wir h?tten ein paar Fragen an Sie.¡° Die Frau schien eingesch¨¹chtert und lie? die G?ste zu sich ins Haus hinein.
Nachdem sich alle an den Tisch in der Stube gesetzt hatten, begann Marwin der B?uerin zu erkl?ren, dass sie auf der Suche nach ?besonderen¡° Kindern waren. Als sie dies vernahm, reagierte die Frau, wie erwartet, reflexiv mit Bestreitungen: ?Sie m¨¹ssen sich bei uns im Haus geirrt haben. Meine Tochter ist vollkommen normal.¡° Viel zu oft hatten die M?nner nun schon dieses Spiel gespielt. Sie machten zwar die ¨¹blichen Garantien, dass sie nichts B?ses mit dem Kind vorhatten, doch aufgrund der Geschichte der Hexenjagden im Land glaubte ihnen meist keiner. Das war nat¨¹rlich verst?ndlich. Auf die Frage, wo denn das M?dchen gerade war, antwortete die Mutter: ?Sie ist nicht hier. Sie hilft bei der Arbeit am Feld. Dort drau?en werden sie sie suchen m¨¹ssen.¡° Es war eine L¨¹ge, eine, die augenblicklich vor ihr zerbrechen w¨¹rde. Einen Moment sp?ter konnte man n?mlich aus dem Obergescho? ein Rumpeln h?ren. Einer der Besucher erfragte da sogleich: ?Und wer ist das dann?¡° ¨C ??h, meine Katze! Wir haben viele Katzen, m¨¹ssen Sie wissen. Da wird auch ?fters mal was auf den Boden hinuntergesto?en. Sie wissen ja, wie Tiere sind¡°, versuchte sich die B?uerin schnell in einer Ausrede. Auch dies half nichts, da unmittelbar darauf ein Mensch ans obere Ende der Treppe trat und ein paar Stufen herunterstieg, um aus Neugierde zu lauschen, wer denn zu Besuch gekommen war.
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Als ihre Mutter dies mitbekam erstarrte sie f?rmlich. ?Hallo, junge Dame!¡°, rief ihr da Marwin zu. ?Wir sind deinetwegen hier. Komm ruhig runter.¡° Ein paar wilde Stampfer donnerten daraufhin sogleich die Stiege herab. Wer sich den M?nnern nun pr?sentierte, war doch eine ¨¹berraschung f¨¹r diese. Ein M?dchen, das sie so um die zehn Jahre alt sch?tzten, stellte sich selbstbewusst, breitbeinig vor ihnen hin. Aus ihrem runden Gesicht sprang ihnen buchst?blich der Enthusiasmus entgegen, den sie hatte, weil sie ein paar neue Leute kennenlernen w¨¹rde. Sie trug ein beiges, besticktes Kleid, das ein paar Schmutzflecken aufwies. ?Hallo, ich bin die Viktoria!¡°, stellte sie sich ihnen unaufgefordert vor. Beim Anblick des Kindes wurde den M?nnern sofort klar, dass sie gefunden hatten, wonach sie gesucht hatten. Das Kind hatte lange, karmesinrote Haare, ein so g?nzlich unnat¨¹rliches Rot, dass man in ganz Ordanien niemanden finden w¨¹rde, der so etwas jemals gesehen hatte. Rote Haare waren immer ein Merkmal au?ergew?hnlicher Kr?fte gewesen. Melgar und seine Abk?mmlinge hatten sie und auch der jetzige Kaiser hatte sie, wenn auch in einem wesentlich weniger intensiven Farbton.
Aus ihren Augen leuchtete ihnen ein Feuer entgegen und alleine schon ihre Pr?senz im Raum verstr?mte eine sp¨¹rbare Aura. F¨¹r die M?nner gab es hier keinen Zweifel. Sie w¨¹rden zwar die Tests machen, die sie sonst auch immer machten, aber die Ergebnisse dieser wussten sie jetzt schon. Viktoria war offensichtlich eine Magierin. Nerv?s blickte die Frau, die sie eingelassen hatte, nun zu der Gesandtschaft, dann zur¨¹ck zu ihrer Tochter und fuhr diese folglich an: ?Viktoria! Was habe ich dir gesagt? Nie h?rst du auf das, was man dir sagt!¡° Die Mutter wandte sich nun z?gerlich dem Obersten Gesandten zu: ?Werden Sie sie jetzt mitnehmen? Ich muss sie aber warnen. Die Kleine wird sich ordentlich wehren!¡° Sie schien noch nicht so ganz zu begreifen. Daher setzten sie die Herren nun wieder m?glichst ruhig und gelassen hin und begannen die Sache nochmals, diesmal aber mit mehr Details zu erkl?ren. Das Verhalten der Mutter hatte die M?nner durchaus verwundert. Warum hatte sie so schnell ihr eigenes Kind aufgegeben und nicht mehr Widerstand geleistet? Es war eine kuriose Begebenheit.
Damit hatte die Delegation ihre Aufgabe erf¨¹llt. Sie w¨¹rden das Kaiserhaus in Kenntnis setzen und bald schon w¨¹rde seine Hoheit hier pers?nlich zu Besuch kommen.
Amalie und Wenzel sa?en auf jeweils eigenen St¨¹hlen, die Armlehnen hatten. Es waren nur schlichte, banale Holzst¨¹hle. Die Familie, deren Haus sie besuchten hatte sich soeben von ihrem Kniefall erhoben und gegen¨¹ber von ihrem Herrn und ihrer Herrin auf deren Erlaubnis hin hingesetzt. Es war ein einfaches Heim, in dem sie lebten. Die Witwe, die ganz in schwarz gekleidet war, erz?hlte ihnen nun von ihrem Mann und dem Vorfall, der sich zugetragen hatte. ?Er hatte wirklich nichts mit der Ketzerkirche zu tun. Er war nur Freund mit einem von den einstigen Alethischen, mehr war es nicht! Das wei? ich. Die Soldaten haben damals alles hier durchsucht und keine verbotenen Texte oder irgendwelche anderen Beweise daf¨¹r gefunden. Er hatte sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Mein lieber Sigmund ist zu Unrecht hingerichtet worden!¡° Das Kaiserpaar h?rte gespannt und mit m?glichst einf¨¹hlsamer Miene zu. Der Rest der Familie, der auch schwarz gekleidet war, sa? nur daneben und schwieg.
Dann, als die Frau des ehemaligen Schmieds mit ihren Ausf¨¹hrungen fertig war, versuchte Wenzel geb¨¹hrend zu antworten. Er sammelte seine Gedanken einen Moment und sprach dann: ?Mir sind die Umst?nde bekannt und ich gebe Ihnen recht. Es geschieht viel zu viel Unrecht in diesem Land. Ich arbeite daran, das zu ?ndern, aber ich kann nicht ¨¹berall sein.¡° Die Frau und ihr ?ltester Sohn nickten dem Herrscher best?tigend zu. ?Ich habe euch hier ein wenig Kompensation mitgebracht. So viel ich mir ausrechnen habe lassen, wird es den Verlust finanziell ausgleichen. Den Schmerz heilen wird es aber nicht, dessen bin ich mir vollstens im Klaren. Mein Beileid zu eurem Verlust! M?ge Gott euch sch¨¹tzen!¡° Der Kaiser reichte ihnen einen Beutel, der mit Goldm¨¹nzen gef¨¹llt war. ?Vielen Dank, mein Herr!¡°, taten seine Untertanen ihm die erwartete und angemessene Ehrerbietung und lie?en sich dabei wieder auf die Knie fallen. In Wenzels Gesicht machte sich kurz ein Anflug von Unbehagen sichtbar, welcher dann aber gleich wieder verschwand.
Die beiden verlie?en die bescheidene Wohnst?tte. Sie waren hier nach Ilmhagen auf Wenzels Initiative hergekommen. Permanent h?rte er von seinen Laufburschen, was f¨¹r Dinge sich im Reich zutrugen. Er war nicht sonderlich erfreut dar¨¹ber. Um ein Zeichen zu setzen hatte er seine Reise in den S¨¹dwesten nun daf¨¹r genutzt, auch hier Halt zu machen und den Opfern der Unterdr¨¹ckung Geh?r zu geben. Mehr als ein symbolischer Akt w¨¹rde dies im Gro?en Ganzen nicht sein, aber dennoch war es von Bedeutung f¨¹r ihn. Auch Amalie war da einer Meinung mit ihm. Die Zwei traten aus dem Haus, vor dem zwei Kaisergardisten Wache gestanden hatten. Dann gingen sie hin¨¹ber zu ihrer Kutsche und setzten ihre Fahrt fort.
Wohin waren sie nun genau unterwegs? Althain hie? das Kuhdorf, das sie sich als Ziel gesetzt hatten. Es war der Ort, den ihm die Heilige Gesandtschaft mitgeteilt hatte. Dort hatten sie angeblich ein Kind gefunden, dass Zauberei beherrschte. Der Wagen rollte los. Im Gefolge waren die Heilige Gesandtschaft, sowie eine Handvoll Garden zum Schutz. Auch Brahm, der Kommandant der Garde, war mitgekommen und ritt neben der Kutsche mit. Wenzel schaute hin¨¹ber auf seine Liebste. Sie hatte ein hellblaues Kleid mit R¨¹schen an, viel zu gehoben f¨¹r ihre Unternehmung hier. Als sie seinen Blick bemerkte, begann Amalie zu sprechen: ?Tut mir leid, dass ich dich gezwungen habe mit dem Wagen zu fahren, obwohl du lieber geflogen w?rst. So ist es einfach sicherer. Wir m¨¹ssen auch auf unsere Sicherheit achten.¡°
?Nein, du hattest schon recht. Ich habe mal wieder nur an mich gedacht. Ich wei? ja, dass du auch unbedingt mitkommen wolltest und nachdem wir ja einen offiziellen Besuch, eigentlich sogar mehr offizielle Besuche abstatten, macht es Sinn die traditionelle Methode hier zu benutzen¡°, gestand er ihr zu. Sie meinte darauf, ?Mit Sicherheit haben selbst die Melgarionen, die ja auch Magier wie du waren, sich an solche Formalit?ten gehalten und sind nicht einfach dahergeflogen gekommen.¡° Wenzel war sich da zwar nicht so sicher, belie? es aber dabei. ?Freust du dich schon so?¡°, fragte er nun seine Ehefrau, deren aufgeregtes Zittern er schon eine Weile beobachten konnte. ?Ist es so offensichtlich?¡°, wollte Amalie daraufhin wissen. ?Ja, ist es. Auch in deinen Augen kann ich es sehen. Eine Mischung aus Freude und Nervosit?t.¡° Sie widersprach ihm nicht. Er kannte sie mittlerweile genauso gut, wie sie ihn kannte. Gemeinsam hielten sie dann eine Weile H?ndchen.
Langsam bewegte sich ihr Gef?hrt in Richtung ihres Zielortes. Sie ¨¹berquerten eine Stra?enkreuzung s¨¹dlich der Karantischen W?lder, eben da, wo er mit den M?rtyrern einst beim Umzug in ein neues Hauptquartier entlanggeritten war. Als er durch das Fenster dorthin gen Norden blickte, klopfte sich der Kaiser dreimal auf die Brust. Eine Ehrerbietung gewisserma?en. Erst am n?chsten Tag kamen sie in Althain an. Es war noch relativ frisch, als sie fr¨¹hmorgens anrollten. Wenzel trat zuerst heraus und half dann seiner Dame beim Ausstieg. Als sie um sich blickten, fanden sie ein winziges D?rfchen mit ?rmlichen Holzh¨¹tten, in denen die Menschen hausten, vor. Wie erwartet. Der Geruch von Tiermist stieg ihnen in die Nase. Ihn r¨¹hrte dies nur wenig, doch Amalie schien davon irritiert zu sein.
Bevor die beiden irgendwo hingehen konnten, begab sich schon eine Vorhut der Heiligen Gesandtschaft f¨¹r sie zu dem Haus der Mosers. Mit weitem Abstand folgten dann erst die beiden, begleitet vom immerzu wachsamen Brahm und drei anderen Gardisten. Es war fast niemand auf den Stra?en zu sehen, was Wenzel, der es nicht mochte ?in voller Montur¡° von Schaulustigen beobachtet zu werden, nur allzu recht war. Er hasste die Aufmerksamkeit der Menschen. Dies war Amalie wohl bekannt. Sie war diejenige, die beordert hatte, dass sich ?m?glichst wenige auf den Stra?en befinden¡°, wenn sie dort aufkreuzten.
Als sie das Bauernhaus erreichten, sah Amalie blaue Hortensien, die in dem Beet im Vorgarten gepflanzt waren. Sie erinnerten sie an ihre Kindheit in Olemar. Ihre Eltern hatten auch immer wundersch?ne Hortensien in ihrem Garten wachsen. Teilweise waren sie bedeckt vom Laub, das von den B?umen fiel. Es musste nicht angeklopft werden. Die Bewohner des Hauses begr¨¹?ten den hohen Besuch schon vor der T¨¹re. Alle drei, Getrude, Hans und Viktoria Moser pr?sentierten sich in ihren besten Kleidern. Nach den notwendigen Formalit?ten traten dann der Kaiser und seine Gattin, gefolgt von den anderen Begleitern ein. Sie setzten sich auf eigens vorbereitete St¨¹hle mit Kissen.
Wie der Haushalt, den sie zuvor besucht hatten, war dies ein ?rmliches Heim. Jedoch hatten die Gastgeber auch einen Teppich am Boden ausgebreitet, der normalerweise nicht hier war. Auf diesem war ein niedriger Tisch, auf dem man s¨¹?e Obstk¨¹chlein f¨¹r die G?ste auf Tellern bereitgestellt hatte. Recht viel mehr an ?geb¨¹hrendem Empfang¡° konnten sie leider nicht bereiten. Es war auch klar wieso. Das Kind, ebenso wie seine Mutter, trug ein rotes Kleid, passend zu ihrer Haarfarbe, und hatte einen scheinbar brandneuen Haarreif. Der Vater, Hans, trug einen Anzug, der ein traditionell l?ndliches Design hatte. An seiner Haltung, wie auch an seiner ledernen, von der Arbeit abgescheuerten Haut, war ihm die schwere seines Alltags abzulesen. Die Familie wagte es nicht zuerst zu sprechen und schaute nur auf den hohen Besuch hin¨¹ber. Das Kaiserpaar seinerseits, blickte anfangs auch nur auf die drei hin¨¹ber, wobei es beim Anblick des M?dchens sofort klar wurde, dass diese tats?chlich eine Magierin war.
Dann erhob Ihre Hoheit, die Kaiserin, die Stimme und redete nicht um den hei?en Brei: ?Das Kaiserhaus sucht einen Erben. Daher h?tten wir Interesse ihre Tochter zu adoptieren. Sie sind sich sicher bewusst, dass dies aufgrund ihrer ?Besonderheit¡° ist.¡° Ihre Entgeisterung war ihnen durchaus anzuerkennen und Hans entgegnete: ?Wenn wir mit vielem gerechnet h?tten, aber damit nicht.¡° Unklar dar¨¹ber, wie sie dem begegnen sollte zuckte Amalie nur mit den Schultern und sagte: ?Tja. Die Welt ist voller ¨¹berraschungen.¡°
Die Worte der Sich-Unterhaltenden gingen w?hrenddessen ¨¹ber Wenzels Kopf hinweg. Er registrierte sie nicht einmal. Etwas anderes zog ihn in seinen Bann. Es waren Viktorias Augen, in die er intensiv hineinstarrte. Das flackernde Feuer darin faszinierte ihn. Es war ein Feuer so hei? und lodernd, dass es sich in seine Seele brannte. Ebenso aber starrte auch das M?dchen zur¨¹ck. Sie hatte mit dem nerv?sen Baumeln ihrer F¨¹?e aufgeh?rt und blickte nun auch in Wenzels Augen. Darin erkannte sie den kleinen funkelnden Stern in seinen Pupillen. Relativ bald bemerkten die anderen Anwesenden, das ungew?hnliche Verhalten der beiden und h?rten auf zu reden. In die Stille des Raums hinein fragte die Kleine nun den Kaiser: ?Du bist auch ein D?mon, oder?¡° ¨C ?Nein¡°, erwiderte Wenzel, ?Ich bin ein Magier.¡° Ein kindliches Grinsen formte sich da in Viktorias Gesicht. Wie von der Tarantel gestochen sprang sie pl?tzlich auf und lie? eines der Teller, das auf dem Tisch zwischen ihnen stand, durch Telekinese auf Wenzel hin¨¹berfliegen! Der Mann brachte es nur einen Zentimeter vor seinem K?rper zum Stillstand. W?hrend das Geschirr weiterhin in der Luft vor ihm schwebte, lie? das M?dchen ein beeindrucktes ?Ohh¡° aus.
Sogleich packte sie ihr Vater da am Arm und begann sie heftig zu tadeln. Der Souver?n erhob in dem Moment aber seine Hand. Der Vater verstand das Signal und lie? sofort von seiner Handlung ab. ?Es ist okay. Sie wollte nur testen, ob ich auch wirklich die Wahrheit sagte¡°, erkl?rte Wenzel die Situation. Die Emp?rung der Eltern verzog sich dadurch wieder. Sie sahen, dass Wenzel Verst?ndnis f¨¹r Viktorias Verhalten hatte. Die junge Dame riss sich dann von ihrem Vater los und stellte sich direkt vor den Kaiser. ?Hast du auch Tr?ume von Dingen, die einmal passieren werden?¡°, erfragte sie nun von ihm. Er antwortete kurz mit: ?Ja, hab ich.¡°
Behutsam lie? Wenzel den Teller wieder herab auf die Tischplatte. Die feinf¨¹hlige Kontrolle seiner Telekinese schien Eindruck bei dem Kind zu machen. Schlie?lich versuchte Amalie wieder das Gespr?ch in die gew¨¹nschten Bahnen zu leiten. ?Und was meinen Sie zu unserem Vorschlag?¡°, adressierte sie nun die beiden Elternteile. Gertrude und Hans schauten sich an und fl¨¹sterten sich dann gegenseitig etwas zu. Es dauerte eine Weile, aber die Bittsteller hatten es nicht eilig. Als sie ihre Unterhaltung beendet hatten, antwortete der Vater Amalie dann:
?Es ist eine schwierige Sache. Das Kind ist schon zu alt f¨¹r so etwas.¡° Dieser Sache war sich das Herrscherpaar nat¨¹rlich bewusst. Die Worte des Mannes zeigten allerdings, dass er annahm, ohnehin kein Mitspracherecht bei der Angelegenheit zu haben, da es das Kaiserhaus war, das die Bitte an sie richtete. Er fuhr fort: ?Viktoria ist¡..ein anstrengendes Kind. Sie werden sehen, was ich damit meine.¡° Er pausiert einen Moment und blickte dann hin¨¹ber zu seiner Ehefrau. Diese nickte ihm versichernd zu, woraufhin er weiterredete: ?Sie ist ein Teufel! Wir haben sie immer geliebt, aber die Kleine ist verflucht und davon kann nichts Gutes kommen.¡° Aufm¨¹pfig gab Viktoria ihm da Widerrede und sagte: ?Immer sagst du nur gemeine Sachen ¨¹ber mich, Papa! Was soll ich denn machen?¡°
Ein Anflug von Zorn war in Hans zu erkennen, doch er lie? es sein auf ihre Aussage zu reagieren. Alle im Raum waren ¨¹berrascht von der Dreistigkeit, aber auch der Furchtlosigkeit des M?dchens. Der Meinung des Paares schenkten Wenzel und Amalie hier keinerlei Aufmerksamkeit. F¨¹r sie war diese Einstellung nur ein Resultat ihrer Unwissenheit ¨¹ber Magie. Infolge wurden noch ein paar formelle Dinge mit den Eltern besprochen. Danach trat Wenzel an die Kleine heran. Er ging in die Knie, um sich auf ihre Augenh?he zu begeben und stellte ihr dann die Frage: ?M?chtest du mit uns kommen, Viktoria? Wir w¨¹rden uns gut um dich k¨¹mmern und du m¨¹sstest dir nie mehr Sorgen um deine Zukunft machen.¡° Verunsichert blickte sie hin¨¹ber zu ihren Eltern. Diese deuteten ihr mit Gesten, dass sie das Angebot annehmen sollte. ?Okay¡°, war alles, was sie Wenzel gegen¨¹ber ?u?erte.
Dies war der Tag an dem Viktoria adoptiert wurde. Auf der R¨¹ckfahrt in den Palast hatte das Kind dann doch noch einige Fragen. Sie wollte wissen, warum genau sie adoptiert wurde, eine Frage, auf die sie eigentlich von selbst die Antwort wissen musste. Au?erdem wollte sie in Erfahrung bringen, ob sie denn ihre Eltern wiedersehen durfte. ?Wenn sich die M?glichkeit ergibt, ja. Aber nicht st?ndig. Du wirst jetzt mit uns leben und wir werden deine Eltern sein, Viktoria¡°, hatte Wenzel ihr darauf geantwortet. Das M?dchen hatte dies ¨¹berhaupt nicht verstanden. Sie machte aber auch keinen Versuch sich zu widersetzen. Den Gro?teil der Fahrt w¨¹rde sie still neben Amalie sitzen und beim Fenster hinausschauen.
Es war ein klarer Herbsttag und auf den Feldern konnte man wieder einmal allerhand Leute schuften sehen. Wenn der eine oder andere einen neugierigen Blick zu ihr her¨¹berwarf, versuchte sie sich hinter dem Holzverbau des Wagens zu verstecken. Sie war nicht sch¨¹chtern. Vermutlich hatte man ihr beigebracht besser nicht gesehen zu werden. Dies machte Wenzel und Amalie ein wenig traurig. K¨¹nftig w¨¹rde die Kleine keinen Grund mehr haben sich zu verstecken. Ein neues Leben hatte begonnen. F¨¹r sie alle.
1. 03 Verm?chtnis
Es war ein strahlend sch?ner Tag, an dem sie das s¨¹dliche Stadttor der Hauptstadt durchquerten, und nur ein paar Sch?fchenwolken zogen gem?chlich am Himmel entlang. Schon w?hrend ihrer Anfahrt hatte Viktoria ihre Nase gegen die Scheibe gedr¨¹ckt und hatte aufgeregt, ?Ist sie das? Ist sie das?¡°, gerufen. Nun durchfuhren sie die dunkle H?hle, die das dicke alte Tor ihnen bot. Die Torw?chter salutierten bei der Durchfahrt des Erkorenen. Dann als sie wieder unter die Strahlen der Sonne gerieten, pr?sentierte sich die Kaiserstadt in all ihrer Pracht. Mit offenem Mund blickte das Kind gespannt beim Fenster hinaus, rannte dann hin¨¹ber zu dem auf der anderen Seite, um zu sehen, was man dort erblicken konnte. Wenzel kam da ein L?cheln ¨¹ber die Lippen. Sie erinnerte ihn an sich selbst. Als er in jungen Jahren hierher nach Hause zu seinen Eltern zur¨¹ckgekehrt war, hatte er auch immer die beeindruckende Architektur der Stadt bewundert.
Und das Staunen ihrer neuen Adoptivtochter war in der Tat gro?. Sie brachte ihren Mund gar nicht mehr zu, so sehr staunte sie ¨¹ber die riesigen Monumentalbauten, mit ihren charakteristisch goldenen D?chern. Sie waren ja auch in der oft als ?Goldene Stadt¡° bezeichneten Metropole. Sie fuhren zwischen den mit Heiligenstatuen gekr?nten S?ulen, die die sogenannte Reichsstra?e s?umten, passierten die gro?en Repr?sentationsbauten und die Verk¨¹ndigungskathedrale, bis sie letztlich beim Melgarionenpalast ankamen. Seine gewaltigen Dome lie?en Viktoria sprachlos. Amalie war ¨¹beraus unterhalten von und erfreut ¨¹ber das Verhalten des M?dels. Als sie ihre Kutsche verlie?en, sagte Wenzel dann zu ihr: ?Wir sind da. Das ist dein neues Zuhause! Gef?llt es dir?¡° Das Kind war so baff, dass es nicht antwortete. Ihr Adoptivvater belie? es dabei.
Amalie wollte die Kleine an der Hand nehmen, aber diese zog sie ¨¹berrascht zur¨¹ck. Leicht entt?uscht davon, ging die Kaiserin dann einfach neben dem Kind die Treppen hoch, wobei Wenzel auf der anderen Flanke Viktorias blieb. Beim Betreten der Eingangshalle, blickte sie erneut mit gro?en Augen um sich. Vor allem die bunten Mosaikmuster der Marmorflie?en am Boden hatten es ihr scheinbar angetan. ?Mein Herr, ich werde mich hier nun von dir verabschieden m¨¹ssen¡°, informierte ihn Brahm, der sie bis hierher begleitet hatte. Den formalen Ton schlug er an, da sie sich immer noch in einem offiziellen Milieu befanden. Privat sprach er immer noch wie ein Freund mit ihm, aber im Laufe der Jahre hatte man die Formalit?t und Etikette wieder in gro?en Teilen zur¨¹ckgebracht. Sein Boss verabschiedete ihn kurz. Dann fuhr die frisch gebackene Familie damit fort, ihrer Tochter einige wichtige Dinge im Palast zu zeigen.
Zuallererst ging es hin¨¹ber in ihre Gem?cher. Es waren mehrere gro?e R?ume, die ein gro?es Ehebett mit eigenem Baldachin, einen weitl?ufigen Kleiderschrank der Kaisergattin, sowie Wohnr?ume umfassten, die mit edlem Mobiliar best¨¹ckt waren, welches aber Gro?teils schon hier gewesen war, bevor sie eingezogen waren. F¨¹r die ersten paar N?chte w¨¹rde Viktoria hier gemeinsam mit ihnen ¨¹bernachten. Der Grund daf¨¹r war, dass ihr eigenes Zimmer, das sie bekommen w¨¹rde, noch nicht bezugsfertig war. Es w¨¹rde ein vergleichsweise mittelgro?er Raum sein, der ein St¨¹ck weiter den Gang hinunter lag und von wo aus man einen guten Blick ¨¹ber die gesch?ftigen Stra?en drau?en hatte. Das Kinderzimmer w¨¹rde eben der Raum werden, der einmal Wenzels B¨¹ro gewesen war und in welchem er laut seiner Vision, die er vor vielen Jahren hatte, von August vergiftet werden w¨¹rde. Daher hatte er sein B¨¹ro woandershin verlegt. Der Kaiser legte gro?en Wert darauf, dass diese Vision niemals wahr werden w¨¹rde, wie er auch durch seine fr¨¹here, verwerfliche Handlung gegen¨¹ber dem einstigen Reichskanzler klar unter Beweis gestellt hatte.
Das M?dchen hatte noch nie so gro?e R?ume gesehen. Sie rannte ¨¹berall herum und schaute sich alles an. Viktoria sprang auf Diwane deren Holzlehnen mit feinen Schn?rkeln verziert waren, sie rannte in den Kleiderschrank, der ein ganzer Raum f¨¹r sich war, und betrachtete und begrabschte die Kleider darin. Dann zischte sie wie ein Wirbelwind hin¨¹ber in die anderen R?ume und sah sich auch dort alles genau an. Ihre Adoptiveltern setzen sich einstweilen an einen Tisch und lie?en sich Tee von einem Diener bringen. W?hrend die Kleine ¨¹berall herumwuselte, beobachtete sie Wenzel genau. Sie war ein sehr anderes Kind als er es gewesen war. Nicht still und zur¨¹ckgezogen, sondern neugierig, frech und voller Energie. Sie war noch v?llig fremd hier und dennoch durchk?mmte sie die Gem?cher, als ob sie bereits ihr geh?rten.
Nachdem Amalie und ihr Gatte ihre Tees ausgetrunken hatten, zeigten sie ihrer Tochter noch ein paar andere Orte, die im Palast f¨¹r sie wichtig waren. Sie gingen mit ihr hinunter in den Speisesaal, wo es drei Mahlzeiten pro Tag gab. Auch standen dort rund um die Uhr immer Sch¨¹sseln, die mit Dingen, die man zwischendurch einmal essen wollte, bef¨¹llt waren. Heimisches Obst wie etwa ?pfel, Birnen und Zwetschken waren hier zu finden, aber auch Bananen und Orangen, also Fr¨¹chte, die man aus den s¨¹dlichen Gefilden importieren musste. Ebenso konnte man sich N¨¹sse und s¨¹?e Bonbons nehmen. Das Letztgenannte zog nun Viktorias Aufmerksamkeit auf sich. Die bunten, weichen Zuckerbomben mit Fruchtgeschmack verzauberten das M?dchen. ?Darf ich was davon haben?¡°, fragte sie. Bevor Wenzel ihr entgegnen konnte, sprach aber schon Amalie: ?Wir sagen hier bitte.¡° Als Viktoria dann die Frage korrekt gestellt hatte, durfte sie nat¨¹rlich etwas S¨¹?es haben. ?Boah! Die sie voll lecker!¡°, rief die Kleine da. So etwas hatte sie noch nie gegessen.
Das Kaiserpaar war wirklich erfreut, das M?del so gl¨¹cklich zu sehen. Sie zeigten ihr an diesem Tag nur noch ein paar wenige R?ume, dann lie?en sie es f¨¹r heute gut sein. In den Folgetagen w¨¹rden sie ihr noch die wichtigsten Bediensteten und ihre Leibwache vorstellen. Einstweilen war es aber genug. Es war schon ein anstrengender Tag f¨¹r Viktoria gewesen.
Seine Hoheit sa? gerade ¨¹ber seinen gro?en Schreibtisch im Arbeitszimmer gebeugt. Um ihn herum lagen Haufen an B¨¹chern und Papieren, die einmal geordnete Stapel gewesen waren, bevor sie umgekippt waren. Das hier befindliche Material war so viel, dass es bereits den Zugang zu den B¨¹cherregalen, die dahinter an der Wand standen, blockierte. Wenzel brauchte wirklich ein paar zus?tzliche Regale. Soeben notierte er wieder seine Beobachtungen und Erkenntnisse, die er bei seinen Experimenten mit Magie gemacht hatte. Er schrieb sie auf Notizzetteln nieder, um die Inhalte dann sp?ter in ¨¹berarbeiteter Form, in sein ?De Arte Magica¡° zu ¨¹bertragen. Dies war sein Hauptwerk und er wollte nicht, dass es aus Kritzeleien und st?ndigen Umbesserungen bestand.
Als er dann fertig war, ging er, ¨¹ber das Durcheinander an B¨¹chern und Unterlagen steigend, hin¨¹ber zur zweiten T¨¹r im Raum. Durch diese betrat er ein anderes Zimmer, welches eine kleine B¨¹cherei war. In der kaiserlichen Privatbibliothek sa? eine kleine Dame mit pechschwarzem Haar. Sie war ebenso gerade in ihre Schreibarbeit vertieft und bemerkte erst relativ sp?t, dass sich der Kaiser ihr n?herte. Sie setzte sich auf und wandte ihm ihren Blick zu, stand aber nicht vom Stuhl auf. ?Kann ich euch helfen, mein Herr?¡° Wenzel trat ein St¨¹ck n?her heran und warf einen fl¨¹chtigen Blick ¨¹ber ihre Aufschrift. ?Was machst du denn gerade?¡°, erkundigte er sich. Ich transkribiere das Buch, dass man im geheimen Keller gefunden hat¡°, erwiderte sie. ?Sehr gut.¡°
Vor kurzem hatte man im Greifenburger Palast einen alten Geheimkeller entdeckt, der von den Usurpatoren offenbar genutzt worden war, um verbotenes Wissen ¨¹ber Zauberei zu verstecken. Zwar hatte man nur ein einziges Buch und ein paar weitere kleine Notizb¨¹cher ausmachen k?nnen, die in Verbindung mit Zauberkunst standen, aber trotzdem war das ein Sensationsfund. So lange schon hatte Wenzel vergeblich nach irgendeinem Wissen ¨¹ber Magie gesucht, dass er f?rmlich frohlockte, als ihn die gute Nachricht erreichte. Nun waren sie dabei das Buch zu ¨¹bersetzen und zu analysieren. Es war, wie auch die Inschrift im Keller des Palastes, in der ?Geheimsprache¡° des Ostrisul, die eigentlich nur eine tote Sprache war, verfasst. Dieser Aufgabe widmete sich momentan die Dame hier.
Sie erhob sich und ging durch den Raum. Dabei konnte man nun ihre dunkelblaue Uniform sehen, die vorne ein Sonnenemblem zeigte, was das Wappen der Kaisergarde war. Es war eine g?nzlich einzigartige Uniform f¨¹r eine Person in einer einzigartigen Position. Denn die Frau war nur formell Teil der Kaisergarde. Eigentlich war Silke die ?pers?nliche Assistentin des Kaisers f¨¹r die Erforschung von Magie¡°. Ein unn?tig langer Titel, der aber bestens bezahlt wurde, wie man sich wohl vorstellen kann. Silke war eine Koryph?e. Sie war die beste ihres Jahrganges der Akademie f¨¹r Geschichtskunde gewesen, beherrschte mehrere Sprachen und hatte ein leidenschaftliches Interesse f¨¹r Archivkunde¡.warum auch immer. Au?erdem war sie die Tochter einer strikt teleiotischen, also altgl?ubigen, Familie, was aus Vertrauensgr¨¹nden sehr wichtig war. Und aus den Gespr?chen mit ihr war f¨¹r Wenzel hervorgegangen, dass sie sich ebenso f¨¹r Magie und deren Funktionsweise faszinierte wie er. Sie war die ideale Besetzung f¨¹r diesen Posten.
Silke bewegte sich hin¨¹ber zu einem Kasten, der, als sie ihn ?ffnete, voll mit riesigen Pergamentrollen war. Bevor sie auch nur eine davon herausziehen konnte, sagte der Mann hinter ihr aber: ?Lassen wir es heute lieber sein mit den Zauberkreisen. Mir w?re es zehnmal lieber, wenn du die Arbeit an unserem gro?en Fund fortsetzen w¨¹rdest.¡° Sie war eindeutig schon m¨¹de, hatte aber genug Enthusiasmus, um ein engagiertes, ?Wie Sie w¨¹nschen!¡°, zu ?u?ern. In den letzten zwei Jahren hatten sie gemeinsam viel Zeit damit verbracht die Funktionsweise von Zauberkreisen zu erforschen. Die Ergebnisse dessen waren durchwachsen. Sogleich ging die blutjunge Dame wieder an Wenzel vorbei und zur¨¹ck an ihren Tisch. Ihrer k?rperlichen Attraktivit?t schenkte der Kaiser keine Aufmerksamkeit.
Bevor sie sich wieder ans Werk machen konnte, griff Wenzel aber nach dem Buch. Es war ein dickes, augenscheinlich uraltes Buch, mindestens zweihundert Jahre alt. Sein Ledereinband war dunkel und abgenutzt. Es war darin kein Autor angef¨¹hrt. Die beiden gingen davon aus, dass es von mehreren der Melgarionen geschrieben worden war, welche es immer wieder von ihrem Vorg?nger weitergef¨¹hrt hatten. Das war an den unterschiedlichen Handschriften erkennbar. Der aktuelle Herrscher Ordaniens war in keiner Weise im Stande das Buch auch nur irgendwie zu lesen. Dennoch bl?tterte er es durch und schweifte mit seinem Blick interessiert ¨¹ber einige der darin aufgezeichneten Zauberkreise. Schlie?lich h?ndigte er es wieder seiner Assistentin aus. ?Dieses Ding ist unser Schl¨¹ssel zum Durchbruch, da bin ich mir ganz sicher.¡°, verlautbarte er. Silke nickte zustimmend.
Speisesaal, zur mitt?glichen Essenszeit. An einem viel zu gro?en, langen Tisch sa?en vier Personen: Kaiser Wenzel, seine Gemahlin Amalie, ihre Tochter Viktoria und Ylva, die neue Leibw?chterin. Durch die Fenster schien die Sonne herein, aber nicht direkt, da es Mittagszeit war und deren Strahlen momentan senkrecht vom Himmel herabfielen. Dennoch war es ¨¹beraus hell im Raum. Es gab n?mlich eine zahllose Reihe an Fenstern hier, fast schon wie in einer Galerie.
Der Tisch war zugestellt mit einer Unzahl an Speiseplatten und Sch¨¹sseln, die unterschiedliche Gerichte pr?sentierten. Amalie und ihr Mann sa?en ruhig und gesittet da und speisten mit Messer und Gabel. Neben ihnen sa? ihre Tochter. Die Kleine tat es ihnen aber nicht gleich. Im Gegensatz zu den beiden griff sie sogleich nach ?dem gro?en H?hnchen¡° und riss sich davon mit blo?en H?nden ein Bein herunter. ?Viktoria?¡°, kam es da von Amalie in einem leicht warnenden Ton. Das M?dchen schaute sie daraufhin verdutzt an. ?Wir ben¨¹tzen hier nicht unsere H?nde, sondern nehmen das Besteck¡°, erkl?rte sie ihr dann. Unbeholfen schaute Viktoria neben ihren Teller, wo das Besteck aufgelegt war. Sie schnappte sich kurzerhand das Messer und schnitt damit an dem St¨¹ck Fleisch herum, das jetzt bereits auf ihrem Teller lag. Dabei hielt sie es aber mit den Fingern der linken Hand fest.
Ihre neue Mutter kratzte sich im Gesicht und atmete auf seltsam entnervte Weise aus. Ylva die neben der Kleinen sa? konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Die Leibw?chterin fragte: ?Darf ich ihr helfen, Eure Hoheit?¡° Amalie schien kurz im geistigen Leerlauf zu sein, erwiderte dann aber: ?Nein. Lass es derweil. Wir bringen es ihr das n?chste Mal bei. Ohnehin wird sie auch Etikettestunden bekommen.¡° Wenzel dachte sich nur: ?Die werden auch wirklich notwendig sein!¡° Folglich begann das Kind auf relativ wilde Art ihr Essen zu sich zu nehmen. Mangels Tischmanieren schlang sie es f?rmlich hinunter und nahm sich gleich noch etwas nach. Ihre Eltern konnten gar nicht hinsehen.
W?hrenddessen sa? Ylva immer noch da und a? nichts. Sie war zur Leibwache der Prinzessin bestimmt worden. Ylva war eine gro? gewachsene Frau, mit starkem K?rperbau, aber einem lieblichen Gesicht. Ihre kastanienbraunen Haare waren zu einem engen Haarknoten gebunden, um nicht bei der Arbeit in den Weg zu geraten. Die Dame wartete, bis sie an der Reihe war. Sie war niederen Standes hier am Tisch und den Gebr?uchen nach war es ¨¹blich, dass die Rangh?heren zuerst a?en. Nur was sie an Essen ablehnten, w¨¹rden die N?chsth?heren bekommen. Dies bedeutete, dass Ylva hier als Letzte dran war. Sie wusste, dass der Souver?n ein sanfter Mann war, der es mit diesen alten Sitten nicht so streng nahm, aber dennoch wagte sie es nicht, von sich aus einen potentiellen Fehler zu begehen.
Auf dem Tisch waren allerlei interessante Speisen serviert. Das ?H¨¹hnchen¡°, wie ihre neue Tochter es nannte, war eigentlich ein Pfau. So eine Kreatur hatte sie nat¨¹rlich noch nie gesehen. Des Weiteren standen am Tisch noch ein Fisch, der vermutlich eine gebratene Forelle war, Pastinakenp¨¹ree, was eine Beilage war, die Kaiserin Amalie besonders mochte, Brot und einige weitere Beilagen. Ein St¨¹ck von dem Fisch probierte die junge Prinzessin, spuckte es dann aber unter lautem, ?Wei! Was ist das denn?¡°, aus. Sie hatte noch nie in ihrem Leben Fisch gegessen und verwehrte ihn daher erst einmal. Folglich nahm Ylva jenes St¨¹ck Fisch, das Viktoria nicht mochte.
Es war eine surreale Szene. Drei Hochadelige Erwachsene a?en gesittet am Tisch, w?hrend neben ihnen schmatzend und ungehobelt, ein Kind gro?e Mengen an Essen in sich hineinschaufelte. Sie kannte keine Zur¨¹ckhaltung. Wenzel war nur froh dar¨¹ber, dass es ihr schmeckte. Ihm war v?llig bewusst, dass es das erste Mal war, dass das M?dchen solch gut zubereitete Speisen bekam. Die Bauern Ordaniens lebten zum ¨¹berwiegenden Teil von Brot, Getreidebrei, Gem¨¹se und Linsen. Bei ihnen gab es nur sehr selten Fleisch und Gew¨¹rze waren ein Luxusgut.
Es dauerte wesentlich k¨¹rzer, als er erwartet hatte, bis seine Assistentin den gesamten Band ¨¹bersetzt hatte. An jenem Tag war Silke so aufgeregt, dass sie wortw?rtlich bei der T¨¹r ihres Arbeitsplatzes hereinstolperte und zu Boden fiel. Wenzel, der schon vorher da gewesen war, drehte sich unmittelbar um und fragte sie, ob es ihr auch gut ginge. ?Alles okay. Ich bin nur ein Tollpatsch!¡°, machte sie sich selbst runter und sammelte hastig die B¨¹cher zusammen, die sie mitgebracht hatte. ?Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat, mein Herr. Die Hauptbibliothek ist ja doch einige Blocks weg von hier. Als ich bemerkt habe, wie sp?t ich dran bin, habe ich mich dann beeilt so schnell wie m?glich herzukommen. Naja, das habe ich jetzt davon.¡° ¨C ?Mach dir da keinen Kopf. Jetzt bist du ja hier¡°, erwiderte ihr Chef mit ruhigem Gem¨¹t. Danach setzten sie sich zusammen und besprachen die Inhalte des ¨¹bersetzten Buches.
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?Ich konnte noch nicht alles hundertprozentig ¨¹bersetzen. Manche W?rter sind aufgrund der Handschrift einfach kaum zu entziffern. Trotzdem habe ich so einiges Interessantes darin finden k?nnen. Es scheint sich hier prim?r um ein Buch ¨¹ber Zauberkreise zu handeln. Das ist ¨¹beraus passend, da wir auch in diesem Bereich besch?ftigt waren¡.und sind.¡° Jetzt fragte Wenzel nach: ?Und steht auch etwas ¨¹ber allgemeine Regeln darin oder ist es nur eine Sammlung an Zauberkreisen, deren Regeln wir uns dann selbst ableiten m¨¹ssten?¡° ¨C ?Gl¨¹cklicherweise sind ein paar Grundregeln in manchen Fu?noten genannt, aber generell ist es wohl eher ein Katalog an verschiedenen Kreisen.¡° Es h?tte zwar besser sein k?nnen, doch war es immerhin ein guter Umstand, ¨¹ber den sich der Magier trotzdem nicht beschweren konnte.
Sie fuhr fort: ?Eine der essenziellsten Regeln haben wir ja selbst schon herausgefunden, n?mlich dass die Kreise mit irgendeiner Art von Fl¨¹ssigkeit, also Tinte oder sogar Blut, gezeichnet werden m¨¹ssen. Des Weiteren scheinen sie nur zu funktionieren, wenn man sie in der Ostrisulischen Schrift schreibt. Alle Zauberspr¨¹che und Symbole m¨¹ssen sich zudem in der Rundung befinden, das Innere des Kreises muss immer leer bleiben. Und alle Zauberzirkel ben?tigen einen Zauberspruch, der aufgesagt werden muss, um aktiviert zu werden.¡° Ihr Zuh?rer sah sie kurz an, dann erhob er die Stimme: ?Du hast noch eine Sache vergessen.¡° Bevor sie antworten konnte, sprach er aber schon: ?Zauberkreise brauchen Magie, um aktiviert werden zu k?nnen. Entweder die magische Kraft eines Zauberers oder eine, die in einem Objekt versiegelt ist, ist vonn?ten.¡°
Sehr uncharakteristischer Weise begann da Silke fast schon zu schmollen und erwiderte: ?Mein Herr, Ihr nehmt mir die Worte aus dem Mund. Das wollte ich soeben sagen!¡° ¨C ?Oh, dann tut es mir leid!¡°, entschuldigte sich Wenzel gleich. Es war durchaus m?glich Gegenst?nde, die Magie enthielten zu erschaffen. Wie genau dies m?glich war, wussten sie zwar noch nicht, aber das einstige Seelenamulett des Herrschers war ein unleugbarer Beweis daf¨¹r. Auf diese Weise war es auch ?normalen¡° Menschen m?glich Zauberei zu wirken oder zumindest Zauberkreise zu aktivieren. Dann setzte seine Assistentin wieder fort:
?Ich habe mir au?erdem die M¨¹he gemacht, die unterschiedlichen Zauberkreise und deren Wirkungen hier aufzulisten.¡° Wenzel nahm ihre Liste dankend entgegen. Als er sie durchlas, sprang ihm ein Eintrag besonders entgegen. ?Ein Heilungsritual¡°, sagte er ungewollt und f¨¹r Silke h?rbar aus. Die Dame packte da gleich der Ansporn. ?Wollt Ihr dieses etwa ausprobieren?¡°, erfragte sie in unverkennbar erpichtem Ton. Wenzel wollte fast schon z?gern, gab ihr aber gleich nach. Es gab hier keinen einzigen Grund z?gerlich zu sein. Dies war h?chstwahrscheinlich jenes Heilungsritual von dem Elisabeth damals gesprochen hatte. H?tte er es zu diesem Zeitpunkt gekannt, h?tte er sie wom?glich noch retten k?nnen. M?glicherweise h?tte dadurch das Melgarionische Kaiserhaus ¨¹berlebt und die Geschichte von ganz Kaphkos h?tte einen ganz anderen Verlauf genommen. Nun ja, was geschehen ist, ist geschehen. Dennoch erinnerte sich der Kaiser, den die Revolution hierhin gebracht hatte, an diesen Schicksalstag mit n¨¹chternem Affekt. ?Was w?re wenn¡° war eine Frage, die man sich lieber nicht stellen sollte.
W?hrend er ¨¹ber all das sinnierte, holte Silke bereits eine gro?e Rolle Pergament hervor und stellte ein Tintenfass bereit. Wenzel bestand darauf den Kreis selbst zu zeichnen. Sie hielt ihm unterdessen den Bogen straff, da er sich vom langen Aufgerollt-Sein weigerte flach liegen zu bleiben. Es waren einige komplizierte Symbole, die der Zauberer da m?glichst korrekt aufmalen musste. Er war nicht der Begabteste, was Fingerfertigkeit anbelangte, doch genau deshalb wollte er es auch hier ¨¹ben. Als er mit seinem Werk fertig war, verbesserte ihm seine Assistentin noch zwei kleine Malheure, dann war der Zauberkreis fertig. Um ihn zu aktivieren, ben?tigte man noch Knochenpulver und schwarzen Sand.
Tats?chlich hatten sie beides bei der Hand, da sie schon die letzten zwei Jahre herumexperimentiert hatten. Silke kippte ein wenig von beiden Zutaten in Wenzels linke Hand. Mit seiner rechten hielt er das Buch, dessen Text er nun vorlesen sollte. ?Einen Moment!¡°, mahnte sie ihn noch kurz zu warten. ?Wir brauchen etwas, dass man heilen kann, um zu testen, ob das Ritual auch Wirkung zeigt.¡° Der Kaiser fackelte nicht lange herum und schnitt sich mit dem kleinen Messer, das er zur Selbstverteidigung immer dabeihatte, in den eigenen Finger. Die Frau schien davon gar nicht allzu schockiert zu sein. Als die ersten warmen Tropfen auf den Boden fielen, begann Wenzel den Zauberspruch laut aus dem Buch aufzusagen.
?Osto me kokalo, haima me haima. Gia na therapeuthoun xana. Pare auti ti dynami apo mena kai kane to xana olokliro.¡°
Langsam begann der Kreis zu seinen F¨¹?en bl?ulich zu leuchten. ?Tropf, tropf¡°, ging es weiterhin von seinem Finger herab.mSchlie?lich las er den letzten Vers, woraufhin er dann das Pulver in seiner linken Hand hinunter auf den Zauberkreis warf. Er begann ganz kurz grell zu scheinen und der, der darinstand, sp¨¹rte, wie das Mana aus ihm herausfloss. Dann ging sein Licht pl?tzlich aus. Darauffolgend ¨¹berpr¨¹fte der Magier seinen Finger. Es war kein Schnitt mehr zu sehen. Die Wunde war geheilt. ?Jawohl!¡°, begann Silke nun enthusiastisch zu rufen. Auch Wenzel war hocherfreut, so sehr, dass er in seinem ¨¹berschwang seine Assistentin umarmte. ?Bitte, mein Herr, ich glaube nicht, dass¡.¡°, setzte sie an, beendete ihren Satz aber nicht mehr.
Grund daf¨¹r war die Dame, die nun in der T¨¹r stand. Als Wenzel seinen Kopf hin¨¹berdrehte, begegnete ihm Amalie. Mit eiskaltem Blick. Sofort trat er wieder zur¨¹ck von Silke, aber es war schon zu sp?t. ?Ich ?hm,¡.es war nur ein Experiment mit Magie, das uns gegl¨¹ckt ist, Schatz. Es gibt nichts, wor¨¹ber du dir Sorgen machen m¨¹sstest.¡° Seine Gemahlin zog eine Augenbraue hoch und blickte ihn und die Dame neben ihm scharf an. ?Sicher doch, Liebster.¡° Eigentlich musste sie wissen, dass sie alles f¨¹r Wenzel bedeutete, aber mit der Eifersucht war es halt so eine Sache¡.
Freudig st¨¹rmte Viktoria den Gang nach vorne, so weit, dass Amalie ihr zurufen musste, doch bitte etwas zusammen zu warten. Ylva sah hier momentan keine Gefahr im Palast und spazierte einstweilen neben der Kaiserin, mit der sie ein Gespr?ch f¨¹hrte. Heute hatten sie ein Treffen mit Irnfrids T?chtern, Marzia und Eleonore, ausgemacht. Marzia war circa in Viktorias Alter, Eleonore war zwei Jahre j¨¹nger als diese. Am Ende des Gangs, wo dieser nach links und rechts abzweigte, wartete das rothaarige Energieb¨¹ndel ungeduldig. ?Wenn du immer so weit vorl?ufst, kann ich nicht auf dich aufpassen, junge Dame!¡°, richtete sich die Leibw?chterin an das M?del, als sie endlich zu dieser aufgeholt hatten. ?Aber Warten ist immer so langweilig!¡°, beschwerte sich die Kleine und lief gleich wieder voraus, als sie sah, in welche Richtung es weiter ging.
In einem Raum, der als Spielzimmer adaptiert worden war, trafen sie dann Irnfrid, die Ehefrau des Obersten Marschalls. Ihre beiden T?chter waren bereits besch?ftigt. Sie sa?en am mit Teppichen ausgelegten Boden und spielten mit ihren Puppen. Beide Kinder hatten schwarzes, dichtes Haar, wie ihr Vater, aber die h¨¹bschen, femininen Gesichtsz¨¹ge ihrer Mutter. ?Hier, Viktoria! Du kannst ruhig hin¨¹bergehen zu den zwei M?dchen und mit ihnen spielen.¡° ¨C ?Okay!¡°, entgegnete sie kurz und rannte gleich hin¨¹ber zu den beiden. ?Hallo, ich bin die Viktoria. Was spielt ihr denn da?¡° Das Kind hatte gar nicht nach den Namen der beiden anderen gefragt. ?Mit Puppen spielen wir gerade¡°, antwortete ihr Marzia etwas sch¨¹chtern.
Unterdessen setzten sich Irnfrid und Amalie zusammen und unterhielten sich, w?hrend sie ein Auge auf ihre Kleinen warfen. Ylva boten sie auch an, sich in der Zwischenzeit zu ihnen zu gesellen. ?Und wie geht es deinem Mann so? Ich habe ihn in letzter Zeit nicht so oft gesehen¡°, erkundigte sich die die Kaisersgemahlin ¨¹ber Theodor. Ihre Freundin meinte da nur: ?Es geht ihm so gesehen eigentlich ganz gut. Er ist halt immer recht besch?ftigt. Momentan verbringt er viel Zeit mit Alexander. Er versucht den Burschen immer viel zu sehr zu drillen, weil er unbedingt m?chte, dass er so wie er selbst wird. Ich habe ihm schon viel zu oft gesagt, dass sich das nicht erzwingen l?sst, aber du wei?t ja, wie er ist. Auf mich h?rt er ja sowieso nicht.¡°
Amalie konnte ihr da nur beipflichten. All die Jahre des Krieges hatten den Mann abh?rten und abstumpfen lassen. Beide wussten das und doch war es nicht einfach damit umzugehen. Dann wandte sich Irnfrid an Amalie: ?Du siehst so gl¨¹cklich aus, wei?t du das?¡° ¨C Tu ich das?¡°, fragte die Adressierte, die sofort eine Parallele mit dem, was Flora ihr gesagt hatte, zog. Diese hatte wortw?rtlich dasselbe ¨¹ber sie behauptet. ?Verstehe ich. Ich war auch ¨¹bergl¨¹cklich, als ich mein erstes Kind bekommen habe. Auch wenn bei dir nicht ganz dasselbe ist, so wird es wohl ein sehr ?hnliches Gef¨¹hl sein¡°, vermerkte die Dame. Etwas verlegen erwiderte Amalie einfach: ?Ja. Da hast du sicher recht.¡° Ihre Wangen r?teten sich ganz leicht, was Irnfrid am¨¹sierte. Auch Irnfrid war sichtlich ?lter geworden. Sie hatte zwar noch nicht viele Falten, doch die Kr?henf¨¹?e an ihren Augen begannen sich schon zu formen und sie war nicht mehr ganz so schlank, wie sie einmal gewesen war.
Aus dem Nichts heraus riss es die beiden aber pl?tzlich aus ihrem gem¨¹tlichen Gespr?ch heraus. Der Teppich, auf dem die M?dchen spielten, stand auf einmal in Flammen! Was war passiert? Viktoria verweigerte mit den zwei anderen, Puppen zu spielen. ?Das ist langweilig!¡°, hatte sie gesagt. Sie wollte stattdessen, dass ihre Spielkameradinnen gemeinsam mit ihr mit den Baukl?tzen spielten. Die anderen beiden wollten dies aber partout nicht. Sie war mehrmals deswegen zu ihnen gegangen, weil sie nicht alleine spielen wollte. Sie hasste es alleine zu spielen! Das rief in ihr Erinnerungen an die Eltern in Dorf, die deren Kinder von ihr fernhielten, wach. Als sie nun wieder auf Ablehnung gesto?en war, wurde Viktoria schlie?lich w¨¹tend. Die Magierin knirschte mit den Z?hnen und ballte die F?uste. Dann sprang sie herum und schrie die zwei an. Ihre Emotionen lie?en die Magie f¨¹r das freie Auge erkennbar aus ihr herausstr?men. Die Wut der Kleinen entz¨¹ndete schlie?lich den Spielteppich!
Infolge mussten die M¨¹tter der drei sie gleich von dort wegschaffen. Die Leibw?chterin spielte kurzerhand Feuerwehr. Das Feuer war aber schnell gel?scht und das Problem somit behoben. Nur der Teppich war im Eimer. Amalie gab ihrer Tochter nat¨¹rlich gleich Schimpfen. Die zwei anderen wichen dem lieber aus und Eleonore wollte sich sogar hinter ihrer Mama verstecken. Viktoria machte ihr Angst. Das Spieltreffen war ruiniert.
Der Zauberer schaute hinunter auf sein Werk. ?De Arte Magica¡° stand darauf. Gr¨¹ner Einband. Er schlug es auf und las das dritte Kapitel. Es war mit ?Heilige Artefakte¡° betitelt.
Normalerweise ist Magie an die Seele, also etwas Lebendiges gebunden. Es scheint nun so, dass es m?glich ist Magie an Objekte zu binden. Diese sind aber nicht beliebige Objekte. Jeder der Gegenst?nde, die magische Eigenschaften aufzuweisen scheinen, hat einen Edelstein darin eingesetzt. Bedeutsam ist hier auch zu vermerken, dass bisher alle solchen Artefakte, die gefunden wurden, bis auf die Zeit Melgars des Gro?en zur¨¹ckgehen. Es ist davon auszugehen, dass der urspr¨¹ngliche Erkorene selbst diese erschaffen hat. Die Methode ist unbekannt. Es l?sst sich aber die Regel ableiten, dass das Binden von Magie an ein Objekt ausschlie?lich mit Edelsteinen vollziehbar ist. Eine plausible Theorie w?re hierbei, dass ein Teil der Seele selbst in den Edelstein eingeschlossen wird, um die Magie darin zu halten. Weitere Tests sind diesbez¨¹glich notwendig.
Auf solche Art entstandene Gegenst?nde werden von nun an als ?Heilige Artefakte¡° bezeichnet werden, im Einklang mit der teleiotischen Definiton des Heiligkeitsbegriffes und seiner Verbundenheit mit Magie. Die bisher belegten Heiligen Artefakte sind folglich gelistet:
- Die Kaiserkrone Melgars
- Das Reichsszepter
- Der Reichsapfel
- Das Amulett Melgars
- Das zeremonielle Kr?nungsschwert
Diese sind die f¨¹nf Kronjuwelen, welche traditionell bei der Kr?nung aller bisherigen Kaiser des Heiligen Reiches verwendet wurden. Es schien f¨¹r Melgar gro?e Bedeutung gehabt zu haben, dass genau diese Gegenst?nde zus?tzlich zu ihrer symbolischen Relevanz auch noch eine weitere bekamen. Weshalb kann bisher nicht genau eruiert werden. Einen weiteren Hinweis darauf gibt uns allerdings die Inschrift im Keller des Kaiserpalastes in Meglarsbruck.
?F¨¹nf wertvolle Sch?tze. F¨¹nf Schl¨¹ssel zur Ewigkeit. In einer Hand vereint reichen sie das Schicksal in die Zukunft weiter.¡°
Dies l?sst den Schluss zu, dass seine Heiligkeit der Erkorene eine Methode des Bewahrens von Magischer Kraft durch Objekte anstrebte. Die Magie w?re hierin als ?Schl¨¹ssel zur Ewigkeit¡° zu verstehen, da sie scheinbar nicht mit der Zeit ausgeht, sondern sich darin dauerhaft h?lt.
Der Mann schlug das Buch wieder zu. Es gab noch so vieles, was er ¨¹ber Magie in Erfahrung bringen musste, und er w¨¹rde das alles aufzeichnen, rational erkl?ren und hierin zu Papier bringen. Es w¨¹rde sein Magnum Opus werden, sein Verm?chtnis. Er drehte sich um und blickte in Richtung der Wand links von sich. Hinter dem Regal, das hier stand, war ein geheimes Fach in der Mauer eingelassen. Darin hatte er die f¨¹nf Kronjuwelen versteckt. Der Erkorene hatte sie hier bei sich aufbewahrt, da er sie genau untersucht hatte und Experimente damit durchf¨¹hrte. Auf der anderen Seite des Zimmers war soeben Silke dabei, die furchtbare Unordnung, die ihr Boss hier entstehen hatte lassen, aufzur?umen. ?Alles liegt hier kreuz und quer, mein Herr! Ich h?tte euch sicher geholfen, wenn ihr mich fr¨¹her dar¨¹ber in Kenntnis gesetzt h?ttet.¡°
Wenzel ignorierte ihre offenkundig falsche Schlussfolgerung, dass er dieses Chaos verursacht hatte und nicht das Umfallen seiner B¨¹cherstapel. Beim ihm hatte alles seine Ordnung und er wusste, wo er was hingelegt hatte, nur hatte er nicht genug Stauraum daf¨¹r, das war alles. Mit einem Finger deutete er ihr lediglich auf einen der Haufen und verwies sie: ?Bitte, lass mir den Stapel hier. Die anderen Sachen kannst du ruhig woandershin r?umen, aber das hier sind meine historischen Unterlagen, mit denen ich mich momentan noch besch?ftige.¡° Seine Assistentin wollte fast schon die Augen verdrehen, traute sich dann aber nicht und gab ihm einfach recht.
Nun ging Wenzel hin¨¹ber zum Geheimfach und holte die vier Heiligen Artefakte heraus. Ja, Sie haben richtig gelsen: Vier! Wie der Kaiser und seine Assistentin herausgefunden hatten, war der Reichsapfel eine F?lschung, deren Edelstein keine magischen Eigenschaften besa?. Er war ¨¹berzeugt, dass der echte noch irgendwo sein musste, an einem Ort, wo ihn keiner finden konnte. Ihn ausfindig zu machen war nun eine weitere seiner Aufgaben. Bis dahin w¨¹rde das Fake hier verweilen, um den Eindruck zu bewahren, dass alles so ist, wie es sein sollte.
Wenzel lie? die Artefakte her¨¹ber auf seinen Tisch schweben und begann wieder einmal mit ihnen zu experimentieren. Vor ihm aufgelegt waren nun: Das Schwert Melgars mit einem ins hellviolette Rot gehenden Juwel darin, das Szepter mit einem azurblauen Edelstein, der (falsche) Reichsapfel mit einem gelben, die Krone mit einem gr¨¹nen und letztlich das Amulett mit einem zerbrochenen, feuerroten Stein. Wenn er sie ber¨¹hrte und Mana in diese einleitete, begannen sie zu leuchten. Was das Schwert konnte, hatte er schon von Theodor erfahren, beziehungsweise auch selbst nochmal in Erfahrung gebracht. Die Krone erlaubte es ihm die Sprache von Tieren zu verstehen. Der Tag, an dem er das herausgefunden hatte, war jener, an dem ein paar Spatzen an seiner Fensterscheibe gesessen hatten, als er mit der Krone hantierte. Die Eigenschaften der anderen Heiligen Artefakte waren ihm bisher nicht bekannt. Kurioserweise leuchtete das Szepter einmal st?rker und einmal schw?cher, wenn er es mit Magie durchfloss. Sein Licht begann unmittelbar heller oder matter zu werden, je nachdem wohin er es richtete. Es hatte noch nicht herausgefunden wieso.
Genau deshalb ?spielte¡° er aber jetzt wieder mit dem Reichsszepter herum. Er hielt es senkrecht nach oben und es leuchtete nur halb. Dann zeigte er mit dessen Spitze auf die anderen Heiligen Artefakte und es leuchtete einen Hauch mehr, aber nicht ganz. Leicht nach rechts gewandt und es wurde noch eine Spur heller. Seltsam. Silke warf nur gelegentlich einen Blick zu ihm her¨¹ber. Sie wusste auch noch nicht, was der Gegenstand genau machte, aber vermutlich war es wie mit einer Art W¨¹nschelrute. Nur wonach suchte die W¨¹nschelrute? Bald schon w¨¹rden sie es herausfinden. ?Ach, ja, Silke, nur dass du¡¯s wei?t! Ich werde mir ein wenig von unserem Knochenmehl und dem schwarzen Sand nehmen¡°, informierte er sie unverbl¨¹mt. ?Sicher doch, mein Herr¡°, war alles, was die Frau ihm darauf entgegnete. Wenzel w¨¹rde k¨¹nftig eine winzige Phiole, die diese Zutaten enthielt, mit sich f¨¹hren, um im Notfall ein Heilungsritual durchf¨¹hren zu k?nnen. Den Zauberkreis hatte er mittlerweile einge¨¹bt und konnte ihn aus dem Ged?chtnis heraus aufzeichnen.
1. 04 Stabilit?t und Sicherheit
Da war ein Klopfen an der T¨¹r. ?Herein!¡°, rief Wenzel, den es dadurch aus seiner konzentrierten Arbeit gerissen hatte, kurz darauf. Unter leichtem Quietschen ?ffnete sich die Eingangst¨¹re und herein traten zwei Gestalten. Einer davon war Ferenc, ein Mann, der keiner Vorstellung bedarf. Sein f¨¹r Kascharen typisch volles Haar trug er immer noch lang und ebenso weigerte er sich nach wie vor seinen Bart zu stutzen. Mit ihm gekommen war ein Mann, der ebenso wie er eine rot-wei?e Uniform mit Karomuster, also jene der Kaisergarde, trug. Fast schon so, als ob er das Gegenteil von Ferenc sein wollte, hatte er eine Glatze und ein ebenso glatt rasiertes Gesicht. Balduin war dessen Name und seine ausdrucksvollen Gesichtsz¨¹ge und markanten Wangenknochen strahlten St?rke, aber auch eine gewisse Emotionalit?t aus. Der Kaiser war noch nicht allzu vertraut mit ihm, weshalb er ihn mit Ferenc zusammengetan hatte.
?Melde R¨¹ckkehr von der Erhebung, mein Herr. Die Ergebnisse stehen hier im Bericht¡°, erkl?rte sich Ferenc und hielt Wenzel eine Mappe entgegen. Dieser nahm sie nat¨¹rlich an und bedankte sich bei ihm. Dann vermerkte er aber unerwarteterweise: ?Der Bericht hat seinen Sinn und Zweck. F¨¹r mich werde ich die Informationen allerdings auf eine andere Weise verifizieren.¡° Sein alter Weggef?hrte war von den Worten des Erkorenen nun etwas verwirrt. Dies sollte sich aber gleich wieder geben, denn Wenzel bat nun dessen Kollegen Balduin n?her an ihn heranzutreten. Der Mann gehorchte. Dann legte der Herrscher eine Hand auf dessen Scheitel und konzentrierte sich kurz.
Bilder von allen m?glichen Leuten fluteten nun seine Gedanken. Er sah Bauern, Handwerker, H?ndler, Personen von niederem Adelsstand. Alle schilderten sie ihre Erfahrungen der letzten Jahre. Und alle, obwohl jeder von ihnen nat¨¹rlich eine unterschiedliche Perspektive hatte, zeichneten sie ein sehr ?hnliches Bild mit ihren Behauptungen: Wer den Dogmen der Teleiotischen Kommune widersprach, oder wer sich nicht an einige recht strenge gesellschaftliche und religi?se Vorschriften hielt, der musste mit drakonischen Strafen rechnen. Selten waren hier Gef?ngnisstrafen, sondern es waren eher Z¨¹chtigung oder gar die Todesstrafe die Regel, abh?ngig von der vermeintlichen Schwere der Tat. Ein Seiler erz?hlte da zum Beispiel auch von der allgemeinen Verd?chtigung gegen¨¹ber jenen, die den Statuen der Heiligen ?nicht genug Respekt entgegenbrachten¡°, was auch immer das hie?.
Wenzel beendete seine Gedankenleserei. Er war nicht zufrieden. ?Es hat sich immer noch nichts ge?ndert¡°, z¨¹rnte er offen. Ferencs Miene wurde einen Hauch ernster, w?hrend Balduin unvermindert mit ehrf¨¹rchtigem Blick auf den Kaiser schaute. Der Gardist sprach dann: ?Wir wissen, dass die Dinge nicht so gehandhabt werden, wie es Euch lieb w?re, Erkorener. Sprecht nur ein Wort und wir werden die Dinge in die Wege leiten, wie Ihr sie w¨¹nscht!¡° Als Reaktion erntete Balduin einen verachtenden Blick Wenzels, obwohl dieser sich eigentlich bem¨¹hte nicht gemein zu sein und diesen nicht von sich zu sto?en. Sein K?rper hatte einfach unmittelbar von selbst so auf das Gesagte reagiert. Der Herrscher entgegnete darauf dann: ?So einfach ist die Sache nicht. Nicht einmal ansatzweise! Die Armee ist erpicht darauf diese H?rte gegen¨¹ber dem Volk beizubehalten. Sie unterstehen mir aber nicht direkt. Wenn ich etwas sage, werden sie nichts ?ndern. Glaub es mir, das versuche ich schon seit Jahren. Au?er Versprechen, die sie im Endeffekt nicht einhalten, bekomme ich nichts!¡°
Seine zwei Untergebenen pflichteten ihm bei. Obgleich Balduin ihm ohnehin immer bei allem zustimmte, hatte auch er dies nun verstanden. Der Mann war genau aus dem Grund in die Kaisergarde aufgenommen worden, weil er ehrlich und seine Treue dem Erkorenen gegen¨¹ber unersch¨¹tterlich war. In seinen Augen konnte Wenzel den blinden Gehorsam und den fanatischen Glauben sehen, der der Grund f¨¹r dessen Aufnahme in seine Leibgarde gewesen war. Es widerte ihn an! Er wusste, dass diese Denkweise die Triebkraft hinter den M?rtyrerbrigaden gewesen war, dass diese monolithischen ¨¹berzeugungen erst das neue Reich erschaffen hatten und ihn hierhergebracht hatten. Und doch konnte er diese Leute nicht verstehen. Sie machten sich nur zu Marionetten, deren F?den man beliebig ziehen konnte.
Seine Majest?t schritt die weiten Korridore entlang. Es lag eine gewisse Spannung in der Luft. M?ge es vielleicht nur der Tatsache geschuldet sein, dass erst vor einer halben Stunde hier vom Personal durchgeputzt worden war und es deshalb jetzt noch recht erfrischend hier roch. Wie dem auch sei, Wenzel hatte heute eine sehr wichtige Besprechung mit niemand geringerem als dem Reichskanzler. Der p¨¹nktlich erscheinende Kaiser betrat den Besprechungssaal und fand die Person, mit der er verabredet war, bereits wartend vor. Auf einem der St¨¹hle, in feine amtliche Gew?nder gekleidet, sa? Peter vor ihm, Reichskanzler Peter Rubellio. Da nur die zwei anwesend waren, begr¨¹?ten sie sich sogleich freundschaftlich und h?chst informal.
?Wie geht¡¯s der Familie?¡°, erkundigte sich sein alter Schulfreund. ?Sehr gut! Viktoria ist ein echter Wirbelwind. Amalie verh?tschelt sie viel zu sehr.¡° ¨C ?Und bist du dir sicher, dass du das nicht auch tust?¡°, stichelte Peter da leicht scherzend. Sein alter Freund erkannte das nat¨¹rlich und entgegnete: ?Schuldig!¡° Beide mussten daraufhin lachen. Unaufgefordert erz?hlte ihm nun Peter von seiner Familie: ?Bei mir ist es leider nicht so eitel Wonne. Meinem Vater geht es immer noch nicht besser und meine liebe Ehefrau ist bei meinen Eltern zu Hause, um ihnen bei der Sache unter die Arme zu greifen.¡° Wenzel nickte nur, Verst?ndnis signalisierend. Als die Stimmung dadurch dann wieder gesenkt worden war, nahmen sie beide Platz auf ihren Sesseln.
Seine Majest?t klopfte mit dem Finger auf die Unterlagen, die vor ihnen auf dem Tisch lagen. ?Ich gehe davon aus, dass du den Bericht der Meinen gelesen hast.¡° ¨C ?Habe ich.¡° ¨C ?Dann wird dir wohl klar sein, warum ich in keiner guten Stimmung bin¡°, vermerkte Wenzel trocken. Der Reichkanzler blickte ihn an und schaute dann nochmal in seine Notizen. Er machte einen ebenso unzufriedenen, aber auch leicht resignierten Eindruck. Dann sagte er: ?Es gibt auch erfreuliche Nachrichten. Der Ausbau der Reichsstra?en geht mit gutem Fortschritt voran. Auch sind viele andere Gro?projekte bereits auf den Weg gebracht. Die bereits fertiggestellten Arbeiten haben zum wirtschaftlichen Aufschwung beigetragen. Sie sind ein Mitgrund f¨¹r den deutlichen Anstieg des Wohlstands in Ordanien. Und der ist f¨¹r die Bev?lkerung sp¨¹rbar. Den Menschen geht es langsam besser und Hungersn?te gibt es schon lange nicht mehr.¡°
Dies bes?nftigte den Zorn Wenzels aber nicht und dieser antwortete: ?Und was n¨¹tzt uns das alles! Ich wollte, dass die Menschen eine bessere Zukunft haben. Ja, nat¨¹rlich hat das auch mit Handel, Wirtschaft und allgemeinem Lebensstandard zu tun. Aber was bringt es mir, wenn nur ein Teil meiner Vorstellungen umgesetzt wird? Das Volk ist immer noch geknechtet und gezwungen f¨¹r ihre Herren zu schuften!¡° ¨C ?Wir konnten aber im letzten Jahr endlich das Verbot von Sklaverei durchsetzen¡°, warf da Peter ein. ?Und?! Die Leibeigenschaft besteht nach wie vor. Was ist sie denn anderes als Sklaverei mit ein paar kleinen Vorteilen? An sein Land gebunden sein, Fronarbeit ableisten m¨¹ssen, und, und, und!¡° Sein alter Freund wich sichtlich ein wenig von ihm zur¨¹ck. Die Bilder, die Wenzel in den Erinnerungen seines Boten gesehen hatte, waren nicht so anders als die, die er damals bei der Revolution gesehen hatte. Die halb-verhungerten Menschen in Lumpen, die er damals in Soldach gesehen hatte, lebten immer noch in seinem Bewusstsein fort.
Reichskanzler Peter musste sich kurz sammeln, dann erwiderte er: ?Ich verstehe deine Frustration, Wenzel, das tue ich wirklich. Aber der Reichsrat blockiert jedes meiner Gesetze in diese Richtung. Bei all den konservativ-altgl?ubigen¡?h, teleiotischen Abgeordneten, habe ich keine Chance etwas Derartiges durchzubekommen.¡° Der Souver?n versuchte sich wieder zu beruhigen. Er wusste, dass dies nicht die Schuld Peters war. Er war sein Verb¨¹ndeter. Danach er?rterte Wenzel: ?Die sind alle entweder ehemalige M?rtyrer, also Ideologen, oder sie sind h?rige Lakaien. Die Ersteren wollen sich aus ¨¹berzeugung nicht den Dogmas widersetzen, die Letzteren trauen sich nicht gegen den Willen des Heeres vorzugehen.¡°
Peter pflichtete ihm n¨¹chtern bei, dann f¨¹gte er hinzu: ?Der einzig realistische Weg f¨¹hrt ¨¹ber das Heer. Der Oberste Marschall hatte in meinen fr¨¹heren Treffen mit ihm aber nicht das geringste Interesse gezeigt, in der Sache auch nur irgendwie auf mich zuzugehen.¡° Der Kaiser lie? einen langen Seufzer aus. Dann stellte er fest: ?So viele Jahre und nichts hat sich ge?ndert. ¡.. Ich werde mit Theodor pers?nlich reden.¡° Damit war das Treffen beendet.
Als der Oberste Marschall den gro?en Audienzsaal betrat, war ihm bereits klar, dass es um etwas Wichtiges ging. Allein schon der Ort des Treffens hatte dies symbolisch kommuniziert. Theodor trat herein und begegnete einem Wenzel, der ihm den R¨¹cken zugedreht, beim Fenster hinausschaute. Der bleierne Himmel drau?en trug auch eine Tr¨¹be in die Herzen. Der Mann schloss die T¨¹r. Dann ging er hin¨¹ber zum Tisch, auf dem ein paar Dokumente fein s?uberlich bereitgelegt waren, und setzte sich. Der Kaiser schien immer noch in Gedanken versunken bei der Scheibe hinauszublicken. Daher r?usperte sich der Armeechef und erhob die Stimme: ?Guten Tag, Wenzel! Ich bin angekommen.¡° Der Adressierte drehte sich nun zu ihm um und blickte starr zu ihm hin¨¹ber. Man konnte sehen, wie sehr Theodor gealtert war. Er hatte eine Anzahl an Falten bekommen und seine Haare hatten schon zu ergrauen begonnen. Der ?Held der Revolution¡° trug wie immer seine auf Hochglanz polierte R¨¹stung, die stolz das Sonnenwappen des Reiches zeigte.
Wenzel entgegnete nun: ?Warum die Formlosigkeit? Spricht man so mit dem Souver?n?¡° Eisern und ohne Gef¨¹hlsregung erwiderte Theodor darauf: ?Wir haben immer so miteinander gesprochen, Wenzel. Es gab bisher keinen Grund das zu ?ndern, und au?erdem halte ich die notwendigen Formalit?ten ein, wenn wir in der ?ffentlichkeit sind.¡° Das war schon einmal kein guter Start f¨¹r ihre Unterhaltung. Der Kaiser verzerrte die Miene ein wenig und f¨¹hrte den begonnenen Diskussionsstrang nicht weiter. Er setzte sich neben den Marschall und schob das oberste Dokument zu ihm hin¨¹ber. Es war die Zusammenfassung des Berichts, den Ferenc und Balduin ihm gegeben hatten. Wenzel wusste, dass sein Gegen¨¹ber die Einsch?tzung seines alten Freundes, Ferenc, sich zumindest durch den Kopf gehen lassen w¨¹rde.
?Hier. Lies. Danach sprechen wir dar¨¹ber.¡° Dies tat Theodor dann auch. Als er fertig war, begann Wenzel nun das Thema einzuleiten: ?Mehr als zehn Jahre ist es her, dass wir von uns gemachte, gro?e Versprechen nicht eingel?st haben. Das Ende der Leibeigenschaft, sprich ein Erringen einer neuen Freiheit f¨¹r die Menschen, war eines davon. Diese Idee scheint euch allen zuwider zu sein. Doch was noch schlimmer ist, ist die fortw?hrende Unterdr¨¹ckung des Volkes! War die Revolution nicht aus dem Aufbegehren gegen Tyrannei hervorgegangen? Wozu war sie also gut? Was wird ihr Verm?chtnis sein? Dass wir eine Tyrannei mit einer anderen abgel?st haben? Sag es mir!¡°
Wie immer war es unm?glich zu sagen, was Theodor gerade dachte. Der Milit?r strich sich ¨¹ber den ergrauenden Bart und lie? seinen standardm??ig ernsten Blick auf den Magier fallen. Die Spannung war f?rmlich greifbar. Dann sprach der Oberste Marschall: ?Und er gab allen ihren Platz. Auf dass der Fischer fische, der Hirte seine Tiere h¨¹te und der Herrscher regiere.¡° Wenzel versuchte seine Wut in Zaum zu halten. Dass Theodor ihm hier das Heilige Testament zitieren w¨¹rde, war nat¨¹rlich klar und doch hatte es sein Gespr?chspartner nicht vorausgesehen. Als der Kaiser dem Ge?u?erten nichts entgegenhielt, fuhr der Armeechef fort:
?Die Menschen akzeptieren zum ¨¹berwiegenden Gro?teil ihre Rolle im Land. Au?er denjenigen, die die Heiligkeit des Erkorenen leugnen. Wie kann es sein, dass gerade DU, der du doch der Freieste hier bist, derjenige, der an der Spitze des Staates steht, dich um die Freiheit am meisten sorgst?¡° ¨C ?Am freiesten? Ich kann nicht mal diese grausame Unterdr¨¹ckung beenden. Wenn ich dem Reichsrat oder dem Heer zuwidere Erl?sse unterzeichnen w¨¹rde, w¨¹rdet ihr sie einfach ignorieren oder mit Spitzfindigkeiten au?er Kraft setzen! Ich bin frei¡..frei davon etwas zu tun!¡° Wenzel sch?umte f?rmlich, doch sein Gegen¨¹ber legte noch nach: ?Es ist genauso wie ich es immer gesagt habe. Jeder Mensch hat seinen von Gott bestimmten Platz in der Welt, ob er es will oder nicht. Freiheit ist nur eine Illusion. Jeder wird immer darin beschr?nkt sein, was er tun kann. So gebietet es die Realit?t.¡°
?Du glaubst wohl, dass du mich wie ein Kind behandeln musst, dass du besser wei?t, was gut f¨¹r mich oder mein Land ist, als ich selbst! Ich bin dir wohl nicht gl?ubig genug, was?¡° Theodor schwieg und auch seine Augen gaben keine Information, keine Emotion preis. Der Zauberer setzte schon dazu an weiterzusprechen, doch bemerkte dann, dass der Oberste Marschall etwas ?u?ern wollte. Er lie? ihm den Vortritt. ?Im Land gibt es immer noch teilweise gro?en Hass auf den ?neuen Hexerkaiser¡°. Die Schuld daf¨¹r liegt in der Propaganda der vorangegangenen Usurpatoren und ihrem ketzerischen Hass gegen alles, was heilig ist! Ich und die Armee wollen dich nur vor diesen sch¨¹tzen und den Menschen diesen Hass austreiben. Das wird aber noch lange dauern.¡°
?Ausreden! Ich wei? sehr wohl, wie es um die Denkweise mancher Leute bestimmt ist. Sie sind nicht die Mehrheit und werden nie die Mehrheit sein. Du glaubst, dass du mich vor meiner selbstverschuldeten Unm¨¹ndigkeit besch¨¹tzen musst. Stimmt es nicht?¡° Theodor blieb still, doch wandte das erste Mal den Blick kurz von Wenzel ab. Darauf reagierte der Kaiser nun auf v?llig ¨¹berzogene Weise. Laut begann er zu schreien: ?Ich wusste es! Du nimmst mich nicht ernst! Ich habe sehr wohl das Testament gelesen. Zur G?nze habe ich es gelesen! Ich kenne mich sehr wohl aus mit dem, wovon du sprichst und was du glaubst. Ich befehle dir, die drakonischen Strafen im Land abzumildern! Wenn das Heer das unterst¨¹tzt, dann wird es den Reichsrat und das Reichskammergericht passieren.¡°
Der alte Revolutionsf¨¹hrer erhob sich von seinem Sessel. Immer noch war er ein Riese und ¨¹berragte Wenzel deutlich. Der schwarze B?r strahlte seine wohl bekannte Dominanz aus. Mit ernstem, aber nicht zornigem Blick schaute er nun auf den Erkorenen herab und sah ihm direkt in die Augen. ?Nein¡°, war alles, was er von sich gab. Dann dr¨¹ckte er sich am Kaiser vorbei, verabschiedete sich und verlie? die Besprechung aus eignen St¨¹cken. Au?er sich, trat Wenzel seinen Stuhl um. Mit aller geistiger Standhaftigkeit, die er aufbringen konnte, versuchte er aber augenblicklich seinen J?hzorn wieder unter Kontrolle zu halten. Unter keinen Umst?nden durfte er hier explodieren. Der metaphorisch im Regen Stehen-Gelassene st¨¹tzte sich am Tisch ab und atmete tief ein und aus, ein und aus. Die Erkenntnis was soeben geschehen war, sickerte langsam ein. Er war gescheitert. Seine Ziele zu erreichen, schien jetzt aussichtslos.
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Eine Fliege sa? oben auf der Wand auf der orangen Wandtapete. Mit ihren Facettenaugen blickte sie herunter auf das Kaiserpaar, das gerade von Raum zu Raum ging und diskutierte. Der Magier hatte seiner Frau soeben ¨¹ber den Vorfall mit Theodor informiert. ?Und er hat sich einfach so aus dem Staub gemacht?¡° ¨C ?Ja, hat er.¡° ¨C ?Das kommt davon, weil du dir nie Respekt verschafft hast. Jetzt ist es zu sp?t daf¨¹r.¡° Beim erneuten Aufbringen der Angelegenheit erwachte Wenzels latenter Zorn sofort wieder zum Leben. Er drehte sich kurz von Amalie weg, um ihr nicht das Gef¨¹hl zu geben, dass er auf sie b?se war. Sie konnte ja auch nichts daf¨¹r. Nerv?s ging der Kaiser zwischen dem Diwan und dem Wandschrank auf und ab. Er blieb stehen und stellte fest:
?Du hast recht. Ich hatte nie den Respekt der anderen M?rtyrer.¡° Sie hatte in der Tat recht, wie es so oft der Fall war. Nur half dies nichts bez¨¹glich der Tatsache, dass ihn diese Erkenntnis ?rgerte und aufw¨¹hlte. Seine Gattin meinte da: ?Das ist einerseits der Fall, weil du nicht von Anfang an bei den Revolution?ren dabei warst, andererseits aber auch, weil du immer zu schwach und feige warst, um bei ¨¹berhaupt irgendeiner Entscheidung einmal Einfluss zu nehmen. Sie sind es einfach gew?hnt dich zu umgehen.¡° ¨C ?Schwach!¡°, wiederholte Wenzel ihre Worte emp?rt. ?Ja, schwach! Du warst schon immer ein schwacher Kaiser. Wir alle wissen das.¡°
Dies kr?nkte Wenzel, obwohl er genau wusste, dass es stimmte. Er hasste diesen Umstand. Nichts konnte er an den Verh?ltnissen ?ndern. Der Mann lie? sich auf den Diwan fallen, seine Faust immer noch geballt. Dies lie? ein paar Zweifel in Amalie aufkommen, ob sie nicht doch zu unverbl¨¹mt mit ihrem Liebsten gesprochen hatte und vielleicht sanftere Worte w?hlen h?tte sollen. Sie gesellte sich neben ihn und umarmte ihn. ?Du bist ein gutm¨¹tiger Mensch, der f¨¹r alle das Beste im Sinn hat. Das ist eine gute Sache. Nur ist lieb zu sein, eben nicht eine ideale Eigenschaft, um ein Land zu regieren.¡° Nachdem sie dies gesagt hatte, sp¨¹rte Amalie, wie sich die angespannten Muskeln ihres Ehemannes etwas entspannten. Er antwortete:
?Ich habe ja immer jeglichen Konflikt mit den anderen, also auch Theodor, gemieden. Ich war nie daf¨¹r zugeschnitten ein Herrscher zu sein. Aber auch das wusste bereits August. Es war der Grund, warum er damals geglaubt hat, mich betr¨¹gen zu k?nnen und der Grund, warum er dem Kaiser kein Vetorecht im Reichstag gegeben hatte. Alle wussten, dass ich schwach bin. Und das war ich auch. Ich war immer sch¨¹chtern. So leicht kann ich mich nicht ver?ndern.¡° ¨C ?Und das musst du nicht¡°, versuchte seine Gemahlin ihn zu tr?sten. ?Ich liebe dich genauso wie du bist!¡° Wenzel lie? einen l?ngeren Atemsto? durch die Nase aus, dann erwiderte er: ?Aber das hilft mir auch nicht, eine bessere Zukunft f¨¹r das Volk zu schaffen.¡° Es gab nichts, was sie darauf antworten h?tte k?nnen.
Eine Zeit lang sa?en die beiden nun still beieinander und versuchten die melancholischen Emotionen einmal setzen zu lassen. Danach wechselten sie das Thema. ?Viktoria kommt nicht gut mit den anderen Kindern aus. Was k?nnten wir da machen¡°, fragte ihm nun die Mutter. ?Nichts, sch?tze ich mal. Sie muss den Umgang mit anderen lernen, auch wenn das bedeutet, dass wir sie immer wieder tadeln m¨¹ssen, wenn sie sich danebenbenimmt¡°, entgegnete ihr Ehemann. Auch er hatte noch keine Ahnung von Erziehung und der Umstand, dass Viktoria eine so vollkommen andere Pers?nlichkeit als er selbst oder Amalie hatte, war ihm da noch ein zus?tzliches Hindernis. Sein Schatz vermerkte dann: ?Ich denke mal, dass du da recht hast. Aber das ist noch nicht alles. Viktorias magische F?higkeiten stellen manchmal wilde Sachen an und ich habe keinen Schimmer, wie ich damit umgehen soll. K?nntest du ihr, bitte, mit ihrer Magie helfen?¡° ¨C ?Um sie kontrollieren zu lernen? Sicher kann ich das. Unsere Kleine muss lernen, auch mit dieser Verantwortung umzugehen. Ich werde mich die n?chsten Tage mal mit ihr besch?ftigen.¡° ¨C ?Gut¡°, erwiderte seine Liebste nur darauf.
Eine riesige Zahl an berittenen K?mpfern st¨¹rmte im Galopp auf feindliche Reihen. Die Sonne stach herab und es schien ein hei?er, trockener Tag zu sein. Darauf lie?en auch die riesigen Staubwolken, die durch das Kampfget¨¹mmel aufgewirbelt wurden, schlie?en. Schreie, Gr?len, Blut, Schwei?, metallisches Klimpern. Einem Mann wurde sein Pferd, auf dem er gerade ritt, unter ihm wegget?tet und er stieg von dessen, auf den Boden gefallenen, Leib ab. ?Belesar! Kommandant Belesar!¡°, rief jemand hinter ihm. Der Mann in einer goldgelben Uniform drehte sich zu dem, der ihm zugerufen hatte um, ein Sonnenemblem auf seinem R¨¹cken enth¨¹llend. Es war wie eine seltsam verzerrte, alternative Version des heutigen Reichswappens aus. Dann endete die Vision. Wenzel war sich bewusst, dass es eine war, w?hrend er in den n?chsten Traum hin¨¹berglitt.
Hierin spazierte er nun durch den Wald. Ein reiner Nadelwald erstreckte sich vor ihm. Es war k¨¹hl und d?mmerte bereits. Dennoch konnte man das Vogelgezwitscher deutlich vernehmen. Als er ein paar B?ume passiert hatte, sah er pl?tzlich eine Person vor sich. Ihm den R¨¹cken zugekehrt, stand ein Mann mit langen, braunen Haaren vor ihm. Wenzel stockte der Atem. Einen Moment lang wusste er nicht, was er tun sollte, so geschockt war er. ?August? Bist du es, August?¡° Es kam keine Antwort von diesem. Er ging n?her an diesen heran. Die Furcht beherrschte ihn. Als er dann die Hand ausstreckte, um nach der Schulter der Person vor sich zu greifen, riss es ihn abrupt aus dem Schlaf.
Von dem ruckartigen Erwachen hatte es auch Amalie aufgeschreckt. ?Ist alles okay?¡°, erkundigte sie sich. ?Ja. Ich hatte nur einen Albtraum, das ist alles¡°, erwiderte ihr Gatte. Sie fragte nach: ?Schon wieder eine Vision?¡° ¨C ?Ja. Es waren Szenen irgendeiner Schlacht, mit Leuten, die ich noch nie gesehen habe.¡° ¨C ?Willst du¡¡° ¨C ?Nicht notwendig. Es hat sowieso keinen Zweck.¡° Was meinte der Kaiser damit? Nun, seine Ehepartnerin hatte soeben vorschlagen wollen, seine prophetischen Visionen in ein Traumtagebuch einzutragen. Vor wenigen Jahren hatte er begonnen alles, was er in seinen ?lebhaften¡° Tr?umen sah, aufzuschreiben. Dieses Notieren brachte allerdings nicht viel, wie der Magier feststellte. ?Neunundneunzig Prozent von dem, was ich sehe, sind nur nutzlose Information, mit der ich sowieso nichts anfangen kann. Selbst wenn sie mir n¨¹tzlich w?re, kann ich trotzdem so gut wie nie etwas daraus machen¡°, hatte Wenzel damals argumentiert.
Deshalb hatte er aufgeh?rt ein solches Tagebuch zu f¨¹hren. Die Prophezeiungen konnten absolut alles zeigen, weshalb sie zumeist unbrauchbar waren. Was genau sie zeigten war zwar durchaus korrekt, doch wie mit einem gro?en Puzzle, von dem man nur ein einziges Puzzleteil besa?, war es schwierig nur davon zur erkennen, was denn einmal passieren w¨¹rde und was man tun musste, um dem vorzubeugen. Er konnte aber das Eintreten der Visionen verhindern. Dies hatte er bereits bewiesen.
Er legte sich wieder hin und bat seinen Schatz dasselbe zu tun. Der Traum ging ihm jedoch nicht ganz aus dem Kopf. Nicht jener von August, ein Gespenst, das ihn wohl noch lange heimsuchen w¨¹rde, sondern jener von den fremden Kriegern. ?Sie sahen aus, als stammten sie aus einer anderen ?ra, mit anderen Insignien und R¨¹stungen. Ich glaube aber, dass diese Szene in Camenia war¡°, machte sich der Erkorenen jetzt Gedanken. Konnte es eine Vision der Vergangenheit gewesen sein? Vermutlich, denn er hatte in den letzten Jahren des ?fteren Ereignisse aus der fernen Vergangenheit in seinen Tr?umen gesehen. Warum genau wusste er nicht. Manch einer w¨¹rde nun meinen, dass es keinen Sinn machte das ¨¹bernat¨¹rliche zu hinterfragen, doch f¨¹r Wenzel war es da anders. Er wollte ja Magie und ihre Funktionsweise ergr¨¹nden. Er konnte nur kein System dahinter erkennen. All das erschien ihm komplett zuf?llig. Bilder der Vergangenheit UND der Zukunft. Wie und warum?
In einem erst k¨¹rzlich hergerichteten, neu m?blierten Zimmer sa?en zwei Personen auf einem edlen Teppich in der Mitte des Raumes. Das Zimmer war von zwei gro?en Fenstern hell erleuchtet. Die noch recht frisch gestrichenen, cremefarbenen W?nde waren mit einem Schrank, einem Regal und einem Schreibtisch zum Teil zugestellt. Auf dem Bett lagen Decken und Kissen mit rosa ¨¹berz¨¹gen. Es waren m?dchenhafte Farben, die man f¨¹r ihre neue Tochter ausgesucht hatte. Ebenso lag darauf eine unvern¨¹nftige Menge an Stofftieren. All das war Amalies Tun, da Wenzel sich hierbei nicht einmischte.
Der genannte Zauberer sa? nun gemeinsam mit seinem Kind auf dem Boden. Das M?dchen, das ein sehr feines Kleid trug, ergriff nun das Wort: ?Kann ich noch ein paar S¨¹?igkeiten haben, Herr Vater?¡° ¨C ?Nein, jetzt nicht. Wir machen jetzt erst einmal etwas Wichtiges. Wenn wir fertig sind, kannst du als Belohnung welche haben.¡° ¨C ?Aber ich will jetzt welche!¡°, muckte die Kleine auf. Wenzel verdrehte die Augen und sprach: ?Viktoria! Zuerst die Arbeit, dann das Vergn¨¹gen. So funktioniert die Welt. Hast du mich verstanden?¡° Das M?del machte einen Schmollmund und zierte sich. Ein paar Sekunden sp?ter antwortete sie aber: ?Ja, Herr Vater.¡°
Damit konnte er leben. Amalie verh?tschelte das Kind viel zu sehr. Wenzel w¨¹rde mit seiner Frau ¨¹ber die Angelegenheit mit den S¨¹?igkeiten reden m¨¹ssen. Es konnte nicht sein, dass Viktoria st?ndig nur Bonbons und anderen S¨¹?kram a?. Sie musste M??igung lernen, ebenso wie sie das richtige Verhalten lernen musste. Es gab so viel f¨¹r sie zu lernen. All die Dinge, die sie in ihrem einfachen Landleben nicht erfahren hatte und nicht gebraucht hatte, w¨¹rde sie nachholen m¨¹ssen. Heute waren sie aber f¨¹r etwas anderes hier.
?Wir zwei werden heute ein wenig den Umgang mit Magie ¨¹ben, okay?¡° Als das M?dchen das h?rte, machte ihre Stimmung sofort eine 180-Grad-Wende. ?Super! Keine doofen Etikettesachen!¡° Ihr Vater kommentierte das nicht weiter, sondern erfreute sich einfach ihrem Interesse an Zauberei. Er erkl?rte ihr: ?Wie alles in der Welt, ist Magie etwas, das man langsam schrittweise lernen und immer wieder ¨¹ben muss, um es gut zu beherrschen. Wir fangen mit den Grundlagen an und erst sp?ter gehen wir zu den komplizierteren Dingen ¨¹ber.¡° ¨C ?Mhm¡°, gab die Kleine nur zur¨¹ck, w?hrend ihr Blick ihm gespannt entgegenfuhr. ?Also gut, dann h?r mir mal gut zu! Magie ist etwas unglaublich M?chtiges aber ist dadurch auch unglaublich gef?hrlich. Du kannst sie wie eine Waffe betrachten. Und wir werden versuchen den richtigen Umgang damit zu lernen.¡°
Viktoria schien aufzupassen, trommelte aber jetzt schon nerv?s mit den F¨¹?en herum. Ihr Magielehrer fuhr fort: ?Deine Magische Kraft ist an deine Gef¨¹hle gebunden. Das hei?t, wenn du w¨¹tend wirst, kann allerlei Schlechtes passieren. Verstehst du das?¡° ¨C ?Ja¡°, erwiderte sie kurzerhand. ?Daher m¨¹ssen wir lernen unsere Gef¨¹hle zu kontrollieren und in Zaum zu halten, damit wir nichts B?ses anstellen.¡° Da stand seine Sch¨¹lerin schon wieder auf. Mit vor dem K?rper verschr?nkten Armen fragte sie direkt: ?Und wie soll ich das machen? Ich f¨¹hle mich halt, so wie ich mich f¨¹hle! Wenn mich jemand ?rgert, dann hat er es verdient, dass ich b?se werde!¡° ¨C ?Nein, nein, Viktoria. Wir halten uns zur¨¹ck, auch wenn es noch so schwer ist. Denk dir einfach: Der Kl¨¹gere gibt nach¡°, intervenierte Wenzel gleich und versuchte an ihren Verstand zu appellieren.
?Das klingt doof!¡°, schnauzte die Kleine zur¨¹ck. ?Viktoria! Wir halten uns zur¨¹ck. Machen wir das?¡° ¨C ?Ja, Herr Vater¡°, grummelte das M?dchen und setzte sich dann neben ihren Adoptivvater, der ihr gedeutet hatte zu ihm zu kommen. Dann sprach dieser: ?Konzentriere dich erst mal auf dich selbst. Mach die Augen zu und schau nur tief in dein Inneres hinein. Kannst du sp¨¹ren, wie die Magie flie?t?¡° ¨C ?Ja, kann ich.¡° ¨C ?Sehr gut. Jetzt versuche sie einmal nicht nach au?en dringen zu lassen.¡° Das Kind strengte sich an. Ihre Aura verringerte sich, verschwand aber nicht zur G?nze. ?Gut gemacht. Du bist auf dem richtigen Weg¡°, belobigte Wenzel sie und f¨¹gte hinzu, ?Blende alle Emotionen, die du hast, aus. Konzentriere dich nur auf den einen festen Ruhepol in dir. Wenn du es lange genug ¨¹bst, wirst du es bald k?nnen.¡° Ihre Aura nahm noch ein wenig ab.
Danach machten sie eine Pause davon, indem sie zum Gegenteil ¨¹bergingen. Diesmal ¨¹bten sie sich darin, soviel magische Kraft wie m?glich auszustr?men. Als der Kaiser dies zu seiner Tochter sagte, legte sie sofort los. Wie eine Stichflamme fuhr Viktorias Aura nach oben aus. In dem Moment konnte Wenzel sein Staunen ¨¹ber die St?rke dieser nicht verbergen. Viktoria hatte wesentlich mehr magische Kraft als er. Als sie seine Reaktion sah, kam ihr ein freches Grinsen ¨¹ber die Lippen. Gleich darauf riss Ylva, die drau?en Wache gestanden hatte, die T¨¹re auf. ?Ist alles in Ordnung?¡° ¨C ?Mach dir keine Sorgen. Ich habe alles unter Kontrolle¡°, beruhigte er sie. Selbst die Leibw?chterin hatte den schieren Druck, der von der Aura der Magierin ausging, intensiv gesp¨¹rt. Dem Herrscher wurde da nur umso bewusster, wie wichtig es war, das Kind richtig zu trainieren.
Segenstag, 24.10.453 K.H.
Es war feucht und dunkel und die eisige K?lte sa? ihm tief in den Knochen. Der Gefangene lehnte wie ein Sack Kartoffeln an der Steinwand seiner Zelle. Sein langgewachsenes, ungepflegtes Haar und wesentlich k¨¹rzerer, aber nicht minder verlotterter Bart h?ngten bis hinunter auf den Boden. Zu lange war er schon hier gewesen, um ¨¹berhaupt noch irgendein Zeitgef¨¹hl zu haben. H?tte man ihm gesagt, dass er bereits sechzig Jahre hier war, h?tte er es auch geglaubt. Pl?tzlich konnte man da aber ein metallisches Klimpern h?ren. Das schwere Tor zum Verlies ?ffnete sich und die Wache trat herein. Es war wohl mal wieder Essenszeit.
Oder etwa nicht? Nein, es war nicht der ¨¹bliche Gef?ngnisw?rter, der hereinkam, und auch war es nicht eine, sondern mehrere Personen. Zwischen seinen langen, verfilzten Zotten warf der Gefangene einen Blick hinaus durch die Gitterst?be und zu den Ank?mmlingen. Sie trugen Gew?nder mit rot-wei?em Karomuster und einer Sonne auf der Tunika. Eine tiefe, m?nnliche Stimme donnerte nun laut durch dieses H?llenloch: ?Herzlichen Gl¨¹ckwunsch, Misset?ter! Zum Anlass des Segenstags hat seine Majest?t eine Generalamnestie erlassen. Ihr seid alle frei!¡° Es kam keine Reaktion, von irgendeinem der Str?flinge. Es war eine solch bizarre Nachricht, dass sich niemand von ihnen vorstellen h?tte k?nnen, diese jemals zu h?ren. Viele von ihnen glaubten wohl zu tr?umen, w?hrend andere, wie der Unsrige, einfach eine Weile brauchten, bis sie tats?chlich begriffen hatten, was sie soeben mitgeteilt bekommen hatten.
?Frei? Ist das nicht ein zu grausamer Scherz hier?¡°, dachte sich da Lucius, der nun endlich aus seinem traumartigen Zustand erwacht war und sich aufrichtete. Es war aber kein Witz. Die Wachen begannen nun die Zellen eine nach der anderen aufzusperren und die Gefangenen einzeln hinauszuf¨¹hren. Der Junge, der noch nicht begriffen hatte, dass er im Laufe der Jahre bereits ein Mann geworden war, konnte es nicht glauben. W?hrend er wartete an die Reihe zu kommen, unterhielten sich zwei der Kaisergardisten, die sicherheitshalber hier unten aufpassten:
?Seine Hoheit ist viel zu gro?z¨¹gig. Diese Bastarde haben keine Gnade verdient!¡° ¨C ?Dummkopf! Hast du nicht mitbekommen, dass es Streitigkeiten zwischen seiner Heiligkeit und dem Obersten Marschall gab? Angeblich hat es irgendwas mit den Gef?ngnisstrafen zu tun, bei denen sich der Oberste Marschall querstellt.¡° Der andere sagte daraufhin: ?Und was hat das mit¡¡Ach, so! Du meinst, dass er die Gefangenen aus Protest gegen ihn freil?sst.¡° ¨C ?Genau.¡° Lucius wollte es immer noch nicht wahrhaben. All die Jahre in Ketten¡..
Dann kam er dran. Die Garden machten ihn los und f¨¹hrten ihn hinaus aus dem finsteren Verlies. Als er zur Oberfl?che kam, war er ¨¹berw?ltigt vom blendenden Licht der Sonne. Er hielt sich die H?nde vor die Augen und brauchte eine ganze Weile, bis sich diese an die Helligkeit gew?hnt hatten. ?Das hast du nur der Gro?herzigkeit seiner Hoheit zu verdanken. Sei dankbar, Abschaum!¡°, p?belten ihn da die beiden Gardisten an. Der junge Mann sagte nichts und lie? sich drau?en wortw?rtlich bei den Pforten des Palastes hinausschmei?en. Nach der Treppe gaben sie ihm einen Schubs, sodass Lucius gleich auf die dreckige Stra?e st¨¹rzte. Er stand auf, blickte sich um und dann zur¨¹ck zu den Wachen. Diese waren schon wieder auf dem Weg, den N?chsten aus dem Verlies zu holen.
?Dankbar? Ha!¡°, keuchte der Mann mit einer schw?chlichen und kratzigen Stimme. ?Wof¨¹r? F¨¹r den Tod meiner Mutter? Oder etwa f¨¹r all die Jahre in diesem H?llenloch? Zur H?lle soll er fahren, dieser D?mon! Ich werde es dir zur¨¹ckzahlen, und wenn es das Letzte ist, was ich tue!¡° Es waren tapfere Worte f¨¹r einen solch schwachen, mittellosen Mann. Nur in Lumpen gekleidet, schlich er davon in die Stra?en Meglarsbrucks. Ohne jegliche Ahnung, was er tun sollte und wo er hingehen konnte, w¨¹rde ihm vorerst nur das Bettlerdasein bleiben. Doch die Bitterkeit hatte sich tief in sein Herz gefressen. Seine Kindheit war vorbei.
1. 05 So viel zu lernen
Mehrere Monate sp?ter
Die ersten Strahlen der Morgend?mmerung erhellten die obersten Spitzen der Kircht¨¹rme. Es war ein klarer Morgen und der Posaunist stieg die lange Wendeltreppe zum h?chsten Turm der Verk¨¹ndigungskathedrale hinauf, um die allmorgendliche Fanfare zu blasen. Oben angekommen, wehte ihm eine ordentliche B?e entgegen, die ihn kurz z?gern lie?. Dann setze er die Posaune an seine Lippen und holte tief Luft. Urpl?tzlich riss es ihn da aber aus seiner Routine heraus und beinahe fiel ihm sein Instrument aus den H?nden, so sehr hatte er sich erschrocken. Auf einem der unz?hligen Pinakel stand eine Person! Umweht von starken Winden, wirbelten ihre karmesinroten Haare wild herum. Als Viktoria den Geistlichen erblickte, winkte sie ihm zu. Dieser hatte zwar schnell begriffen, dass es sich bei der Person um die Prinzessin handelte, war aber trotzdem immer noch zu geschockt, um ihren Gru? zu erwidern.
?Hmm! Dann halt nicht!¡°, trotzte das M?dchen mit H?nden an den H¨¹ften. Sie drehte sich in Richtung S¨¹den und warf einen Blick weit in die Ferne. Im Stadtviertel jenseits des Duhn befand sich ein gro?er Geb?udekomplex inmitten der goldenen D?cher. Es war kaum auszumachen, doch auf dem Dach des gro?en Geb?udes, welches einmal das Hauptquartier der Inquisition gewesen war und nun als Versammlungsort des Reichsrates diente, war die Figur eines Mannes zu erkennen. Von hier aus sah er wie eine Ameise aus, doch es war der Kaiser. Auf dem Dach dieses Geb?udes stehend tat es ihr Wenzel gleich und sp?hte hin¨¹ber zu seiner Tochter.
Dann lie? er den Ball, den er mitgebracht hatte vor sich schweben und feuerte ihn mit starker telekinetischer Kraft dorthin, wo sich Viktoria positioniert hatte. W?hrend die Prinzessin auf das Objekt wartete, kam ein starker Windsto? und lie? sie das Gleichgewicht verlieren. Als der Posaunist, der diese immer noch beobachtete, das sah, rief er: ?Pass auf!¡° Seine Sorge war vergebens, da sie sich, bevor sie hinunterfallen konnte, einfach in der Luft schweben lie? und dann wieder senkrecht aufrichtete. Auf einmal kam da der Ball angeschossen. Er verfehlte Viktoria um mehr als zehn Meter. Sie bremste seine Wucht ab und holte ihn mit Telekinese zu sich her¨¹ber. Danach versuchte sie ihn so zielgenau wie m?glich zu ihrem Vater zur¨¹ckzupassen.
Auf die Distanz war das eine gro?e Herausforderung. Damit dieser nicht zu kurz flog, packte sie ordentlich Kraft in ihren Schuss. ?Wusch!¡° Der Ball flog mit solch gewaltiger Kraft davon, dass ein lauter Knall durch die ganze Hauptstadt schallte. Er verfehlte Wenzel deutlich, welcher nur zusehen konnte wie das Ding, einer Kanonenkugel gleich, in das Haus neben ihm einfuhr und eine Wand zum Einsturz brachte. ?Oh, Gott! Vielleicht war das doch keine so gute Idee!¡°, stellte Wenzel mit seiner ?Superkraft¡° der Retrospektive fest. Er flog gleich hinunter, um zu ¨¹berpr¨¹fen, ob auch niemand verletzt worden war. Zum Gl¨¹ck war au?er dem Sachschaden nichts passiert. Der Herrscher versicherte den Dort-Anwesenden gleich, dass er selbstverst?ndlich f¨¹r den Schaden aufkommen w¨¹rde. Da kam dann auch schon Viktoria angeflogen. ?Tut mir leid. Ich habe wohl ein wenig danebengetroffen.¡° ¨C ?Ein wenig ist gut gesagt! Naja, du kannst froh sein, dass sonst nichts passiert ist¡°, ermahnte sie der Zauberer.
Damit war das Magietraining f¨¹r heute schon wieder beendet. Die beiden flogen wieder zur¨¹ck in den Palast. W?hrend des Fluges, sagte Wenzel zu seiner Tochter: ?Du hast schon gro?e Fortschritte gemacht. Dein Gef¨¹hl f¨¹r Magie ist gro?artig. Nur hast du eben das Problem, dass du zu viel Kraft hast. Reduziere sie noch mehr.¡° ¨C ?Ich werde es versuchen, Herr Vater.¡° Die Kleine war ein Naturtalent. Das war aber etwas, das ihr Zauberlehrer ihr nicht sagen konnte. Dennoch, sie beherrschte nach ein paar Monaten nun schon das meiste von dem, was Wenzel konnte. Folglich hatte er sich entschieden, sie in weitere Geheimnisse einzuweihen.
Wie ein wilder Eber stie? die Prinzessin die T¨¹r zur kaiserlichen Privatbibliothek auf und st¨¹rmte dann auch ebenso wie einer hinein. Silke sprang dadurch gleich voller Schreck auf. ?Bei den Heiligen! Ich krieg hier gleich noch einen Herzinfarkt wegen dir, junge Dame!¡°, verlautbarte die Forschungsassistentin. Direkt nach ihr betrat Wenzel das Zimmer. ?Das ist eine B¨¹cherei, Viktoria. Hier sind wir, bitte, leise!¡°, ermahnte er sein Kind. ?Tut mir leid, sie ist immer so ungest¨¹m¡°, entschuldigte er sich gleich anschlie?end bei Silke. Gesagte Dame best?tigte ihn nur und meinte: ?Ist schon in Ordnung. Sie kennt sich ja noch nicht mit so etwas aus.¡° Verlegen kratzte sich der Kaiser hinter dem Ohr, als er das h?rte.
Dann ging er zum dem ¨¹ber, weswegen sie hergekommen waren. ?Das hier ist meine pers?nliche Sammlung an Wissen. Sie hat den Zweck alles, was man an Informationen ¨¹ber Magie, und auch wenn es nur irgendwie entfernt damit zu tun hat, zusammenzutragen. Die B¨¹cher und anderen Schriftst¨¹cke, die du hier sehen kannst, sind aus dem ganzen Reich herbeigeschafft worden. Wir sind noch lange nicht fertig, alles, was man finden kann, durchsucht und analysiert zu haben.¡° Seine Tochter blickte auf die B¨¹cherregale, die bis hoch an die Decke reichten, schien aber nicht sonderlich berauscht von all dem zu sein. Ihr Vater erkl?rte unterdessen ungebremst weiter: ?Geschichte, Geographie, Medizin, Theologie. Aus allen m?glichen Sparten haben wir Werke zusammengetragen, in der Hoffnung Hinweise und Informationen ¨¹ber Magie zu finden.¡°
?Wei?t du also nicht, wie genau Magie funktioniert?¡°, fragte nun das M?dchen nach. ?Doch, zu einem Teil. Aber leider wurde das Wissen dar¨¹ber von den Usurpatoren, die die Melgarionen ermordet hatten, fast komplett vernichtet. Jetzt muss ich erst wieder vieles finden oder neu entdecken.¡° Viktoria nickte schlicht. ?Es ist meine Aufgabe als der Erkorene, also als DER Magier, dieses Wissen zusammenzutragen, aufzuschreiben und der Nachwelt weiterzugeben. Das ist auch eine Aufgabe, die du von mir erben wirst, Viktoria.¡° - ?Hahhhh, wirklich?¡°, seufzte die Kleine. Der Souver?n lachte da und meinte: ?Ja, wirklich. Wenn du ?lter bist, wirst du schon noch zu sch?tzen lernen, was ich hier tue.¡°
Er deutete ihr, ihm zu folgen. Die beiden begaben sich hin¨¹ber zu einem von mehreren gro?en Schreibtischen. Auf diesem lagen allerhand Zettel, Tintenf?sser, Federn, B¨¹cher und Mappen herum. Das Wichtige lag aber genau in der Mitte vor dem Sitzplatz. Ein Buch mit gr¨¹nem Einband, auf dem ?De Arte Magica¡° zu lesen war. ?Das ist mein ¡.wird mein gro?es Werk werden, mein Verm?chtnis¡°, begann der Kaiser seine Ausf¨¹hrungen. Er hob das Buch auf und gab es Viktoria in die H?nde. ?Hier drin fasse ich meine Erkenntnisse zu Magie geordnet und kurz zusammen. Je mehr ich dar¨¹ber lerne, desto voller wird das Buch werden.¡° Das M?dchen bl?tterte fl¨¹chtig durch und blieb nur kurz bei Bildern von Zauberkreisen h?ngen. Dann schlug sie das Ding auch schon wieder zu.
Sie sagte nichts, ein Zeichen daf¨¹r, dass sie relativ wenig Interesse an ?langweiligem¡° Buchwissen hatte. In Reaktion darauf vermerkte Wenzel: ?Ich wei?, dass das alles fade f¨¹r dich ist. Ich wei?, wie du dich f¨¹hlst. Ich war auch mal genauso wie du. Lernen hat mich gelangweilt und ich wollte lieber hinaus in die Welt und Abenteuer erleben. Wenn du etwas reifer bist, wirst du verstehen, warum diese ?faden Sachen¡° so wichtig sind.¡° Nun erkundigte sich das Kind: ?Muss ich das auch alles lernen?¡° ¨C ?Wir werden es langsam, St¨¹ck f¨¹r St¨¹ck durchgehen. Bei Magie werde ich dir keinen Zeitplan geben.¡° Sie zog eine unzufriedene Miene. Ihr Vater wusste nicht, wie er ihr hier helfen konnte. Wenn er an sich selbst zur¨¹ckdachte, war seine Schlussfolgerung, dass er ihr einfach die Zeit und den Raum geben sollte, um selbst ein Interesse zu entwickeln und verstehen zu lernen. Das k?nnte aber noch lange dauern¡.
?Ach, so! Das h?tte ich jetzt fast vergessen!¡°, kam da ein Ausruf Wenzels, der die beiden anderen Anwesenden verwirrte. ?Die nette Dame hier ist Silke und sie ist meine Assistentin. Stell dich, bitte, bei ihr vor!¡° ¨C ?Guten Tag, ich hei?e Viktoria Althun!¡°, kam sie seiner Bitte nach. Auch seine Assistentin stellte sich der Kleinen mit freundlichem L?cheln vor. Dann erl?uterte der Herr: ?Sie ist eine sehr kluge Frau und ist diejenige, die sich hier am besten auskennt. Wenn du Fragen hast, kannst du jederzeit zu ihr gehen. Sie wird immer hier sein. Zumindest wenn es nach mir geht, wird sie auch dir einmal zu Diensten sein.¡° Infolge verneigte sich Silke h?flich vor ihm. Das war eine Geste, die der Kaiser ganz und gar nicht mochte und sofort unterband. ?Bitte, lassen Sie das sein, meine Liebe. Ich will hier mit Ihnen zusammenarbeiten, nicht mich verehren lassen!¡°
?Wie Ihr w¨¹nscht¡¡°, wollte die Dame gerade antworten, als ihr da auf einmal das Kind ins Wort fiel. ?Verneige dich, Untertan!¡°, posaunte sie heraus und plusterte sich dabei auf. ?Viktoria!¡°, fuhr sie Wenzel scharf an. Es war das erste Mal, dass er so einen Ton mit ihr angeschlagen hatte. Seine Tochter blickte ihn nur erstaunt an, schien sich aber nicht zu f¨¹rchten. ?Tut mir leid, es war eigentlich nur ein Scherz¡°, gab sie dann heraus. Sie hatte verstanden, welch emotionales Thema dies f¨¹r ihren Adoptivvater war. Der Grund daf¨¹r war ihr aber nicht bewusst.
Nachdem sich die Gem¨¹ter wieder beruhigt hatten, bat der Mann das M?dchen kurz hier zu warten. Er huschte schnell hin¨¹ber in ein angrenzendes Zimmer. Drei Minuten sp?ter kam er mit 4 Gegenst?nden zur¨¹ck, die er auf dem Tisch platzierte. ?Dies sind die vier Heiligen Artefakte. Sie stammen noch von Melgar selbst. Sogar die gew?hnlicherweise desinteressierte Viktoria horchte da auf, denn den Erkorenen Gottes, den Messias, kannte ja wohl absolut jeder. Danach delegierte seine Majest?t die Erkl?rung an Silke weiter, damit sein Kind einen Eindruck davon bekommen konnte, wie gebildet sie war.
Die Frau begann auszuf¨¹hren: ?Das hier ist die Kaiserkrone und mit ihr kann man die Sprache von Tieren verstehen. Dann haben wir hier noch das Szepter, mit dem man, wie wir k¨¹rzlich herausgefunden haben, Dinge und Leute aufsp¨¹ren kann. Das Amulett hier ist leider kaputt, darum kann es leider nichts mehr.¡° Und so weiter und so fort. Ausnahmsweise war Viktoria mal aufmerksam.
?Ihre junge Hoheit ist ¡.eine Herausforderung¡°, erstattete ein ?lterer Herr mit Halbglatze dem Erkorenen Bericht. ?Sie passt oft nicht auf, erledigt die Aufgaben, die sie in Eigenarbeit erledigen soll, nur schlampig und manchmal widersetzt sie sich sogar meinen Auftr?gen! Ich wei?, ehrlich gesagt, nicht genau, wie ich mit ihr zurechtkommen soll.¡° Folglich erwiderte Wenzel ihrem Lehrer: ?Mir ist bewusst, wie sie ist. Es ist schwierig. Ich werde mal mit ihr dar¨¹ber ein ernstes Gespr?ch f¨¹hren.¡° ¨C ?Einmal abgesehen davon ist sie gar nicht unbegabt. Sie versteht die Dinge recht schnell, wenn sie einmal aufpasst und arbeitet. Ihre Hoheit ist kein dummes Kind. Sie hat lediglich einen R¨¹ckstand, da sie nicht von fr¨¹hen Jahren an schon Bildung bekommen hat.¡° Der Kaiser erfreute sich zumindest das zu Ohren zu bekommen. Er bedankte sich bei dem Mann und verabschiedete ihn.
Ihre anderen Privatlehrer hatten ihm ?hnliches mitgeteilt. Am Nachmittag versuchte er dem M?del dann klarzumachen, warum diese Angelegenheit so wichtig war. ?Das ist aber alles so anstrengend und ich will nicht lernen! K?nnen wir nicht lieber mehr mit Magie machen?¡°, gab sie zur Antwort. Der Vater versuchte ihr Verst?ndnis entgegenzubringen. Er erinnerte sich an seinen eigenen Vater, Bertold, zur¨¹ck und wie sinnlos dessen Druck und Bestrafungen f¨¹r schlechte Leistungen gewesen waren. Das wollte er so bei seiner Tochter nicht machen. Auch wenn andere sie vielleicht als ?verzogene G?re¡° beschreiben w¨¹rden, so wollte er nicht, dass sie sich vor ihm f¨¹rchtete. Daher erkl?rte er ihr: ?Bei mir hat es auch l?nger gedauert, bis mir ein Licht aufging. Du musst das Lernen nicht lieben, versuch einfach zu machen, was dir deine Lehrer sagen, okay?¡° Die Prinzessin nickte ihm nur wenig ¨¹berzeugend zu und entgegnete: ?Mhm.¡°
Auch Amalie hatte dazu etwas zu sagen. Es war nur etwas v?llig anderes als es ihr Ehemann vermutet h?tte. Am sp?teren Nachmittag setzten sich die zwei zusammen und besprachen Viktorias Verhalten. ?Sie ist aufs?ssig und h?rt nicht auf das, was man ihr sagt¡°, stellte Amalie fest. ?Ich bin mir dessen bewusst¡°, konterte Wenzel. ?Ich habe von einigen Leuten, unter anderem auch den Dienern, geh?rt, dass sie manchmal einen ihrer ?Momente¡° hat, also ausrastet und einfach Dinge auf den Boden wirft und kaputt schl?gt! Das ist v?llig inakzeptabel!¡°, erz?hlte die Frau nun ihrem Liebsten, der ein ¨¹berraschtes Gesicht machte.
?Hast du sie schon daf¨¹r schon getadelt?¡° ¨C ?Ja, nat¨¹rlich. Aber ich kann sie ja noch nicht mal richtig bestraften. Ihr Hausarrest zu geben ist auch nicht sinnvoll, da sie ohnehin noch immer keine Freunde hat. K?nntest du sie nicht einmal¡.¡° - ?Nein, kann ich nicht¡°, entgegnete Wenzel sogleich. ?Ich werde unsere Tochter nicht z¨¹chtigen!¡° - ?Das hab ich auch nicht sagen wollen¡°, rechtfertigte sich seine Gattin. Er wusste aber genau, dass sie dies sagen wollte. Somit meinte er: ?Sie wird auf Basis der Reaktionen anderer auf ihre Handlungen verstehen lernen, wie man sich zu verhalten hat.¡° Amalie sch¨¹ttelte da nur den Kopf.
Pl?tzlich wurden sie von der aufschwingenden Zimmert¨¹r aus ihrer Diskussion gerissen. ?Feuer! In Viktorias Zimmer brennt es! Helft mir, bitte!¡° Augenblicklich sprangen beide Eltern auf und eilten hin¨¹ber ins nahe gelegene Zimmer. Beim Eintreten sah man schon, wie der Fensterstock in Flammen stand. Sie z¨¹ngelten nach oben zur Decke und drohten hier alles in Flammen aufgehen zu lassen! Wenzel reagierte sofort. Er zerst?rte die Fensterscheibe mit einer Druckwelle. Danach flog er hinaus ins Freie, hinunter zu einem Brunnen, der sich ein St¨¹ck entfernt auf der anderen Stra?enseite befand.
Die Kleine, die bisher nur wie angewurzelt danebengestanden war, schaute jetzt hinaus, was ihr Vater da machte. Der Magier bef?rderte via Telekinese eine gro?e Menge an Wasser aus dem Brunnen herauf, das er in einer Blase ¨¹ber sich schweben lie?. Dann flog er mit dieser her¨¹ber, um den Brand mit einem gro?en Schwall an Fl¨¹ssigkeit zu l?schen. Als Viktoria das sah, flog sie auch beim Fenster hinaus zum Brunnen, um es ihm gleich zu tun. Wenzels erster Guss hatte ohnehin nicht ganz ausgereicht. Gleich darauf kam dann das M?dchen mit einer weiteren Wasserblase daher. Mit dieser machten sie der restlichen Glut den Gar aus.
Es war vollbracht. Die zwei schwebten wieder herein und setzen ihre F¨¹?e am Boden auf. Was nun folgte war eine lange Tirade an wohlverdienter Schelte, die sich Viktoria einhandelte. Ihre Leibw?chterin, Ylva, stand nur daneben und verblieb still. Dass Viktoria, ?Brenne, brenne lichterloh!¡° gerufen hatte, als die Frau das Feuer beim Betreten des Zimmers entdeckt hatte, behielt sie lieber f¨¹r sich. Die Kleine war ein furchteinfl??endes Wesen.
Es war ein warmer Fr¨¹hlingstag und die Bienen sammelten flei?ig ihren Nektar an Str?uchern, die ¨¹ber und ¨¹ber mit Bl¨¹ten besetzt waren. Entlang relativ schmaler G?nge, die aber blitzsauber gefegt waren, schritt eine f¨¹r diese viel zu gro?e Delegation. Der Kaiser, gefolgt von einer Reihe an Wachen, Priestern und anderem Schulpersonal wanderte den Gang nach vorne, um schlie?lich bei einer der T¨¹ren in einen Raum hineingef¨¹hrt zu werden. Alle fein herausgeputzten Sch¨¹ler erhoben sich gleichzeitig von ihren Sitzpl?tzen, als seine Majest?t das Klassenzimmer betrat. ?Ave Melgar!¡°, riefen sie alle brav, so wie man es ihnen beigebracht hatte. Auch die Lehrkraft stimmte mit ein. Es war Vater Dimitrios, der momentan mit diesen den Schreibunterricht abhielt. Wenzel begr¨¹?te diesen und blickte sich im Raum um. Die intrikate Decke sah immer noch genauso aus, wie er sie in Erinnerung hatte. Erst danach stellte er sich der Klasse vor.
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?Ich bin Wenzel, wie ihr alle sicher wisst.¡° Es war eine unn?tige Vorstellung, sein Portr?t hing an der Wand hinter ihm. Dann ging er zu einem Sch¨¹ler in der zweiten Reihe und fragte: ?Und wie ist dein Name?¡° ¨C ?Hadmar, Eure Hoheit.¡° ¨C ?Gut. Und was habt ihr in den letzten Monaten hier so gelernt?¡° Der Bursche war sehr nerv?s und gab nur abgehackte Antworten. ?Ist schon okay. Ich werde dich schon nicht auffressen¡°, versuchte der Zauberer ihn zu versichern. Es half kaum etwas. Dann ging er noch zu einigen anderen Kindern und redete mit diesen ¨¹ber die Dinge, die sie hier im Unterricht vermittelt bekamen. W?hrend dies vor sich ging, standen die restlichen Leute, die er mit im Schlepptau hatte, nur im T¨¹rbereich herum und schauten bl?d.
Es dauerte nicht allzu lange, dann machte er sich wieder auf den Weg. ?Vielen Dank, alle miteinander! Gutes Gelingen w¨¹nsche ich euch noch!¡° Wenzel spazierte wieder hinaus und begab sich dann mit den Leuten hinauf in die Direktion. Dort nahmen dann alle auf bereits vorbereiteten B?nken und St¨¹hlen Platz. Die Sonne lehnte sich derart stark herein, dass unmittelbar die Vorh?nge zugezogen wurden oder zumindest jene, welche den Lichteinfall, der seine Majest?t direkt traf, blockierte. Das Zimmer war ¨¹beraus ger?umig und hatte wie die meisten R?ume hier eine Decke mit sch?nen Stukkaturarbeiten und Malereien.
Der neue Direktor trug die langen schwarzen Roben eines Geistlichen. Der Erkorene lie? seinen Blick kurz ¨¹ber die versammelten Personen wandern, bis er schlie?lich sichtlich ¨¹berrascht von einer der Anwesenden die Augen aufriss. Es war eine Frau, die einzige Frau, die, seit er an diesem Ort zur Schule gegangen war, geblieben war. Seine alte Lehrerin, Frau Adele war immer noch hier. Sie trug jetzt zwar lange, schwarze, betont keuschere Gew?nder, aber sie hatte immer noch einen Posten hier. Die nun schon ?ltere Dame erwiderte nat¨¹rlich seinen intensiven Blick, woraufhin er sie ansprach: ?Sie habe ich lange nicht mehr gesehen, Frau Adele. Wie geht es Ihnen?¡° - ?Es geht mir gut. Euch geht es anscheinend auch gut, wie ich sehen kann. Das ist erfreulich.¡° Auf ihre Antwort musste der Kaiser nun lachen. ?Haha! Besser als Sie es zumindest damals vermutet h?tten, nach all den Dingen, die geschehen sind.¡°
Schlie?lich gingen sie aber zum Gesch?ftlichen ¨¹ber. Seine Hoheit r?usperte sich noch einmal, dann erhob er das Wort: ?Was ich von den Sch¨¹lern so mitbekommen habe, wird ein sehr starker Fokus auf religi?se Erziehung und das Studium der Heiligen Schrift gelegt. Nichts Geringeres habe ich mir von unserem Bildungssystem erwartet, seitdem es wieder die Kommune ¨¹bernommen hat.¡° ¨C ?Vielen Dank, mein Herr!¡°, reagierte der Direktor darauf. Wenzel zog infolge eine Augenbraue nach oben und erl?uterte: ?Das war kein Kompliment! Anstatt echter Kompetenzen stehen nur Dogmen und Indoktrination im Zentrum. Was soll aus dieser Generation werden? Ich sag es ihnen: Brave Sch?fchen, die alles tun was man ihnen sagt, die aber nicht verstehen, was sie tun und wie die Welt funktioniert!¡°
Das Lehrpersonal war v?llig baff. Einen Moment blieben sie nun entgeistert stehen. Adele versuchte keine Gef¨¹hlsregung zu zeigen, doch ihr ehemaliger Sch¨¹ler kannte sie noch gut genug, um ihr anzusehen, dass sie seine Konfrontation der Pfaffen am¨¹sierte. Nachdem er seine Gedanken vom vorangegangenen Schlag wieder zusammengesammelt hatte, gab der Schuldirektor endlich zur Antwort: ?Aber legitimieren die Lehren des Teleiotismus nicht die Autorit?t des Erkorenen? Ist Euch dies nicht dienlich, mein Herr?¡° ¨C ?Oh, das ist es¡°, entgegnete Wenzel und f¨¹gte hinzu, ?wenn ich das Volk zu braven Zinnsoldaten erziehen wollte und alle, die mir im Weg stehen ausradieren wollte. Aber sagen Sie mir: W?re das eine gute Welt? Ist das die Welt, in der wir einmal leben m?chten?¡°
Das Schuloberhaupt err?tete und ¨¹berlegte einen Augenblick. Dann erwiderte er: ?Ja, in der Tat, Eure Heiligkeit!¡° Diese Antwort hatte der Kaiser nat¨¹rlich erwartet. Es war dieselbe, die ihm die Direktoren jener anderer Schulen, die er bereits besucht hatte, auch gegeben hatten. ?Wenn ich so etwas Antiklerikales ?u?ere, vermuten sie einen Test ihrer Treue dahinter. Immer ist es dasselbe. Die Antwort wird f¨¹r sie immer nur das Testament sein. Ihre Logik l?sst gar nichts anderes zu¡°, ging es dem Herrscher durch den Kopf. Alles starrte nun einzig auf Wenzel, der in seinem gro?en Lehnstuhl thronte. Niemand traute sich mehr etwas zu sagen. ?Keiner dieser Feiglinge ist Manns genug, mich zu fragen, ob ich auch tats?chlich an die Heilige Schrift glaube!¡°, dachte er sich. Schlie?lich begann er wieder zu sprechen: ?Ich m?chte, dass ihr gr??eres Augenmerk auf andere Disziplinen au?erhalb des Glaubens legt. Ich habe im Prinzip nichts gegen eure Praktiken¡°, betonte er aus Notwendigkeit, ?nur gibt es noch andere Dinge als Beten, die ein Sch¨¹ler dieser Akademie k?nnen sollte, wenn er sie wieder verl?sst.¡°
?Es wird so geschehen, Eure Hoheit!¡°, kam erwartungsgem?? von diesen zur¨¹ck. Danach erledigten Wenzels Diener noch einige verwaltungstechnische, b¨¹rokratische Notwendigkeiten mit der Schulverwaltung, Dinge mit denen er sich nicht pers?nlich herumschlug. Er schrieb seinen Namen ins G?stebuch ein, verabschiedete sich und machte sich rasch wieder auf den R¨¹ckweg. Auf dem Weg hinaus durchschritt er dann allerdings den sch?n angelegten Park, der sich in all den Jahren auch kaum ver?ndert hatte. Der Herrscher hielt kurz inne und schaute sich die roten Blumen an, deren Namen er immer noch nicht kannte. Anschlie?end schweifte sein Blick zur alten Mauer hin, auf deren anderer Seite die gro?en Felder waren und ein St¨¹ck weiter entfernt Olemar lag.
Letztlich fiel sein Augenschein dann aber hin¨¹ber auf das Geb?ude, in dem die Schlafs?le waren. Wie hypnotisiert wandelte er hin¨¹ber und blieb vor dem kleinen Vorplatz stehen. Er blickte auf die Pflastersteine und dann hinauf zu dem Balkon im 3. Stock. Eine Zeit lang blieb er nun einfach nur so stehen. Einstweilen begannen schon die Anwesenden, die ein St¨¹ck Abstand zu ihm hielten, leise untereinander zu nuscheln. Eine der Wachen trat nun zu ihm heran und fragte: ?Ist alles in Ordnung, mein Herr?¡° Wenzel gab ihm ein Kopfsch¨¹tteln zur Antwort. Mit schwerer Stimme sprach er dann: ?Einst h?tte ich mir nicht vorstellen k?nnen, dass ich jemals hierher zur¨¹ckkehren w¨¹rde. Dies ist der Ort, an dem die Revolution ihren Anfang nahm. Ein Ort, ein Moment, der mir nur zwei Optionen lie?: Tod oder Revolution.¡° Die Wache verstummte ehrf¨¹rchtig, ebenso wie die anderen, die dahintergestanden und seine Worte vernommen hatten.
Der Zauberer war sich im Klaren, dass es hier im Internat allerhand Ger¨¹chte ¨¹ber jene Ereignisse damals gab. Sie interessierten ihn nicht das geringste bisschen. ?Ferenc!¡°, rief er nun seinen Leibw?chter herbei. ?Ja, Eure Majest?t?¡°, kam es zur¨¹ck. ?Wir machen uns wieder auf den R¨¹ckweg in die Hauptstadt. Meine Visiten sind hiermit beendet.¡° W?hrend sie schon zu den W?gen f¨¹r die R¨¹ckfahrt gingen, holte er aus seiner Tasche einen Briefumschlag und h?ndigte ihn seinem alten Waffenbruder aus. ?Lass diesen Brief, bitte, meinen Schwiegereltern ¨¹berbringen. Nachdem wir schon hier sind, ist das kein gro?er Aufwand.¡° ¨C ?Wollt Ihr denn die Herrschaften nicht pers?nlich besuchen?¡° ¨C ?Ich h?tte kein Problem damit, aber da meine Ehefrau nicht mitgekommen ist, sehe ich wenig Sinn darin, diesen alleine einen Besuch abzustatten.¡° ¨C ?Wie Ihr meint.¡°
?Kling! Klang!¡°, trafen die Klingen aufeinander. Inmitten einer der kleineren Innenh?fe des Palastes waren zwei Schwertk?mpfer in ein hei?es Duell verstrickt. Auf dem gr¨¹nen Rasen standen sich zwei M?nner, die die Revolution hervorgebracht hatte gegen¨¹ber: Brahm, der Kommandant der Kaisergarde und Wenzel, der Kaiser des Heiligen Ordanischen Reiches. Wenzel wich einen Schritt zur¨¹ck, um Luft f¨¹r seinen n?chsten Angriff zu bekommen. Brahm versuchte dies zu nutzen, um selbst einen Angriff von oben aus der Ochs Stellung zu machen. Wie sein Spiegelbild holte der Erkorene zu einem Schwung von unten nach oben aus. Die beiden Schwerthiebe trafen sich genau in der Mitte. Dann machten die beiden Seitenspr¨¹nge, wodurch sie sich, wie in einem Tanz im Uhrzeigersinn zueinander drehten.
?Ich wei? wirklich nicht mehr weiter. Theodor will nicht mit mir kooperieren und die Kirchenvertreter mit ihrem Tunnelblick helfen mir auch nicht weiter, selbst wenn sie ihrer eigenen ¨¹berzeugung nach auf meiner Seite stehen¡°, verschaffte Wenzel seiner Frustration Geh?r. Der Befehlshaber seiner Garde drehte weiterhin seine Kreise mit ihm und entgegnete: ?Das ist schon eine wirklich gefuchste Angelegenheit!¡° Er parierte einen horizontalen Hieb seines Widersachers. ?Ja, ich wei? keine L?sung daf¨¹r. Hast du irgendwelche Ideen?¡°, erfragte der Kaiser nun von seinem Kontrahenten. Dieser machte einen blitzschnellen Stich nach vorne, dem sein Gegen¨¹ber allerdings geschickt nach links auswich. Dann erwiderte er: ?Hmmm. Schwierig.¡°
W?hrend er ganz kurz abgelenkt war, holte Wenzel zu einem weiten Schwung von oben aus, sein Gegner hielt ihm aber sogleich die Breitseite des Schwerts entgegen. Der Schlag traf diese, jedoch machte der Kaiser dann einen Salto ¨¹ber Brahms Kopf hinweg und f¨¹gte ihm einen Schlag in den R¨¹cken zu. ?Wirklich?¡°, rief da der ver?rgerte Brahm. ?Ich dachte, wir h?tten gesagt, dass Magie hier als Schummeln gilt. Du f?llst mir hier wortw?rtlich in den R¨¹cken, Wenzel!¡° Fast schon etwas kindlich kicherte sein Herausforderer da und meinte: ?Tut mir leid. Ich konnte es mir nicht ganz verkneifen. So oft kommen wir ja nicht mehr dazu, so wie in alten Zeiten gegeneinander anzutreten.¡° Sein alter Freund musste da ein wenig grinsen. Dann legten sie beide ihre Schwerter in die Wiese und setzten sich hin.
Anschlie?end ?u?erte Brahm: ?Ich habe da eine Idee.¡° ¨C ?Die w?re?¡° ¨C ?Warum vergr??erst du nicht einfach die Kaisergarde, baust sie zu etwas Bedeutsamerem aus.¡° ¨¹berrascht sah ihn Wenzel an und ¨¹berlegte dann einen Moment. Schlie?lich antwortete er: ?Das ist eine wirklich gute Idee, eigentlich. Ich glaube aber nicht, dass ich dem Heer Kompetenzen entziehen k?nnte, um sie stattdessen meiner Garde zu ¨¹bertragen.¡° ¨C ?Nein. Ich glaube auch nicht, dass das so eine gute Idee w?re. Aber du kannst ja einmal Peter fragen, was die rechtlich festgelegten Aufgabenbereiche des Milit?rs sind. Alles, was nicht explizit illegal ist, k?nntest du auch in dem Aufgabenbereich der Kaisergarde inkludieren.¡° Wie ein Schaukelpferd wippte Wenzels K?rper und damit auch sein Kopf in ¨¹bereinstimmung vor und zur¨¹ck. Dann sagte er: ?Danke, Kumpel! Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann.¡°
Wenige Wochen sp?ter
Es herrschte tr¨¹bes Wetter und nur am Vormittag hatten es ein paar vereinzelte Sonnenstrahlen geschafft die dichte Wolkendecke zu durchbrechen. Auf dem Platz direkt vor dem Melgarionenpalast war ein ganzes Regiment von ¨¹ber tausend Soldaten in Formation aufgestellt. Ein lebhafter Wind wehte und lie? die Fahnen, welche sowohl die Reichsfahne als auch die Kaiserstandarte umfassten, heftig herumflattern. Alle waren sie vortrefflich in der Karouniform der einstigen Kaisergarde gekleidet. Nur Wappen war nun ein anderes auf ihren Tuniken abgebildet, n?mlich eines, das eine Sichel, die ?hren abzuernten schien, abbildete, ¨¹ber der eine Triquetra prangte. Es war ein ungew?hnliches Symbol, das man bis hierhin noch nie gesehen hatte und dessen Bedeutung ein R?tsel war.
Seine Majest?t, Wenzel Althun, trat vor die Truppen. ?Saaaalutiert!¡°, dr?hnte es da aus Kommandant Duenitz Kehle, woraufhin alle Mann dem simultan folge leisteten. Danach wurde ein sehr kurzer Abschnitt aus dem Heiligen Testament vorgelesen. Unter lautem, rhythmischem Trommeln folgte anschlie?end das Erheben der Hand zu Schwur. Alle M?nner sagten die Eidesformel, die sie zuvor auswendig gelernt hatten auf:
?Wir schw?ren zu Gott dem Allm?chtigen einen feierlichen Eid, Seiner Teleiotischen Majest?t, unserem Allerdurchlauchtigsten Herrn, Wenzel Althun dem von Gottes Gnaden Erkorenen, Kaiser von Ordanien, K?nig der Zeemark und Corakiens, Schutzherrn von Camenia und dem Kascharenland treu und gehorsam zu sein, auch Allerh?chst allen unseren Vorgesetzten und H?heren zu gehorchen, dieselben zu besch¨¹tzen und zu ehren, ihren Geboten und Befehlen in allen Diensten Folge zu leisten, gegen jeden Feind und wo immer es Seiner Majest?t Wille erfordern mag, bei Tag und bei Nacht, in Schlachten, in St¨¹rmen, Gefechten und Unternehmungen jeder Art, mit einem Wort, an jedem Orte, zu jeder Zeit und in allen Gelegenheiten tapfer und mannhaft zu streiten, unsere Truppen, Fahnen und Standarten in keinem Falle zu verlassen, uns mit dem Feinde nie in das mindeste Einverst?ndnis einzulassen, und mit Ehre zu leben und zu sterben. So wahr uns Gott helfe.¡°
Ihrem Kaiser die Treue geschworen, w¨¹rden diese nun als Mitglieder der neuen Reichsgarde dienen, welche fortan die Kaisergarde abl?ste. W?hrend sie den Treueeid aufsagten, konnten alle sehen, wie ein kleiner Stern in den Augen des Erkorenen aufleuchtete. Die Gardisten werteten dies als ein Zeichen Gottes. Immerhin waren sie ja auch die Frommsten, die die Rekrutierer finden hatten k?nnen. Diese Zeremonie war ein dem Eindruck nach gro?er Moment, der allerdings nichts am Machtgef¨¹ge im Reich ?ndern w¨¹rde. Seine Hoheit hatte jedoch ein starkes Zeichen seiner Entschlossenheit damit gesetzt. Der Oberste Marschall zollte dem Ereignis bewusst keine Aufmerksamkeit und hatte am selben Tag demonstrativ eine Inspektion der Stadtgarnison, die allerdings in einem anderen Stadtteil angesiedelt war, durchgef¨¹hrt. Im Endeffekt war es nicht mehr als Symbolpolitik von beiden Seiten. Einstweilen.
Alles war dunkel. In dieser Finsternis formten sich aber langsam Umrisse und bildeten sich Formen, bis sich schlie?lich der Ort, an dem sie sich befand in vollem Umfang pr?sentierte. ¨¹berall lagen nur Schutt und Tr¨¹mmer. Viktoria drehte sich nach links. Hier konnte sie ein gewaltig gro?es, rundes Kirchenfenster ausmachen. Seine Darstellungen von Bl¨¹ten und Engeln waren zur H?lfte heruntergebrochen und die unz?hligen bunten Scherben dessen lagen am Boden darunter. Viktoria drehte sich nach rechts. Hier war sah sie das Kirchenschiff hinunter. Viele der S?ulen waren umgefallen und die Decke, die sie getragen hatten, war heruntergefallen und lag in riesigen Tr¨¹mmern verteilt auf dem einst sch?nen Fliesenboden der Kathedrale. Die Front der Kirche war auch teilweise eingefallen. Was in aller Welt war hier passiert?
Das M?dchen flog nach oben in die Luft, um einen besseren ¨¹berblick zu bekommen. Als sie hoch genug war, bekam sie einen Ausblick ¨¹ber die Stadt. Es war eine Stadt, die in Flammen stand und von Zerst?rung gezeichnet war. Schockiert realisierte sie nun, dass sie diese Aussicht hier kannte. Dies war Meglarsbruck und die Kirche hier war die Verk¨¹ndigungskathedrale! Was konnte sie tun? Sie wusste es nicht. Irgendwie hatte sie aber das Gef¨¹hl, dass sie hier warten sollte. Jemand w¨¹rde kommen. Sie lie? sich wieder auf den Boden hinunterschweben. Nachdem sie auf festem Untergrund aufgesetzt hatte, endete der Traum.
Viktoria riss die Augen auf. Sie konnte nichts sehen und setzte sich auf. Sie lag in ihrem Bett, das sich in ihrem Zimmer befand. Alles ganz normal. Sollte sie vielleicht einmal mit ihrem Vater ¨¹ber diese Tr?ume reden? ¡..¡°Meh! Was soll¡¯s¡°, war ihre Schlussfolgerung. Wer wusste schon, ob das tats?chlich eintreten w¨¹rde? Das Kind stand aus dem Bett auf und ging ein wenig im Raum hin und her. Es war unm?glich sich hier in dieser Dunkelheit zu orientieren, daher erzeugte sie nun eine kleine Flamme in ihrer Handfl?che. Irgendwie wollte sie sich nicht wieder schlafen legen. Deswegen wanderte sie nun in ihrem Zimmer umher. Immer wieder starrte sie in die Flamme. Feuer faszinierte das M?dchen. Auch ihre Eltern, ihre echten Eltern, hatten ihr immer gesagt, dass ein Feuer in ihren Augen brannte, nicht im ¨¹bertragenen Sinne, sondern wortw?rtlich.
Ihr neuer Vater war der Einzige, in dessen Augen auch etwas leuchtete. Das gab ihr das Gef¨¹hl, dass er die alleinige Person war, die sie zumindest irgendwie verstehen konnte. Das stimmte so aber nicht ganz. Er konnte ihre Umst?nde nachvollziehen, hatte aber keine Ahnung, wie sie sich f¨¹hlte. Trotzdem war er, ihrer Meinung nach, ein guter Mann. Er versuchte immer nett zu ihr zu sein. Leider war auch er, wie alle anderen hier, erpicht darauf, dass sie viel lernte. Dennoch, andere Kinder in ihrem Alter hatten oft Angst vor ihr. F¨¹r sie war das deshalb der Fall, weil diese einfach zu schwach und zu feige waren, um sich gegen sie durchzusetzen! Ihre Adoptivmutter hatte mittlerweile schon einige Male versucht ihr her¨¹berzubringen, dass sie zu den anderen M?dchen ?nett¡° sein sollte. In Viktorias Augen war das nur Schwachfug! Sie waren diejenigen, die sie oft ¨¹berhaupt erst w¨¹tend machten.
W?hrend ihr all diese Dinge durch den Kopf gingen, trippelte sie auf ihrem weichen Teppich auf und ab. Der Lichtschein ihrer ?magischen Lampe¡° erhellte die edlen M?bel des Kinderzimmers. Es war immer noch wie ein Traum f¨¹r sie hier. Solch einen Reichtum h?tte sie sich in ihren k¨¹hnsten Tr?umen nie vorstellen k?nnen. Doch jetzt lebte sie hier. Sie bekam alles, was sie wollte. Das Essen hier war gut und sie durfte so viel essen, wie sie schaffte. Trotz all dem wirklich anstrengenden Lernen, dem sie sich st?ndig widmen musste, war es sch?n hier. Sie w¨¹rde hier nicht mehr weg wollen. Auch ihre echten Eltern vermisste sie nicht allzu sehr. Papa hatte sie immer nur bestraft, wenn sie etwas anstellte, das ihm nicht gefiel.
1. 06 Ungest眉m
F¨¹nf Jahre sind seitdem vergangen. Auf ihrem weichen Bett fand man nun eine sechzehnj?hrige Viktoria vor. Ihre ¨¹beraus langen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. W?hrend sie im Schneidersitz dasa?, streichelte sie ein kleines Tier, das sie auf ihrem Scho? sitzen lie?. Der kleine Spaniel Wanja, genoss es von dem M?dchen gestreichelt zu werden und stupste sie jedes Mal mit seiner Nase an, wenn Viktoria damit aufh?rte. ?Ach, Wanja. Du bist wirklich meine einzige Freundin¡°, kam es von der Tr¨¹bsal blasenden Prinzessin. ?Das ist jetzt schon fast ein Grund f¨¹r mich beleidigt zu sein, eure Hoheit!¡°, verlautbarte da Ylva, die anscheinend den Raum betreten hatte, ohne dass es Viktoria aufgefallen war.
Ihre H¨¹ndin sprang sogleich von der jungen Dame herunter und begr¨¹?te die Leibw?chterin mit ¨¹berschw?nglichem Schwanzwedeln. W?hrend die braunhaarige Dame das Haustier kurz zur Begr¨¹?ung streichelte, antwortete die k¨¹nftige Thronerbin auf das Vorangesagte: ?Du bist nat¨¹rlich auch meine Freundin. Ist doch sowieso klar!¡° Der Ausdruck im Gesicht der Frau wurde aber dadurch nicht sonderlich zufriedener. Sie meinte: ?Ich wei?, dass Euch etwas bedr¨¹ckt, und ich bin mir auch ziemlich sicher, was dieses etwas ist.¡° Ein paar kurze Sekunden vergingen, bis Viktoria Folgendes entgegnete: ?Wei?t du, ganz am Anfang, als wir uns kennengelernt haben, hat mich dein zeem?rkischer Dialekt immer ein wenig irritiert. Mit der Zeit habe ich mich daran gew?hnt und ihn als Teil deiner Pers?nlichkeit gesehen. Aber am Beginn hat mich deine Art zu reden immer irritiert.¡°
Das M?dchen hatte sogleich das Thema gewechselt. Bevor ihre Leibwache zum urspr¨¹nglichen Gespr?chsgegenstand zur¨¹ckkehrte, konnte sie sich jedoch nicht davon abhalten, zuerst auf die Behauptung zu reagieren. ?Dabei habe ich bei Euch immer versucht, mich so gut wie m?glich in Hochsprache auszudr¨¹cken. Nur meine Aussprache von manchen W?rtern ist eben etwas anders, aber das kann ich nicht ?ndern.¡° ¨C ?Ich finde es gut so. Ohne das w?rst du nicht Ylva!¡° Darauf musste die Dame zumindest ein klein wenig l?cheln. Ihre Majest?t mochte sie wirklich. Ylva lie? den Moment kurz verweilen, bis sie schlie?lich mit dem zuvor Beabsichtigten begann. ?Ihr seid immer zu aufdringlich und, wie manch einer meinen w¨¹rde, dominant. Marzia, aber vor allem Eleonore sind von Eurem Auftreten eingesch¨¹chtert.¡° Dass es bei der j¨¹ngeren der beiden Kuhn Schwestern sogar noch schlimmer war und diese sich wahrhaftig vor der Magierin f¨¹rchtete, lie? ihre Leibw?chterin an dieser Stelle lieber aus.
?Bin ich nicht! Keine der zwei will jemals irgendwas von sich aus. Darum muss ich immer den Ton angeben!¡°, fauchte Viktoria in ihrer typisch beherrschenden Art. Danach presste sie allerdings ihre Lippen aneinander und drehte ihr Gesicht von ihrer Gespr?chspartnerin weg, welche aber kurz einen Blick auf ihren besorgten Ausdruck erhascht hatte. ?Also warum¡..¡°, Viktoria vollendete den begonnenen Satz nicht. Ylva sp¨¹rte schon, was sich anbahnte. Pl?tzlich begannen die ersten Tr?nen von den Wangen der Teenagerin zu laufen. Die andere Anwesende wusste nicht genau, wie sie damit umgehen sollte. Sie r¨¹ckte etwas n?her an das M?dchen heran. Es dr?ngte sich ihr kurz der Gedanke auf, was diese Emotionen f¨¹r Auswirkungen bei der Zaubrerin haben k?nnten. Wie ihr von seiner Majest?t bekannt war, konnten starke Gef¨¹hle sich bei jenen mit magischen Kr?ften physisch auf zerst?rerische Weise manifestieren. Aber die junge Dame war traurig, nicht wirklich w¨¹tend. Was der Effekt hierbei sein w¨¹rde, wusste Ylva nicht wirklich.
Mittlerweile hatte das M?dchen zu schluchzen begonnen. ?Niemand mag mich! Wieso nur mag mich niemand?¡° Die Frau, die danebenstand, f¨¹hlte sich nun auch schon, als ob sie mitweinen m¨¹sste. Sie redete auf Viktoria ein: ?Das ist doch gar nicht wahr. Deine Eltern lieben dich, Wanja liebt dich definitiv auch, und f¨¹r mich bist du auch eine gute Freundin. Mach dich doch nicht so runter!¡° Das M?del blickte sie kurz mit ger?teten Augen an, schaute dann aber wieder weg. Dann sagte diese: ?Du bist zwar eine gute Freundin, aber du bist halt nicht in meinem Alter. Das z?hlt nicht.¡° Daraufhin erwiderte Ylva: ?Das ist jetzt aber schon gemein, Prinzessin! Was spielt Alter denn f¨¹r eine Rolle, wenn man Freunde sein will?¡° Nun fuchtelte die Angesprochene nerv?s und fast schon perplex herum und entgegnete ihr: ?Nein, so war das jetzt nicht gemeint! Glaub mir, ich sch?tze dich sehr! Ich, ich¡¡° ¨C ?Ist schon okay, eure Hoheit. Ich sch?tze Euch auch!¡°
Nachdem sich die Gem¨¹ter wieder etwas beruhig hatten versuchte die Leibw?chterin ihr die Sachlage noch besser darzulegen. ?Ihr seid es gewohnt immer den Ton vorzugeben. Das sch¨¹chtert andere Leute ein. Au?erdem ist da noch die Sache mit Euren F?higkeiten.¡° ¨C ?Du meinst, dass meine Magie ihnen Angst macht?¡° ¨C ?Wohl eher die Dinge, die Ihr damit m?glicherweise tut¡°, kam es zur Antwort. W?hrend sie so auf dem Bett sitzend redeten, fiel ihnen nicht auf, dass der kurz vorher noch strahlend klare Himmel nun wolkenverhangen war.
Eine Dame mit relativ kurzen, schwarzen Haaren war wie so oft damit besch?ftigt verschiedenste Materialen f¨¹r ihre Experimente mit Magie vorzubereiten. Auf ihrem Arbeitstisch lag deshalb zur Orientierung ein aufgeschlagenes Buch bereit, nebst dem einige gl?serne Ampullen aufgereiht waren. Diesen Beh?ltnissen, die mit unterschiedlichsten Materialen, die dem Arkanen dienlich waren, gef¨¹llt waren, entnahm Silke nun Teile ihrer Inhalte bei Bedarf, um sie mit anderen Materialien, die sie hier hatte, zu mischen. Dann f¨¹llte sie diese in wiederum andere Ampullen, welche mit winzigen Zauberkreisen versehen waren. Elfenbein, ?Drachenschuppen¡°, Fledermausfl¨¹gel, Weihrauch, Kardamom, verschiedenste andere Kr?uter, Knochenmehl, unterschiedliche Kristalle und Edelsteine und einiges mehr hatten sie hier zur Verf¨¹gung. Auf einem kleinen Schreibpult lag schon ein Protokoll bereit, das sie ausf¨¹llen w¨¹rde, wenn seine Hoheit, der Erkorene die Experimente durchf¨¹hrte. Die Dame war unglaublich motiviert und man konnte das klar an ihrem fr?hlichen Gesichtsausdruck erkennen. ?Was werden wir wohl heute Neues ¨¹ber den magischen Effekt dieser Stoffe herausfinden?¡°, fragte sie sich voller Elan.
Der Genannte sa? unterdessen in seinem Arbeitszimmer nebenan. Wenzels Aufmerksamkeit war momentan auf etwas ganz anderes gerichtet. Er war gerade in ein dickes Buch vertieft, das wahrhaft antik aussah. Das war es in der Tat auch. Es war eine uralte Aufschrift aus camenischen Archiven, welche gl¨¹cklicherweise nicht von Wahnsinnigen verbrannt worden waren, so wie es hier w?hrend der Revolution passiert war. Die uralte Schrift und Sprache waren eine gro?e Herausforderung, doch der mittlerweile wesentlich gebildetere Wenzel war dazu in der Lage sehr viel davon zu verstehen. Immerhin war das Werk ja auch in camenischer Schrift geschrieben, jene, die man aufgrund der Ausbreitung des Reiches heute in ganz Kaphkos benutzte.
Dies hier waren aber Aufzeichnungen, die noch aus der Zeit vor dem ersten Reich und damit aus der Zeit vor Melgar stammten. Das war bedeutsam, sehr sogar. Was der Kaiser nun an Informationen erhielt, notierte er sich nebenbei in Stichworten auf einem eigenen Blatt Papier. Warum war dies von solch gro?er Bedeutung? Nun, die Sache in Kaphkos war so, dass es beinahe keine originalen schriftlichen ¨¹berlieferungen aus dieser Zeitperiode mehr gab. Von den Zust?ndigen hie? es diesbez¨¹glich, dass jene Kulturen, die dem Reich vorangegangen waren, ?barbarisch¡° waren und daher kaum Aufzeichnungen hinterlassen hatten. Was Wenzel nun hier las, stand in diametralem Widerspruch dazu. Was er hier aus diesen Seiten herauslesen konnte, war die Geschichte einer untergegangenen Hochkultur, jene der Ostrisulier, um genau zu sein.
Es war darin die Rede von riesigen Tempelanlagen, einem ?modernen¡° Stra?ennetz, fortgeschrittenen Technologien und Bautechniken, wie etwa Aqu?dukten, ?ffentlichen B?dern und einem komplexen politischem System. Wenn man heute einen Historiker fragte, w¨¹rde er einem sagen, dass all diese Errungenschaften erst unter Melgar und seinen Nachfahren gemacht wurden. Was stimmte also? Was war die Wahrheit? Der Magier bezweifelte, dass dieses Dokument eine F?lschung war und damit l¨¹gen verbreitete. Wohl eher hatten die Eroberer diejenigen, die sie erobert hatten, als unzivilisiert dargestellt, um ihre ¨¹berlegenheit und damit ihre Herrschaft ¨¹ber diese, sowie die Zerst?rung ihrer Kultur zu rechtfertigen. Von den Ostrisuliern in Camenia, den Gordomannen in Ordanien, bis zu den Kascharen in Kascharovar, bei denen es ja bis in die heutige Zeit angedauert hatte. Sie alle waren ?unzivilisierte Barbaren¡°, denen man erst zeigen musste, wie man leben sollte. Es war immer dieselbe Ausrede gewesen.
Als es an der T¨¹r klopfte, lie? sich seine Assistentin selbst herein. ?Es ist alles vorbereitet, mein Herr.¡° ¨C ?Verstehe¡°, erwiderte er schlicht und folgte ihr hin¨¹ber in die Bibliothek, die im Grunde auch zu ihrem ?Labor¡° geworden war. Wenzel blickte kurz hin¨¹ber auf die Beh?lter, deren Inhalte ihm Silke kurz zu erl?utern versuchte. ?Diese Ampulle beinhaltet Ibischwurz, Einhornpulver¡.¡° Sie bemerkte, dass seine Majest?t nicht so richtig zuh?rte. Als sie ihm dann einen Blick zuwarf, sagte dieser pl?tzlich: ?Du glaubst daran, dass die Wissenschaft rational und urteilsfrei Kenntnisse und Wissen niederschreiben und weitergeben sollte, oder?¡° ¨C ?Selbstverst?ndlich denke ich das!¡°, entgegnete ihm die Dame, die selbst Archivkunde studiert hatte. Darauf fragte ihr Chef: ?Was w¨¹rdest du tun, wenn sich herausstellt, dass alles, was du immer geglaubt hast, eine L¨¹ge war?¡°
Diese Frage traf die Dame nun v?llig unerwartet. Unklar dar¨¹ber, wie sie reagieren sollte, verharrte sie erst einmal stumm vor ihm. Schlie?lich rang sie sich durch nachzufragen: ?Was genau meint Ihr damit, mein Herr?¡° Der Erkorene blickte sie kurz mit versonnenem Blick an. Dann sagte er: ?Nichts. Vergiss es.¡° Danach machten sie sich wieder an ihre Magieforschung. W?hrend all dem ging Wenzel die Sache allerdings nicht aus dem Kopf. ?Alle von Menschen geschaffenen Dinge sind nur L¨¹gen! Wie soll man denn irgendwie vorw?rtskommen, ohne diese Konstrukte vorher niederzurei?en und alles von Grund auf neu aufzubauen? Aber das geht doch auch nicht!¡°, geisterte es ihm durchs Hirn. ?Auch Geschichte ist nur ein Instrument, zur Kontrolle. Was einem nicht passt wird daraus getilgt.¡°
Es war rabenschwarze Nacht. Eine unruhige Viktoria setzte sich nun nach pausenlosem Hin-und Herw?lzen von ihrem v?llig zerkn¨¹llten Bettzeug auf. Sie begann sofort wieder damit, in ihrem Zimmer herumzugehen. Kurz nachdem sie mit dieser Routine begonnen hatte, hielt sie aber inne. ?Nein. Das hilft mir auch nicht zu schlafen. Ich will einfach nicht schlafen. Aber hier drin halte ich es auch nicht mehr aus¡°, murmelte sie im leisen Selbstgespr?ch. Sie war sich aber auch bewusst, dass sie nicht einfach auf den Gang hinausgehen konnte oder irgendwo durch den Palast zu solch sp?ter Stunde wandeln konnte. Die Wachen, vor allem Ylva, w¨¹rden ihr das nicht erlauben. ?Die k?nnen mich alle mal!¡°, sagte die Ungest¨¹me nun mit fast schon zu lauter Stimme. Sie trat an ihr Fenster und ?ffnete dieses. W?hrend die kalte Nachtluft hereinflutete, stieg sie auf den Sims hinauf. Dann flog sie hinaus.
Sie wollte nicht von hier weglaufen oder sowas. Lediglich ein wenig den Kopf freizubekommen, indem sie sich ein wenig Abstand verschaffte, war alles, was sie im Sinn hatte. Unter ihr zogen die finsteren Stra?enz¨¹ge der Kaiserstadt hinweg, welche nur stellenweise von Stra?enlaternen beleuchtet waren. In das dunkle Maul, das jenseits der Stadtmauern lag, flog sie einfach blindlings hinein. Es verging einige Zeit und das M?dchen war sich sicher, dass sie bereits sehr weit weggeflogen war. Sie konnte das zwar nicht genau sagen, da sie auf den Landstrichen unter sich beinahe nichts ausmachen konnte, aber sie wusste, dass sie viel schneller als ihr Vater fliegen konnte und daher schon eine ordentliche Strecke zur¨¹ckgelegt hatte. Die K¨¹hle hier oben lie? ihr eine G?nsehaut auflaufen. Schlussendlich dauerte ihr die Reise dann schon zu lang und sie ging dazu ¨¹ber, sich langsam der Oberfl?che anzun?hern.
Vor sich sah sie dann Baumwipfel in die H?he ragen, was sie dazu veranlasste, vollst?ndig zum Stillstand zu kommen, und die restliche Distanz zum Boden vertikal abzusteigen. Die Landung abgeschlossen habend, fand sie sich nun in einem urigen Geh?lz wieder. Es war feucht, k¨¹hl, roch nach Moder und nicht allzu weit entfernt konnte man das gespenstische ?Huhu-Huhuu¡° eines Waldkauzes h?ren. Im Schein des Feuers, das sie in ihrer Handfl?che kurzerhand erzeugte, wanderte sie nun ein kleines St¨¹ck ¨¹ber den moosigen Waldboden, bis sie eine kleine Lichtung fand. Hier trug sie recht schnell mit ihrer Telekinese eine paar St?cke und ?ste zusammen und machte sich ein Feuer. Das Holz, das nicht recht trocken war, begann zu dampfen und knistern. Die Zaubrerin liebte das und ihr Blick verlor sich wieder f¨¹r ein, zwei Minuten im Tanz der Flamme.
Dann schaute sich das M?dchen in dessen Licht etwas hier um. ?Wenn ich schon hier bin, wo mich niemand st?ren kann, k?nnte ich auch gleich meine Magie ¨¹ben¡°, stellte sie fest. Gesagt, getan. Infolge trat sie mit etwas Abstand zu einem der gr??eren B?ume hier heran und streckte ihre Hand nach vorne aus. Sie sammelte etwas Kraft, allerdings nicht zu viel, und lie? sie dann gleich in Form einer telekinetischen Druckwelle los. Erwartungsgem?? folge ein lauter Knall. Der m?chtige Stamm vor Viktoria splitterte und barst. Unter unheilvollem Knarzen begann er zuerst langsam, dann aber recht rasch zu kippen und auf die linke Seite hin umzufallen. Seine Hohe Krone krachte herunter und riss einige andere B?ume auch gleich mit um. Als er dann auf der Erde lag, schwebe das M?dchen mehr zur Mitte des Baumstammes hin¨¹ber und versuchte ihn mit ihrer Magie anzuheben. Er war sehr schwer, doch es gelang ihr. Dann lie? sie ihn wieder zu Boden.
Auf diese Weise verbrachte die Jugendliche nun ihre Nacht im Wald. Sie hatte gro?e Freude daran, sich nicht mit ihrer St?rke zur¨¹ckhalten zu m¨¹ssen und tun zu k?nnen, was sie wollte. F¨¹r Viktoria bot dies eine gro?artige Gelegenheit all ihren Frust einmal auszulassen. Somit war f¨¹r die n?chsten zwei Stunden einiges an L?rm hier drau?en zu vernehmen. Die Tiere des Waldes w¨¹rden es ihr nicht danken. Bald aber machte sie wieder das Lagerfeuer aus und machte sich auf den R¨¹ckweg. Sie hatte sich circa die Himmelsrichtung gemerkt, aus der sie gekommen war. Da es nun ganz, ganz leicht heller zu werden schien, konnte sie nun auch endlich ausmachen, wo sie war. ¨¹ber das Bl?tterdach hinweg ¨¹berflog sie einen gigantischen Wald. Nach diesem folgten dann die weiten Felder und Ebenen Mittelordaniens, die ihr sehr gut vertraut waren. Und schlie?lich zeigten sich dann am Horizont die ersten Turmspitzen der Hauptstadt. Zum Gl¨¹ck hatte sie sich nicht verirrt. Letztlich durchquerte sie ihr immer noch offenstehendes Fenster und schloss es so leise wie m?glich.
Der Morgen hatte bereits deutlich ged?mmert. Niemandem war ihr kleiner Ausflug aufgefallen, daher legte sie sich einfach in ihr Bett und tat so, als w?re sie die ganze Zeit ¨¹ber hier gewesen. Diese Exkursion hatte ihr aber wirklich gefallen. Sie w¨¹rde dies wahrscheinlich k¨¹nftig ?fters machen. Hundem¨¹de nickte sie in ihrem Bett jetzt kurz weg, wurde dann aber wenig sp?ter von einer Dienerin aufgeweckt. ?Hau ab! Lass mich noch schlafen!¡°, vergraulte sie die Frau unh?flich. Es war kein guter Start in den Tag.
Die Kaisergattin trat beim Arbeitszimmer ihres Ehemannes herein und schloss die T¨¹re hinter sich. ?Schon mal was von Klopfen geh?rt?¡°, fragte der Mann da schnippisch. Nachdem er sich umgedreht hatte, begriff er aber gleich, dass es sein Schatz war, mit der er gerade so gesprochen hatte. ?Tut mir leid! Ich wusste nicht, dass du es bist!¡°, kam es sogleich in flehendem Ton von diesem. Ihre zornige Grimasse bes?nftigte sich daraufhin gleich wieder und sie erwiderte: ?Vergessen wir das einfach. Ich hab ja auch wirklich nicht geklopft und es h?tte Wer-Wei?-Wer sein k?nnen.¡°
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Die Dame kam n?her an Wenzel heran und sprach dann: ?Ich mache mir Sorgen um Viktoria.¡° ¨C ?Ist es wegen der Anf?lle?¡°, erkundigte sich der Vater. ?Ich meine, ja, aber nicht nur. Wir haben ihre Ausbr¨¹che des blindw¨¹tigen Zerst?rens sowieso schon ?fters besprochen. Laut Ylva hat sich hierbei gar nichts verbessert.¡° Der Kaiser machte einen nachdenklichen Gesichtsausdruck. Unterdessen erkl?rte seine Frau: ?Die Sache hat mit ihren pers?nlichen Beziehungen zu tun. Sie hat zwar jetzt gewisserma?en Freunde, aber diese M?dels verbringen nur gezwungenerma?en Zeit mit ihr. Wie ich mir sagen habe lassen, f¨¹rchten sie sich vor ihr.¡° ¨C ?Ich habe mir wirklich eingebildet, dass Wanja hier einen Unterschied machen w¨¹rde¡°, hielt Wenzel da n¨¹chtern fest.
?Oh, Wanja liebt sie. Auf jeden Fall macht der Hund einen Unterschied¡°, gab Amalie darauf zur¨¹ck und fuhr fort, ?Dennoch ist ein Haustier einfach nun mal kein Mensch.¡° ¨C ?Ich wei? auch nicht, wie ich der Kleinen helfen kann. Ich hab ihr schon tausendmal gesagt, dass sie etwas R¨¹cksicht auf andere nehmen soll. Und man kann nicht einmal sagen, dass es sich nur um eine Phase handelt. Sie war immer schon so launisch. In Kombination mit der tats?chlichen Kraft, die sie besitzt, ist das eine ¨¹ble Mischung.¡° Amalie konnte ihrem Gatten da nur zustimmen. Dann schlug sie zu seiner ¨¹berraschung aber einen optimistischen Ton an. ?Ich glaube, dass sich das jetzt durch die Pubert?t geben wird. Wenn sie bald Interesse an Burschen entwickelt, dann ist es leicht m?glich, dass das M?dchen sich noch mausert.¡° Der Kaiser entgegnete darauf nur: ?Wollen wir¡¯s hoffen. Bisher hatten sogar die Jungen, die in ihrem Alter waren, eher Respekt vor ihr und haben sie gemieden.¡° Es gab nichts, was seine Ehefrau darauf antworten wollte.
In dem Moment kam pl?tzlich Silke beim Durchgang der Bibliothek herein. Als sie ihre Hoheiten erblickte, bremste sie sich sofort ein und wankte auf eine fast schon komische Weise zur¨¹ck. Die Kaiserin warf einen scharfen Blick auf diese. Die Assistentin trug ihre ¨¹bliche dunkelblaue Uniform mit dem Sichelwappen der Reichsgarde darauf. Ihr sch?n gek?mmtes kurzes Haar und ihre schlanke Figur machten sie zu einer attraktiven Frau, die zudem immer noch ledig war. Dem war sich Amalie wohl bewusst. ?Verfl¨¹chtigen Sie sich, bitte, werte Dame! Ich und mein Gemahl haben hier etwas Privates zu besprechen!¡°, fauchte sie die Frau an, welche sogleich gehorchte. W?hrend ihr Ehemann dies als etwas ¨¹berzogen und gemein gegen¨¹ber Silke empfand, verstand er nat¨¹rlich den Grund f¨¹r das Verhalten seiner Liebsten. Da konnte er nichts tun. Dass Frau Silke eine sehr pflichtbewusste, professionelle Angestellte war, w¨¹rde seine Gattin ihm ohnehin nicht abkaufen, allein schon, um auf Nummer sicher zu gehen.
Er wechselte somit das Thema. ?In ein paar Tagen ist das Bankett zum sechzehnten Jahrestag meiner Kr?nung. Ist da schon alles vorbereitet?¡° ¨C ?So viel mich die Dienerschaft wissen hat lassen, ja¡°, kam es von Amalie zur¨¹ck. ?Ich habe auch schon Viktoria ihr Kleid daf¨¹r anprobieren lassen. Au?erdem habe ich ihr SEHR EINDRINGLICH klargemacht, wie wichtig diese Veranstaltung ist, und dass sie sich auch ja gut benehmen sollte.¡° ¨C ?Wenn sie es versprochen hat, dann wird sie das Versprechen auch halten¡°, behauptete da ihr Mann. Sie hingegen, war sich da nicht ganz so sicher¡.
Es war ein gro?es Spektakel mit viel Pomp und allem Zipp und Zapp. In feinsten Roben wurden alle geladenen G?ste ausgerufen, bevor sie beim Bankettsaal hereintraten. F¨¹rsten, Grafen, Freiherren und was sonst noch lie? sich hier blicken und alle machten sie dieselbe Verneigung, als sie ihren Antritt machten. Allein das dauerte schon eine gef¨¹hlte Ewigkeit. Und noch schlimmer war die Tatsache, dass Viktoria (und nat¨¹rlich auch ihre Eltern) auf ihren Sitzpl?tzen verweilen und all dies ¨¹ber sich ergehen lassen mussten, ohne aufstehen zu d¨¹rfen. Es war reine Folter. Ihr kratziges Kleid und das unertr?glich enge Korsett, das ihr die Dienerin aufgezwungen hatte, war nicht auszuhalten. Doch sie durfte nichts sagen und nichts machen. Furchtbar! Dennoch wollte die Magierin sich bei dieser Gelegenheit richtig benehmen. Es war ihrer Adoptivmutter sehr wichtig. Ihr Vater hatte kaum etwas dazu gesagt. Das M?dchen wusste, dass er von all dem Trara und Prunk nichts hielt.
Die Drei sa?en nun wie aufgef?delt da und lie?en sich von den Ank?mmlingen einen nach dem anderen begr¨¹?en. Wenzel trug seine ¨¹bliche Kaiserkleidung, mit Umhang und allem, was dazugeh?rt. Nur sein Schuhwerk war heute anders, da er ausnahmsweise sch?ne Stiefel trug. Sein T?chterlein hatte ein langes, feines Kleid an, das schneewei? war, und hatte einen farblich dazu passenden, wei?en Haarreif aufgesteckt. Amalie hatte sich f¨¹r ein knallrotes Kleid entschieden, m?glicherweise, um mit Viktorias Haarfarbe zusammenzupassen. Reichskanzler Peter Rubellio zeigte sich, dann der F¨¹rst von Dohnakeled, dann der Graf von Kuenstriter und noch viele andere Hochadelige und Minister des Reiches. Relativ sp?t kamen schlie?lich auch der Oberste Marschall Theodor und seine rechte Hand, General Ulrich mit ihren Familien noch ins Haus geschneit. Beide trugen sie nat¨¹rlich stolz ihren Harnisch und zeigten gro? das Sonnenwappen auf ihren Tuniken.
Danach hielt der Kaiser vor versammelter Menge eine kurze Ansprache zum Anlass. Er redete ¨¹ber irgendwas mit K?mpfen, Errungenschaften, Aufbau und der Revolution. Solche Sachen eben. Viktoria interessierte dies wenig, wenn sie ihre Kleidung doch so qu?lte. ?Gute Miene zum b?sen Spiel! Immer l?cheln und ruhig bleiben, Viktoria. Bald wird es vorbei sein!¡°, sagte sie sich in Gedanken. Doch konnte sie sich selbst nicht gut bel¨¹gen. Der Abend w¨¹rde noch sehr lange dauern¡.
?Somit m?chte ich nochmals allen Anwesenden f¨¹r ihr Erscheinen danken. Auf das Reich!¡°, brachte nun der Souver?n einen Toast aus und hob sein Glas. Alle taten es ihm gleich und wiederholten seine Worte. ?Ave Melgar!¡°, f¨¹gte er noch hinzu und die anderen gaben diese Worte ebenso wieder. Dann erhob sich pl?tzlich Theodor von seinem Stuhl und verk¨¹ndete noch: ?Lang lebe Kaiser Wenzel!¡°. Die Menge stimmte mit ein: ?Lang lebe Kaiser Wenzel!¡° Damit hatte dann das Festmahl begonnen.
Es gab ein riesengro?es gebratenes Wildschwein in So?e mit Preiselbeeren, welches in der Mitte der Tafel pr?sentiert wurde. Rundherum hatte man auch noch kleinere Gerichte und Beilagen bereitgestellt, aber es war klar, dass die Wildsau die ?Hauptfigur¡° dieser ?Auff¨¹hrung¡° war. Auf einem eigenen Tisch waren allerlei Desserts angerichtet. Nat¨¹rlich zog dieser Viktorias Aufmerksamkeit gleich als erstes auf sich. Es gab hier aber nur verschiedene Kuchen und Torten, und keine anderen Arten von Naschereien, jene die Viktoria so gern hatte. Eigentlich sollte man zuerst die Hauptspeise essen. ?Ach, was soll¡¯s¡°, sagte sich die Thronerbin und startete gleich als Erste zum Nachspeisenbuffet durch. Als ihre Frau Mutter das sah, eilte sie sogleich zu ihr heran. ?Was denkst du was du hier machst!¡°, fl¨¹sterte sie in mahnendem Ton. ?Lass das!¡° Dann n?tigte sie das M?dchen ihren Teller dort stehen zu lassen und sich zum Verzehr der Hauptspeise zu allen anderen an den Tisch zu gesellen.
Allein das ?rgerte die Jugendliche schon irrsinnig. Als sie dann aber zu Tische sa?en und ihr Mahl m?glichst gesittet zu sich nahmen, beobachtete Amalie sie die ganze Zeit ¨¹ber genau. Das hasste Viktoria so sehr, dass sie jetzt anfing, sich zornerf¨¹llt zu verkrampfen. ?Nein, ich darf nicht w¨¹tend werden. Meine Magie k?nnte alles M?gliche an furchtbaren Dingen machen, wenn ich mich nicht unter Kontrolle halte!¡°, erinnerte sich die Zaubrerin. ¨¹berall rannten zahllose H?flinge herum, die von den G?sten Nachgefragtes herbeitrugen, beziehungsweise Geschirr wegschafften. Auf ihren mehrheitlich wei?en Gew?ndern waren unterschiedlich f?rbige Litzen zu sehen, die wahrscheinlich ihre Aufgabenbereiche anzeigten.
W?hrend der Erkorene nun am Essen war, f¨¹hrte gleichzeitig einer der G?ste, der neben ihm sa?, eine Unterhaltung mit ihm. ?Der Aufschwung in Unterduhnien ist weiter anhaltend. In den Jahren davor ist es ja schon steil bergauf gegangen, was allerdings auch mit dem Bev?lkerungswachstum und dem Ende des Krieges zu tun hatte. Die gro?e Anzahl an imperialen Bauprojekten h?lt aber weiterhin unser Baugewerbe auf Trab¡°, gab der Graf von Kuenstriter seiner Majest?t Auskunft ¨¹ber die lokalen Entwicklungen in seinem Bezirk. Der Kaiser schluckte kurz seinen Bissen hinunter und antwortete dann darauf: ?Das ist h?chst erfreulich, Graf. Ich habe meiner Regierung ja auch explizit angeordnet, auf dies besonderes Augenmerk zu legen. Wir wollen etwas aufbauen, auf dass es k¨¹nftigen Generationen einmal besser geht.¡° Sein Gespr?chspartner stimmte ihm zu.
Dieser eher ungezwungenen Unterhaltung, lauschte ein nebenansitzender Herr. Dieser trug traditionelle hellgr¨¹ne Pluderhosen, welche ihn sofort als jemanden, der aus Camenia stammte, erkenntlich machten. Gelegentlich tauschte er auch ein paar Worte mit der Dame, die auf seiner anderen Seite sa?, aus, aber vor allem schweifte sein Blick auff?llig oft auf die junge Prinzessin Viktoria hin¨¹ber. Wann immer ihn jemand anschaute, drehte er sich wieder zu seiner Majest?t hin¨¹ber und h?rte bei dessen Konversation zu. Wom?glich tat er dies auch nur zum Schein. Es war auch m?glich, dass ihm das auff?llig gezwungene Verhalten der Thronerbin auffiel und vielleicht sogar irritierte. Oder das intensive Rot ihrer Haare, das unter allen anderen G?sten hervorstach, zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Man konnte es nicht genau sagen. Fulco II. di Alduino war sein Name. Er war ein Adeliger aus Translimesien, also einem camenischen Land an der Grenze zu Ordanien.
Ein wenig weiter unten am Tisch waren unterdessen Ferenc, Theodor und Ulrich in ein Gespr?ch verwickelt. ?Mir ist zu Ohren gekommen, dass du angeblich ¨¹berlegst nach Kascharovar zur¨¹ckzukehren. Ist das wahr, Ferenc?¡°, wollte Theodor wissen. Sein Freund meinte dazu: ?Ich bin immer noch am ¨¹berlegen. Nach all den Jahren hier, habe ich sehr viel an Anschluss in meine Heimat verloren. Gleichzeitig werde ich aber auch immer ?lter und will, wenn die Zeit gekommen ist, meine letzten Tage lieber dort verbringen, wo meine Wurzeln sind. Mein Clan ist immer noch da und wartet auf mich.¡° ¨C ?Verstehe¡°, erwiderte der Marschall und f¨¹gte hinzu, ?Mit mir ist es da anders. Ich wei? gar nicht mehr, wo genau in Kascharovar ich eigentlich herkomme. Irgendwo aus der Gegend um Linna stammten meine Eltern her. Aber es spielt keine Rolle mehr f¨¹r mich. Jetzt geh?re ich hierher und das war¡¯s.¡°
?Und wie geht¡¯s mit dem Training deines Gro?en voran? Eher nicht so gut, habe ich mir sagen lassen?¡°, erkundigte sich nun Ferenc. Theodor zuckte nur mit den Schultern. Danach blickten sie beide hin¨¹ber zu Alexander, der auf der gegen¨¹berliegenden Tischseite sa?. Als er bemerkte, dass er zum Gespr?chsthema wurde, wandte er sich sogleich zu seinem Freund Wendelin und begann eine Unterhaltung. Er wollte nicht damit konfrontiert werden, dass er den hohen Erwartungen seines Vaters, was die Kampfausbildung anging, nicht gerecht werden konnte. Der Bursche war zwar erst siebzehn und doch erwartete sein alter Herr von ihm ein ?Meister aller Dinge¡° zu sein. So empfand es der Bub zumindest.
Ulrich, der einer seiner Trainer war, sprang hier ein und lenkte die Aufmerksamkeit der M?nner auf ein anderes Thema. ?Was ist jetzt eigentlich die Idee mit der Reichsgarde? Sie ist zu gro?, um nur eine Leibwache des Kaisers zu sein, aber dem Heer kann sie auch nicht den Rang streitig machen.¡° Hier hatte der Oberste Marschall sofort eine Antwort bereit, die er mit allen teilte: ?Ein gescheitertes Unterfangen. Sonst nichts.¡° Ferenc kratzte sich nerv?s an der Nase. Danach antwortete der Kaschare: ?Seine Hoheit versucht nicht irgendetwas Leichtsinniges oder Gewaltsames zu unternehmen. F¨¹r ihn stehen Stabilit?t und Aufschwung im Reich im Zentrum. Daher bevorzugt er einen langsamen, graduellen Wandel, auch in Bezug auf die Machtverh?ltnisse.¡°
Darauf musste Theodor fast schon lachen, zeigte es aber nicht. Mit ihm w¨¹rde es sich nicht einmal die geringste Machverschiebung geben. Es kam allerdings eine Retorte von Ulrich: ?Wandel? Aufschwung? Was auch immer du sagst! Alles, was ich sehen kann, ist ein Herrscher, der den ganzen Tag Archive durchw¨¹hlt und Forschung betreibt. Wenzel, der B¨¹cherkaiser, sollte man ihn nennen.¡° Es war als Beleidigung gedacht, da seine Majest?t nicht in die politischen Alltagsgesch?fte verwickelt war, beziehungsweise man ihm das auch an vielen Stellen verunm?glichte. Wenzel h?tte den Begriff ?B¨¹cherkaiser¡° allerdings bestimmt als Kompliment aufgefasst.
Unterdessen sa? die Kaisertochter entnervt beim Essen. Mittlerweile hatten viele schon ihr Mahl beendet und sich ¨¹ber das Nachspeisenbuffet hergemacht. Auch unsere Rothaarige war bereits damit besch?ftigt eine Cremeschnitte zu essen. Der Verzehr dieser erh?hte allerdings noch mehr den Druck, auf ihr Korsett und verursachte ein ¨¹belkeitsgef¨¹hl bei ihr. Die zwei Kuhn Schwestern, die man direkt neben sie platziert hatte, redeten kein Wort mit ihr. Beide trugen sie blassrosa Seidenkleider, jedoch in unterschiedlicher Gr??e, da sie altersm??ig zwei Jahre auseinanderlagen. Nur aus ihrem Augenwinkel lie? Marzia ab und an einen Blick auf die sichtlich gereizte Prinzessin her¨¹berfallen. Das verursachte auch bei ihr Ungemach und sie sprach das sonst so aufbrausende M?dchen lieber nicht an.
Letztlich war aber der Moment gekommen. Durch ihr ¨¹berm??iges In-Sich-Hineinessen, hatte Viktoria das Limit ihres Magens erreicht. Ihr wurde tats?chlich so ¨¹bel, dass sie sich ¨¹bergab. An Ort und Stelle. ?Viktoria!¡°, kreischte ihre emp?rte Mutter sie an. ?Tut mir so leid, ich¡.¡°, die Jugendliche musste nochmals ihre ¨¹belkeit unterdrucken. Amalie stand einstweilen einfach da, offenkundig ¨¹berfordert mit dieser peinlichen Situation. Dann riss Viktoria der Geduldsfaden. ?Wei?t du was, ¡Schei? drauf!¡°, gab die Prinzessin von sich. Bevor noch irgendwer geschockt von dem Soeben-Gesagten sein konnte, riss sich die Teenagerin das unter ihrem Kleid liegende Korsett mit ihrer Magie auf! Frustriert schleuderte sie das furchtbar einengende Ding dann auf den Boden vor sich. ?Das h?lt doch kein Mensch aus!¡°, br¨¹llte sie. Die Kaiserin war unterdessen in einer Schockstarre und stand nur stumm und mit einem von der Peinlichkeit hochrot angelaufenem Gesicht da.
Nun trat Wenzel auf den Plan. ?Junge Dame! Was in Gottes Namen machst du da!¡°, donnerte die Stimme des Kaisers, auf den sich nun alle Blicke richteten. Seine Tochter hatte allerdings schon ihre Grenze ¨¹berschritten und schrie zur¨¹ck: ?Ich halte diese ganzen Regeln und all das Pipapo nicht mehr aus! Gerade du m¨¹sstest das verstehen!¡° ¨C ?Nein, tu ich nicht! Dein Verhalten ist vollkommen inakzeptabel!¡° Die Magierin ballte ihre F?uste in Zorn. Das Feuer in ihren Augen brannte wild! Dann verk¨¹ndete sie: ?Ich zeig dir, was ich von eurem feinen Essen halte!¡° Mit ihrer Telekinese katapultierte sie nun die ganze Tafel hinauf, wodurch alles Essen, Besteck und Geschirr, das darauf war, herumflogen und Gro?teils am Boden landete. Wenzel stoppte den Tisch mitten in der Luft, konnte aber nicht die Riesensauerei verhindern, die alle anderen herumfliegenden Dinge, welche auf dessen Oberfl?che gewesen waren, nun verursachten. Alle G?ste standen sprachlos dar. Nur Alexander Kuhn begann pl?tzlich hellauf ¨¹ber diese absurde Situation zu lachen. Er schluckte es aber schnell hinunter, als Vater ihn mit der einen Hand, die er noch hatte, fest auf die Schulter griff.
Die immer noch aufgebrachte Viktoria stampfte alleine aus dem Saal. Erst dann flog seine Majest?t, der auch kurzzeitig gel?hmt von dem Geschehenen war, ihr nach. Die meisten Anwesenden waren erst einmal perplex. Amalie w?re am liebsten im Erdboden versunken. Die Thronerbin hatte ihre Eltern bis auf die Knochen blamiert.
Ohne Zusammenhang damit hatte seine Majest?t diese Nacht einen Traum. Es war einer dieser Tr?ume, an die er sich immer sehr intensiv erinnerte, wenn er wieder erwachte. Er wanderte durch sein Arbeitszimmer, ein wohl vertrauter Ort f¨¹r ihn. Unerwarteterweise leuchtete ihn aus dem Spalt seiner Schreibtischlade ein blaues Licht entgegen. Vorsichtig n?herte er sich dem wohl gepflegten Holz des Tisches an und ergriff den Knauf der Lade mit seinen Fingern. Er z?gerte kurz, als ihm klar wurde, dass er sich wieder einmal in einer seiner Visionen befand. Erst dann zog er sie heraus. Nun begegnete ihm ein weniger grelles Leuchten, als er es sich vorgestellt hatte. Es war sein altes Amulett. Anstelle des alten, zerbrochenen Steines, der eine rote F?rbung hatte, war nun ein azurblauer Stein darin eingesetzt.
Aber das war noch nicht alles. Neben diesem lagen drei weitere Amulette, die alles punktgenau gleich aussahen. Jedoch verstrahlte nur ein einziges der Vier ein Licht. Die anderen waren lichtlos. ?Welch kuriose Darbietung!¡°, ?u?erte da der Kaiser. Dies markierte das Ende der Prophezeiung. Durch die Dunkelheit der Traumwelt schritt er weiter, um bald schon die n?chste Szene zu sehen.
Der Mann fand sich auf einem sehr ¨¹bel mitgenommenen Fliesenboden wieder. Rund um sich herum war die Kulisse verschwommen, fast schon so als ob man ihm nicht offenbaren wollte, wo genau dieser Ort war¡¡oder sein w¨¹rde. Nur ein einzelnes Objekt entdeckte er ein paar Schritte von sich entfernt. Ohne andere Option ging er zu diesem hin und es auf. Es war ein einfaches St¨¹ck Metall, das jemand in eine runde Form gebogen hatte. Oben standen scharfe Spitzen weg, die mit etwas Fantasie ganz grob die Merkmale einer Krone zu imitieren versuchten. ?Was in aller Welt ist das? Was hat das zu bedeuten? Schon wieder ein Gleichnis?¡°, fragte sich der Empf?nger dieser seltsamen Botschaft Gottes. Wieder einmal w¨¹rde er mit dieser Information nichts anfangen k?nnen, bis es zu sp?t war.
1. 07 Der Ball
Eine sanfte Brise trug die milde Luft vom hier nicht ganz so fernen S¨¹dmeer heran. Aus dem Schornstein eines alten Gasthauses, das schon seit vielen Generationen von derselben Familie gef¨¹hrt wurde, rauchten dunkle Schwaden des im Kamin brennenden Fichtenholzes. Seine Mauern waren aus runden und oft scheinbar ohne Ordnung ¨¹bereinandergeschlichteten Steinen, die haupts?chlich vom Zement zwischen ihnen zusammengehalten wurden. ¨¹ber der Pforte hing ein Schild auf dem ?Alte Teichstube¡° zu lesen war. Unter der neben dem Hauseingang beflaggten Fahne, die den Camenischen Adler abbildete, schritt nun eine Kapuzengestalt hindurch. Im Licht der Abendd?mmerung betrat der Mann mit dunkelbrauner Kapuze und hellgr¨¹nen Pluderhosen die Gaststube, wobei er sich gezielt mit dem R¨¹cken zur untergehenden Sonne drehte, um sein Gesicht besser zu verbergen.
Der Herr ging zielstrebig am Bartresen vorbei und schl?ngelte sich gezielt zwischen der G?steschaft hindurch, um in eines der hinteren Zimmer zu gelangen. Dort ging er eine steile Treppe hinunter an deren Ende eine zugesperrte T¨¹re war. Er klopfte f¨¹nfmal an. Kurz darauf konnte man von deren anderer Seite Folgendes h?ren: ?Der Karpfen schwimmt im gro?en Teich.¡° Sogleich antwortete er: ?Doch wird er bald ertrinken.¡° Infolge drehte sich der Schl¨¹ssel im Schloss und man lie? ihn ein. Erst als die T¨¹r wieder verschlossen war, begr¨¹?te ihn die Dame. ?Guten Abend, Durchlauchtester Herr!¡°, kam es formal von einer relativ kleinen Frau mit schulterlangem Haar. Sie schien nicht mehr ganz die J¨¹ngste zu sein, doch war sie definitiv noch nicht als geriatrisch zu bezeichnen. ?Auch Ihnen einen guten Abend, Frau Vogt!¡°, erwiderte ihr der Ank?mmling. Dann lie? er seinen Blick durch den Raum schweifen. Da waren noch zwei weitere M?nner und ein J¨¹ngling, die gemeinsam an einem Tisch sa?en.
Einer der M?nner, ein alter, mit allen Wassern gewaschener Veteran, starrte aus seinen tiefen Augenh?hlen zu dem Neu-Dazugesto?enen hin¨¹ber. Der ehemalige Feldmarschall Etzel strahlte alle H?rte aus, die ihm die Welt entgegengeworfen hatte. Er nahm einen Zug von seiner Zigarre, deren Rauch den ganzen Raum bis zum sch?nen Kellergew?lbe aus Ziegeln hinauf erf¨¹llte, und paffte diesen wieder hinaus. Der andere Herr war wesentlich schm?ler und bedeutsam weniger massiv gebaut als Etzel. Er war Petras aktueller Partner. Seine stille, zaghafte Natur veranlasste ihn dazu, dass er momentan nur dasa? und keine Unterhaltung mit seinem Gegen¨¹ber f¨¹hrte. Und schlie?lich war da noch der Bursche. Er hatte mittellanges, braunes Haar und sehr sch?ne Gesichtsz¨¹ge. F¨¹r einen Mann war er etwas klein, aber das konnte sich ja eventuell durch einen Wachstumsschub noch geben. Immerhin war er ja erst sechzehn. Achaz war sein Name und er war der Sohn Petras. ?Er sieht seinem Vater sehr ?hnlich¡°, w?re, was sich ein Beobachter denken w¨¹rde, wenn er denn August gekannt h?tte.
Nun entfernte der Besucher die Kapuze von seinem Haupt. Darunter kam ein stark gelockter Haarschopf zum Vorschein, der keinen Zweifel an seiner camenischen Abstammung mehr zulie?, wenn seine traditionelle Kleidung dies nicht bereits klar gemacht hatte. ?Tut mir leid, dass wir euch bereits so fr¨¹h hierherbitten mussten, werter Freiherr¡°, vermerkte nun Etzel, der ihn von oben bis unten begutachtet hatte, um sicherzustellen, ob er auch tats?chlich jener Freiherr von Alduino war, den er kannte und nicht ein Betr¨¹ger war. Der Adelige entgegnete: ?Ich war wirklich nicht erfreut dar¨¹ber, wie Sie sich wohl denken k?nnen! Es ist ein erhebliches Risiko, mich hier mit Euresgleichen zu treffen. Nat¨¹rlich w?re mir eine sp?tere, dunklere Stunde lieber gewesen.¡° ¨C ?Ohnehin seid ihr ja jetzt hier. Kommen wir zur Sache. Je l?nger wir hier brauchen, desto mehr laufen wir Gefahr, aufgesp¨¹rt zu werden.¡° Der Wirt war zwar einer ihrer Verb¨¹ndeten, man konnte aber dennoch nie vorsichtig genug sein.
Der edle Herr setzte sich auf einen der freien St¨¹hle und begann sogleich zu berichten. ?Was mein Bruder, der im Kaiserpalast zugegen war, mir mitgeteilt hat, ist, dass die Prinzessin scheinbar unglaublich aufbrausend und rebellisch ist. Ihre Eltern werden ihr anscheinend nicht Herr. Zudem scheint sie kaum Freunde zu haben.¡° Beim Vernehmen dessen schmiegte sich ein hinterlistiges Grinsen ¨¹ber Petras Lippen. Die Frau, die sich als Einzige nicht gesetzt hatte, sondern es bevorzugte zu stehen, begann nun in dem Kellerraum auf- und abzugehen. Die Sache gedanklich abw?gend sprach sie: ?Gut, das ist sehr gut! Solch gro?e Schw?chen k?nnen wir ausnutzen!¡° Dann blickte sie hin¨¹ber auf ihren Sohn, der sie gleich fragte: ?Was hast du im Sinn, Mutter?¡° - ?Was ich im Sinn habe? Den abscheulichen Verrat an deinem Vater r?chen, ist doch klar! Willst du das nicht auch?¡°, stellte sie ihre Gegenfrage. Der Bursche erwiderte sogleich: ?Ja, das will ich auch!¡° Seine Stimme hatte aber einen etwas unsicheren Tonfall. Er war nicht gut darin seine wahren Gef¨¹hle zu verbergen.
??hem!¡°, r?usperte sich nun ihr adeliger Verb¨¹ndeter. ?Ich habe Ihnen noch weitere Dinge mitzuteilen, wenn es denn recht ist.¡° ¨C ?Entschuldigung! Selbstverst?ndlich ist es das¡°, entgegnete die Witwe Augusts auf den sich ¨¹bergangen f¨¹hlenden Mann. Dieser fuhr nun fort: ?Dies ist nun weniger ein Geheimnis, aber in den letzten Jahren scheinen sich auch Risse zwischen der Milit?rf¨¹hrung und dem Kaiserhaus gebildet zu haben. Der Herrscher hat offenbar seine eigene Truppe massiv in ihrer Gr??e ausgebaut und vergr??ert sie auch weiterhin. Es k?nnte sich hier ein Machtkampf abzeichnen. Allerdings w?re es wohl verfr¨¹ht tats?chlich von so etwas zu sprechen.¡° Darauf reagierte Etzel mit einem zufriedenen Nicken. Der alte Haudegen adressierte nun das Gesagte als erster: ?Auf solche Entwicklungen sollten wir nicht setzen. Mit ?k?nnte¡° und ?m?glicherweise¡° fange ich gar nichts an. Wir haben keinen Einfluss auf diese beiden Fraktionen. Vor allem, da dieses teuflische System von ketzerischer Ideologie durchtr?nkt ist, ist es wohl kaum zu erwarten, dass wir hier irgendeinen echten Einfluss in absehbarer Zeit nehmen k?nnen. Nein! Wir m¨¹ssen unsere eigene St?rke aufbauen.¡°
?Habt ihr das nicht schon in den letzten Jahren mit euren Lanzknechten?¡°, erkundigte sich nun der Freiherr. ?Ja, aber nur die ¨¹berzeugtesten konnte ich dazu bringen sich uns anzuschlie?en. Sie sind nach wie vor eine kleine, unbedeutsame Truppe.¡° Von Alduino strich sich da ¨¹ber seinen kurzen Bart. Nach kurzer ¨¹berlegung entgegnete er dann: ?Es ist auch in meinem Interesse, dass dieser D?mon vernichtet wird. Zeigen Sie mir einmal Ihre M?nner. Vielleicht bin ich gewillt das Projekt zu finanzieren.¡° Dies war eine sehr erfreuliche Nachricht f¨¹r den ehemaligen Feldmarschall. W?hrend all dies vor sich ging, sa? Petras Mann nur am Tisch und trank aus seinem Becher. Auch Achaz verlieb einstweilen still.
Diesem n?herte sich dann aber seine Mutter an und sagte: ?Wir zwei werden etwas Gro?es tun, der ganzen Menschheit einen Gefallen tun! Aber daf¨¹r musst du genau machen, was ich dir sage, hast du verstanden?¡° ¨C ?Ja, Mutter!¡°, antwortete der Junge gezwungenerma?en. ?Hervorragend. Daf¨¹r brauche ich aber noch die Hilfe eines anderen¡°, ?u?erte die Dame und drehte sich nerv?s zur T¨¹r. ?Wo zum Geier bleibt der Kerl schon wieder?¡° Eine Weile besprachen Etzel und der Freiherr noch die Angelegenheit mit ihrer Rekrutierung von Rebellen. Dann klopfte es aber an der T¨¹re. Es waren sechs Klopfer, einer mehr, als ausgemacht war. Dennoch fragte die ungeduldige Frau ihre ?Karpfenfrage¡°. Die raue M?nnerstimme von der anderen Seite erwiderte schlich: ?Du wei?t genau, wer ich bin! Mach auf, alte Hexe!¡° Etwas beleidigt ?ffnete sie dem Mann das Tor, welche offensichtlich der Richtige war.
Herein trat nun eine glattrasierte Gestalt, mit kurzen, zerzausten Haaren, die nur zerrissene Lumpen trug. Es war Lucius Cornel und er gab der Dame der Etikette halber die Hand. Die anderen Anwesenden begr¨¹?te er nur mit einem halbherzigen Handwinken. Mit seinen ausgelatschten Sandalen trat er sogleich vor den Jungen und be?ugte ihn. Achaz lief da ein Schauer ¨¹ber den R¨¹cken und er richtete darauf eine Frage an seine Mutter: ?Mutter, wer ist dieser Mann?¡° ¨C ?Jemand, der sich uns angeschlossen hat, weil er dieselben Ziele wie wir hat. Bei ihm k?nnen wir uns sicher sein, dass er den D?monenkaiser mindestens genauso viel hasst wie ¡.eher sogar noch mehr als wir.¡°
Der ungepflegte Mann drehte sich nun Petra zu und ?u?erte: ?Und was wollt ihr jetzt machen? Was f¨¹r einen Plan habt ihr?¡° Die Witwe entgegnete: ?Ich habe da schon eine Idee. Wir werden das aber ganz genau durchplanen m¨¹ssen und die Hilfe von unserem Verb¨¹ndeten, dem Durchlauchtesten Freiherrn von Alduino hier ben?tigen.¡° ¨C ?Okay¡.?¡°, kam es in fragendem Ton von Lucius zur¨¹ck. ?F¨¹r den Anfang werden wir dich noch nicht ben?tigen, Cornel.¡° ¨C ?Was? Warum bin ich dann hier?¡°, erwiderte der Mann berechtigterweise. ?Um einmal alle Beteiligten kennenzulernen, und um zu auch eingeweiht zu werden. Was sonst?¡° Danach begannen sie ihr weiteres Vorgehen zu besprechen.
?Komm schon! Du kannst das! Na, du bist aber ein starker Hund! So ein starker Hund bist du!¡° Das rothaarige M?dchen riss ein kleines Stoffspielzeug, das ein Schweinchen darstellen sollte, aus dem Maul ihrer H¨¹ndin und warf es ans andere Ende des Zimmers. Voll Begeisterung rannte das Tier seinem Lieblingsspielzeug nach und brachte es seinem Frauchen gleich wieder zur¨¹ck. ?Braves M?dchen!¡°, lobte Viktoria da Wanja und streichelte ihr ¨¹ber den Kopf. Obwohl ihr Haustier noch weiterspielen wollte, lie? das M?dchen nun davon ab. Mit einem langen Seufzer lie? sie sich g?nzlich auf den Boden sinken, auf dem sie schon gesessen hatte. ?Es ist so langweilig hier!¡°, jammerte sie ihren Hund an. Dieser lief unmittelbar zu ihr her und leckte ihr das Gesicht ab. Die junge Dame schob ihre Wanja daraufhin ein wenig von sich weg, versuchte aber so sanft wo m?glich zu ihr zu sein.
?Noch immer eine Woche hier drin! Nicht einmal Ylva redet mit mir!¡° Die Langeweile und Einsamkeit waren f¨¹r sie im Hausarrest erdr¨¹ckend. Sie hasste das, was bedeutete, dass die Strafe ihre Wirkung zeigte. Jedoch w¨¹rde sie, zum Unbehagen ihrer Eltern, nicht viel an Viktorias Einstellung ?ndern. ?Ich bereue nichts!¡°, sagte sie sich selbst in Bezug auf die Ereignisse beim Thronjubil?um ihres Vaters. Die Prinzessin hatte definitiv Schande ¨¹ber das Kaiserhaus mit ihrem Verhalten gebracht. Sie wusste auch, dass das, was sie getan hatte, falsch war. Dennoch empfand sie auch ihren Zorn, der dann explodiert war, als berechtigt. Keine gute Sache! Sie hatte nach dem Vorfall von ihren Adoptiveltern so richtig was zu Ohren bekommen. Es war das erste Mal, dass sie ihren Vater wahrhaftig w¨¹tend gesehen hatte.
Und sie verstand auch seine Gef¨¹hle, oder zumindest machte sie sich das Glauben. Da sie aber ihre ALLEINIGE Schuld an dem Ganzen nicht einsah, hatten sie ihr einen vollen Monat Hausarrest aufgebrummt. Nicht einmal Ylva durfte mehr als das Allernotwendigste mit ihr reden. F¨¹r das sonst so aufgeweckte M?dchen war das absolut unertr?glich. Auch die Besch?ftigung mit Wanja war da nicht sehr hilfreich und wurde schnell eint?nig und fade. Nat¨¹rlich musste sie auch weiterhin lernen, aber auch das war ja nur anstrengende Ein?de f¨¹r sie und bot ihr keine Abwechslung. ?Oh, Gott! Ich halt¡®s nicht mehr aus!¡°, verk¨¹ndete sie allen Anwesenden, also nur Wanja und sich selbst. Heute Nacht w¨¹rde sie sich definitiv wieder wegschleichen!
Das Kaiserpaar hatte sich unterdessen ¨¹ber andere Dinge, die bald anfallen w¨¹rden, Gedanken gemacht. An der T¨¹r zu Viktorias Zimmer klopfte es. ?Ja?¡°, kam es von ihr in unfreundlichem Ton zur¨¹ck. Sie stand aber sogleich kerzengerade auf, als sie ihre Mutter eintreten sah. Diese informierte sie nun: ?Du hast noch eine Woche Hausarrest, junge Dame.¡° ¨C ?Wei? ich, Frau Mutter. Bist du nur deshalb hier?¡° ¨C ?Keineswegs. In ein paar Wochen steht eine andere Veranstaltung an. Es ist ein traditioneller Maskenball, bei dem wir uns entschieden haben, ihn hier im gro?en Festsaal des Palastes auszurichten.¡° Leicht verwirrt neigte die Prinzessin da ihren Kopf auf inquisitive Weise zur Seite. ?Wegen deines Alters d¨¹rftest du normalerweise dieses Jahr zum ersten Mal daran teilnehmen, aber aufgrund deines k¨¹rzlich zur Schau gestellten ¨C ?hem - Verhaltens war es fraglich, ob du das auch wirklich solltest. Ich und dein Vater haben die Angelegenheit besprochen und sind letztendlich zum Schluss gekommen, dass du der Festivit?t beiwohnen darfst. Vor allem, da es ein Maskenball ist, also niemand sehen kann, wer wer ist, k?nnen wir dies erlauben. Aber sei dir bewusst, dass wir kein schlechtes Benehmen von dir akzeptieren werden!¡°
?Jawohl, Frau Mutter!¡°, erwiderte die Jugendliche. Sie hatte sowieso nie vor sich schlecht zu benehmen, beim letzten Mal hatten es ihr nur die Umst?nde aufgezwungen. ?Au?erdem wirst du ab n?chster Woche ein paar Tanzstunden nehmen.¡° ¨C ?Ach, n?!¡°, gab die Jugendliche da zur¨¹ck. Amalie reizte ihr Mangel an Respekt, welchen sie auch bei dieser Gelegenheit hier wieder zeigte. Nachdem sie sich ¨¹ber des M?dchens Studien kurz noch erkundigt hatte, verlie? sie ihre Tochter auch schon wieder. Die Kaisergattin schloss die T¨¹re hinter sich und spazierte wieder zur¨¹ck in ihre Gem?cher. In ihrer Vorstellung war es keine gute Idee Viktoria von anderen fernzuhalten. Daher auch der Ball. Sie wollte, dass das M?dchen in Kontakt mit anderen war. Ihr haarst?ubendes Benehmen, hatte ihnen aber leider keine Wahl gelassen, als sie zu bestrafen.
Es war ein lauer Fr¨¹hlingsabend, was sehr ungew?hnlich war. Vor dem Melgarionenpalast rollte eine Kutsche nach der anderen an. Viele hohe Damen und Herren, aber auch deren S?hne und T?chter waren der Einladung zum Ball gefolgt. Niemand trug traditionelle, also gemeint ist regional spezifische Kleidung, die einen Hinweis auf die Identit?t der jeweiligen Person geben konnte. Und alle trugen nat¨¹rlich Masken. Es waren Maskierungen aller Art, in verschiedensten Formen, die teilweise Tiere imitierten, und welche auch in verschiedensten Farben gehalten waren. Auch Viktoria betrat das Geb?ude ¨¹ber das Hauptportal des Hauses, in dem sie eigentlich lebte. Sie trug ein langes rotes Kleid, eine Farbe, die, wie sie spekulierte, niemand vermuten w¨¹rde, dass sie tragen w¨¹rde, weil es wohl doch zu ?hnlich mit ihrer Haarfarbe w?re. Ebenso trug sie ihre Haarpracht in einer schmucken Hochsteckfrisur und hatte diese ins Schwarze gef?rbt, da es nat¨¹rlich sonst vollkommen offensichtlich w?re, wer sie war. Es handelte sich dabei nur im eine tempor?re Haarf?rbung, die sie innerhalb weniger Tage wieder auswaschen konnte. Obendrein hatte sie auch eine Maske, die nur f¨¹r Leute, die sie n?her kannten, die M?glichkeit lie?, sie zu erkennen.
Es waren sehr viele Menschen gekommen, was sie durchaus ¨¹berraschte. Die Zaubrerin kam selbstverst?ndlich mit ihren Eltern, die nat¨¹rlich auch anders als sonst gekleidet waren. ¨¹ber die hohen Treppen und durch die gro?en Hallen schreitend, gelangten sie dann in den Festsaal. Es war ein gigantischer, prunkvoller Saal mit Freskos von Engeln an der Decke und einem riesigen Kristalluster, der in der Mitte herabhing. Hier war einiges los und stellenweise war schon beinahe ein Gedr?nge. Die Tanzfl?che blieb allerdings, geordnet und frei, zumindest f¨¹r diejenigen, die tanzen gingen. Es wurde nat¨¹rlich nur langweilige, gehobene Musik gespielt, aber so war das eben in den h?heren Kreisen. Doch auch, wenn hier alles in erheblichem Ausma? ?kontrolliert¡° war, so fanden doch die jungen Leute hier immer wieder M?glichkeiten sich am Rande des Geschehens auszutauschen oder indem sie schnell einmal den Saal ?verlassen mussten¡°. Nun mischte sich die Prinzessin ebenso unter diese. Das M?dchen konnte niemanden erkennen¡Moment!
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Einen, der mit einem anderen Typen plauderte, konnte sie eindeutig als eine Person ausmachen, die sie kannte. Alexander Kuhn, der Sohn des Obersten Marschalls, trug einen dunkelgr¨¹nen Tappert mit einem G¨¹rtel, der eine gro?e, goldene Schnalle hatte. An seinen kantigen Gesichtsz¨¹gen, seiner ¨¹berdurchschnittlichen Gr??e, aber auch seiner Eigenart viel zu gestikulieren, konnte sie ihn klar identifizieren. Eigentlich konnte sie ihn nicht recht leiden, aber bewegte sich zumindest einmal n?her an den Gespr?chsf¨¹hrenden heran.
?¡und dann hab ich ihm das Schwert direkt aus der Hand geschlagen! Ulrich und der Generalmajor,¡?hm¡.ich wei? nicht mehr genau wie der hie?, waren total aus dem H?uschen. Drum haben sie meine Bef?rderung zum Generalmajor als Empfehlung an meinen Vater gesendet. Demn?chst steige ich wieder im Rang auf!¡°, prahlte Alexander vor seinem Freund. Sein Gespr?chspartner, der h?chstwahrscheinlich Wendelin, war, antwortete nur mit regelm??igen Einw¨¹rfen von ?Toll!¡°, ?Mhm¡° oder ?Beeindruckend!¡° Wahrscheinlich verdrehte sein bester Freund hinter dessen Maske die Augen. Er, genauso wie jeder andere, wusste, dass der Sohn des Milit?rchefs nur aufgrund seiner Beziehungen bef?rdert wurde. Als Viktoria in dessen N?he stand, wurde sie dadurch gleich wieder daran erinnert, weswegen sie den Kerl nicht leiden konnte. ?Der Nummer eins Dampfplauderer von Meglarbruck!¡°, dachte sie sich h?misch.
Dann ersp?hte genau dieser aber, dass sie unweit von den Zweien stand und in ihre Richtung schaute. ?Hallo, H¨¹bsche! Komm ruhig her, wir bei?en nicht¡°, gab Alexander da von sich. ?Lieber nicht¡°, erwiderte die Magierin mit ihrer typisch frechen Art. Er hatte nicht erkannt, dass es Viktoria war und stand nun wie ein begossener Pudel da. Wendelin drehte sich schnell zur Seite, um nicht sein L?cheln zur Schau zu stellen. Unterdessen ging die Prinzessin weiter durch die Menge.
Aus einem halbkugelf?rmigen Weinglas trinkend, stand Irnfrid an einem von vielen Stehtischen. Ihr gegen¨¹ber war Amalie, welche sie auch sehr schnell hier erkannt hatte. ?Mit dem Wetter habt ihr es richtig gut getroffen.¡° ¨C ?Du meinst wohl eher, haben wir Gl¨¹ck gehabt¡°, korrigierte die Kaiserin sie auf freundlich gemeinte Weise und nahm einen Schluck von ihrem Glas. Die Dame tat es ihr gleich und sprach dann: ?Ich gehe davon aus, dass deine Viktoria heute auch hier ist.¡° Amalie antwortete da nur: ?Vielleicht.¡° Danach erkundigte sie sich aber: ?Und du bist mit beiden von deinen T?chtern hier?¡° ¨C ?Nein, nur Marzia habe ich es erlaubt. Eleonore ist noch zu jung.¡° ¨C ?Verstehe¡°, erwiderte ihre Gespr?chspartnerin trocken.
Schlie?lich er?ffnete Irnfrid dann ein neues Thema: ?Ich mache mir wirklich Sorgen um die Beziehung zwischen unseren M?nnern.¡° ¨C ?Wenzel und Theodor?¡° ¨C ?Wem denn sonst? Seitdem sich vor ein paar Jahren der Streit zwischen ihnen zugetragen hat, reden sie kaum mehr ein Wort miteinander. Ich sehe das als ein Problem. Ich kenne den Grund f¨¹r deren Zwist, aber ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn wir das weiterhin so schwelen lassen. Meinen sturen Bock kann ich sowieso nicht umstimmen. K?nntest du nicht einmal mit dem Deinen reden?¡° Der Ehefrau des Kaisers schien diese Bitte sauer aufzusto?en. Erst presste sie ihre Lippen aneinander und dann antwortete sie: ?Um was zu besprechen? Ich habe schon oft mit Wenzel dar¨¹ber gesprochen. Theodor und das Milit?r sind diejenigen, die hier alles blockieren. Findest du es etwas richtig, sich dem Herrscher des Reiches so zu widersetzen und ihn damit blo?zustellen?¡°
Die dreifache Mutter war davon nun schon ein wenig anger¨¹hrt. Sie gab zur Gegenrede: ?Will seine Majest?t seine eigene Sicherheit riskieren, indem er sanfter gegen¨¹ber den Ketzern wird?¡° Infolge war ein kurzer Anflug von Zorn in Amalies Gesicht zu erkennen, den sie aber sofort wieder unterdr¨¹ckte. ?Beenden wir das Thema lieber, Werteste. Ich will hier keinen Streit mit dir anfangen!¡° Irnfrid pflichtete ihr bei. Dann gingen sie wieder zu weniger heiklen Gespr?chsthemen ¨¹ber.
Auf einem Tisch waren allerhand Getr?nke serviert, die zur freien Entnahme waren. Als Schmuck war eine aus Eis gehauene Schwanenskulptur in einer gro?en Glassch¨¹ssel in dessen Mitte pr?sentiert. Viktoria trat n?her an diesen heran und wunderte sich nur, wo man das Eis daf¨¹r hergeholt hatte und wie man es bis zur Er?ffnung des Balls kalt gehalten hatte. Aktuell war es ja schon deutlich zusammengeschmolzen. In dem Augenblick sprach sie jemand von der Seite an: ?Ist schon eine wirklich sch?ne Eisskulptur.¡° Etwas sprunghaft wandte sie sich der Person zu. Es war ein junger Mann, circa in ihrer Gr??e, der eine sch?ne, schwarze Cotte trug und eine recht kleine Maske, die ziemlich schlicht in ihrem Design war, aufgesetzt hatte. Auf seinem Kopf trug er ein schwarzes Barett mit silberner Bord¨¹re. ?Hast du meine Gedanken gelesen?¡°, fragte das M?del ihn daraufhin, beantwortete ihre Frage dann aber gleich selbst: ?Nat¨¹rlich nicht. Kannst du ja nicht.¡°
Ihr war nicht bewusst, wie seltsam und enth¨¹llend ihre Aussage eigentlich war. Nach ein paar Sekunden Stille erwiderte der Bursche dann: ?Ich mag deinen Humor. Und dein Kleid ist auch echt sch?n.¡° ¨C ?Danke?¡°, kam die Antwort Viktorias mit einem in die L?nge gezogenen Endvokal zur¨¹ck. In Reaktion darauf musste der junge Mann lachen. ?Du bist wohl Komplimente nicht gew?hnt.¡° ¨C ?Nicht wirklich¡°, gab die Undercover-Prinzessin kurz als Antwort.¡° ¨C ?Kann ich nicht verstehen. Mir kommst du echt nett vor.¡° Er hielt einen Moment inne. Das aktuelle Musikst¨¹ck ging gerade zu Ende. Somit erfragte er von ihr: ?D¨¹rfte ich dich um einen Tanz bitten?¡°, und hielt ihr seine Hand hin. ?Okay¡°, entgegnete sie kurz. Dann begaben sie sich aufs Bankett.
Zum Gl¨¹ck hatte sie Tanzstunden bekommen, ansonsten h?tte sie sich hier wohl blamiert. Sie konnte sehr wohl im Rhythmus des Lieds, das gerade gespielt wurde, bleiben, machte jedoch ?fters noch falsche Schritte. Ihr Tanzpartner konnte aber gut mit ihren Fehltritten umgehen und der Tanz funktionierte recht gut. ?Du kannst das echt gut¡..im Gegensatz zu mir¡°, vermerkte das M?dchen. W?hrend sie sich so im Kreis drehten, erwiderte der junge Mann ihr darauf: ?Ist doch gar nicht wahr. Du kannst auch recht gut tanzen, nur an ¨¹bung fehlt es dir noch ein wenig.¡° ¨C ?Schmeicheleien hast du ja haufenweise gepachtet!¡°, gab sie da zynisch zur¨¹ck. ?Sch?tze schon¡°, sagte er darauf in leicht am¨¹siert klingendem Ton. Seine l?ssige Art fand die Magierin tats?chlich charmant. ?Bist du mit deinen Eltern hier?¡°, fragte sie ihn nun. Er meinte dazu: ?Gewisserma?en. Ich versuche in der Menge verloren zu gehen, damit sie mich nicht allzu sehr beobachten k?nnen.¡° ¨C ?Selbiges bei mir¡°, ?u?erte das M?dchen.
In der Zwischenzeit hatte Wenzel bereits einige seiner alten Freunde hier gefunden und plauderte mit diesen fr?hlich ¨¹ber alles M?gliche. Die f¨¹nf M?nner, im Spezifischen Brahm, Ferenc, Balduin, Peter und Wenzel standen beisammen und lachten ¨¹ber einen von Brahms ?Alte-M?nner-Witzen¡°, wobei, wie immer, Ferenc sich am lautesten wegkugelte. Peter schien gar die Idee des Balls beinahe egal zu sein, weshalb er seine ¨¹blichen Kleider trug und lediglich die verlangte Gesichtsbedeckung sich von seiner ¨¹blichen Aufmache unterschied. Insbesondere mit ihm unterhielt sich der Zauberer viel. ?Ich kann mich noch erinnern, als du nicht einmal Greifenburg auf einer Landkarte finden konntest. Und sieh dich jetzt mal an!¡°, neckte sein erster Freund den Kaiser. ?Ich war im Grunde ein vollkommen anderer Mensch damals. Was die Jahre aus einem machen k?nnen¡°, gab Wenzel mit leichter Nostalgie zur¨¹ck. Brahm stand daneben und wollte die ganze Zeit etwas einwerfen, wusste aber nicht genau, wie er in irgendeines der Themen einhaken k?nnte. Balduin hingegen hing dem Erkorenen bei jedem seiner Worte an den Lippen und sprach kaum etwas.
An die Herren trat nun Amalie in ihrem himmelblauen Kleid heran. ?M?chtest du nicht mit deiner Frau tanzen, mein Liebster?¡°, fl¨¹sterte sie ihm ins Ohr. Der Ball war ihre Initiative gewesen, daher wollte sie auf diesem auch etwas tun, was ihr Spa? machte. Sofort ergriff er sie bei der Hand und benachrichtigte seine Freunde, dass er sich auf die Tanzfl?che begeben w¨¹rde. Das Kaiserpaar schloss sich soeben den anderen T?nzern an, als das soeben gespielte Lied endete. Fast schon so als ob die Sache geplant gewesen w?re, wechselten die Musikanten nun zu einem langsameren, sprich romantischeren Lied. Auch Viktoria und ihr Tanzpartner begannen nun zu diesem zu tanzen, selbst wenn es der jungen Dame ein wenig peinlich war. Allerdings sah sie dann pl?tzlich, dass sich ihre Eltern ebenso auf dem Bankett befanden. ?Nein! Sie d¨¹rfen mich nicht sehen!¡°, schoss es ihr durch den Kopf und sie verlie? zur ¨¹berraschung des Mit-Ihr-Tanzenden augenblicklich die Tanzfl?che. Ihre Panik vor den Blicken ihrer Eltern hatte sie zu einer schnellen Flucht veranlasst. Das tat ihr nun leid f¨¹r den Burschen, dem sie garantiert den falschen Eindruck vermittelt hatte. Er w¨¹rde sich vermutlich denken, dass sie nicht zu einem romantischen Lied mit ihm tanzen wollte.
Sie riss ihn am Arm und eilte ¨¹berhastet beim Saal hinaus. ¨¹ber bunte Bodenmosaike, die verschiedene Sonnensymbole abbildeten, zog sie ihn durch die riesig weiten G?nge des Palastes. ?Wo willst du hin?¡°, wollte er von ihr wissen. Doch Viktoria antwortete nicht. Die Jugendliche f¨¹hrte ihn durch einen vergleichsweise schm?leren Nebengang und dann noch um eine weitere Ecke. Hier war nun niemand mehr und auch gab es hier keine Kerzenbeleuchtung. Jedoch war das durch die Fenster einfallende Mondlicht ausreichend, um sehen zu k?nnen. ?Tut mir leid. Ich wollte nicht, dass du ¡?hm¡wegen dem Lied. Meine Eltern waren am Tanzparkett¡°, stammelte sie daher. Er schmunzelte und sagte: ?Ich verstehe schon. Kein Grund so nerv?s zu werden.¡° Er pausierte und fuhr dann fort: ?Aber in irgendeinen abgelegenen Gang h?ttest du mich auch nicht gleich entf¨¹hren brauchen.¡° Ein L?cheln kam ¨¹ber seine Lippen. Irgendwie sp¨¹rte das M?dchen, wie sich da etwas in ihr r¨¹hrte.
?D¨¹rfte ich dein Gesicht sehen?¡°, fragte sie ihn nun. ?Nur wenn du mir auch deines zeigst¡°, gab der Kerl da zur¨¹ck. ?Okay.¡° Somit nahmen sie gleichzeitig ihre Masken ab. Der Bursche vor ihr hatte definitiv attraktive Gesichtsz¨¹ge, wie das M?del empfand. Ihr Gegen¨¹ber schien auch dasselbe ¨¹ber sie zu denken, da er intensiv ihre Wangen und Mund betrachtete. ?Ich glaube, das reicht jetzt wieder!¡°, gab sie ihm zu verstehen, woraufhin der Junge seinen Blick wieder von ihr abwendete. Jetzt schauten sie beide still beim Fenster hinaus. ?Soll ich ihn darum fragen? Ja, sollte ich!¡°, war Viktorias Gedankengang. ?Verr?tst du mir, wie du hei?t?¡°, erkundigte sie sich in einem f¨¹r sie ungew?hnlich weichen Ton. In Reaktion darauf versteiften sich seine Gesichtsmuskeln ganz kurz. Dann entgegnete der Bursche: ?Achaz. ¡..Und du?¡° Dass er nun auch nach ihrem Namen fragen w¨¹rde, h?tte der Prinzessin eigentlich klar sein m¨¹ssen. Sie erwiderte schlie?lich: ?Marzia hei?e ich.¡° Er schien eine Gef¨¹hlsregung hierzu zu unterdr¨¹cken.
Nach einem Moment der nachfolgenden Stille wechselte Achaz dann wieder das Thema. ?Und was machst du gerne so in deiner Freizeit? Glaub¡¯s mir oder nicht, aber ich gehe gerne reiten.¡° ¨C ?Naja, ich habe nichts gegen das Reiten. Meistens brauche ich es aber gar nicht¡°, jetzt biss sich Viktoria selbst metaphorisch auf die Zunge. Sie sollte besser aufpassen bei dem, was sie sagte, bevor sie noch zu viel von sich preisgab. Folglich ging ihr aber der Gedanke durch den Kopf, warum sie denn ihre Identit?t in diesem Fall geheim halten wollte. Wollte sie unerreichbar bleiben? ?Ich sch?tze mal, dass es bei M?dels anders ist als bei Jungs. Unsere V?ter erwarten was anderes von uns als von euch¡°, rationalisierte Achaz ihre Aussage. Sie stimmte ihm nur mit einem kurzen ?Mhm¡° zu.
Er war ein kluger, charmanter und in Viktorias Augen auch gutaussehender Typ, ganz anders als der Dummkopf Alexander mit seiner doofen Topffrisur. Der junge Mann gr¨¹belte nun kurz nach, dann ?u?erte er: ?Warum willst du mir nicht deinen echten Namen verraten?¡° Das M?dchen war ¨¹berrascht von der Intelligenz, die er hier unter Beweis stellte. Sie z?gerte einen Augenblick. Dann h?rte ihr Gespr?chspartner schlie?lich: ?Du solltest nicht zu viele Fragen stellen.¡° Die Stimme war einfach in seinem Kopf erschienen. Die Lippen der Magierin hatten sich daf¨¹r nicht bewegt. Dies funktionierte nur, da er sie ?hineinlie?¡°, da ein Zauberer f¨¹r gew?hnlich nicht die Gedanken jemand anderes betreten konnte, ohne die Person dabei zu ber¨¹hren. Somit wurde auch ihm die Sachlage unmittelbar klar.
Danach machten sich die zwei noch eine Zeit und einen Ort aus, wo sie sich wieder treffen w¨¹rden. ?Schaffst du es da auch wirklich hin?¡°, wollte Achaz wissen. Doch Viktoria erwiderte nur: ?Ich schaffe es ¨¹berall hin!¡° Danach maskierten sie sich wieder und kehrten in den Ballsaal zur¨¹ck. Den restlichen Abend unterhielten sie sich noch gut. Das erste Domino war gefallen.
?Und hattest du Spa? gestern?¡°, versuchte Wenzel bei seiner Tochter zu proben. ?Ja, war spa?ig¡°, war alles, was er aus ihr herausbekam. Sein Naturell verwehrte ihm sie dann weiter zu l?chern, nachdem sie mit ihrer kurzen Antwort eindeutig kommuniziert hatte, dass sie nicht mit ihm dar¨¹ber reden wollte. Er drehte sich somit um und wollte schon wieder einen Abgang machen, als Viktoria ihn noch aufhielt. ?Warte!¡°, stie? sie heraus und ihr Vater drehte sich zu ihr um. ?Ich habe da etwas, was ich wissen m?chte.¡° ¨C ?Und das w?re?¡°
?Vorgestern hatte ich einen seltsamen Traum. Ich meine, ich habe ?fters Visionen von der Zukunft, aber dieser Traum, war besonders ungew?hnlich.¡° Wenzel setzte sich nun auf den Stuhl vor ihr und schaute der Kleinen aufmerksam in die Augen. Sie fuhr fort: ?Darin standen M?nner in Karogew?ndern in der Mitte von Weizenfeldern und ernteten diese ab. Unter dem Weizen wuchs eine Riesenmenge an Unkraut und sie schnitten es einfach mit allem anderen ab. Was k?nnte das bedeuten? Ich meine, ich wei?, dass die Symbole auf den Uniformen der Reichsgarde erst vor ein paar Jahren zu Sicheln, die Getreide ernten ge?ndert wurden. Es hat sicher damit zu tun, oder?¡° Als er das vernahm, wurden die Augen des Kaisers gro?. Er r?usperte sich kurz und sagte: ?Du wirst es erfahren, wenn die Zeit daf¨¹r reif ist. Den Pfad, den ich herausschlage und dem Schicksal entringe, kannst du jetzt noch nicht verstehen.¡° Das M?dchen f¨¹hlte sich davon etwas beleidigt und entgegnete: ?Ich hatte also recht!¡°
?Die Visionen haben recht. Auch wenn sie mysteri?s sein k?nnen, sie liegen meistens richtig¡°, erwiderte der Mann darauf. ?Sie sind aber nicht in Stein gemei?elt. Man kann die Zukunft durch seine Handlungen ?ndern! Ganz verstehe ich das alles aber auch noch nicht. Zum Beispiel hatte ich als Kind keine Visionen von der Vergangenheit, jetzt aber schon.¡° Leicht verwirrt blickte ihm da die Prinzessin entgegen. Dann ?u?erte sie: ?Die Vergangenheit habe ich noch nie gesehen!¡° Wenzel strich sich nachdenklich ¨¹ber den Bart. ?Kurios¡° war alles, was er dazu sagte. Er hatte hierdurch nichts Neues gelernt, Viktoria hingegen schon.
Als er dann in seine Gem?cher zur¨¹ckkehrte, traf er mit seiner zeitgleich zur¨¹ckkommenden Ehefrau zusammen. ?Schatz, ich muss dir noch etwas Wichtiges mitteilen, ehe ich es wieder vergesse¡°, kam es von Wenzel. ?Was gibt es denn?¡° ¨C ?Ich werde eine Reise machen und kann dir nicht genau sagen, wie lange ich weg sein werde¡°, begann er seine Ausf¨¹hrungen, die noch mehr Details verlangten. Sofort wollte Amalie selbstverst?ndlich wissen: ?Wieso? Wo musst du denn hin?¡° ¨C ?Das wei? ich noch nicht genau. Ich wei? nur, dass es s¨¹dlich von hier liegt.¡° Die Dame h?rte ihm weiterhin gespannt zu. ?Ich hatte mir schon sehr lange vorgenommen das letzte der Heiligen Artefakte zu finden. Mit dem Szepter werde ich das schaffen. Es zeigt in die Richtung, in der der gesuchte Gegenstand zu finden ist. Leider wei? ich eben noch nicht, wo der exakte Standort ist, sonst w¨¹rde ich ja die Reise gar nicht machen m¨¹ssen.¡°
Daraufhin wollte seine Gattin wissen: ?Kannst du das nicht einen Diener erledigen lassen?¡° ¨C ?Nein, bedauerlicherweise nicht¡°, erwiderte er sogleich. ?Das Szepter funktioniert nur, wenn man Magie darauf anwendet. Das schlie?t jeden au?er mich und Viktoria aus.¡° Dies war eine L¨¹ge. Er wollte einfach niemand anderem mit dem Aufsp¨¹ren eines solch wichtigen Artefakts trauen. ?Also, ja. Ich wei? nicht wie viel Zeit das nun konkret in Anspruch nehmen wird. Brahm und Peter habe ich schon informiert. Ich werde zusehen, dass ich nicht allzu lange brauche.¡° Amalie blickte ihn kurz an und gab ihm dann ihren Segen. ?Pass auf dich auf, h?rst du! Da sind immer noch ein Haufen Wahnsinnige da drau?en.¡° Dies brachte Wenzel zum Lachen. Solche Gef¨¹hle der Angst hatte er seit den Tagen der Revolution schon abgelegt.
1. 08 Die Heilige Stadt
¨¹ber unendlich weite Ebenen flog der Erkorene. Er hatte bereits die Wetterscheide der Limesischen Berge hinter sich gelassen. Obwohl es hier in Camenia eigentlich erheblich w?rmer als in seiner Heimat sein musste, sp¨¹rte er hier oben in den h?heren Schichten der Atmosph?re nichts davon. Ein bitterkalter Wind sauste ihm um die Ohren und die Glieder schmerzten ihn von der K?lte, aber das Szepter zeigte weiterhin gen S¨¹den. ?Wo wirst du mich nur hinf¨¹hren?¡°, fragte sich Wenzel, w?hrend er die h¨¹geligen, ausgetrockneten Landschaften des Camenischen K?nigreiches ¨¹berflog. Kleinere und gr??ere Siedlungen zogen unter ihm hinweg. Ab und an kreuzte er sogar den Pfad mit einem Vogelschwarm. In der weitesten Ferne konnte er nun sogar schon das endlose Blau der S¨¹dsee erkennen. Wo war der Reichsapfel?
Er ¨¹berquerte Galadea. Dann ging das Licht im blauen Stein des Szepters, das er nach vorne gestreckt hatte, um ihm den Weg zu weisen, aus. ?Endlich tut sich was!¡°, verlautete der Magier da. Er drehte sich um und stellte fest, dass das Heilige Artefakt ihn zur Heiligen Stadt Galadea wies. Wenigstens war es hier und nicht am anderen Ende der Welt oder gar in den Tiefen des Ozeans. Das w?re durchaus ein Problem gewesen! Als der vom Licht des Steins Geleitete auf die Hauptstadt Camenias Kurs nahm, begann er auch immer mehr an H?he einzub¨¹?en. Er reduzierte seine Geschwindigkeit und begann Schritt f¨¹r Schritt immer mehr Details der ersten Hauptstadt des Reiches erkennen zu k?nnen.
Eine antike Stadt, auf sechs H¨¹geln erbaut. Wenzel kam ihr immer n?her und fing an, die heruntergekommen wirkenden D?cher vieler der alten Geb?ude zu erkennen. Vieles hier schien aus eher grauem Stein gehauen zu sein und nahm nat¨¹rlichere Farbt?ne als die oft schneewei? oder sogar bunt bemalten Kirchen in Ordanien an. Schlie?lich kam er dann schon weit genug herab, um die Bl¨¹tend¨¹fte dieses ihm fremden Klimats, gemischt mit dem Salz der vom Wind herbeigetragenen Meerluft riechen zu k?nnen. Es gab ihm ein ganz eigenes Gef¨¹hl und versetzte ihn gleich in eine ganz andere Welt hinein als die, die er sonst kannte. Dann begannen aber gleich ein paar Denkprozesse in seinem Oberst¨¹bchen abzulaufen. ?Ich will nicht als der Souver?n erkannt werden, ansonsten mobben mich gleich hunderte von Schaulustigen¡°, prognostizierte seine Hoheit.
Folglich landete Wenzel am Rande der Stadt an einer Stelle, wo er m?glichst unentdeckt blieb, und ging zu Fu? hinein. Er hatte ohnehin einen dicken, grauen Mantel an, damit er beim Flug nicht allzu frieren musste. Jetzt w¨¹rde dieser auch gleichzeitig als seine unauff?llige Tarnung dienen. Obwohl er nat¨¹rlich seine Identit?t mit dem Kleidungsst¨¹ck gut verbergen konnte, war es darin irre hei?. Es war fast schon Sommer und die Sonne in diesem subtropischen Breitengrat brutzelte einen w?hrend der Tageszeit f?rmlich. Der verh¨¹llte Mann machte sich auf in die Metropole. Auf der einen Wegseite waren ein paar sch?bige Geh?lfte, auf der anderen s?umten unglaublich hoch gewachsene Zypressen die Stra?e. Je n?her er der eigentlichen Stadt kam, desto mehr wurden erwartungsgem?? die Menschen. Von einer Seitenstra?e bog er schlie?lich auf die ?Via Sacra¡°, die Hauptpilgerstra?e, die vom Norden in die Stadt f¨¹hrte. Es war sehr viel Verkehr und Wenzel hing sich einfach an eine Gruppe an, die ebenso ins Stadtzentrum unterwegs zu sein schien. Es waren fast nur M?nner und sie alle trugen traditionell wei?e Kleidung auf ihrer Wallfahrt in die Heilige Stadt.
Eine kurze ¨¹berpr¨¹fung der in seinem ?rmel verborgenen ?W¨¹nschelrute¡° best?tigte ihm, dass er weiter ins Stadtzentrum voranr¨¹cken musste. Der Weg f¨¹hrte ihn vorbei an einer Unmenge an Heiligenstatuen. Schlie?lich passierte er die Stadtmauer, welche den Stadtteil umgab, der heute als Altstadt bekannt war, der aber auch zumeist gemeint war, wenn man von Galadea im historischen oder sakralen Kontext sprach. Auch diese Mauer wirkte schon uralt und fast schon so, als h?tte man sie jahrhundertelang nicht in Stand gehalten. Das stimmte wom?glich sogar. Das historische Zentrum der Heiligen Stadt zu betreten, war etwas Atemberaubendes, zumindest f¨¹r die Gl?ubigen. Jedoch war es das auch f¨¹r den Kaiser, wenn auch aus einem anderen Grund. Die Pilger bestaunten die zahllosen Tempel, Kapellen und heiligen St?tten, die hier alle auf engem Raum beieinanderlagen. Wenzel hingegen streckte den Kopf nach den Ruinen der alten Aqu?dukte aus, die mehrere Stockwerke hoch waren.
Er trennte sich von der Reisegruppe, die ohnehin mittlerweile in den eng gedr?ngten Menschenmassen hier unterging, und ging n?her an die baulichen ¨¹berreste des gro?en Aqu?dukts heran, das die Stadt von Westen her durchzog. Es war eindeutig aus viel gr??eren und anders geschliffenen Steinen gebaut als die H?user, die zwischen dessen Stehern aufgezogen worden waren. Aus all den Ritzen und Rinnen des uralten Konstrukts wuchsen allerlei Gr?ser und anderes Unkraut, das sich mit der Zeit darin angesiedelt hatte. Es war eindeutig nicht mehr in Ben¨¹tzung. Der mittlerweile zum Hobbyhistoriker gewordene Herrscher be?ugte die zyklopisch gro?en Steine vor sich ganz genau. Er war ¨¹berzeugt davon, dass sie mehrere Jahrhunderte VOR die Zeit Melgars datierten. ?Klar ein anderes Stratum¡°, murmelte Wenzel in seinen Bart hinein.
Dann ging er weiter, dem Strom an Leuten folgend. Die engen Gassen entlang passierte er unz?hlige Geb?ude und kleinere Monumente, die sich anzusehen ihn fasziniert h?tte. Jedoch verhinderten die gro?en Menschenmassen, dass er innehielt. Es war viel Geplapper derer, die ihn umgaben, zu vernehmen. Nicht nur, war da der relativ bekannte galadeische Dialekt zu h?ren, sondern auch andere Dialekte des Camenischen, ebenso wie viele andere Sprachen. Die Pilger kamen von ¨¹berall hierher. Der Zug an Menschen bewegte sich langsam voran und mit ihm auch unser Zauberer. Vorbei ging es da an zahllosen St?nden von H?ndlern, die allerlei Krimskrams, aber nat¨¹rlich auch warmes Essen und Kleidung anboten. Alles, was man sich vorstellen konnte, war hier zu kaufen. So passierte er etwa Friseure, Fleischhauer, Drogerien und viele, wirklich viele Kirchen.
Schlie?lich erreichte er einen kleinen Platz, in dessen Mitte ein Obelisk stand. Interessiert steuerte er in dessen Richtung und konnte sich schlie?lich bis zu dessen Sockel durch die Flut an Leuten durchk?mpfen. Hier blieb er nun stehen und blickte senkrecht an dem Monument nach oben. Einst waren hier Inschriften zu lesen, doch hatte man diese offensichtlich bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen. Ganz unten am Fu?e des Obelisken konnte man aber noch eine Zeile, die wie Ostrisulisch aussah, ausmachen. Wenzel kniete sich hin und schaute genau hin. Es war in der Tat Ostrisulisch. Er stand auf und blickte von seiner leicht erh?hten Position nun ¨¹ber den Platz. Alle H?user hier sahen definitiv alt aus, aber das war nicht, was ihm ins Auge stach. Nein, was ihm auffiel, war, dass die Fundamente aller dieser Geb?ude aus einem anderen Material waren als deren W?nde. Jedes dieser H?user hier war auf etwas aufgebaut worden, dass schon vorher hier war. Es war eine Bausubstanz, die ihrem Aussehen nach aus denselben Steinen, also der Logik nach auch in einem ?hnlichen Zeitraum gebaut wurden, wie es die Aqu?dukte waren.
Dies lie? nur einen Schluss zu: Die Kultur, der das Stratum vor der Melgarischen ?ra zuzuordnen war, hatte die Aqu?dukte und auch viele andere der gro?en Bauwerke hier errichtet. Der Kaiser hatte hier seinen gegenst?ndlichen Beweis, dass man die Errungenschaften und die Bedeutung der vorteleiotischen Kultur hier in der Geschichtsschreibung ausradiert hatte! Nat¨¹rlich wusste er dies schon, aber er suchte immer nach Beweisen. Er durfte nicht in die Falle tappen, alles zu glauben, was er lediglich gelesen und nicht selbst ¨¹berpr¨¹ft hatte. Dann rief er sich aber seine eigentliche Mission hier wieder in die Geistesgegenw?rtigkeit. ?Ich sollte mich nicht von solcherlei Dingen ablenken lassen!¡°, tadelte er sich selbst.
Er ¨¹berpr¨¹fte nochmal die Richtung, in die sein Heiliges Artefakt zeigte, dann schloss er sich wieder den z?h dahinziehenden Massen hier an. Hinfort waren nun die s¨¹?en Bl¨¹tend¨¹fte, ersetzt durch die D?mpfe der unz?hligen Speisen, die die vielen Essensst?nde hier anboten. Immer wieder konnte er kleine Jungen sehen, die am Stra?enrand den Passanten eine Schuhpolitur um einen einzigen l?cherlichen Sesterz anboten. Wenzel ging hin und gab einem Kind, das zerrissene Fetzen trug, einen Sesterz, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Er musste aber aufpassen, um nicht allzu aufzufallen. Im Fluss dieser Menschenmenge sah er dann auch langsam, wie er sich dem H¨¹gel im Herz der Stadt n?herte, auf dem das Hauptheiligtum stand. Der Weg f¨¹hrte ihn anscheinend dorthin.
Mit lauten Stimmen versuchten Wanderprediger auf der Seite die Aufmerksamkeit der Besucher zu erwecken. Auch standen da in Nonnengew?ndern gekleidete Frauen, welche um Spenden baten. Auf ihrem Schild war ?Die Barmherzigen Schwestern der Heiligen Elisabeth¡° zu lesen. Es war eine gro?e Wohlt?tigkeitsorganisation, die auch unserem Herrscher bekannt war. Sie operierte ¨¹berall im Reich, musste also auch hier ein Quartier haben, auch wenn er es nicht kannte. ?Es ist ja auch Gutes an der Religion¡°, ging es dem Kaiser da durch die Gedanken. Trotz all seiner Diskrepanzen mit der Kommune, hatte er nichts gegen den Glauben. Er leugnete ja auch nicht die Existenz Gottes oder stritt das Positive an der Botschaft der N?chstenliebe ab. Nur die Rechtfertigung von Grausamkeit und Ungerechtigkeit im Namen der Religion missfiel ihm in erheblichem Ausma?. Er spendete auch hier etwas, und verbarg dabei, wie bei dem kleinen Jungen zuvor, dass er eine Goldm¨¹nze anstatt eines einfachen Sesterzes hergegeben hatte.
Die Stra?e machte hier eine Biegung und der Mann folgte ihr. Nach dieser ging der Weg nur noch schnurstracks zum Serapinal hinauf, also dem H¨¹gel, auf dem der Grabestempel stand. Er war das spirituelle Zentrum nicht nur Galadeas, sondern von ganz Kaphkos! An dessen Spitze stand ein Gotteshaus, das als einziges Geb?ude der Stadt ein goldenes Dach hatte. M¨¹hselig schleppte sich Wenzel mit den unz?hligen Pilgern hier den Anstieg hoch. Links und rechts zogen sich die sch?nen, aber alten und grauen Bauten an ihnen vorbei, die einen ganz anderen Baustil hatten als alles, was er je in Meglarsbruck gesehen hatte. Der H¨¹gel selbst war umgeben von einer Mauer, die nur vier Tore, in jede Himmelsrichtung eines, hatte. Als sie die Pforte zum wichtigsten Heiligtum des Teleiotismus durchschritten, und ihnen die Reflexion der Sonnenstrahlen vom goldenen Dach herab entgegengeworfen wurde, begannen die Wallfahrer zunehmend religi?se Parolen zu rufen. Auch Wenzel konnte nicht einher, davon im Inneren etwas bewegt zu werden. An einem s?uberlich angelegten Park vorbei str?mten die Massen hinauf zum h?chsten Punkt.
Auf dem Weg dorthin, machte der Magier kurz halt an einem Trinkbrunnen, da er ansonsten noch von der sengenden Hitze kollabiert w?re. Dann ging¡¯s weiter. Schlie?lich oben angekommen, war er aber ein wenig ¨¹berrascht. So ansehnlich der Grabestempel gewesen sein mochte, war er doch unerwartet klein. Wenzel betrachtete ihn von oben bis unten, doch er konnte das Bauwerk nicht genau einteilen. Es schien verschiedene architektonische Aspekte aus unterschiedlichen Zeiten und Stilen miteinander zu verbinden. Er war wesentlich weniger davon beeindruckt, als er es vermutet hatte. Auf dem kleinen Plateau, das um diesen herum war, tummelten sich viele Menschen. Der Kaiser wartete noch kurz und wandte sich zuerst lieber dem Ausblick ¨¹ber die Stadt zu. Es war ein gro?artiges Gef¨¹hl alles von hier oben ¨¹berblicken zu k?nnen. Seine Augen schweiften fasziniert ¨¹ber die unz?hligen T¨¹rme und Bauten aus vergangenen Zeitaltern. Ein gro?es St¨¹ck der Weltgeschichte pr?sentierte sich hier im Bezirk Saeptasolio in einer Melange unterschiedlicher ?ren und Strata, die alle nebeneinander und ¨¹bereinander zu existieren schienen.
Hier war er nun im Zentrum, an dem Ort, wo der Teleiotismus seinen Anfang genommen hatte und sich ¨¹ber den ganzen Kontinent verbreitet hatte. Die Abermillionen, wahrscheinlich eher Abermilliarden dessen Anh?nger, die sich endlos vermehrten und ¨¹berall hin verbreiteten, sahen in diesem Ort den Nabel der Welt, den Ort ihres Ursprungs. Nachdem er so ein wenig herumgegangen war und sich die Zeit mit der Aussicht verschlagen hatte, machte er sich schlie?lich dazu auf, das zu tun, weswegen er hier war. Er stellte sich an, um auch hineinzukommen. Am Eingang standen Wachen, die ein ganz eigenes Wappen trugen. Es war ganz anders als die Sonnenfahne des Reiches und jene Triquetrafahne der Teleiotischen Kommune. Das Wappen bildete im Grunde den Grabestempel auf einem dunkelblauen Hintergrund ab. Langsam schob sich die Menge weiter und Wenzel betrat das Geb?ude.
Im Inneren war es ungew?hnlich dunkel. Im Kreis waren eine Reihe an Kapellen um eine zentrale Rotunde angeordnet. Inmitten dieser stand ein einziges, kleines Bauwerk, eine Art Minitempel im gr??eren Tempel. Diese sogenannte ?dikula war umringt von einem Meer an Kerzen, die das sonst finstere Geb?ude erhellten. Es herrschte Totenstille. Alle bewegten sich bed?chtig und ehrf¨¹rchtig durch die R?umlichkeiten. Das Gew?lbe ¨¹ber ihnen war mit einem Sternenhimmel bemalt, einer der Wenzel in be?ngstigender Weise an die Augen Elisabeths erinnerte, damals als er sie in ihren letzten Minuten in seinen Armen gehalten hatte. Ebenso waren nat¨¹rlich die Ikonen Melgars allgegenw?rtig. Der Kaiser schritt unerkannt in die ?dikula hinein, die einem ¨¹ber eine Treppe noch etwas tiefer hinabf¨¹hrte. Hier war nichts au?er einem winzigen, engen Raum, an dessen W?nden in Mulden Kerzen brannten. Vor ihm befand sich eine einfache Steinplatte, in die die Umrisse eines Mannes eingearbeitet waren. Keine Inschrift, kein Firlefanz, war auf diesem Grab. Es war so wie Er es gewollt h?tte. Keine Erkl?rung war notwendig. Es war das Grab Melgars, des Erkorenen.
Eine Zeit lang lie? Wenzel den Moment verweilen. ?Deinen Titel und dein Erbe habe ich ¨¹bernommen. Gerecht werde ich dem nie werden¡°, sprach er zu dem Toten. Er klopfte sich dreimal auf die Brust. Erst danach holte er sein Szepter heraus und aktivierte es. Das Licht leuchtete nur leicht, als er es abw?rts auf Melgars Grab richtete. Weiter rechts, aber immer noch nach unten zeigend, wurde das Leuchten wieder etwas st?rker. ?Er ist nicht hier. Noch weiter unterhalb von hier ist er!¡°, stellte er fest. ?Warum?¡°, fragte er sich entt?uscht. Die anderen Gl?ubigen, die nun nach ihm herunterkamen, wunderten sich, was er hier machte, und befragten ihn dar¨¹ber. Er ignorierte sie, doch bemerkte recht bald, wie das Gefl¨¹ster der Leute zunahm und dann den Gang hinauf von einer Person zur anderen wanderte. Sie vermuteten wohl richtig, wer er war.
An gaffenden Besuchern vorbei dr?ngte er sich wieder nach oben. Danach ging er zu einem der in Priesterroben gekleideten M?nner, der sich gerade an einer der gro?en S?ulen der Rotunde lehnte. Der neue Erkorene streifte seinen Mantel ab und enth¨¹llte seine kaiserliche Uniform, die er darunter trug. Gleichzeitig enth¨¹llte er nun seine magische Aura, um keinen Zweifel an seiner Identit?t zu lassen. ?Gott zum Gru?e! Ich bin hierhergekommen, um etwas Wichtiges zu erledigen. Ich vermute, dass dies die vor¨¹bergehende Schlie?ung des Heiligtums verlangen wird.¡° Der Geistliche war einen Augenblick lang gebeutelt und brauchte ein bisschen, um zu reagieren. Schlie?lich erhob er dann aber die Stimme und rief einen seiner Br¨¹der herbei: ?Die H¨¹ter sollen den Tempel f¨¹r den Rest des Tages schlie?en! Seine Heiligkeit ist hier!¡° So geschah es dann auch.
?Wir sind geehrt Sie hier im Allerheiligsten des Teleiotismus begr¨¹?en zu d¨¹rfen, Eure Heiligkeit!¡°, lie? der Kommandant des sogenannten Ordens der H¨¹ter des Heiligen Grabes verlauten. Er sprach in einem fast gestelzt klingenden Hochcamenisch, da er wom?glich vermutete, dass Wenzel seinen starken Dialekt sonst nicht verstehen w¨¹rde. Dem konterte der Adressierte sogleich: ?Sparen Sie sich die Formalit?ten! Ich habe ja mein Kommen nicht angek¨¹ndigt, daher ist dies ein zuf?lliger, also inoffizieller Besuch.¡° Weiters erkl?rte er ihnen dann: ?Mein Szepter hier kann mir die Richtung anzeigen, in die sich der Reichsapfel befindet. Dieser ist mir abhandengekommen. Meine Suche nach diesem hat mich hierhergef¨¹hrt, aber es scheint nun so, dass er sich nicht im Grab Melgars oder in diesem Geb?ude per se befindet. Offenbar ist er irgendwo UNTER diesem Tempel.¡° Die Ordensritter und Priester h?rten ihm aufmerksam zu. Ihm fiel auf, dass, w?hrend er mit ihnen sprach, ihre Blicke an seinen Augen h?ngen blieben. Das Funkeln des kleinen Sterns in den Pupillen des Erkorenen schien sie auf magische Weise anzuziehen.
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Als er mit seinen Ausf¨¹hrungen fertig war, schauten sich seine Zuh?rer etwas verdattert an. Ein paar von ihnen nuschelten etwas untereinander. Schlie?lich entgegnete ihm einer der obersten Priester des Tempels: ?Unter dem Tempel?....Hmmm. Es gab da immer schon einige Ger¨¹chte, aber ob diese etwaige Substanz haben, bezweifle ich wohl sehr. Mir sind die antiken Zisternen des Serapinal bekannt. Wenn Eure Heiligkeit so wollen, dann kann ich Sie zu diesen f¨¹hren.¡° ¨C ?Tun Sie das, bitte¡°, beorderte Wenzel, ohne ein zweites Mal nachzudenken. Durch die k¨¹rzlich von Menschen entleerten Hallen schritt das Gefolge hinaus und die breite Au?entreppe gen Osten hinunter. Niemand au?er ihnen war mehr hier, was dem Ort hier unverz¨¹glich eine angenehme Idylle verschaffte. Als sie so hinabstiegen, konnte Wenzel vernehmen, wie die Geistlichen hinter ihm leise miteinander sprachen. ?¡.dumme Volkssagen¡.nicht glauben sollten¡..onster¡°. Anscheinend gab es ein paar Ger¨¹chte ¨¹ber irgendetwas, das sich unter dem Berg befinden sollte.
Der H¨¹gel hatte mehrere ?Stufen¡°, und sie gingen nur eine einzige hinunter. Dann bogen sie gleich wieder links ab und schritten hin¨¹ber zu einem kleinen gepflasterten Platz mit B?nken. An dessen Rand, war ein gr??erer Stein im Boden zu erkennen. Der, der ihn hierhergef¨¹hrt hatte, sagte nun zu seiner Majest?t: ?Unter diesem Steindeckel befindet sich die gro?e Zisterne, die vor vielen Jahrhunderten einmal als Wasserspeicher f¨¹r das Heiligtum diente. Sie ist schon lange nicht mehr in Ben¨¹tzung und es hat schon ewig niemand mehr hineingeschaut. Es gibt keine Pl?ne davon und ich habe mir sagen lassen, dass sie wom?glich bis tief in den Berg hineinf¨¹hrt. Oder das ist alles nur Humbug und die H?hle ist nur ein paar Meter tief. Ich kann es nicht genau sagen.¡°
?Trotzdem danke!¡°, kam es von Wenzel. Dann trat er an das gro?e Ding heran und hob es mit seiner Telekinese aus dem Boden heraus. Unter den staunenden Blicken der Anwesenden legte er den Stein m?glichst sanft nebenbei ab. Er beugte sich vor und schaute den stockfinsteren Schacht hinunter, den er soeben freigelegt hatte. Der Magier atmete tief aus. ?Es hilf nichts. Was sein muss, muss sein!¡°, ging es ihm durch die Gedanken. ?Meine Herren, ich werde bald wieder da sein!¡°, verk¨¹ndete er den Rittern und Geistlichen. Dann lie? er sich langsam mit den Beinen voran in das Loch hineinschweben. Sofort danach erzeugte er eine kleine Flamme in seiner Hand, um weiterhin etwas sehen zu k?nnen. Der Schacht ging ein paar Meter nach unten, dann ?ffnete er sich in einen gr??eren Hohlraum.
Er war so gro?, dass man nur eine pechschwarze, g?hnende Leere ausmachen konnte. Der Mann flog in eine Richtung und war sogleich an einer dunklen Wand angekommen. Er lie? sich weiter nach unten sinken, bewegte sich gleichzeitig aber in die andere Richtung, um zu ergr¨¹nden, wo denn hier die n?chste Wand war. Nichts, nichts und weiterhin nichts. Er bewegte sich f¨¹r eine be?ngstigend lange Zeit nach unten und zur Seite, ohne irgendetwas erkennen zu k?nnen. Letztlich erreichte er aber dann doch den Grund. Er landete in einer kleinen Pf¨¹tze, die ihm allerh?chstens die Sohlen etwas befeuchtete. ?Das Fassungsverm?gen dieser Zisterne muss ja unglaublich gewesen sein¡°, dachte sich der Zum-H?hlenforscher-Gewordene da. Um sich sah er aber immer noch keine Seitenw?nde. Daher schoss er nun einen Feuersto? nach vorne. Dieser erweiterte sein Sichtfeld gerade noch weit genug, um etwas in der Ferne ersp?hen zu k?nnen.
Wenzel ging in eben diese Richtung und traf auf eine aus dem Fels gehauene Wand. An dieser entlang ging er nun, bis er schlie?lich einen Einlass fand. Es war ein Tunnel, der weiter in den Berg f¨¹hrte. ?Die Ger¨¹chte stimmen also!¡°, stellte er erfreut fest. Eine kurze ¨¹berpr¨¹fung seines Heiligen Artefakts best?tigte ihm zudem, dass er hier lang musste. Auf ging¡¯s. ?Moment mal!¡°, dachte er sich da und ¨¹berlegte kurz. Er erwog, ob es nicht Dinge geben k?nnte, die er nicht bedacht hatte, die er vielleicht noch brauchen w¨¹rde oder beachten musste, bevor er nun voranschritt. Nichts kam ihm in den Sinn. Infolge drang er nun in das Innere des Berges vor. So weit konnte es ja nicht sein¡.
Es war k¨¹hl und feucht hier unten. Vor ihm streckte sich nur der lange, ovale Gang entlang, der einmal mehr nach rechts, einmal mehr nach links eine Biegung machte. Die Echos von herabfallenden Wassertropfen waren zu h?ren. Ansonsten herrschte hier eher Stille. Stille und Einsamkeit. Was war dieser Ort hier? Und warum hatte man den Reichsapfel hier versteckt? Alles berechtigte Fragen. Schlie?lich konnte er dann etwas Faszinierendes beobachten. Der Tunnel, der zuvor eher einem Maulwurftunnel als einem anthropogenen Konstrukt ge?hnelt hatte, ging nun in einen viereckigen Gang mit rechten Winkeln ¨¹ber. Einige Meter weiter begannen dann winzige Mosaikflie?en den Boden zu zieren. Sie bildeten abstrakte, eckige Muster ab. Entlang einer Bodenzeile, waren allerdings Inschriften zu sehen. Sie waren im unverkennbaren Schriftsystem des antiken Ostrisul geschrieben.
Wenzel hielt daraufhin kurz inne betrachtete diesen Fund. ?Wohl eine antike St?tte aus vorteleiotischer Zeit¡°, hielt er kurz f¨¹r sich selbst fest. Er ging weiter. Bald schon fing er aber an einen seltsamen Geruch in der Luft zu vernehmen. Er war nur ganz leicht zu riechen. ?Sind das faule Eier?¡°, fragte er sich. W?hrend er nun immer weiter in die Katakombe vorstie?, wurde der Geruch immer st?rker und seine Flamme begann immer unruhiger zu werden, sodass er ihren ?Saft¡° reduzieren musste. Er kam zu einer Wegzweigung in drei unterschiedliche Richtungen. Der Mann entschied sich geradeaus weiterzugehen. Gef¨¹hlte hundert Meter sp?ter endete er dadurch aber in einer Sackgasse. Ver?rgert machte er kehrt, und als er zur¨¹ck bei der Kreuzung war, nahm er dann die rechte Abzweigung. Bald schon war da eine weitere Wegzweigung, diesmal in zwei Richtungen. Er w?hlte diesmal die Linke. Dies ging nun noch einige Male so, was Wenzel langsam in Sorge versetzte, dass er sich den Weg zur¨¹ck nicht mehr merken w¨¹rde.
Dann wohnte er aber einer kuriosen Begebenheit bei. Ein gr¨¹nlicher Rauch oder Dunst zog durch die Luft. Auch der Gestank nahm nun nochmals merklich zu. Es roch wirklich entsetzlich! Nun folgte der Zauberer diesem Rauch. Er wurde zunehmend dichter. Schlie?lich kam Wenzel dann eine Neunzig-Grad-Kurve. Auf deren anderen Seite war etwas, man konnte es deutlich h?ren. Seltsame Laute, die furchteinfl??end klangen. Sie waren ganz anders als die Laute jedes Tieres, das er je geh?rt hatte. Eine Art Mischung aus Zischen und Kreischen vibrierte in seinen Ohren. Mittlerweile war der Mief hier unertr?glich geworden. Wenzel hatte etwas Ehrfurcht und kroch langsam an die Ecke heran. Vorsichtig lugte er dann um diese herum. Etwas weiter hinten im Gang ersp?hte er ihn dann. Halb Schlange und halb Hahn spazierte er hier einfach so durch die Katakomben. Ein Basilisk!
Der Mann wich sogleich wieder einige Meter zur¨¹ck. Er musste die Situation nun abw?gen. Von solchen Kreaturen hatte er sehr wohl bereits Erz?hlungen geh?rt. Sie sollen in Brunnen oder Kellern hausen und ihr Blick soll denjenigen, der ihn erwidert versteinern! Eine gef?hrliche Sache, wenn sie denn stimmte. Er musst hier aber davon ausgehen, dass sie dies tat. ?Wom?glich hat das Gas hier auch seinen Ursprung mit diesem. Wer wei?, wie es reagiert, wenn ich mit meiner Flamme in meiner Hand nicht aufpasse¡°, behandelte er das Thema im Selbstgespr?ch. Aber, oho! Das war¡¯s doch! Er wusste, was er nun tun w¨¹rde.
Der Kaiser schlicht wieder behutsam bis zur Ecke vor. Dann versicherte er sich nochmals schnell, mit einem geschwinden Blick. Der Basilisk war weg. ?Verdammt!¡°, rief er. Daraufhin war dann aber das Kreischen des Tieres wieder zu vernehmen. Es folgte der Quelle, des soeben ert?nten L?rms. Wenzel zog seinen Kopf wieder hinter die Ecke. Die weitere Ann?herung des Monsters war klar akustisch zu vernehmen. Ein wenig nerv?s wurde er jetzt schon, doch blieb er felsenfest stehen. Als es so klang, als w¨¹rde das Gesch?pf jeden Moment zur Ecke kommen, streckte er dann seine Hand um diese herum. Er entz¨¹ndete ein Feuer, das gr??te, das er schaffte. Dann geschah es, wie er vermutet hatte. Das Gas war brennbar. Von einem Moment auf den anderen ereignete sich pl?tzlich eine ohrenbet?ubende Explosion! Sie zog sich den ganzen Gang entlang. Kurz darauf riss sich der Erkorene sofort aus seiner Schockstarre. Er klopfte auf seiner Kleidung herum, um die darauf befindlichen Gluten auszumachen.
Erst dann schaute er auf seine Hand. Sie war definitiv von den Flammen erwischt worden und hatte schlimme Verbrennungen! Die erste Priorit?t aber war es nun erst einmal, die Neutralisierung des Basilisken zu ¨¹berpr¨¹fen. Um die Ecke herum war nun¡¡nichts. Dies war ¨¹beraus verwunderlich. In h?chste Alarmstufe versetzt ging der Mann auf Zehenspitzen weiter. Deutlich weiter hinten fand er dann die Erkl?rung f¨¹r all das. Auf dem Boden leuchtete ein Zauberkreis. In dessen Mitte war ein kleiner Bergkristall gelegt. Nun begriff Wenzel was hier vor sich ging. Der Basilisk war eine Illusion, erzeugt von diesem Kreis. Der Magier entfernte den Kristall und steckte ihn ein. Erst jetzt k¨¹mmerte er sich um seine verwundete Hand. Er zeichnete gleich ein paar Meter weiter den Zauberkreis, den er auswendig gelernt hatte. Es dauerte nur wenige Minuten, dann war der Schmerz in seiner Hand verschwunden und alle Wunden geheilt. Weiter ging¡¯s.
W¨¹rden hier noch weitere Fallen auf ihn lauern? Die Antwort darauf w¨¹rde er sehr bald schon bekommen, denn kurz danach kam er an einem gr??eren steinernen Tor an. Auf diesem waren Ostrisulische Buchstaben zu erkennen, obgleich diese sichtlich abgeschliffen waren. Wenzel wappnete sich seelisch und stie? das Tor auf. Auf der anderen Seite war dann ein etwas gr??erer Raum. Er hatte ein hohes Gew?lbe und war von ein paar S?ulen getragen. Au?er einem einzigen Ding in dessen Mitte, war er vollkommen leer. Es war ein steinerner Sarg, sonst nichts. Mit gr??ter Vorsicht n?herte sich der Erkunder diesem an. Einen halben Meter davor blieb er stehen. Eingraviert auf einer Steintafel davor war Folgendes zu lesen:
HINC UNA FIDES MUNDO REFULGET HINC SACERDOTII UNITAS EXORITUR
Der Satz war in Altcamenischer Sprache und auch war er in Camenischer Schrift geschrieben. Wenzel verstand ihn nicht ganz. Irgendetwas ¨¹ber die Welt und Priester sagte er aus. Via Telekinese hob Wenzel nun z?gerlich den Deckel des Sargs nach oben. Er war unsicher, ob er wirklich hinschauen sollte, tat es dann aber. Alt und staubig lag da ein Skelett. Es trug eine Krone und hatte zudem ein Szepter, ein Amulett, ein Schwert und einen Reichsapfel. Der Letztere war das einzige dieser Objekte, das einen Edelstein eingesetzt hatte! Seine Hoheit streckte die von seinem Heilungsritual geheilte Hand danach aus. Als er ihn anfasste und Magie einleitete, konnte er dessen Stein aufleuchten sehen. Es war das Original!
Nun begann die Sache langsam Sinn f¨¹r ihn zu ergeben, zumindest zum Teil. Diese Katakomben, Ruinen einer Kultst?tte, die der Melgarischen ?ra und seiner Religion vorangingen, waren vom ersten Erkorenen adaptiert worden. Wenzel warf einen Blick auf die Decke. An der Stelle direkt ¨¹ber dem Sarg war die Abbildung einer Sonne, die aussah, als w?re sie immer schon hier gewesen. ?Eine Neuinterpretation des Alten¡°, vermerkte der Mann. Nun begutachtete er die menschlichen ¨¹berreste in dem Steinsarkophag genauer. Nachdem er dar¨¹ber etwas sinniert hatte, machte es Sinn, dass Melgar lieber im Geheimen beerdigt werden wollte. Laut dem, was er im Testament ¨¹ber den Erkorenen Gottes gelesen hatte, hasste er alles, was ¨¹ber die Verehrung des einen Gottes hinausging, und bezeichnete es als Aberglauben. Der Personenkult um ihn, war nicht mehr auszuradieren, daher hatte er seine tats?chlichen ¨¹berreste verborgen und durch einen Zauberkreis, der Grabr?uber abschrecken sollte, gesch¨¹tzt. Dies war scheinbar effektiv gewesen.
Der Kaiser ¨¹berlegte nun einen Moment, was er mit den Reliquien des Messias tun sollte. ?Ich k?nnte den Zauberkreis wieder aktivieren. Den Stein daf¨¹r habe ich ja noch. Aber warum? Was soll dies n¨¹tzen? Melgarus Rex wird ja ohnehin verehrt, echtes Grab oder nicht! Menschen werden etwas zur Verehrung finden, man m¨¹sste sie schon mit aller Macht davon abhalten, um dies zu verhindern. Ich werde das nicht tun. Ich werde die menschliche Natur weder leugnen noch ihr entgegenarbeiten!¡° Dies waren Wenzels ¨¹berlegungen. Er entschied sich folglich, den ganzen Sarg mitzunehmen.
Letztlich kam er zur¨¹ck an die Oberfl?che. Eine mittlerweile besorgt aussehende Runde an M?nnern, begr¨¹?te ihn bei seinem Erscheinen erleichtert. Sie waren allerdings geschockt, als er den Sarkophag aus dem Loch emporhob. ?Ich bitte euch, seine Heiligkeit geb¨¹hrend zu bestatten¡°, ?u?erte er nur. Mehr an Information gab er ihnen nicht. Er w¨¹rde ihnen nicht sagen, was er im Berg gesehen hatte. Die Herrschaften reagierten, wie k?nnte es anders sein, mit ¨¹berschw?nglicher Bereitwilligkeit und Unterw¨¹rfigkeit. Der Herrscher entfernte sich sogleich von diesen, da ihn dies nervte. Kurz lie? er jetzt seine Gedanken in Tagtr?umerei abschweifen. ¨¹ber ein paar der Baumwipfel hier hinweg blickte er Richtung Osten ¨¹ber die Stadt. Weiter unten fiel ihm jetzt das gro?e Tor ins Auge. Es war zugemauert. Eine Zeit lang betrachtete er es still und ignorierte das Treiben der Pfaffen und Ordensritter um sich herum. Schlie?lich adressierte er aber einen von ihnen:
?Warum ist das Osttor auf diese Weise verschlossen?¡° Der Geistliche musste nicht ¨¹berlegen und antwortete sogleich: ?Dies war einst das Tor der Prophezeiung, jenes Tor, durch das der von Gott Auserw?hlte schreiten w¨¹rde, um das Haus Gottes zu betreten und einen Heiligen Krieg zu beginnen, der die ganze Welt ver?ndern w¨¹rde. Da es aber nur EINEN jemals geben durfte, hat man dieses Tor nach seinem Ableben f¨¹r immer zugemauert.¡° Wenzel nickte ihm zu, dass er verstanden hatte. Ihm war die Vorhersage aus der Heiligen Schrift bekannt. Sie war eingetreten, nachdem Melgars Truppen im Jahr 30 das Heer des K?nigreichs Galadea in der legend?ren Seranzoschlacht geschlagen hatten.
Dass man sie nach vollendeter Tatsache so weiterspinnen w¨¹rde, h?tte er aber nicht vermutet. Es gab nur einen einzigen Messias, auch wenn Wenzel dessen Titel ¨¹bernommen hatte, war dies wohl mehr aus Tradition als aus irgendeinem anderen Grund. Der Heilige Krieg hatte den Teleiotismus in ganz Kaphkos verbreitet. Die Prophezeiung war erf¨¹llt. Warum man daher Angst hatte, dass wieder ein neuer oder ein falscher Erkorener kommen konnte, begriff der Kaiser nicht ganz. Ebenso aber lie? ihn dieses Wissen nun seine Kr?nung zum Kaiser und den anf?nglichen Widerstand des K?nigreichs Camenia gegen das neu gegr¨¹ndete Heilige Reich in einem neuen Licht sehen.
Ein immer noch hei?er Wind wehte ihm durch die Haare und das, obwohl die Sonne schon im Untergang begriffen war. ?Meine Herren, ich muss sie informieren, dass ich f¨¹r die Aufbahrung und Beisetzung der Reliquien Melgars nicht zugegen sein werde. Ich habe gefunden, weswegen ich hergekommen bin.¡° Infolge hielt er ihnen den Reichsapfel hin, um ihn kurz zur Schau zu stellen. ?Dies ist bedauerlich, mein Herr!¡°, kam es vom Kommandanten der H¨¹ter des Grabes.
Diese Nacht verbrachte er in einem der R?ume des Tempels. Er schlief hier ¨¹beraus schlecht. Es war k¨¹hl im Geb?ude und ein konstanter Luftzug kam aus irgendeiner unergr¨¹ndlichen Richtung. Am Morgen hatte er gleich vor, sich wieder auf die R¨¹ckreise zu machen. Dieser Morgen begann f¨¹r ihn, als ihn die Fanfare der Posaunen, die ¨¹berall in der Altstadt circa zur selben Zeit ert?nte, aus seinem Halbschlaf riss. Eigentlich waren es mehrere unterschiedliche Fanfaren, die von den zahllosen Kirchent¨¹rmen hier geblasen wurden, und die sich gegenseitig ¨¹berlagerten, um eine befremdliche und gleichzeitig berauschende Kakophonie zu bilden. Ganz anders war dies als in der Reichshauptstadt Meglarsbruck, wo man nur die eine Morgenfanfare von der Hauptkathedrale erlaubte. Ohnehin gingen dort die Leute in ihre jeweils n?chstgelegen Kirchen und nicht in nur die eine. Jemand brachte ihm einen Tee, Brot und ein paar Feigen, als er aufstand. Bald darauf ging er schon hinaus in die Morgensonne, die sich waagerecht an den H¨¹gel schmiegte. Unten in Saeptasolio konnte man bereits reges Treiben vernehmen.
?M?ge Gott Euch sch¨¹tzen!¡°, verabschiedete sich Jacobo, der Kommandant der H¨¹ter des Heiligen Grabes, der an ihn herangetreten war. Der Kaiser zollte dem Respekt und gab ihm auch einen h?flichen Abschied. Er wollte schon beinah davonfliegen, als ihm da noch etwas einfiel. ?Behaltet, bitte, f¨¹r euch, dass ich hier gewesen bin. Es war nicht vorausgeplant und ich m?chte nicht, dass euer K?nig den Eindruck bekommt, dass ich ihn d¨¹piert habe.¡° Die Herren versicherten ihm, kein Wort ¨¹ber das Geschehene zu verlieren. Somit bedankte er sich nochmals und war wieder seines Weges. Die Priester winkten ihm noch nach, w?hrend die Figur des Zauberers am Himmel immer kleiner wurde. Was er nie erfahren w¨¹rde, war, dass sie die Reliquien des Erkorenen nur in einer geheimen Zeremonie in das Grab in der ?dikula, das bisher lediglich ein Kenotaph gewesen war, ¨¹berstellen w¨¹rden. Keiner w¨¹rde je dar¨¹ber in Kenntnis gesetzt werden. Offiziell war Melgar immer schon hier begraben. Der Mythos z?hlte mehr als die Wahrheit, so war es schon immer gewesen.
Auf seinem Heimflug hatte Wenzel viel Zeit, die er nutzte, um ¨¹ber alles M?gliche nachzudenken. Jetzt da er alle f¨¹nf Heiligen Artefakte wieder hatte, k?nnte er da nicht etwas N¨¹tzliches mit diesen anstellen? Vielleicht k?nnte er sie seinen treuesten Untergebenen geben, da diese Objekte ja auch von Nicht-Magiern benutzt werden konnten? Er lie? es sich eine sch?ne Weile durch den Kopf gehen. ?Besser nicht¡°, war dann seine schlussendliche Entscheidung. ?Ich sollte meine Macht nicht noch mehr untergraben. Ohnehin habe ich im aktuellen Zustand schon unzureichende Autorit?t!¡° W?hrend er so in Gedanken versunken war, zog die Landschaft unter ihm hinweg. Bis zu den ?goldenen Meeren¡° Ordaniens, deren Wogen aus endlosen Getreidefeldern bestanden, w¨¹rde es noch eine lange Reise sein.
1. 09 Nachts im Wald
Eine unangenehme Schw¨¹le lag in der Luft, die einem den Schwei? aus den Poren trieb. Es war hei? und in der vorausgegangenen Nacht hatte es ausgiebig geregnet. Auf einem ¨¹bungsplatz standen nun eine Anzahl an M?nnern, die alle Trainingsgew?nder trugen, welche etwas dicker waren, um etwaige Wunden durch ungl¨¹ckliche Schwerthiebe zu verhindern. Es war ein weiterer Tag des Schwerttrainings f¨¹r Alexander, aber auch andere junge Aufsteiger der Heereselite. Ein Schwarm Spatzen sa? in den nahegelegenen B¨¹schen und untermalte gewisserma?en die Szene musikalisch. Der Kuhn Spr?ssling wischte sich die klatschnasse Stirn ab. ?Huh! Was f¨¹r ein erdr¨¹ckendes Wetter!¡°, beschwerte er sich. Allen anderen ging es nicht recht viel besser, sie nahmen die Umst?nde aber wortlos hin.
?Alles klar, M?dels!¡°, begann Ulrich nebst ein paar anderen Instrukteuren die Burschen auf kindische Weise zu adressieren. ?Heute machen wir wieder ¨¹bungsk?mpfe. Wir wechseln immer so durch, dass wir von da, wo wir gerade gek?mpft haben, im Uhrzeigersinn zum n?chsten Partner weitergehen. Alle, die ein wei?es Band bekommen haben, sind ?Wechsler¡°, die, die keines haben, bleiben nach jedem Match wo sie sind. Ist das klar soweit?¡° Die in einer Reihe aufgestellten Jungs signalisierten ihm Zustimmung. ?Also gut! Dann k?nnen wir ja loslegen. Ragnar du geht¡¯s dorthin, Laszlo hat den Platz da dr¨¹ben¡..¡° Er teilte alle ein. W?hrend dies vor sich ging, fiel keinem noch auf, dass sich eine Zuschauerin ?angeschlichen¡° hatte. Fairerweise muss man auch sagen, dass sie auch an einem Ort war, wo man nicht gleich hinschauen w¨¹rde.
Auf der nebenan stehenden Milit?rbaracke sa? nun ein M?dchen mit einem langen, beigen Kleid. Ihre Haare waren rot und sie versuchte nicht auf den schl¨¹pfrigen, alten und teils schon von Flechten besetzten Dachziegeln auszurutschen. Als sie halbwegs Halt gefunden hatte, schaute sie neugierig bei dem zu, was der in Ausbildung befindliche Soldatennachwuchs hier so alles machte. Eigentlich durfte sie das nicht und eigentlich sollte sie sich zu diesem Zeitpunkt ihrem Studium widmen, doch die Prinzessin hatte sich selbst wieder einmal die Freiheit gegeben, sich durchs Fenster aus dem Staub zu machen. Sie sp?hte hin¨¹ber auf die Burschen, als sie ihre ersten Schwertschw¨¹nge begannen.
Sehr bald schon fiel aber die nicht zugelassene Zuschauerin einigen wenigen der Trainierenden auf. Auch Alexander sah sie. Er wusste nat¨¹rlich sofort, wer sie war, da er das M?dchen ja kannte. Nun war er besonders angespornt. Er musste herzeigen, was er konnte! Mit aller Kraft drosch er von links und rechts auf seinen Widersacher ein, der seine Hiebe aber stets gekonnt abblockte. Schlie?lich parierte ihn sein Herausforderer und traf den jungen Generalmajor am Handgelenk. ?Hey! Pass doch auf!¡°, knurrte der junge Mann da zornig. Vor lauter Drang sich beweisen zu wollen, machte er dann einen k¨¹hnen Satz nach vorne. Ein gro?er Fehler. Das feuchte Gras unter seinen Sohlen lie? ihn ausrutschen und er fiel vorw?rts direkt auf sein Gesicht.
Augenblicklich rappelte sich der junge Kuhn wieder auf, doch es war schon geschehen. Nicht nur sein Gegen¨¹ber lachte ¨¹ber ihn, sondern auch Viktoria konnte man auf dem Dach lachen sehen. Er war gedem¨¹tigt. Fast schon wollte er eine w¨¹tende Aussage an den Kopf seines Kampfpartners werfen, hielt sich dann aber zur¨¹ck. Dieser konnte ja auch nichts daf¨¹r. Die Sache hatte Alexander allein sich selbst zuzuschreiben. Er war kein guter K?mpfer und das wusste er tief im Inneren auch selbst. Nun wurden aber auch die Ausbildner hier auf das M?del auf dem Dach aufmerksam. ?Was machst du da? Du darfst nicht hier sein! Weg mit dir! Verschwinde!¡°, rief einer von ihnen laut zu ihr hin¨¹ber. Die junge Dame erschrak kurz und flog dann sogleich hinfort.
Jetzt kam Ulrich zu seinem Sch¨¹tzling heran und sprach zu ihm: ?Du handelst immer zu un¨¹berlegt. Denk nach, bevor du was machst.¡° ¨C ?Wenn ich schnell genug bin und meinen Feind ¨¹berrasche, dann funktioniert es auch! K?mpfen ist keine Wissenschaft!¡°, verweigerte Alexander die Ratschl?ge des Vize des Obersten Marschalls. ?Nein! Ein Kampf ist kein Hasardspiel, in dem du alles riskierts, nur weil du glaubst jemandem auf dem falschen Fu? erwischen zu k?nnen!¡°, erkl?rte ihm Ulrich in leicht erbostem Tonfall. Der Bursche schien nicht auf ihn zu h?ren. Hinterbei fl¨¹sterten die anderen Recken miteinander: ?Er versteht¡¯s halt einfach nicht! Der Kuhn war schon immer ein Einfallspinsel! Schhhh! Sei still! Du willst dir doch keine Probleme mit seinem Vater einholen.¡°
Der junge Alexander hasste es, dass alle so auf ihn herabblickten. Er war ein echter Mann! Er musste es diesen Typen, nein, er musste es allen beweisen.
Es war zu sp?ter Stunde. Vom sternenklaren Himmel leuchtete ein zunehmender Dreiviertelmond herab. Seine Helligkeit machte es einfacher f¨¹r Viktoria zu sehen, wo sie hinflog. Der Treffpunkt, den sie ausgemacht hatte, war ein Ort, an dem sie keiner so leicht finden w¨¹rde, den sie aber gleichzeitig auch leicht finden konnte. Darum hielt sie nun Ausschau nach dem Orientierungspunkt, auf dessen Basis sie den Ort ihrer Verabredung ausgesucht hatte. ¨¹ber ein dichtes, finsteres Bl?tterdach flog sie hinweg. Dann sah sie ihn endlich. Eine hohe steinerne Spitze ragte in der Ferne aus dem Wald und das M?dchen nahm Kurs darauf. Als sie sich ann?herte, ?ffnete sich der Forst unter ihr und gab eine geringe Menge an H?usern preis. Eine winzige Siedlung mitten in den Karantischen W?ldern. Die Magierin flog weiter hin zu ihrem Zielobjekt und landete dann langsam und vorsichtig vor diesem auf dem gepflasterten Boden.
Vor ihr stand ein gro?er Obelisk senkrecht in die H?he. An dessen Fu? war eine Kriegerstatue in das Denkmal integriert und auf dessen Spitze war eine metallene Triquetra angebracht. Die Statue hielt ein Schild in den H?nden auf dem zu lesen war:
Den in der Heiligen Revolution Gefallenen zum Andenken
Freiheit oder Tod
Gepriesen seien die M?rtyrer
Auch wenn sie die Botschaft des Monuments verstand, so begriff die Prinzessin nicht die Tragweite oder den Kontext dieser. Das Denkmal stand auf einem kleinen gepflasterten Platz, der inmitten einer verlassenen Siedlung war. Es war aber noch ?relativ¡° neu. Warum man ein solches Monument in einer Geisterstadt errichtet hatte, konnte Viktoria nicht sagen, doch sie verschwendete auch keinen Gedanken daran.
Sie war schon des ?fteren hier gewesen. Nicht nur war man hier allein und hatte seine Ruhe, sondern auch war diese einstige Siedlung leicht zu finden. Heutzutage zumindest¡. Das M?dchen ging nun zum s¨¹dlichen Ortsrand, wo man auf einem ebenso noch ziemlich neuen Schild ?Lagersdorf¡° lesen konnte. Ein paar wenige Meter neben diesem wartete er nun. An einen alten, morschen Zaun gelehnt, blickte eine Person in dunkler Kleidung, die jedoch vom Mondlicht erhellt wurde, zu der Prinzessin her¨¹ber.
?Hallo! Hier bin ich. Freut mich, dass du gekommen bist!¡°, sprach er diese mit gezielt sanfterer Stimme an, um sie an diesem menschenleeren Ort nicht zu erschrecken. Als das M?dchen sich da zur Seite drehte und ihn entdeckte, kam ihr ein L?cheln ¨¹ber die Lippen. ?Hall?chen, wie geht¡¯s dir?¡°, fragte sie in ¨¹bertrieben erpichtem Ton nach. Ihre Freude und auch Nervosit?t gingen ein wenig mit ihr durch und kamen so zum Vorschein. Er entgegnete: ?Gut. Ich habe aber ein wenig gebraucht, bis ich dieses Dorf im Niemandsland gefunden habe.¡° Er flunkerte hier ein bisschen. Erstens war ein einziger Weg, der von Soldach hierherf¨¹hrte, noch gut benutzbar und zweitens hatte ihn Lucius hergeleitet, da er sich h?chstwahrscheinlich verlaufen h?tte. Der eben Genannte war ¨¹brigens immer noch anwesend. Er versteckte sich nur in nahegelegenen B¨¹schen.
Dann erwiderte er die Frage: ?Und dir?¡° Sie antwortete nicht, sondern deutete mit ihrem Zeigefinger in den Wald s¨¹dlich von ihnen. ?Gehen wir ein St¨¹ck weiter. Manchmal kommen Leute hier vorbei. Es passiert zwar recht selten, vor allem um diese Uhrzeit, aber trotzdem sollten wir nicht unser Gl¨¹ck herausfordern.¡° ¨C ??hm, okay¡°, kam es von ihm nur zur¨¹ck. Dann gingen die zwei ein St¨¹ck durch den hier nicht allzu dichten Wald. Achaz fiel da nicht viel ein, was er sagen konnte, und schwieg einstweilen. Viktoria hingegen plapperte in der Zwischenzeit von ihrer Reise hierher und wie sehr es sie nervte, dass der Wind immer ihre zuvor gut durchgek?mmte Haarpracht wieder durcheinanderwirbelte. ?Sehen meine Haare eh nicht furchtbar aus, oder?¡°, erkundigte sie sich bei ihm unverbl¨¹mt. Der junge Mann war ¨¹berrascht davon, dass sie so ungezwungen mit ihm redete, als w¨¹rde sie ihn schon lange kennen.
?Kann ich nicht genau sagen. Ich sehe es nicht gut¡°, erwiderte er. Kurz darauf erreichten sie aber eine Stelle, an der das Licht des Mondes herunterscheinen konnte. Es war ein gr??erer Teich inmitten einer kleinen Lichtung. Vor diesem blieb nun Viktoria stehen und wandte sich dem Burschen zu. ?Und?¡° Verwirrt fragte er: ?Was?¡° Dann realisierte er aber, dass sie ihre zuvor gestellte Frage meinte. Er schaute auf ihre Haare. Diese waren schon sichtlich durcheinander geweht worden. ?Sind halbwegs in Ordnung, sch?tze ich. Man kann den Effekt des Windes auf jeden Fall sehen.¡° Entt?uscht ?u?erte sie da: ?Wirklich? Ach,¡¡° Sie machte einen erbosten Eindruck. Dass sie nicht so hergerichtet, wie sie sein wollte, zu ihrer Verabredung kommen konnte, ?rgerte sie ungemein. Selbst ein Blinder h?tte ihr ihre Befindlichkeit in diesem Moment ansehen k?nnen.
W?hrenddessen hatte der ihnen unauff?llig folgende Aufpasser von Achaz wieder aufgeholt und sich in einem etwas entfernten Gestr¨¹pp versteckt. Es war leider recht stachelig darin, doch er musste tunlichst unterlassen auch nur irgendein Ger?usch von sich zu geben. Viktoria bemerkte nichts. Achaz ging n?her bis an den Rand des Teichs heran und blickte auf dessen Oberfl?che, auf der einige geschlossene Seerosen zu sehen waren. Er wandte sich dann an das M?dchen, das direkt neben ihm stand: ?Weswegen hat sich jemand von deinem Rang auf ein Treffen mit mir eingelassen? Du wei?t noch nicht einmal welchen Standes ich bin.¡° Diese Frage irritierte die Prinzessin. Sie entgegnete: ?Was spielt das denn f¨¹r eine Rolle? Stand? Reichtum? Pah!¡° Den Burschen ¨¹berraschte sogleich wieder ihre direkte und geradezu ungehobelte Art, die er seit dem Ball beinah schon wieder als eines ihrer Pers?nlichkeitsmerkmale vergessen hatte.
Er stellte zur Gegenfrage: ?Und die Meinung deiner Eltern?¡° Das schien Viktoria jetzt unverhofft getroffen zu haben und sie wankte leicht in Reaktion darauf zur¨¹ck. ?Meine Eltern wissen gar nichts. Es ist besser, wenn ich ihnen nicht alles erz?hle.¡° Dazu erg?nzte nun der junge Mann: ?Meine wissen auch nicht, dass ich hier bin. Ist, glaube ich, auch besser so.¡° ¨C ?Du sagst es!¡° Dann pausierten sie die Konversation kurz. Eine k¨¹hle n?chtliche Brise lie? Rillen ¨¹ber die Teichoberfl?che gleiten und die zwei beobachteten dies still. ?Es ist schon echt angenehm hier. Ich verstehe, warum du den Ort magst¡°, vermerkte Achaz. Sie gab ihm recht, meinte aber auch: ?Haupts?chlich komme ich hierher, weil ich hier allein sein kann. Niemand st?rt mich hier, wenn ich meine Magie ¨¹be.¡°
Das interessierte den jungen Mann nun und er hakte nach: ?Magie? Was machst du denn da so alles?¡° Die Frage war bewusst vage gestellt, da er wissen wollte, was sie denn alles mit ihren Zauberk¨¹nsten machen konnte, er sich aber nicht direkt danach fragen traute. Bl?derweise entgegnete ihm Viktoria mit einer ebenso vagen Antwort. ?Vor allem Dinge, die die Kraft angehen. Hier drau?en brauche ich keine Angst davor haben, Schaden anzurichten, so wie es in der Stadt der Fall ist.¡° ¨C ??hm,¡okay¡°, kam es von dem Burschen da nur zur¨¹ck. Dann raffte er sich aber auf und erkundigte sich: ?Was genau machst du da so? B?ume umnieten? Oder¡ich wei? nicht was noch?¡° Sie erwiderte sorglos: ?Ja, vor allem B?ume benutze ich als Testziele. Ihr Holz splittert durch meine Telekinese. Sogar die ganz gro?en, uralten Eichen kann ich mit einem Mal f?llen. Ich ¨¹be dann auch ?fters die umgefallenen St?mme hochzuhieven, da die ja sehr schwer sind. Das klappt auch problemlos, eigentlich.¡°
Scherzhaft meinte da Achaz: ?Da k?nntest du schon fast als Holzf?llerin anfangen!¡° ¨C ?Haha! Vielleicht. Ich glaube nicht, dass die Knechte, die der F?rster daf¨¹r hat, mir da allzu dankbar w?ren¡°, am¨¹sierte sich das M?dchen. ?Da hast du wohl auch recht¡°, best?tigte er sie. ?Ich finde es echt krass, dass du fliegen kannst. Das muss ein unglaubliches Gef¨¹hl sein¡°, meinte er dann. Daraufhin kam der Zaubrerin ein L?cheln ¨¹bers Gesicht und sie fragte ihn: ?Willst du¡¯s auch mal ausprobieren?¡° Ohne zu z?gern, retournierte er da: ?Ja. Das w?re echt toll!¡°
Folglich nahmen sie sich an der Hand und Viktoria lie? sie beiden ein paar Meter ¨¹ber den Teich schweben. ?Wenn du willst, k?nnen wir auch h?her hinauf.¡° ¨C ?Mhm¡°, gab er seine Zustimmung. Dann flogen sie ¨¹ber die Baumwipfel hinweg und ein ganzes St¨¹ck ¨¹ber den vom Mondlicht erhellten Wald. Die Magie des M?dchens lie? sie mit ¨¹berraschender Geschwindigkeit davonsausen. Der starke Luftzug lie? seine Gew?nder wild herumflattern. Doch Achaz hatte keine Angst. Dieser Flug durch den Himmel Ordaniens lie? das Adrenalin durch seine Adern flie?en und hatte eine beinah berauschende Wirkung auf ihn. Nach kurzer Zeit kehrten sie aber zur¨¹ck und die Prinzessin setzte die beiden wieder genau da ab, wo sie abgehoben waren. ?Das war die aufregendste Sache, die ich je gemacht habe!¡°, behauptete der Junge mit einem erfreuten Gesichtsausdruck. Das M?del konnte da nicht verhindern, dass seine Begeisterung auch auf sie abf?rbte.
Danach unterhielten sie sich noch eine Weile. Achaz hatte nun offensichtlich eine Faszination f¨¹r ihre Magie gefunden. ?Ich w¨¹nschte, ich k?nnte solche Dinge auch machen¡°, gab er ihr da preis. ?Leider muss man mit solchen F?higkeiten geboren sein. Anders geht¡¯s nicht¡°, musste ihm Viktoria einen D?mpfer verpassen.
Das war ihrem Gespr?chspartner nat¨¹rlich vollends bewusst. Unverf?nglich warf er da einfach ein: ?Kein Wunder, dass du so selbstbewusst bist. Du kannst wahrscheinlich fast alles!¡° Dies war keine L¨¹ge. Er sprach hier aus, wie er sie tats?chlich wahrnahm. Viktoria schien seine Aussage als Kompliment aufzufassen und ihr strahlte Freude aus dem Gesicht. Dann gab sie wenig sp?ter aber etwas Unerwartetes zur¨¹ck: ?Es gibt sehr viel, das ich kann. Aber ich glaube, dass du mich hier ¨¹bersch?tzt. Ein Magier ist auch nur ein Mensch. In vieler Hinsicht entfremdet einen das Dasein als Magier sogar eher von anderen.¡° Das leuchtete dem Burschen ein, doch ihm kam nicht unmittelbar in den Sinn, was er als n?chstes sagen sollte. Er schwieg nun wieder ein wenig. Auch die Prinzessin blieb eine Zeit lang ruhig.
Im Mondlicht schauten sie sich gegenseitig an. Das M?dchen lie? seinen Blick ¨¹ber die Gesichtsz¨¹ge und Klamotten des jungen Mannes schweifen und vice versa. Als sich ihre Blicke trafen, wandte sich Viktoria, leicht schamrot geworden, ab. Er war f¨¹rwahr gutaussehend. Jetzt wollte der Bursche etwas Wichtiges in Erfahrung bringen: ?Kann ich dich wiedersehen? Ich mag dich und m?chte nicht, dass das unser letztes Treffen war.¡° Dies machte sein Gegen¨¹ber sichtlich verlegen, etwas sehr Ungew?hnliches f¨¹r sie. Sie ¨¹berlegte kurz und antwortete dann: ?Ja. Ich will auch, dass wir uns wiedersehen.¡° Somit machten sie sich die n?chste Verabredung aus.
Eine kleine Dame in einf?rbig dunkelblauer Uniform kniete sich im barsten Sinne des Wortes in ihre Arbeit hinein. Auf dem Boden ausgebreitet lagen mehrere riesige Pergamentb?gen, auf denen sie zeichnete. Einer war schon fertig und bildete einen intrikaten magischen Zirkel ab, der noch vollst?ndig trocknen musste. ¨¹ber einen weiteren war nun der Schwarzkopf gebeugt und zog vorsichtig Strich um Strich. Dann folgte aber ein Klopfen an der T¨¹re und sie kleckerte ein wenig mit der Tinte, welche von ihrem Pinsel tropfte. ?Herrgott, nochmal!¡°, ?rgerte sie sich. ?Herein!¡°
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Die Bibliothek betrat nun ihr Chef. Als er sah, womit sie gerade besch?ftigt war, versp¨¹rte er ein wenig Reue. Obwohl er m?glichst behutsam angeklopft hatte, war sein Eindringen hier nat¨¹rlich eine St?rung. Silke erhob sich sogleich und begr¨¹?te ihn: ?Guten Tag, mein Herr! Es freut mich, Euch wohl behalten wiederzusehen.¡° ¨C ?Dachtest du etwa, dass ich auf meiner Reise von Monstern gefressen werden w¨¹rde?¡°, alberte seine Majest?t da und f¨¹gte dem noch bei, ?Ein simpler Basilisk ist nichts f¨¹r mich.¡° Dies schien eine gewisse Konfusion bei seiner Assistentin hervorzurufen. Er w¨¹rde ihr sp?ter erkl?ren, was genau er mit dieser Behauptung gemeint hatte.
?Wir m¨¹ssen ein paar Dinge besprechen¡°, er?rterte ihr Wenzel. Er war erst vor wenigen Stunden von seiner Reise aus Camenia zur¨¹ckgekehrt. Jetzt war es von Relevanz seine Assistentin ¨¹ber die Geschehnisse und seine Funde zu unterrichten. Infolge setzten sich die zwei zusammen und er erz?hlte ihr ¨¹ber alles, was f¨¹r sie bedeutsam war zu wissen. W?hrend seiner Ausf¨¹hrungen stellte er einstweilen einen in T¨¹cher gewickelten Gegenstand auf dem Tisch neben sich ab. Die Dame h?rte ihm nat¨¹rlich aufmerksam zu, blickte aber immer wieder auf das Objekt hin¨¹ber, da sie schon wusste, worum es sich dabei handelte.
Beim Abschluss seiner Erl?uterungen enth¨¹llte er dann das Heilige Artefakt. Postwendend schnappte es sich die Dame und betrachtete es mit akribischem Blick. Der gelbe Stein, der darin eingesetzt war, schien irgendwie zu leuchten, obwohl er kein Licht abgab. Es bestand nicht der geringste Zweifel, dass es sich hierbei um das Original handelte. ??hem!¡°, r?usperte sich Wenzel, um ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken und fuhr dann fort, ?Wir werden sp?ter noch genug Zeit dazu haben, das Artefakt zu untersuchen. Ich m?chte dir aber noch einen weiteren Fund, den ich gemacht habe, zeigen.¡° ¨C ?Meint Ihr den Kristall, der den Zauberkreis gespeist hat?¡° Er nickte ihr zu und zog das Genannte aus seiner Hosentasche.
Es war ein durchsichtiger Bergkristall, der ungef?hr die L?nge und Breite eines Daumens hatte. Silke war sogleich Feuer und Flamme und wollte die Erforschung der zwei Objekte augenblicklich beginnen. ?Ich habe heute noch etwas vor, aber ein bisschen kann ich dir bei der Analyse Beistand leisten¡°, behauptete seine Hoheit dann. Eigentlich war er ebenso aufgeregt und voll Enthusiasmus seine Neuentdeckungen zu untersuchen. Folglich wurde es ein langer Nachmittag und schlie?lich Abend. Wenzel blieb letztlich und lie? seinen Termin ins Wasser fallen. Aber dies war nicht vergebens gewesen. Was sie herausfanden, war aus der Sicht der beiden Zaubereiversessenen au?ergew?hnlich interessant.
Es war n?mlich so, dass der Bergkristall keinen inh?renten magischen Effekt hatte. Er speicherte schlicht und einfach nur Magische Kraft. Wenn der Erkorene nun Magie aus¨¹bte, w?hrend er diesen in der Hand hielt, wurde sein Austrag erheblich gr??er. In anderen Worten: Der Stein verst?rkte seine Zauberkraft deutlich. ?Sollten wir den Stein zerst?ren, um zu testen was mit der Magie, die in diesem steckt, dann passiert?¡°, machte seine Assistentin ihm den Vorschlag. Der Zauberer lie? es sich ein wenig durch den Kopf gehen. Dann erwiderte er: ?Ich denke nicht, dass dies notwendig sein wird. Ich wei? ohnehin schon, was passieren w¨¹rde. Die Magische Kraft des Objekts w¨¹rde sich an das N?chstbeste binden, das sie in sich halten kann. Also vermutlich an mich oder aber in eines der anderen Heiligen Artefakte. Ehrlich gesagt, will ich nicht noch mehr graue Str?hnen bekommen. Die von damals reicht mir eigentlich.¡°
Fast schon reflexiv starrte die Frau da kurz auf die Haare des Herrschers. Eine einzige graue Str?hne zierte dessen sonst roten Haarschopf. Die Geschichte, wie es dazu gekommen war, hatte ihr seine Majest?t bereits erz?hlt. Sie verstand seine Gef¨¹hlhaltung diesbez¨¹glich und w¨¹rde ihn nicht dazu dr?ngen etwas zu tun, das er nicht wollte. Somit w¨¹rde der Stein aus dem Zauberkreis, auch wenn er kein Heiliges Artefakt war, ebenso hier aufbewahrt bleiben.
Ein junger Mann mit kurzem Haarschnitt und attraktiv m?nnlichen, wenn auch noch nicht g?nzlich gereiften Gesichtsz¨¹gen war gerade dabei das Fell seines Pferdes zu pflegen. Mit dem Striegel b¨¹rstete er gegen den Strich, um den groben Schmutz herauszubekommen und das sch?ne braun-wei? gefleckte Fell seines Hengsts Figaro wieder zum Vorschein kommen zu lassen. Seine Arbeit war schlei?ig und ging nur sehr langsam voran. Achaz war mit seinem Kopf heute einfach ganz woanders. Immer wieder blickte er starr in die Ferne oder einfach auf das Fell Figaros hin, ohne aber dabei mit dem B¨¹rsten weiterzumachen. Was war los mit ihm?
Vor seinem inneren Auge sah er die ganze Zeit nur das Antlitz des M?dchens mit den karmesinroten Haaren. Ihre Stimme, ihre Art zu reden, ihre sch?nen Augen und verwegene Art lie?en ihn nicht mehr los. Selbst wenn er die Augen schloss, sah er weiterhin ihr wundersch?nes Gesicht vor sich. Sie war alles, woran er im Moment denken konnte. Bei ihrem ersten Treffen hatte er dies noch nicht versp¨¹rt, doch seit dem letzten Mal hatte sich das ge?ndert. Er selbst begriff schon nach dem ersten paar Tagen, was es mit diesem Gef¨¹hl in seinem Magen auf sich hatte. Viktoria bedeutete ihm etwas. Das war eine sehr schlechte Sache! Er f¨¹rchtete sich, da er wusste, welche Dinge seine Mutter geplant hatte und was sie von ihm in Bezug auf die Prinzessin verlangen w¨¹rde zu tun. Er musste unbedingt mit Frau Mutter nochmal ¨¹ber die Angelegenheit reden. Im Moment war diese aber sowieso nicht hier. Ein weiteres Problem.
Am sp?teren Nachmittag, als die Sonne die Gegend schon in ihrem goldgelben Licht zu fluten begann, war er dann endlich mit seiner Arbeit fertig. Er kletterte schnell ¨¹ber den Holzzaun der kleinen Koppel und ging wieder in die kleine H¨¹tte, in der sie momentan hausten. Als er eintrat, sah er nur Fabio, den momentanen Partner seiner Mutter, auf einem kleinen Dreifu? sitzen. Sonst war gerade niemand anwesend. Der Mann schaute nicht einmal auf, als Achaz die Wohnstatt betrat, so befangen war er mit der Reparatur seiner Stiefel. Das Licht knallte beim Fenster herein. Es war schwindelerregend hei? heute. Der Bursche beobachtete den Herrn eine Zeit lang bei dem, was er da tat, ohne etwas zu ?u?ern. Er brauchte jemanden, mit dem er ¨¹ber das, was ihn so intensiv gedanklich besch?ftigte, reden konnte. Aber Fabio? War er der Richtige daf¨¹r? Er kannte ihn nur wenig. Alles, was er von dem Kerl wusste, war dass er seiner Mutter bei allem nachgab und sich ihr im Grunde nie widersetzte. War er wirklich jemand, mit dem er dies besprechen konnte? Andererseits waren jetzt nur sie beide hier, eine ideale Gelegenheit, um solch intime Themen anzuschneiden. Es war wohl besser diese Gelegenheit beim Schopf zu packen.
?Du, Fabio?¡°, er?ffnete er die Unterhaltung. ?Ja?¡°, kam es zur¨¹ck. Der Mann schaute von seiner T?tigkeit auf, wobei er seinem Stiefsohn mit einem erm¨¹deten, aber anderweitig recht emotionsleeren Blick begegnete. Dieser lie? Achaz kurz innehalten, dann rang er sich aber dazu durch weiterzusprechen. ?Wei¡.Wei?t du denn ob Frau Mutters Plan tats?chlich funktionieren wird?¡° Fabio warf ihm einen fragenden Blick entgegen und sagte dann: ?Du meinst die Sache mit der Prinzessin, oder? Warum sollte sie denn nicht funktionieren?¡° Der Junge musste nun gewitzt antworten. ?Weil er schon auf einer falschen Grundannahme beruht. Viktoria ist nicht so hitzk?pfig oder gar so manipulierbar, wie ihr angenommen¡..also wie der Bericht des von Alduino es behauptet hat. Sie nimmt sich mit ihrer Aufdringlichkeit bewusst zur¨¹ck und entschuldigt sich sogar daf¨¹r, wenn sie sich zu unangemessen benommen hat!¡°
Dem erwiderte sein Gegen¨¹ber nur: ?Und inwiefern macht sie das weniger manipulierbar? Klingt f¨¹r mich so, als ob es das genaue Gegenteil bedeuten w¨¹rde, also dass die Prinzessin nachweislich ihr Verhalten f¨¹r einen anpasst, wenn man ihr nur nahe genug kommt.¡° ¨C ?Verdammt!¡°, dachte sich da Achaz. Fabio hatte recht.
?Nat¨¹rlich ist sie beeinflussbar. So wie jeder Mensch!¡°, schallte es von der Eingangst¨¹r herein. Es war die unverkennbare, kr?chzende Stimme von Lucius. Der Mann, der einst sogar offiziell als Erbe des Ordanischen Throns gegolten hatte, durchbohrte den jungen Burschen mit seinen eiskalten Augen, als dieser sich zu ihm umdrehte. Dies lie? Achaz sogleich erstarren. ?Du wirst unserem Plan folgen und keine dummen Fragen stellen! Ist das klar?¡° Der Knabe zuckte zusammen, gab ihm aber keine Antwort. Nachdem der Rachs¨¹chtige nun aber n?her an ihn herantrat, presste er ein leises, ?Ja¡°, aus sich heraus.
Nun beugte sich sein Aufseher ein wenig zu ihm herunter und sprach: ?Gut. Vergiss nicht, dass das Regime nicht das kleinste bisschen z?gern w¨¹rde auch dich zu vernichten, wenn sie herausf?nden, wessen Abk?mmling du bist! Dies betrifft somit auch dich. Au?erdem sind sie ohnehin nur alle willf?hrige Diener von D?monen! Es gibt keinen einzigen Grund hier zu wanken oder an der Richtigkeit unserer Mission zu zweifeln. Oder etwas doch?¡° Der Mann, der vom Hass zerfressen war, hatte ihm eine weitere Frage gestellt. Sie war ebenso rhetorisch, wie auch nicht rhetorisch. Der Bursche entgegnete mit einem schlichten: ?Nat¨¹rlich ist sie das.¡°
Er hatte nicht den Mut seine Gef¨¹hle f¨¹r Viktoria zu offenbaren, besonders jetzt nicht mehr, da Herr Cornel wieder zur¨¹ck war. Achaz wusste nicht einmal, wie er selbst damit umgehen sollte. Was f¨¹r ein Durcheinander! Was konnte er jetzt machen? Was SOLLTE er jetzt machen? Der Bursche hatte keine Antwort darauf. Er w¨¹rde sich weiterhin mit dem M?dchen treffen, mit der Absicht sie einzuwickeln. So wollten es seine Mutter, Lucius und Fabio, vor allem aber die zwei Erstgenannten. Er war gezwungen ein b?ses Spiel zu spielen, das er nicht wollte, und Lucius w¨¹rde jeden seiner Schritte genau ¨¹berwachen. Es gab kein Entrinnen f¨¹r ihn!
Hellbrauner Staub wurde vom niedergetrampelten Boden des ¨¹bungsplatzes im Zentrum des Lagers aufgewirbelt. Starke M?nner mit sonnengebrannter Haut ¨¹bten den Umgang mit Speeren und Lanzen. Sie traten gegeneinander an, trainierten aber auch an Strohm?nnern und h?lzernen ¨¹bungszielen. Vor allem jene, die den Umgang mit der Lanze zu Pferd erprobten, bedienten sich einfacher Zielscheiben oder strohgef¨¹llter S?cke als ¨¹bungsziele.
Wir befanden uns noch in den Morgenstunden, doch war es auch jetzt schon relativ warm, was einerseits der Lokalit?t andererseits aber auch der Jahreszeit zu verdanken war. Nicht fern von hier konnte man die Limesischen Berge emporragen sehen. Die M?nner hier waren teils Camenier, die meisten von ihnen waren aber aus Ordanien stammend. Die Repressalien des Reiches hatten den Gro?teil dieser dazu gezwungen hier ins Exil zu gehen. Wie man sich wohl denken konnte, waren sie Gro?teils Alethische, aber nicht ausschlie?lich. Am Rande des Geschehens hier ritt nun eine kleine Frau in Begleitung eines Mannes heran. Ihr Name war Petra und sie war vom Freiherrn von Alduino in dieses geheime Trainingslager, das sich in seinen Landen befand, gef¨¹hrt worden.
Die zwei blieben vor dem Zelt des Kommandanten stehen und stiegen aus dem Sattel. Zielgerichtet spazierten sie sogleich beim genannten Zelt hinein. Nachdem sich ihre Augen an die Finsternis des Innenraumes hier gew?hnt hatten, konnten sie ihn schon erblicken: Etzel. Er sa? auf einem kleinen Tisch und ¨¹ber ihm hing ein gelbes Wappen, auf dem drei rote Lanzen quer dar¨¹ber abgebildet waren. ?Guten Morgen, meine Durchlauchtesten Herrschaften!¡°, begr¨¹?te sie der ehemalige Feldmarschall. Er schloss der Einfachheit halber Petra in seinen Gru? ein, obwohl sie keine Adelige war. ?Gott zum Gru?e!¡°, gab der Freiherr da kurz zur¨¹ck. Dann ?u?erte er: ?Ich bin prim?r hier, um die Dame hier an Sie zu ¨¹berstellen. Bei der Gelegenheit werde ich mir nat¨¹rlich auch nochmal ein Bild davon machen, wie es mit dem Aufbau und dem Training Ihrer K?mpfer vorangeht.¡°
Etzel nickte seinem M?zen zu und kommentierte: ?Der Aufbau der Lanzknechte ist langwierig und z?h. Viele haben nicht, was es braucht, um ein unersch¨¹tterlicher Widerstandsk?mpfer zu sein. Dennoch, wie Sie wohl selbst sehen k?nnen, mein Herr, geht der Schaffung unserer alethischen Organisation stetig voran.¡° ¨C ?Und hier komme ich nun ins Spiel¡°, involvierte sich Petra in die Unterhaltung und fuhr fort, ?Eine einfache Zelle des Widerstands oder sogar mehrere werden niemals den Status quo in Ordanien ver?ndern k?nnen. Hierf¨¹r bed¨¹rfen wir einer weiteren unabdingbaren Komponente: Meinem Plan!¡°
Das war in der Tat eine korrekte Einsch?tzung, denn die meisten Ordanier, aber auch Camenier, Seem?rker und Corakier hingen der Hauptstr?mung des Teleiotismus an, die noch vor nicht allzu langer Zeit als "das Altgl?ubigentum" bezeichnet wurde. Selbst unter alethischer Herrschaft waren sie in der Mehrheit geblieben, sodass es f¨¹r diese antimelgarische Bewegung keine einfache M?glichkeit gab, das Rad der Zeit zur¨¹ckzudrehen. ?Ich nehme an, dass du deshalb zu mir gekommen bist, um mich ¨¹ber den Fortschritt deiner Machenschaften zu unterrichten, Petra¡°, sagte der Milit?r. Sie erwiderte: ?Du hast es erfasst!¡° Dann deutete Etzel auf einen kleinen Stuhl, der auf der Seite stand. Sie holte sich diesen schnell und dann setzten sie sich zusammen, um das Vorankommen ihrer jeweiligen Unternehmungen zu besprechen.
W?hrenddessen verlies der Edelmann in seinen gr¨¹nen Pluderhosen wieder das Zelt und machte einen Inspektionsgang durch das Lager. Als er dem Anschein nach ziellos umherirrte, sah er die Rekruten und K?mpfer allerlei ¨¹bungen machen aber auch notwendige Arbeiten verrichten. Ein gro?er muskelbepackter Mann, der ohne Weiteres bei den Grenadieren der Heiligen Ordanischen Armee aufgenommen werden h?tte k?nnen, schwang ein Gro?schwert herum. Dieses imponierte dem Passanten besonders, da es eine geschwungene Klinge, gleich einer Flamme hatte. Entsprechend wurde es auch als Flammberge bezeichnet. Es war eine der ikonischen Waffen der Boskettischen Kompanie gewesen, bevor sie vom Camenischen K?nig per Dekret aufgel?st worden war.
Deren Organisation und auch Art der Kriegsf¨¹hrung hatten sich Etzels Lanzknechte nun aber zum Vorbild genommen. Es war kein Zufall, dass Etzel den ehemaligen Anf¨¹hrer der nun verbotenen S?ldnerorganisation kannte, und dass eine ordentliche Anzahl einstiger S?ldner dieser nun hier eingetreten waren. Dennoch w¨¹rden die Struktur und Kampftaktiken dieser neuen Organisation an Widerstandsk?mpfern nicht einfach dieselbe sein. Wie der Name schon sagte, w¨¹rden die Waffengattungen, die sie hier priorisierten, recht lanzenlastig sein. Insgesamt waren da viele hunderte K?mpfer, die man allein hier ausmachen konnte.
Am Rand des Lagers sah er auch Marketender, welche haupts?chlich weiblich waren. Dem Freiherrn war sehr bewusst, was mit einer solchen Existenz f¨¹r diese einherging. Als er so kurz gedankenverloren dastand, kam ein st?rkerer Windsto? daher, welcher die hohen Pinien, die hier ¨¹berall standen, gewaltig straucheln lie?. Dadurch fielen vereinzelte Pinienzapfen von den B?umen herab, von denen einer den Adeligen direkt am Scheitel traf. Von Alduino fasste dies als ein Zeichen auf, sich wieder zur¨¹ckzubegeben. Ohnehin hatte er sich nun selbst ein Bild davon machen k?nnen, dass seine ?Investition¡° nicht irgendwo im Sand verlief. Den Erfolg ihrer Pl?ne bedeutete dies aber noch ¨¹berhaupt nicht.
Zu Mittag war ihrer Mutter schon Viktorias Mangel an Appetit aufgefallen. Vor einem fast noch vollen Teller Omelette sitzend, war sie von Amalie gefragt worden: ?Ist alles okay mit dir?¡° Das M?dchen hatte anfangs gar nicht reagiert und nur ihr Essen auf dem Teller hin- und hergeschoben. ?Was?¡°, war es dann zaghaft von dieser zur¨¹ckgekommen. ?Ich habe heute einfach keinen Hunger.¡° Es d¨¹rfte wohl klar sein, dass beide ihre Eltern dies sofort als uncharakteristisch wahrgenommen hatten.
Sp?ter am selben Tag hatte das Paar dann eine Unterhaltung dar¨¹ber. ?Denkst du, dass mit ihr was nicht stimmt?¡°, erkundigte sich der Vater. Seine Ehefrau, die gerade neben Wanja auf dem Diwan sa? und diese streichelte, erwiderte kopfsch¨¹ttelnd: ?Nicht unbedingt. Ihr Verhalten ist lediglich ¡.ungew?hnlich¡° ¨C ?In der Tat. Gestern ist sie noch himmelhochjauchzend an mir vorbeigelaufen und hat mich ¨¹berfreundlich begr¨¹?t. Das macht sie sonst nie. Generell wirkt sie in letzter Zeit so geistesabwesend¡°, legte Wenzel seine Beobachtungen dar. Sein Schatz f¨¹gte dem bei: ?Au?erdem hat sie in letzter Zeit mein Parf¨¹m benutzt, ohne mich zu fragen. Man kann es eindeutig auf ihr riechen.¡° Da musste sie dann ein wenig schmunzeln. Der Erkorene schaute sie nur mit leerem Blick an. Sie fragte: ?Siehst du es denn nicht?¡° ¨C ?Was?¡° ¨C ?Liebster, ich glaube, dass unsere Tochter sich in jemanden verknallt hat¡°, stellte sie nun f¨¹r ihren ahnungslosen Ehemann fest. Wenzel zwinkerte einige Male. Dann sprach er: ?Verknallt? In einen Jungen?¡° Er war sichtlich unf?hig dazu mit der Situation umzugehen. Nach zwei Minuten des f¨¹r ihn typischen Sinnierens, k¨¹ndigte er schlie?lich an: ?Ich werde sie einfach fragen!¡° Amalie griff sich auf die Stirn, tat aber nichts, um ihren Mann davon abzuhalten.
Ohne zu klopfen, trat er einfach bei ihrer Zimmert¨¹r hinein. Das auf dem Schreibtisch sitzende M?dchen blickte von diesem auf und zu ihrem Vater. ?Wer ist es?¡°, verlangte er sofort zu wissen. Die Teenagerin schaute verwirrt und entgegnete: ?Was meinst¡?¡° ¨C ?Deine Mutter hat die verr¨¹ckte Vermutung, dass du einen Schwarm hast¡°, stellte Wenzel in den Raum, wobei er das Wort ?Schwarm¡° eigenartig hervorhob. Ihre Pupillen weiteten sich sichtlich, als sie das h?rte. ?Das ist nicht wahr, oder?¡°, lie? ihr Wenzel nicht einmal Zeit etwas zu sagen. Erst danach antwortete sie mit m?glichst unauff?lliger Miene: ?Nein. Da ist niemand.¡° ¨C ?Ach, da bin ich aber beruhigt. Sowas ist noch ein wenig zu fr¨¹h f¨¹r dich. Du hast noch viel zu lernen, bevor du ¨¹ber so etwas nachdenken solltest¡°, stellte der Adoptivvater da un¨¹berlegt seine inneren Besorgnisse offen zur Schau.
?Da hast du wohl recht. Haha¡°, reagierte Viktoria unbeholfen und kratzte sich auf verd?chtige Weise am Hinterkopf. Ihr alter Herr, der keine Erfahrung mit solchen Situationen hatte, verabschiedete sich somit gleich wieder und schloss die T¨¹re hinter sich. Unmittelbar danach atmete die Soeben-Konfrontierte erleichtert auf. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie wusste, dass sie von nun an vorsichtiger sein musste, wenn sie sich zu ihren Verabredungen mit Achaz wegschlich. Eine Ausrede f¨¹r den Fall der F?lle parat zu haben, kam ihr in ihrer Naivit?t aber immer noch nicht in den Sinn. Jedoch w¨¹rde sie k¨¹nftig auch vorsichtiger in Gegenwart Ylvas sein.
1. 10 Das Schauspiel
Bl?tter raschelten im sanften Wind. Die Luft war feucht und k¨¹hl. Wir waren im d¨¹steren Wald. In dessen Unterholz trieben sich scheinbar zwei Personen herum. Es war schwer auszumachen, wer sie waren. Als sich eine Wolke, die das Mondlicht abgehalten hatte, wieder von diesem wegschob, enth¨¹llte dessen Einfall einen der beiden Menschen. Jung, h¨¹bsch, rothaarig und mit vertr?umtem Ausdruck im Gesicht war sie. Es war Viktoria, die uns hier pr?sentiert wurde. Die andere Person n?herte sich nun auch an. Dann war es aber auch schon vorbei. Der Traum endete und Wenzel erwachte.
Er starrte mit nur teils ge?ffneten Augen auf den Baldachin seines Ehebettes hinauf. ?Viktoria im Wald? Was hat dies zu bedeuten?¡°, fragte er sich. Eigentlich wollte er die Sache einfach vergessen und sich gleich wieder schlafen legen, aber irgendetwas st?rte ihn und er wusste nicht was. Was konnte es nur sein. Als er in seinem schlaftrunkenen Zustand dar¨¹ber nachdachte, kam es ihm dann endlich: Das Erscheinungsbild seiner Tochter in der Vision entsprach exakt dem, wie sie aktuell aussah. Sie trug sogar das Kleid, mit dem sie momentan des ?fteren zu sehen war. Das bedeutete, dass er etwas gesehen hatte, das nur wenige Wochen in der Vergangenheit oder in der Zukunft liegen konnte! Schlich sie sich etwa nachts davon, ohne sich Erlaubnis daf¨¹r einzuholen? Das w?re nicht akzeptabel. Wenzel w¨¹rde dem auf die Spur gehen m¨¹ssen.
Nach ein paar Momenten des Bedenkens kam er dann zum Schluss, dass dies jetzt sein musste. Leicht tangierte er Amalies Schulter, um diese behutsam zu wecken. Dann sprach er zu ihr: ?Mir ist etwas sehr Wichtiges in den Sinn gekommen. Wundere dich also nicht. Ich werde jetzt schon aufstehen.¡° Benommen gab ihm seine Liebste einfach, ?Aha, ist gut¡°, zur¨¹ck. Wenzel stieg aus dem Bett und begab sich hin¨¹ber in sein Arbeitszimmer. Er hatte schon eine klare Vorstellung, was er tun wollte. Es w¨¹rde ein Kinderspiel werden, seine Kleine aufzusp¨¹ren! Er langte in das Geheimfach in der Wand und holte sich das Szepter heraus. Dann richtete er seine Gedanken an seine Tochter, erstellte ein Bild von ihr in seiner Vorstellung. Das magische Artefakt begann zu leuchten. Am st?rksten war sein blaues Gl¨¹hen, wenn er es gen Westen hielt. ?Wart¡¯s nur ab, junge Dame! Du kannst dich auf was gefasst machen!¡°, ging es ihm dabei durch den Kopf. Er ?ffnete das Fenster und schwang sich in die L¨¹fte hinauf, seiner Tochter hinterher. Auf ging¡¯s!
W?hrenddessen waren die zwei Jugendlichen bereits zusammen im Wald. Sowohl Viktoria als auch Achaz lungerten f?rmlich im Gras der Lichtung direkt vor Lagersdorf. Dem Typen schaute ein Grashalm, den er sich, warum auch immer, zwischen die Z?hne gesteckt hatte, aus dem Mundwinkel. Viktoria lehnte nebenbei und plauderte mit ihm. ?Leute mit den angemessenen Titeln adressieren, sich immer gediegen gebaren¡°, ?u?erte sie in nach?ffendem Ton, ?, aufrecht gehen, stets sanft und leise sein und und und. Hast du bei dir zu Hause auch so viele Regeln zu beachten?¡° ¨C ?Ich muss mich auch an Regeln halten, ja. Aber sicher nicht an so viele wie du.¡° Das M?del blickte intensiv auf ihn her¨¹ber, als er das zur¨¹ckgab.
?Deine Eltern sind aber nicht so schlimm, wie du es mir glauben machen willst. Das Ganze hat sicherlich nur mit den fr¨¹heren Vorf?llen zu tun, von denen du mir erz?hlt hast¡°, f¨¹gte er dann noch hinzu. Sie erwiderte nichts. Es nervte sie, aber er hatte recht. Es war hier eine recht idyllische Atmosph?re heute. Die Grillen zirpten und im Wald war ab und an der ¨¹bliche Schrei des Kauzes zu h?ren. Mit leicht d?sigem Blick schaute Achaz zu der Prinzessin her¨¹ber. Im ersten Augenblick dachte sie schon, dass er ihr reizendes gr¨¹n-wei?es Kleid betrachtete. Es stellte sich aber schnell heraus, dass er eigentlich von ihrer magischen Aura, die sie entspannt und ohne Hemmung einfach frei ausstr?men lie?, in den Bann gezogen war. Somit vermerkte sie scherzhaft:
?Meine Augen sind hier oben.¡° Der Bursche sch¨¹ttelte den Kopf und entschuldige sich sogleich. Immer versuchte er ihr alles recht zu machen und sie nicht zu provozieren. Das brachte sie nun zur Sprache: ?Es ist nicht so wild. Ich wei? eh, dass du nur meine Magie beobachtet hast, die dich immer so fasziniert.¡° Er hielt inne. ?Was mich viel mehr interessieren w¨¹rde, w?re warum du mir immer so vorsichtig begegnest. Ich brauche keine Sonderbehandlung!¡° Achaz schien das Gesagte nun auf seltsam unerwartete Weise zu treffen. Er ¨¹berlegte ein wenig. Dann entgegnete er: ?Ich halte dich einfach f¨¹r besonders. Das ist nicht im Negativen zu verstehen. Du bist klug, stark und ¡.¡°, er z?gerte kurz, fuhr dann aber fort, ?h¨¹bsch.¡°
Viktoria wurde dadurch etwas verlegen, man konnte es ihr aber nicht ansehen. Um es nicht zu zeigen, ging sie gleich zum ?Gegenschlag¡° ¨¹ber und fragte: ?Was an mir findest du denn h¨¹bsch?¡° Ohne lange nachzudenken, erwiderte ihr Gegen¨¹ber: ?Deine Haare sind etwas ganz Besonderes. Vor allem deine Augen verzaubern einen f?rmlich. Vielleicht tun sie das sogar wortw?rtlich.¡° Beim Vernehmen dessen konnte das M?dchen seine Verlegenheit nicht mehr g?nzlich verstecken. Er blickte ihr in die Augen, von denen er soeben gesprochen hatte. Ein wenig n?her kam er heran, um sich ein noch besseres Bild verschaffen zu k?nnen. Die Flammen in ihren Pupillen begannen etwas wilder aufzuflackern. Um seinem direkten Augenkontakt auszuweichen, wanderten diese hin¨¹ber und seine mittellangen, braunen Haare entlang. Dann fielen sie aber auf seine Gesichtspartien, die mit jedem Male schienen attraktiver zu werden.
Letztlich lie? sie dann endlich zu, dass sich ihre Blicke trafen. Auch sie verlor sich nun in den Augen des jungen Mannes. ?Ich finde dich auch gutaussehend¡°, gab sie ihm schlie?lich preis. Sie kam auch n?her an ihn heran. Dann geschah es. Die zwei k¨¹ssten sich. Naja, zuerst zog das M?del ihm noch den dummen Grashalm aus dem Mondwinkel und dann geschah es. Dennoch, f¨¹r beide war es ihr erster Kuss. Es dauerte nur ganz kurz, dann trennten sie ihre Lippen gleich wieder.
?Nun¡.was kann ich jetzt sagen?¡°, erkundigte sich Achaz. Seine Freundin meinte da nur: ?Sag einfach nichts. Es ruiniert nur den Moment.¡° Eine sanfte Brise kam auf und die Bl?tter des Waldes begannen ein wenig zu rascheln. Gleichzeitig blinzelte nun der Mond wieder hinter den Wolken hervor. Der Bursche drehte seinen Kopf zu diesem hinauf und starrte ihn ein wenig gedankenverloren an. Unterdessen stand die Prinzessin aus dem Gras auf und streckte ihre Glieder von sich. Das Herz des J¨¹nglings war immer noch wie wild am Schlagen. Ganz langsam beruhige es sich wieder, aber jedes Pochen erbebte immer noch durch seinen gesamten K?rper. Dies war etwas Besonderes. Er hatte sich tats?chlich in Viktoria verliebt. Und sie erwiderte diese Liebe.
Nichts von all dem linderte seine Furcht, die ihn jetzt schon eine ganze Weile plagte. Nur ein paar Ruten von ihnen entfernt hielt sich ein Mann im Geb¨¹sch verborgen, der all seine ?ngste und Besorgnisse verk?rperte: Lucius. Der durchtriebene Kerl hatte definitiv beobachtet, was soeben passiert war. Er w¨¹rde zufrieden mit dem ?Fortschritt des Plans¡° sein. Achaz hingegen war nun verwirrt und zerrissen. Er war zu dem M?dchen hingezogen, wusste aber, dass je mehr dies geschah desto mehr er in die H?nde seiner Mutter und vor allem denen dieses b?sen Mannes spielen w¨¹rde.
Er lie? einen fl¨¹chtigen Blick hinauf auf den beinah vollen Mond fallen. Ihm stockte der Atem! ?Was? Wer ist das?¡°, schoss es ihm durch die Gedanken, ohne dass er diese laut auszusprechen vermochte. Der In-Aufruhr-Versetzte zeigte zuallererst nur mit dem Finger hinauf, dann aber konnte er sich ¨¹berwinden und rief Viktoria zu: ?Pass auf!¡° Die junge Dame drehte sich um und sah es auch. Vor der hellen wei?en Scheibe war nun die Gestalt eines Mannes erschienen. Seine Augen leuchteten in hellem Blau und in seiner rechten Hand hielt er einen goldenen Stab mit einer Schwurhand, einer Hand mit drei zum Schwur erhobenen Fingern, am oberen Ende. Der Mondschein erhellte auf seinem wabernden Umhang ein Wappen, von dem vor allem die rote Raute und die dar¨¹ber prangende Sonne dem jungen Vogt h?ngenblieb. Kaiser Wenzel hatte sie gefunden!
Mit ernster Stimme sprach er zu seiner Tochter: ?Was in Herrgotts Namen machst du hier?¡° Das M?dchen wirkte keineswegs eingesch¨¹chtert oder ?ngstlich. Ganz im Gegenteil! Sie gab ihrem Vater Gegenrede, indem sie in trotzigem Ton Folgendes sagte: ?Das k?nnte ich ebenso fragen! Wie hast du mich denn ¨¹berhaupt gefunden?¡° Unmittelbar darauf fiel ihr erst wieder ein, was das Szepter tun konnte. Sie versuchte die Schuld von sich abzulenken und adressierte nun eine Frage an ihren Adoptivvater: ?Ist es nicht gleichsam etwas seltsam seiner Tochter sp?t nachts nachzustellen, Herr Vater?¡° Seine Hoheit antwortete nicht. Er wandte seinen Augenschein in Richtung Achaz. Dies erzeugte sogleich eine starke Reaktion von Viktoria, welche sich demonstrativ vor den Burschen stellte. Langsam, ja fast schon and?chtig, lie? sich der Erkorene langsam herabsinken, bis er direkt vor der jungen Dame am Boden absetzte.
?Geh beiseite, Viktoria! Es gibt etwas, was ich wissen m?chte¡°, beorderte er diese, aber sie h?rte nicht auf ihn. W?hrend das Leuchten in Wenzels Augen nun schrittweise schwand, begann es immer mehr in denen seiner Adoptivtochter aufzugehen. Der Mann wusste, dass dies ihre aktuell starken Gef¨¹hle und damit auch Reizbarkeit signalisierte. Dennoch sprach er den Typen, den sie zu besch¨¹tzen versuchte, einfach an. Er sprach laut und in erbostem Tonfall, da er seinen eigenen Zorn nicht ganz in Zaum halten konnte. ?Wer bist du, Knabe? Wie ist dein Name?¡° Seine Freundin drehte sich zu ihm um und deutete ihm, nicht zu antworten. Der in Furcht versetzte Kerl erwiderte aber: ?Ich hei?e Achaz.¡° Der Name sagte Wenzel gar nichts. Wie sollte es denn anders sein? Somit stellte der Souver?n eine weiter Frage: ?Woher kennst du meine Tochter?¡° Das lie? den Jungen nun erzittern, doch er versuchte es m?glichst nicht zu zeigen. ?Ich f¨¹rchte, dass ich Euch die Antwort darauf nicht geben kann, werter Herr¡°, dr¨¹ckte er sich in ungew?hnlich gew?hltem Ton aus.
Wenzel schien dies einerlei zu sein. Das Einzige, was ihn in diesem Moment in seinen Handlungen auch nur irgendwie beeinflusste, war der Gem¨¹tszustand Viktorias, auf welche er wiederholt hinblickte. Ihre magische Aura str?mte mit derartiger Intensit?t aus dieser hervor, dass sogar ein Laie sie mit dem freien Auge erkennen konnte. Oberste Priorit?t war daher nun, jedwede weitere ?ungest¨¹me¡° Handlung des M?dchens im Keim zu ersticken. Erfahrungsgem?? wusste Wenzel, dass dies eher mit Sch?rfe in der ihr entgegengebrachten Umgangsform Wirkung zeigte. Er ¨¹berdachte die Sache kurz. Dann richtete er seinen Blick wieder auf Achaz und meinte: ?Wie lautet dein voller Name?¡° Die Lippen des Burschen waren versiegelt. ?Ich verlange von dir, mir zu antworten! Komm schon!¡°, bohrte seine Hoheit vehement nach. Nach mehreren Malen erhielt er schlie?lich eine wahrheitsgem??e Antwort. Dieser unbesonnene Patzer von Achaz w¨¹rde schwere Konsequenzen haben.
Als der Kaiser den Namen ?Vogt¡° vernahm, blieb er einen Augenblick reglos stehen. Es dauerte kurz bis sein Gehirn die Information wahrhaftig registriert hatte. Infolge verzerrte sich Wenzels Gesicht zu einer w¨¹tenden, hasserf¨¹llten Grimasse. ?Unfassbar! Wie k?nnt ihr es wagen! Verpiss dich! Scher dich hier weg! Sofort!¡° Die Laute, die den Mund des Kaisers verlie?en, hatten jegliche Andacht und Hemmung verloren. Aus seinen lauten Schreien t?nte nur noch die pure Emotion hervor, eine absolute Rarit?t f¨¹r jeden, der den Mann kannte.
Selbst Viktoria ersch¨¹tterte dies und sogar sie nahm nun ver?ngstigt einen Schritt zur¨¹ck von ihrem alten Herrn. So darauf anzuspringen, hatte Wenzel nicht beabsichtigt, doch die Realisation wer derjenige war, der sich mit seiner Kleinen traf, ¨¹bermannte jegliche Selbstbeherrschung des Kaisers. Unterdessen kauerte ein h?chst angespannter Lucius immer noch in seinem Versteck in ihrer N?he. Er wusste, wie gef?hrlich diese Situation war, war sich aber ebenso bewusst, dass er nichts tun konnte, um etwas daran zu ?ndern. Er wagte es nicht hervorzukommen und blieb genau da, wo er war. Die Person, die er so abgrundtief hasste, stand da dr¨¹ben in greifbarer N?he, und doch war sie so fern und unerreichbar f¨¹r ihn. Den D?monenkaiser w¨¹rde er nicht mit eigenen H?nden vernichten k?nnen, so viel stand fest. Egal wie sehr er es sich w¨¹nschen w¨¹rde, dass es anders w?re.
Indes quoll es f?rmlich aus Wenzel hervor: ?Du und vor allem deine Mutter hatten Gl¨¹ck, dass das Reich sich damals mit ihr nicht weiter besch?ftigt hat und nicht versucht hat, sie zu verfolgen! Verr?ter und deren Sippschaft sind hier in meinen Landen nicht willkommen!¡° Vom lauthalsigen Br¨¹llen brach dem Herrscher nun schon beinah die Stimme. All dies brach ¨¹ber den vom Terror an Ort und Stelle angewurzelten Jungen herein. Er wusste nicht, was er sagen, geschweige denn tun sollte, oder was nun passieren w¨¹rde. Er nahm die Tirade des Kaisers schweigend hin. ?Ich will dich nie mehr auch nur in der N?he meiner Familie sehen, du Lump! Ist das klar?¡° ¨C ?Ja¡°, kam es im Piepston zur¨¹ck. Die Prinzessin stand daneben und sah v?llig verwirrt und unsicher aus. Kurz warf sie ein, dass ?er kein Lump ist¡°. Doch seine Majest?t legte noch mit einer Warnung nach: ?Wenn ich dich jemals wieder auch nur in der N?he meiner Tochter sehe, werden du und deine Mutter, die Verr?terin, das Schicksal Augusts teilen!¡°
Diese Drohung war bewusst so formuliert, dass Viktoria sie nicht ganz verstand. Sie hatte n?mlich keine Ahnung, wer August war. Jetzt lie? sich Wenzel wieder ein wenig ¨¹ber dem Boden schweben. Gleichzeitig streckte er eher symbolisch seine linke Hand zu Viktoria aus und forderte sie auf: ?Komm. Wir gehen.¡° Sein Ton war deutlich sanfter hier. Das M?dchen schaute zur¨¹ck auf Achaz, der nichts sagte und immer noch in einer Angststarre war. Dann wandte sie ihr Haupt wieder ihrem Vormund zu. Sie z?gerte. Schlie?lich verlautete sie aber mit unterdr¨¹ckter Stimme: ?Es tut mir leid.¡° Widerwillig hob sie ab und flog mit ihrem Vater davon. Hinter sich konnte sie ein kaum merkliches, ?Mir auch¡°, h?ren. Dann verschwanden die beiden in den Nachthimmel. ?Es gibt viel, was wir besprechen werden m¨¹ssen, junge Dame!¡°, k¨¹ndigte ihr Wenzel nun an. So hatte sie ihn noch nie erlebt, nicht einmal nach dem Vorfall bei seinem Thronjubil?um.
Entr¨¹stung, das war es, was die Sorgenfalten auf der Stirn der Kaisergemahlin anklingen lie?en. Recht rasch wichen sie aber schon dem daraus entspringenden Zorn. An diesem Punkt hatte sich ihre Tochter aber schon ein wenig von der Decouragiertheit von zuvor gefangen. Sonderlich mutig wirkte sie aber immer noch nicht. ?Ich verbiete dir ausdr¨¹cklich diesen Kerl jemals wieder zu sehen!¡°, gab Amalie ihr die strikte Anweisung. Die edle Dame bildete somit auch keinerlei Gegenpol zur vorangegangenen Sch?rfe ihres Ehemanns. Viktoria musste nun etwas in Erfahrung bringen: ?Warum? Ich dachte, ihr wolltet, dass ich Freunde finde!¡° ¨C ?Aber nicht solche!¡°, kam es sogleich zur¨¹ck. ?Aber was ist denn so schlimm an Achaz? Warum ist er ein Problem f¨¹r euch? Ich verstehe das nicht.¡° Wenzel warf einen schnellen Blick zu seiner Frau hin¨¹ber, dann erwiderte er: ?Es ist uns unm?glich, den Spr?sslingen von Verr?tern am Reich den Umgang mit dir zu erlauben. Bitte, versteh das.¡° Das M?del hatte das ihren Vater zuvor im Wald schon ?u?ern geh?rt, doch war es ihr aufgrund der aufgeheizten Situation wieder entfallen. Sie konnte dies aber nicht schlichtweg akzeptieren. ?Nein, ich verstehe das nicht!¡°, entgegnete sie ihm. ?Warum ist er so ?furchtbar¡°. Achaz ist ein Anst?ndiger. Er w¨¹rde nie etwas B?ses beabsichtigen. Es geht hier f¨¹r euch sicher nur um etwas, was seine Eltern getan haben, oder? Was haben sie denn so Schreckliches getan?¡°
Beide Elternteile seufzten da. Schlie?lich antwortete ihr Amalie: ?Etwas, das nicht zu verzeihen ist. Sei¡¯s wie es ist, es geht hier sowieso nicht um den Burschen auf einer pers?nlichen Ebene. Diejenigen zu denen er geh?rt, von denen er abstammt, sind zu problematisch. Wir k?nnen das nicht erlauben. Und damit Schluss! Du wirst mir hier nicht weiter widersprechen!¡° Diese Worte hallten nun im Kopf der Prinzessin nach. ?Diejenigen von denen er abstammt sind zu problematisch.¡° Das erinnerte sie an die Frage, die ihr Achaz einmal gestellt hatte. Auch er war der Meinung, dass er zu niederen Standes f¨¹r Viktoria war. Das M?dchen, welches in gro?er Armut aufgewachsen war, interpretierte die Erkl?rungen ihrer Adoptiveltern als hochn?sige Ablehnung eines Freundes von ihr, welcher schlicht und einfach nicht in den richtigen Stand hineingeboren war. Das stimmte so nat¨¹rlich nicht, aber dieses Missverst?ndnis war das Ergebnis dessen, dass das Ehepaar ihrem Sch¨¹tzling nicht enth¨¹llen wollte, was sich damals in Bezug auf August tats?chlich zugetragen hatte. Die einstige Schande sollte unter Verschluss gehalten werden.
Trotzig schnaubte die Magierin: ?Ihr seid so ungerecht und arrogant! Ihr selbst w?rt nicht da, wo ihr seid, h?tten sich die Dinge in der Vergangenheit anders abgespielt.¡° Ihre Mutter zog da eine Augenbraue nach oben und konterte: ?Das ist eine ganz andere Geschichte, junge Dame.¡° Sie verstand offensichtlich nicht, was genau sie hier ausgedr¨¹ckt hatte. ?Ich hasse euch!¡°, schrie sie die Jugendliche an. Dann lief sie einfach davon in ihr Zimmer. Amalie sagte nichts Weiteres und lie? sie einfach ziehen. Ihrem Vater setzte dies allerdings wirklich zu.
Einige Minuten sp?ter klopfte er sanft an ihrer T¨¹re an und betrat das Zimmer des M?dchens. Auf dem Bett sitzend, wandte sie sich von ihm ab und meinte nur: ?Geh weg!¡° Der Mann n?herte sich aber trotzdem. Dann sprach er: ?Es tut mir leid, dass ich auf der Lichtung vorher so ausgerastet bin.¡° Etwas neugierig drehte sie ihm infolge ihr ger?tetes und verweintes Gesicht zu. Er fuhr fort: ?Ich h?tte netter und bedachter sein k?nnen. Es ?ndert nichts an der Entscheidung, die ich und deine Mutter getroffen haben, aber dennoch h?tte ich anders an die Sache herangehen k?nnen. Verzeih mir, bitte, daf¨¹r!¡° Die Kleinen sagte nichts darauf. Trotzdem war es etwas, das Wenzel tun hatte m¨¹ssen. Er empfand Reue daf¨¹r, dass er so impulsiv und so inakzeptabel tyrannisch reagiert hatte. Das M?dchen interessierte eine solche Entschuldigung wenig, zeigte sie ihr doch, dass ihr Vater von geringer Charakterst?rke war.
Ein vollb?rtiger Mann durchquerte schnellen Schrittes die Korridore des Palastes. Das rot-wei?e Karomuster seiner Uniform schlug sich mit den bunten Mosaiken, ¨¹ber die seine festen Stiefel lieblos trampelten. Er blieb schlie?lich vor der T¨¹r zu den Gem?chern des Erkorenen stehen und drosch mit viel zu gro?er Kraft gegen diese, um auf sich aufmerksam zu machen. Wenig sp?ter ?ffnete ihm sein alter Weggef?hrte, den er fr¨¹her immer mit ?Boss¡° angesprochen hatte, die T¨¹r. Wenzel wusste gleich wer es war, als er das Klopfen h?rte. Es war charakteristisch f¨¹r seinen Freund. Er war diesmal ausnahmsweise allein gekommen. ¨¹blicherweise war er immer in Begleitung von seiner rechten Hand, Balduin. Warum dieser heute nicht mit dabei war, w¨¹rde demn?chst klar werden.
?Ich h?tte da eine Angelegenheit, die ich unter vier Augen mit Euch besprechen m¨¹sste, mein Herr¡°, lie? Ferenc ihn wissen. Der Zauberer winkte ihn bei der T¨¹r herein und meinte, dass er sich auf den Diwan im Empfangsraum platzieren sollte. Dies tat der Vizekommandant der Reichsgarde dann auch. Beil?ufig betrachtete der harte Knochen von einem Mann die illustre Einrichtung, w?hrend er ungeduldig mit seinen Soldatenstiefeln am Boden trommelte. Eine Minute sp?ter war Wenzel auch schon wieder da. Er nahm sich einen der Armsessel und r¨¹ckte ihn so, dass er sich gegen¨¹ber von seinem Gast positionieren konnte. Dann lie? er sich auch nieder. Ein seri?ser Blick stach aus Ferencs Augen hervor. Seine bereits ?lter gewordenen ?rmel waren immer noch muskelbepackt und von dicken Adern an der Oberfl?che durchzogen. Er strich sich ¨¹ber den Bart. Danach erst begann er zu sprechen:
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?Ich habe es mir schon eine ganze Zeit lang durch den Kopf gehen lassen, aber es w¨¹rde mir am Herzen liegen, dass ich wieder in meine alte Heimat zur¨¹ckkehren kann. Die letzten Jahre hatte ich immer wieder Besuch von dort, aber es stehen wichtige Dinge an. Meine Eltern haben nun ein Alter erreicht, welches ihnen mittlerweile den Alltag schwierig gestaltet. Es ist nicht der einzige Grund f¨¹r meine Anfrage, aber ihnen zu helfen, ist einer der gr??eren Faktoren, warum ich wieder nach Aszbereny, wo ich herkomme, zur¨¹ckkehren m?chte.¡°
Der Herrscher wusste nicht gleich, was er darauf entgegnen sollte, und lie? eine Weile Stille herrschen. Sein alter Leibw?chter und Kamerad war ein fast unabdingbarer Teil seiner Garde geworden. Generell hatte Ferenc mehr die Rolle des eigentlichen Kommandanten der neuen Reichsgarde ¨¹bernommen als der nominelle Oberste dieser, da Brahm zumeist mehr mit dem pers?nlichen Schutz des Kaisers beauftragt war. Konnte Wenzel ihn einfach so gehen lassen? Er w¨¹rde es bevorzugen einen solch erfahrenen Verb¨¹ndeten nicht einfach so zu entlassen. Doch die Gef¨¹hle seiner Mitstreiter waren ihm von Bedeutung. Nachdem er all das ¨¹berlegt hatte, adressierte er den Bittsteller:
?Du bist mir sehr wichtig, alter Freund. Bist du dir sicher, dass es keinen anderen Weg gibt, dies handzuhaben? K?nnten deine Eltern nicht einfach hierher in den Palast ziehen?¡° ¨C ?Leider nein, mein Herr. Ich habe schon mit ihnen ¨¹ber die Sache gesprochen. Sie w¨¹rden niemals ihre Heimat mehr verlassen wollen. Einen alten Baum verpflanzt man nicht, wie man so sch?n sagt.¡° Der Erkorene musste ihm da recht geben. Bevor er irgendetwas Weiteres sagen konnte, ergriff allerdings Ferenc erneut das Wort: ?All die Jahre habe ich Euch treu gedient. Ich w¨¹rde es auch tun, solange es mir m?glich ist, w¨¹rden mich die Umst?nde nicht zu etwas anderem dr?ngen. Die Dinge sind aber nun mal so, wie sie sind. Jedoch gibt es da einen passenden Ersatz. Balduin kann garantiert meine Aufgaben in angemessenem Ma?e ¨¹bernehmen, da bin ich mir sicher.¡°
Balduin. Dem Kaiser war immer bewusst, dass dieser ausgesucht und darauf vorbereitet worden war, um seinen Vorgesetzten, Ferenc, eines Tages ersetzen zu k?nnen. Er war ergeben bis ins Mark. Aber genau das stie? Wenzel beim Gedanken an diesen ein wenig sauer auf. Unterw¨¹rfigkeit und blinder Gehorsam waren, was die Menschheit in die Sklaverei f¨¹hrten. Trotz all dem hatte der Mann, der ihm gegen¨¹bersa?, recht damit, dass Balduin die richtige Wahl f¨¹r den Posten war. ?Wei?t du was¡°, sagte der Souver?n mit ged?mpfter Stimme, ?, ich muss die Sache noch etwas abw?gen. Zwei Tage. Gib mir zwei Tage und ich werde dir eine Antwort geben.¡° ¨C ?Ich verstehe. Danke, mein Herr, dass du dir Zeit f¨¹r mein Anliegen genommen hast!¡° ¨C ?Keine Ursache!¡°, erwiderte Wenzel etwas unsicher.
Als ihn sein Besucher wieder verlassen und er die T¨¹r hinter sich geschlossen hatte, besch?ftigte er sich noch eine Weile mit der Angelegenheit. Konnte oder wollte er denn wirklich seinen so treuen Weggef?hrten zum Bleiben zwingen? Nein, das konnte er nicht, aber gab es einen anderen Ausweg hier? Er fand keinen. Im Endeffekt w¨¹rde die Antwort sein, dass Ferenc seinen Abschied vom Kaiserhof nehmen w¨¹rde und von Balduin abgel?st werden w¨¹rde. Bald schon w¨¹rde der Erste der alten Generation schon einem von der neueren weichen. Es war insgesamt noch keine gro?e Ver?nderung, aber eine, die Wenzel pers?nlich zusetzte. Den stets optimistischen Typen hatte er mittlerweile schon sehr liebgewonnen. Aber Abschiede waren immer schwer, das war dem Kaiser nat¨¹rlich bewusst. Im Laufe der Jahre war er einfach ein wenig sentimentaler geworden. Das war alles.
?Komm schon! Ich habe ja nicht vor irgendwas B?ses zu tun. Kannst du nicht einmal ein Auge zudr¨¹cken?¡° Ylva sch¨¹ttelte wortlos den Kopf. Daraufhin setzte Viktoria ihre Bedr?ngungsversuche fort. ?Du m¨¹sstest nicht einmal etwas machen. Wenn du nichts bemerkst, f?llt auch Herrn Vater nichts auf! Das Fenster ist nicht laut. Keiner w¨¹rde es wissen, wenn du nichts sagst. Bitte Ylva, ich fleh dich an! Ist dir unsere Freundschaft denn gar nichts wert?¡° Diese Frage r¨¹ttelte schon ein wenig an der Dame. Die Leibw?chterin der Prinzessin verspr¨¹hte f?rmlich Wut und Entr¨¹stung in Reaktion darauf. Sie entgegnete: ?Wie bitte? Dies hat rein gar nichts mit unserer Beziehung zu tun! Ich habe meine Befehle von seiner Majest?t und ich muss mich bedingungslos an diese halten, ohne Wenn und Aber. Ihr habt Euch den Regeln widersetzt und jetzt tragt Ihr die Konsequenzen daf¨¹r.¡° Dies war nicht ganz richtig, denn eigentlich mussten auch Ylva und alle anderen nun die Konsequenzen daf¨¹r tragen, indem sie beauftragt waren, die junge Magierin jetzt noch strikter zu ¨¹berwachen. ?Ich sehe es als eine Beleidigung, dass Ihr unsere Freundschaft aufgrund der Erf¨¹llung meiner Pflichten infrage stellen w¨¹rdet.¡°
Infolge schnaubte das M?dchen: ?Hmpf! Dann bist du halt nicht mehr meine Freundin!¡° Ein kurzer Anflug von Trauer war im Antlitz der braunhaarigen Frau auszumachen, bevor dieser gleich wieder verschwand. Sogleich verstand Ylva, dass die Teenagerin das Gesagte nicht wirklich ernst meinte und dies nur ein Ausdruck ihres ?rgernisses dar¨¹ber war, dass sie bei dieser Angelegenheit ihren Sturkopf nicht durchsetzen konnte. Es war recht typisches Verhalten f¨¹r die trotzige Jugendliche, mit dem ihre Leibw?chterin bereits wohl vertraut war.
Nachdr¨¹cklich vermittelte sie Viktoria nochmals, dass an ihrer Position nichts zu wackeln war. Ihr war aber nicht bewusst mit welch einer Art von Biest sie es hier zu tun hatte! Als die starke Dame das Zimmer verlassen wollte bekam diejenige, mit der sie gerade gesprochen hatte, einen ihrer typischen Wutanf?lle. Die Dame hielt einen Moment inne, trat dann aber hinaus. Sie horchte der Rage der Jugendlichen von der anderen Seite, am Gang stehend zu, voll angespannt und auf dem Sprung, um zu intervenieren, wenn es zu sehr eskalieren sollte. Letzten Endes war dies aber gl¨¹cklicherweise nicht notwendig. Ein paar ihrer Habseligkeiten und Schreibsachen schmiss sie tobend an die Wand, sonst tat sie aber nichts. Langsam legte sich der Zorn der Zaubrerin dann wieder. Dennoch w¨¹rde sich herausstellen, dass Ylva das M?del massiv untersch?tzt hatte.
Leutold huschte m?glichst unbemerkt durch eine Nebengasse der Duhnmetropole. Er trug Kleidung, welche f¨¹r das gemeine Volk herk?mmlich war. Normalerweise tat er dies nicht. Immerhin war er ja auch ein Kammerdiener am Kaiserhof. Doch f¨¹r diesen kleineren Auftrag war es vonn?ten, in der ?ffentlichkeit unerkannt zu bleiben. Der Mann strich ¨¹ber das Pflaster, pausierte dann kurz, um zu h?ren, ob er andere Menschen in der N?he h?ren konnte. Nichts. Es war eine fast schon schaurige Stille, die hier herrschte. Er bog in die F?rberzeile ab und hastete m?glichst geschwind an den Ort, wo er hinmusste. Hausnummer 13, das war sein Ziel. Eine Ungl¨¹ckszahl, wie er erst jetzt feststellte. Ohnehin ?nderte es nun nichts daran, dass er die Nachricht ¨¹berbringen w¨¹rde. Er schaute nochmals kurz nach links und rechts, viel zu auff?llig, wie manch einer meinen w¨¹rde, und holte dann den Brief aus der Seitentasche seines Obergewandes, das in schlichtem Grau gehalten war. Es gab keinen Briefkasten, weshalb er den Gegenstand einfach so rasch wie m?glich durch den T¨¹rschlitz schob.
?Fertig! Meine Arbeit hier ist getan¡°, erfreute er sich in seinen Gedanken und wollte sich schon fast symbolisch die H?nde abklopfen. Dann war er wieder seines Weges. Er wusste, dass der Brief an einen gewissen ?Achaz¡° gerichtet war, hatte die Botschaft, die dieser enthielt, aber nicht gelesen. Ihre Hoheit, die Prinzessin, hatte ihn stattlich daf¨¹r bezahlt diesen Brief zu ¨¹berbringen. Dies geschah entgegen den Vorstellungen des Kaisers. Sollte jemand herausfinden, dass ein einfacher Diener am Hofe sich bestechen lie?, um den Willen des Souver?ns auf solche Weise zu unterwandern, w¨¹rde er wohl im besten Fall sofort hochkant hinausgeschmissen werden. Wahrscheinlich aber w¨¹rde eine zus?tzliche Strafe zur Abschreckung von Nachahmern auferlegt werden. Dennoch, Leutold ¨¹berzeugte sich einfach davon, dass schon niemand dahinterkommen w¨¹rde. Alles, was er gesehen hatte, war das Funkeln der Goldtaler und all die Dinge, die er sich davon kaufen konnte, beherrschten seine Gedanken.
Dieser Mann hatte es Viktoria erm?glicht erneut Kontakt mit ihrem Freund aufzunehmen. Sie hatte ja in ihren vorangegangenen Verabredungen von diesem erfahren, welche Adresse er in Meglarsbruck hatte. Im Haus an der F?rberzeile 13 war allerdings der gesuchte Jugendliche nicht ans?ssig. Das genannte Grundst¨¹ck geh?rte einem Verb¨¹ndeten von Etzel, der in stetem Austausch mit den Vogts stand. Somit w¨¹rde das gesandte Schriftst¨¹ck definitiv zu der adressierten Person gelangen. In diesem w¨¹rde Achaz dann den Zeitpunkt ihres n?chsten Treffens mitgeteilt bekommen. Auch hatte die Magierin sich diesmal f¨¹r einen etwas anderen Treffpunkt entschieden. Dieser w¨¹rde jedoch immer noch in den Karantischen W?ldern sein. Bald schon w¨¹rde sie ihn wiedersehen. Unterdessen sa? das M?dchen an seinem Fenster und starrte leeren Blickes hinaus. Sie konnte ihr Wiedersehen mit ihm kaum erwarten.
Dann kam die so lang erwartete Nacht. Viktoria schwang sich in den Himmel ¨¹ber Ordanien auf. ¨¹ber ihr thronte der abnehmende Mond inmitten eines wolkenlosen Himmelszelts, was bedeutete, dass es heute wohl deutlich k¨¹hler werden w¨¹rde. Einen kurzen Moment blickte sie noch zur¨¹ck auf den Palast, den sie hinter sich gelassen hatte, dann flog sie hinfort, um ihren Schwarm zu treffen.
Sie hatte alle notwendigen Vorkehrungen bereits getroffen. Mithilfe von Polstern, Decken und einer Per¨¹cke hatte sie eine Puppe angefertigt, die m?glichst genau die Form ihres schlafenden K?rpers imitieren sollte. Diese hatte sie sorgf?ltig in ihr Bett gelegt, sodass Ylva, wenn sie einen unangek¨¹ndigten Kontrollblick in das Zimmer der Prinzessin werfen sollte, den Eindruck bekam, dass alles so ist, wie es sein sollte. Des Weiteren hatte das M?dchen, nachdem sie beim Fenster hinausgeschwebt war, das Genannte wieder von au?en mit ihrer Telekinese geschlossen, sodass es keinen offensichtlichen Hinweis f¨¹r ihre Abwesenheit gab. Nat¨¹rlich musste sie vor ihrer Aufstehzeit wieder zur¨¹ck sein, aber das war sowieso klar. Es war ein guter Plan, vor allem aus Sicht des M?dchens. Und er w¨¹rde funktionieren. Ylva w¨¹rde auf den Trick mit der Puppe hereinfallen, zumindest f¨¹rs Erste.
Dann war da allerdings noch ein weiterer Faktor, den zu ignorieren fatal gewesen w?re: Das Szepter. Es war dazu in der Lage das M?dchen aufzusp¨¹ren. Sollte ihr Vater es ben¨¹tzen, w¨¹rde er augenblicklich herausfinden, dass sie nicht zu Hause war. Wie also w¨¹rde sie dieses Problem l?sen? Mit Zauberei war die Antwort. Viktoria hatte in den Tagen davor ge¨¹bt, sich quasi ein Schild aus Magie aufzubauen, welches der inh?renten Magischen Kraft des Heiligen Artefakts den Zugriff aus sie verwehrte. Sie w¨¹rde praktisch unsichtbar f¨¹r dieses sein. Sie wusste, dass dies funktionierte, da beim Besuch der kaiserlichen Privatbibliothek, in der Silke wieder flei?ig am Schaffen gewesen war, diese Frau ¨¹berzeugt werden konnte, ihr schnell einmal die Heiligen Artefakte auszuh?ndigen und sie diese ?begutachten¡° zu lassen. So hatte sie sich eine Gelegenheit geschaffen, um ihre Resistenz gegen den Effekt des Artefakts auszutesten. Der Test war erfolgreich gewesen. Somit hatte sich die junge Dame erneut ihrer Fesseln entledigt und war wieder ausgeb¨¹xt.
Auf dem R¨¹cken Figaros trabte Achaz durch den teils undurchdringlichen Wald, dicht gefolgt von dem grimmig dreinschauenden Lucius. Demn?chst w¨¹rden sie am verabredeten Ort ankommen. Es war keine Vorfreude, die sich im Antlitz des Jungen abzeichnete. Ganz im Gegenteil, waren da nur Verunsicherung, Angst und Bange, die in diesem zu erkennen waren. Die Ursache daf¨¹r war nicht blo? das ¨¹bliche. K¨¹rzlich war seine Mutter, Petra, wieder von ihrer Reise nach Camenia zur¨¹ckgekehrt. Infolgedessen hatte der Aufseher von Achaz ihr ¨¹ber alles Vorgefallene Bericht erstattet. Dies hatte die Dame ¨¹beraus erfreut und sie hatte daraufhin verk¨¹ndet: ?Hervorragend! Die Zeit ist gekommen, um die Fr¨¹chte unserer Arbeit zu ernten! Ich werde augenblicklich auch Etzel und den Freiherrn dar¨¹ber in Kenntnis setzen.¡°
Sie hatte den Entschluss gefasst, dass es an der Zeit war, Viktoria zu manipulieren, um ihre Geschicke und die des Reiches in eine neue Richtung zu lenken. ?Ich stimme ¨¹berein. Das Verh?ltnis zwischen dem M?del und ihrem Vater scheint beeintr?chtigt genug f¨¹r uns, um mehr Zwietracht s?en zu k?nnen und endlich Einfluss aus¨¹ben zu k?nnen¡°, hatte Lucius zu dem Zeitpunkt die Feststellung gemacht. Gemeinsam hatten sie dann begonnen vehement den unwilligen Achaz zu bearbeiten, auf dass dieser seine ihm angedachte Rolle hierbei spielte. Der junge Mann hatte schnell nachgegeben.
Dies war der Grund, warum ihm so ¨¹bel war, spei¨¹bel, um genau zu sein. Man verlangte von ihm Viktoria auf ihre Seite zu ziehen und diese dazu zu bringen, Unaussprechliches zu tun. Im Geb¨¹sch neben ihm raschelte pl?tzlich etwas. Der Bursch schreckte beinah schon panisch auf und lie? dadurch fast schon seinen eigenen Gaul durchgehen. ?Rei? dich zusammen!¡°, kr?chzte sein Bewacher da von hinten. ?Das war nur ein Eber. Es gibt hier auch noch andere, gef?hrlichere Tiere, wie etwa Bergl?wen, aber selbst vor denen brauchen wir keine Angst haben. Ich bin ja hier.¡° Der letzte Satz war exakt, was dem Jugendlichen mehr Sorge machte, als dass es ihm Ruhe spendete.
Weiter ging¡¯s. Die zwei reversierten kurz, um ein f¨¹r ihre R?sser zu dichtes Dornendickicht zu umgehen. Dann war es nur noch ein letztes, kleines St¨¹ckchen bergab. Geschafft! Vor ihnen prangte nun eine steile Klippe nach oben. Es war eine ber¨¹hmte Felsklippe, die sich am Zusammenfluss zweier kleinerer Fl¨¹sse geformt hatte. Direkt oberhalb der Steinwand stand eine Kapelle, die dem Heiligen Balthasar gewidmet war. Es war daher ein leicht zu findender Ort, vor allem wenn man von der Luft aus herkam.
Die Sonne war bereits im Untergang begriffen und Lucius und sein ?Sch¨¹tzling¡° lie?en sich auf dem vom weichen Laub bedeckten Waldboden nieder. W?hrend sie nun ihre Jause verspeisten, zerfra? den schuldgeplagten Achaz f?rmlich die Nervosit?t. Was sollte er nur machen, um sich aus dieser Patsche zu retten? Mit scharfem Blickt ?ugte der Ihn-Verd?chtigende wiederholt auf den Jungen her¨¹ber. Der Mann wusste genau, was Achaz im Moment durch den Sinn ging. In warnendem Ton ermahnte er ihn: ?Glaub ja nicht, dass du uns die Sache hier versauen kannst! Du wirst tun, was wir dir sagen, oder ich werde dich an deiner Mutter statt bestrafen!¡° Eingesch¨¹chtert, hielt der J¨¹ngling dem nichts entgegen. Er f¨¹gte sich einfach still.
Nachdem das letzte Licht des Tages verschieden war, suchte der immer noch finster dreinblickende Cornel sein Versteck in den nahen B¨¹schen auf. Einstweilen harrte der junge Vogt am k¨¹rzlich entfachten Lagerfeuer aus. Er w¨¹rde noch eine ganze Weile warten m¨¹ssen. Weit mehr als eine Stunde war bereits verstrichen, da fand das M?dchen, geleitet vom Licht des ?Leuchtfeuers¡°, schlie?lich den Weg hierher. Sie bremste ab und setzte behutsam auf dem leicht feuchten Untergrund ab. Voll freudiger Erwartung kam sie ihrem Freund entgegen. Dann blieb sie aber sofort auf der Stelle stehen. Der Ausdruck, den er ihr entgegenwarf, war ganz anders als das, womit sie gerechnet hatte.
?Was ist denn los?¡°, fragte sie diesen sogleich. Das Licht des knisternden Feuers tanzte in seinem Gesicht, welches von Unsicherheit gezeichnet war. Er trat einen Schritt n?her an Viktoria heran und blickte ihr direkt in ihre so einzigartigen Augen hinein. ?Es gibt da etwas, was ich dir sagen muss.¡° Seine Stimme zitterte. Seine offensichtliche Gef¨¹hlslage f?rbte nun auch ein wenig auf die Prinzessin ab und sie erwiderte ihm mit einem angestrengten, ernsten Gesichtsausdruck. Sie sagte aber nichts, sondern lie? ihr Gegen¨¹ber fortfahren.
?Meine Mutter hat auch herausgefunden, dass ich mich nachts weggeschlichen habe, um dich zu treffen.¡° Er hielt kurz inne, jedoch zeigte seine Zuh?rerin keinerlei Reaktion auf das Ge?u?erte. Kurz war das Rauschen des Flusses alles, was man h?ren konnte. Er schluckte einmal, dann setzte er fort: ?Ich wei? nicht wie genau, aber sie wei? auch, dass du die Prinzessin bist. Sie meint, dass ich dich nicht mehr sehen d¨¹rfte.¡° Ihm schien nun etwas entfallen zu sein. Das erg?nzte er aber schnell: ?Meine Frau Mutter ist eine Alethische. Deshalb hasst sie den jetzigen Kaiser. Ihn wird sie nie akzeptieren k?nnen, soviel ist mal klar.¡°
Einen Moment lang machte er den Eindruck hinter sich blicken zu wollen, hielt sich dann aber davon ab und richtete sich wieder an Viktoria. Sein Gesicht begann immer roter und seine Augen begannen immer glasiger zu werden. ?Sie bestand darauf, dass ich dich nie wieder treffen darf. Ich habe sie angebettelt, die Sache doch zu erlauben. Nach langem Hin und Her habe ich es schlie?lich geschafft ihr eine Erlaubnis abzuringen. Aber es gab da eine Kondition.¡° Viktoria war anfangs noch ¨¹berrumpelt und war wie versteinert dagestanden, da sie nicht wusste, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Nun fing sie langsam an die Worte des Burschen mental zu verarbeiten. Sie runzelte die Stirn. Irgendetwas stimmte hier nicht. Achaz war so derartig angespannt, dass nicht einmal diese Umst?nde es erkl?ren konnten. Als ihm dann die ersten Tr?nen von den Wangen zu laufen begannen, wuchs ihr Verdacht nur noch mehr.
Schlie?lich sprach er dann den entscheidenden Satz aus: ?Sie meint, dass dein Vater unserer Liebe im Weg steht. Wenn du ihn¡¡°, er rang kurz mit dem, was er nun ?u?ern w¨¹rde, machte aber dann weiter. ?Wenn du ihn nur beseitigen k?nntest, w?re unsere Beziehung m?glich.¡° An dem Punkt wollte er eigentlich noch etwas hinzuf¨¹gen, schaffte es aber nicht mehr. Diese Szene lie? nun laut die Alarmglocken in Viktoria¡¯s Kopf l?uten. Sie war vielleicht naiv, aber nicht so naiv. Irgendetwas stank an der Sache ganz gewaltig. Sie wusste nat¨¹rlich nichts von den Rachepl?nen Petras, die prim?r auf Wenzel abzielten. Jene Dame wusste, von den Schwierigkeiten, die sich f¨¹r die Thronerbin im Verh?ltnis mit ihrem Adoptivvater ergeben hatten, nachdem dieser sie im Wald mit Achaz erwischt hatte. Und Viktoria war auch ein sehr aufs?ssiges G?r. Allerdings, die Annahme, dass sie sich zu derartig argen Taten, wie die, die ihr soeben vorgeschlagen worden war, ¨¹berreden lassen konnte, war ein Irrtum.
Ein zutiefst trauriger, schlotternder Achaz stand nun vor ihr und vermied aus dem Gef¨¹hl der Schande heraus den Augenkontakt. ?Hab keine Angst! Wenn du auch nicht frei sprechen kannst, aber die Gedanken sind frei¡°, schien die Stimme Viktorias nun aus einer ?therischen Ebene zu ert?nen. Einen Augenblick lang hing Achaz der Mund offen, bis er registrierte, was dies zu bedeuten hatte. Er ebenso, wie Lucius und Petra hatten keineswegs die M?glichkeiten, die die magischen Kr?fte des M?dchens boten in ihren Plan miteingerechnet. Sie kannten diese ja auch nicht. Nur der Junge hatte bisher ihre Telepathie miterlebt, hatte aber gl¨¹cklicherweise, wie sich nun herausstellte, diejenigen, die ihn als K?der benutzt hatten, vergessen dar¨¹ber zu informieren.
?Wirst du beobachtet?¡°, erkundigte sich seine Freundin jetzt via Gedanken¨¹bertragung. Einzig in seinen Gedanken erwiderte er ihr sogleich: ?Ja. Lucius, mein Aufpasser, ist ganz in der N?he versteckt und belauscht uns. Er kontrolliert, ob ich auch ja dem Plan folge.¡° ¨C ?Und der Plan ist es mich einzuseifen und als Werkzeug f¨¹r deren Zwecke zu missbrauchen.¡° ¨C ?So ziemlich, ja.¡° Als es nun gem?chlich zu ihm durchgesickert war, dass sich gerade ein Ausweg aus seiner Sackgasse f¨¹r ihn er?ffnet hatte, wollte der Jugendliche schon voll Erleichterung zu l?cheln beginnen. ?Nein, tu das nicht!¡°, vermittelte sie ihm da. ?Du musst weiterhin traurig und verzweifelt ausschauen. Ansonsten kauft man uns die Sache nicht ab!¡° Achaz nickte mit der kleinstm?glichen Kopfbewegung, um ihr seine ¨¹bereinstimmung zu signalisieren. Nun begann das Schauspiel der beiden.
?Wei?t du was, ich glaube, dass du mir wirklich wichtiger bist als mein sogenannter Vater, der gar nicht mein echter Vater ist!¡°, posaunte die junge Dame mit ihrem eher mittelm??igen Schauspieltalent. Ihr Gegen¨¹ber versuchte nicht allzu enthusiastisch zu wirken, konnte aber das sichtbare Aufhellen seiner Stimmung nicht verbergen. Er antwortete: ?Oha! Das ¨¹berrascht mich jetzt schon. Ich h?tte gedacht, dass du etwas von deinem alten Herrn h?ltst.¡° Seine Ausdrucksweise klang etwas ¨¹bertrieben gek¨¹nstelt. Dem entgegnete nun die Magierin: ?Naja, ich halte schon etwas von ihm. Nur, um es als Liebe zu bezeichnen, daf¨¹r reicht es nicht ganz.¡° Es war eine ungew?hnlich gut formulierte, inhaltlich ¨¹berzeugende Aussage, die die Prinzessin hier aufbieten konnte. Lediglich ihre gestelzte Darbietung dieser konterkarierte sie ein wenig.
?Na gut,¡°, meinte daraufhin Achaz, ?dann sehen wir zu, dass die Sache getan wird. Machen wir uns einen neuen Termin aus, an dem wir uns wieder treffen.¡° ¨C ?Einverstanden! Ich werde mir bis zum n?chsten Mal eine Vorgehensweise ¨¹berlegen und dann sprechen wir uns ab, wie wir die Sache angehen.¡° Abschlie?end sagte der Bursche dann: ?Wenn die Angelegenheit hinter uns ist, kann unserer Beziehung nichts mehr im Weg stehen.¡° ¨C ?Genau!¡°, gab Viktoria da schlicht zur¨¹ck.
Somit endete ihre Vorstellung, mit der sie versuchten, Lucius hinters Licht zu f¨¹hren. Ob dies geklappt hatte, w¨¹rde Achaz nur nach ihrer Abreise herausfinden. Es war ein guter Versuch der beiden, selbst wenn sie schlechte Improvisatoren und erst recht mangelhafte Schauspieler waren. Viktoria war, bei ihrem Abflug aber ¨¹berzeugt, dass das Unterfangen der zwei Verliebten gegl¨¹ckt war. Sie lie? das Knistern des mittlerweile relativ heruntergebrannten Lagerfeuers hinter sich und kehrte nach Hause zur¨¹ck. Unter keinen Umst?nden durfte sie zu sp?t heimkommen.
1. 11 Wendepunkt
Am Ofen blubberte, dampfte und zischte es. Ausnahmsweise w¨¹rde heute Petra einmal etwas kochen. Offenbar hatte sie sich vorgenommen diesmal etwas Aufwendiges zuzubereiten. Der Grund daf¨¹r? Sie war in einer unglaublich guten Stimmung. Ihr Komplize im R?nkespiel mit der Prinzessin hatte ihr die bestm?gliche Nachricht ¨¹berbracht, als er sie auf den neuesten Stand bez¨¹glich des Fortschritts ihres Vorhabens gesetzt hatte. Das machte sie nun ¨¹bergl¨¹cklich. In der Pfanne brutzelte das Fleisch, f¨¹r das sie sich extra zu einem Bauern begeben hatte, um es zu erstehen. Hinter ihr am Tisch sa? nur Achaz, sonst niemand. Fabio und Lucius waren einstweilen drau?en und k¨¹mmerten sich um die Tiere. Der deftige Geruch des Fleisches und der Gew¨¹rze stieg dem J¨¹ngling in die Nase und machte ihn noch hungriger.
?Wei?t du eigentlich, wie wichtig du mir bist, Achaz? Ich liebe dich.¡° ¨C ?Ich dich auch, Frau Mutter¡°, erwiderte er in immer noch h?flicher Umgangsform. Sie meinte daraufhin sogleich: ?Du musst mich in dieser Situation nicht so gehoben ansprechen. Das baut nur eine Distanz zwischen uns auf. Es sind nur wir zwei hier. Nenn mich, Mama.¡° ¨C ?Okay¡.,Mama.¡° Der Bursche hatte ein wenig gez?gert. Er verstand, dass seine Mutter nur deshalb heute so auf ihn zuging, da er ihr nun von quintessentiellem Nutzen wurde. Sonst war sie immer k¨¹hl und distanziert zu ihm. Er wusste, dass sie ihren Sohn mochte, nur wahrhaftige Liebe, die von Herzen kam, hatte sie ihm bisher eher verwehrt.
Dennoch w¨¹rde er das Spiel mitspielen. Er versuchte nun ebenso die Nettigkeit in seinem Umgang mit seiner Mutter zu erh?hen. Sie sollte sich auch sicher gewogen f¨¹hlen. Denn was ihr nicht bewusst war, war die Tatsache, dass er und Viktoria sie jetzt hinters Licht f¨¹hren konnten. Petra und Lucius w¨¹rden nicht ihren Willen bekommen. Der Junge hatte nun neue Zuversicht gesch?pft. ?Ich liebe dich auch, Mama¡°, s¨¹?elte er da. ?Du bist die einzige Familie, die mir etwas bedeutet.¡° Vielleicht trug er hier etwas zu dick auf, aber Petra schien trotzdem darauf reinzufallen. Aus dem Augenwinkel konnte man ihr L?cheln sehen, als sie gerade nach dem K¨¹mmel griff, um damit ein wenig die Bratkartoffeln, welche es als Beilage geben w¨¹rde, nachzuw¨¹rzen. Das war hervorragend. Dann erkundigte er sich: ?Was wollen wir denn als n?chsten Schritt gegen das Kaiserhaus setzen?¡° Dem antwortete die f¨¹r ihr Alter von viel zu vielen Falten gezeichnete Dame: ?Wir warten den Brief des M?dchens ab, bis wir entscheiden.¡° ¨C ?Wir haben aber bereits ein neues Treffen am selben Ort wie letztes Mal verabredet. Ich glaube nicht, dass ¨¹berhaupt eine Nachricht kommen wird.¡° ¨C ?Schauen wir mal. Wir werden es sehen.¡° Diese Argumentation leuchtete ihm ein. Auch, wenn er glaubte, dass diesmal kein Brief versandt werden w¨¹rde, so hatte er keine Einw?nde hier.
Nur zwei Tage sp?ter kam der Brief aber an. Der Cousin des Alduino kam angeritten und ¨¹bergab ihn kurzerhand dem Herrn Cornel. Dieser nahm in entgegen, ohne sich zu bedanken und zog sich damit sofort wieder in die kleine Holzh¨¹tte zur¨¹ck, in der sie momentan hausten. Er war gerade allein und w¨¹rde nicht auf die R¨¹ckkunft seiner Mitverschw?rer warten, denn er wusste, dass diese erst in einigen Stunden zur¨¹ck sein w¨¹rden. Der Griesgram, der dem Anschein nach erst k¨¹rzlich seinen Bart wieder rasiert hatte, lie? sich auf einem ihrer drei St¨¹hle nieder. Sein Haar war immer noch zerzaust und ungepflegt. Er legte die erhaltene Zuschrift auf die dunkle Tischplatte, welche eine derart grobe Oberfl?che aufwies, dass es schwierig war, etwas darauf zu schreiben, ohne dabei von den Rillen der Holzmaserung sein ganzes Schriftst¨¹ck ruiniert zu bekommen. Mit blo?en H?nden riss er den Umschlag sogleich auf und zog den Inhalt dessen heraus. Scheinbar bestand der Wisch diesmal aus zwei Zetteln.
Augenblicklich begann er den Ersten zu lesen. Er war relativ schnell damit fertig. Es war nichts Besonderes. Einfach nur ein paar kindsk?pfige, unbesonnene Ideen, die dem Trivialen nahekamen, die das M?dchen sich da ausgedacht hatte. Er und Petra hatten da schon wesentlich durchdachtere, erfolgversprechendere Ideen gesammelt. Recht viel mehr hatte er sich aber auch nicht vorgestellt, dass die Zaubrerin ersinnen konnte. Dann ging er zum n?chsten Blatt Pergament ¨¹ber. Beim Erblicken dessen war er nun allerdings etwas verwundert. ?Was ist das denn?¡°, sagte er im Selbstgespr?ch. Vor ihm lag ein beinah leerer Zettel, auf dessen oberen Rand Folgendes zu lesen war: ?Wir sind Feuer und Flamme.¡° Hintendran war noch ein Herzchen gemalt.
Der Kerl hatte sofort verstanden, welchen Versuch sie hier unternommen hatte. ?Dieses Kind glaubt wohl, dass es mich austricksen kann. Daf¨¹r m¨¹sste sie aber fr¨¹her aufstehen!¡°, verlautete er. Sogleich z¨¹ndete er eine Kerze an und hielt das Schriftst¨¹ck dar¨¹ber. Schon begannen sich die ersten Lettern unter der Hitze zu verdunkeln und gaben einen verborgenen Text preis, der mit unsichtbarer Tinte geschrieben worden war. Es war genauso, wie Lucius angenommen hatte. Dann begann er, die eigentliche, geheime Nachricht, die die Prinzessin an ihren Geliebten gerichtet hatte, zu lesen. Nachdem er die ersten zwei S?tze erfasst hatte, musste er gleich wieder absetzen. Er ¨¹berlegte. Dann las er die restliche Nachricht auf einmal durch. Als er fertig war, schob er sich vom Tisch weg, um nicht nur gedanklich, sondern auch physisch etwas Abstand zu dem zu bekommen, was er soeben erfahren hatte.
Der Sohn der ehemaligen Regentin, war schockiert. Es war ein Gl¨¹ck, dass niemand hier war, um dies mitzuerleben. Ihm brach kalter Schwei? aus, der anfing seine Stirn und R¨¹cken hinunterzulaufen. Er lie? sich das Gelesene noch eine Weile durch den Kopf gehen. Ja, jetzt war er sich sicher. Er hatte die Sache entr?tselt. Viktoria hatte dem Burschen in ihrer eigentlichen Botschaft mitgeteilt, wie sie sich vorstellte, dass sie ihn und Petra manipulieren konnten. Es waren nicht die schlausten Einf?lle, aber dennoch war dies sehr besorgniserregend. Die Art, wie sie davon sprach, dass sie ihm Dinge sagen w¨¹rde, brachte Lucius nun zum Schluss, dass die Jugendliche auf telepathischem Wege mit ihm kommunizieren konnte. Hatten die beiden ihnen also schon von Anfang an nur etwas vorget?uscht? Bei dem Gedanken ging nun der Zorn mit ihm durch und der Mann drosch mit der Faust auf die Tischplatte. Die Kerze fiel um, ging aus und rollte vom Tisch auf den Boden hinunter.
?Verdammter Mist!¡°, ?rgerte er sich. ?Ausgetrickst von ein paar Bengeln!¡° Dies konnte er nicht so auf sich beruhen lassen, oh nein! Lucius lehnte sich in seinem Sessel zur¨¹ck und begann etwas Neues auszut¨¹fteln. Er fuhr sich mit den H?nden durch seine Strubbelfrisur. Dann starrte er nachdenklich auf eine der W?nde, w?hrend er mit dem alten Siegelring in seiner Hosentasche herumspielte, um seine Nervosit?t etwas in Schach zu halten. ?Dieser gottverdammte Teufel! Ich werde ihn vernichten, und wenn es das Letzte ist, was ich tue!¡° Die Rache an Wenzel und am Teleiotismus im Allgemeinen war nun alles, wof¨¹r er noch lebte. Er hatte es als den Sinn seines Lebens erkoren, so schrecklich und bemitleidenswert dies auch klingen mag. Dennoch, Lucius war wirklich der Letzte, den man bemitleiden sollte. Sein Verstand, kam nun mit einer perfiden Intrige auf.
Der Fiesling w¨¹rde einen neuen Brief verfassen, den er so genau wie irgend m?glich in der Handschrift Viktorias schrieb. Er w¨¹rde ihn den anderen als den tats?chlichen Brief des M?dchens pr?sentieren und den Echten w¨¹rde er verschwinden lassen. F¨¹r Lucius stand hier alles auf dem Spiel. Das inkludierte sein Leben. Er w¨¹rde nicht zulassen, dass zwei G?ren ihn in Teufels K¨¹che bringen w¨¹rden. Der Einsatz war hier einfach zu hoch. Daher musste er nun auch Petra im Dunklen dar¨¹ber lassen, was hier wirklich geschah und was er als N?chstes tun w¨¹rde. Der Weg war bereitet. Bald w¨¹rde es losgehen.
Eine Frau, n?mlich die Schwester des Erkorenen, stand mit erhobenem Zeigefinger klagend dem despotischen Pr?tor gegen¨¹ber. Luzeicas lange Gew?nder flatterten im Wind. Ringsum standen ihre Gef?hrten und eine Schar der lokalen Hirten. Deren Schafe waren im Hintergrund zu sehen, ebenso wie die s¨¹dl?ndische Vegetation, die Camenia so unverkennbar machte. Diese Darstellung einer bekannten Stelle im Heiligen Testament war definitiv ansprechend f¨¹r den Betrachter. Sie war dynamisch, lebendig und in kr?ftigen Farben gezeichnet worden. Ylva brachte ihren nach oben durchgestreckten Hals nun wieder in eine normale Stellung. Sie konnte nicht st?ndig die wundersch?nen Freskos, die ¨¹berall an den Decken des Palastes zu finden waren, begutachten. Sie hatte eine Aufgabe, derer sie sich widmen musste.
Dann schwangen die T¨¹ren, die sie bewachte, weit auf und ein elegant gekleidetes P?rchen verlie? die kaiserlichen Gem?cher. Es handelte sich um die Eltern der Kaisergattin, welche heute zu Besuch gewesen waren und sich nun wieder auf die Abreise ins nicht allzu ferne Olemar machten. Den beiden folgten dann Amalie und Viktoria, welche sich nochmals freundlich von den Gro?eltern verabschiedeten. Die Prinzessin war wieder einmal au?erordentlich sch?n angezogen und protzte mit einem langen, vanillefarbenen Kleid, welches ihr garantiert ihre Mutter aufgebrummt hatte. Sobald die Besucher verschwunden waren, zog sich die junge Dame sofort wieder in ihr Zimmer zur¨¹ck. Die Kaisergattin, aber blieb noch am Gang stehen, da sie Ylva etwas mitzuteilen hatte:
?Die Kleine hat sich heute richtig Verhalten und es gab keine Probleme. Sie hat Gediegenheit und H?flichkeit gegen¨¹ber ihren Gro?eltern an den Tag gelegt. Ich werde zusehen, dass ich sie f¨¹r ihr gutes Benehmen belobige. Diesbez¨¹glich muss ich aber vorher noch von dir etwas wissen. Ist dir in den letzten Tagen etwas Negatives an ihrem Verhalten aufgefallen? Hat sie sich verbessert oder hat sie sich vielleicht sogar nochmal weggeschlichen?¡°
Die Leibw?chterin erteilte ihr sogleich Auskunft: ?Ich habe kein allzu aufm¨¹pfiges Verhalten in dem Zeitraum beobachten k?nnen, Herrin. Ein weiterer Versuch des Wegschleichens hat nicht stattgefunden. Und ich werfe des Nachts regelm??ige Kontrollblicke in ihr Zimmer, also kann sie unm?glich einmal entflohen sein. Ebenso hat sich keine ihrer sonst grundlosen ''Episoden'' ereignet.¡° ¨C ?Sehr gut! Dann reden wir nochmal kurz mit ihr.¡° Die Kaiserin zeigte sich ausnahmsweise erfreut. Seine Hoheit der Erkorene huschte da schon wieder an den beiden Damen vorbei, ohne jedwedes Interesse an deren Unterhaltung zu zeigen. Schnurstraks machte er sich wieder in sein Arbeitszimmer auf, um seinen dort ¨¹blichen T?tigkeiten mit seiner Assistentin nachzugehen. Ylva folgte seiner Gattin ins Zimmer der Teenagerin.
Mit, ?Viktoria?¡°, versuchte ihre Mutter die deren Aufmerksamkeit zu erregen. Die momentan auf dem Bett Liegende war davon scheinbar kalt erwischt worden und rappelte sich unverz¨¹glich auf. Sie war im Begriff sich umzuziehen. ?Na geh! Frau Mutter, ich bin gerade erst hierher zur¨¹ckgekommen. K?nnte ich wenigstens ein bisschen Zeit bekommen, um meine Kleidung zu wechseln?¡° Gleich darauf bewegte sie sich hinter eine d¨¹nne Sichtschutzwand in der Ecke des Raums, um mit ihrem Umkleiden fortzufahren. Ihre Majest?t ignorierte ihre ?u?erungen und erwiderte: ?Ich war mit deinem heutigen Benehmen zufrieden. Das wollte ich dir nur sagen.¡° Zuerst kam nichts von der jungen Dame zur¨¹ck. Schnell fiel ihr aber etwas ein, das sie loswerden wollte: ?Ich mag all diese Verhaltensregeln immer noch nicht. Ich werde sie nie m?gen.¡° ¨C ?Und dennoch sind sie notwendig¡°, gab ihre Adoptivmutter da gleich zur¨¹ck.
?Wir machen dies nicht, um dich zu qu?len, sondern, weil es bestimmte Dinge gibt, die die Gesellschaft und die Welt von einem verlangen. Ich liebe dich und dein Vater liebt dich auch. Das hat er dir aber auch schon sehr oft gesagt und noch viel ?fter durch seine Handlungen gezeigt.¡° Es war ein leichtes Grummeln des M?dchens zu vernehmen. Sie wusste, dass dies die Wahrheit war, und dennoch f¨¹hlte sie sich wie eine Sklavin, der man st?ndig nur jede kleinste Bewegung und jedes Wort, das sie sprach, diktierte. ?Wenn ich einmal von euch ¨¹bernehme und hier das Sagen habe, dann werde ich das alles ?ndern¡°, k¨¹ndigte sie ihr vollmundig an. ?Du wirst dasselbe in Erfahrung bringen, was auch Wenzel so schmerzlich erfahren musste. Eine einzelne Person kann nicht den Himmel und die Erde auf den Kopf stellen. Was wir tun k?nnen, wird von einer F¨¹lle an Faktoren eingeschr?nkt: Tradition, ¨¹berzeugung, Eigeninteresse, dem Machtgef¨¹ge. All dies sind Limitationen, denen wir alle unterworfen sind¡°, war der Kaiserin Antwort.
Die Kleine antwortete nichts darauf. Sie war immer noch feucht hinter den Ohren und hatte ¨¹ber solcherlei Themen noch nie allzu intensiv nachgedacht. Amalie stolzierte in winzigen Schritten durch das Zimmer und schaute sich wie schon so oft um. Sie war zufrieden mit der edlen M?blierung. Dies war etwas, worauf sie ¨¹beraus gro?en Wert legte, im Gegensatz zu ihrem Ehemann, der ihrer Ansicht nach hier alles nur furchtbar minimalistisch halten w¨¹rde, was wenig pr?sentabel w?re. Die Magierin war schlie?lich fertig und kam mit wesentlich legereren Klamotten hervor. Aus ihrem Gesicht strahlte ein gewisser Grad an Freude. Diese entsprang ihrem Bewusstsein, dass sie in Bezug auf die Ereignisse mit Achaz alles im Griff hatte. Ihre Mutter bemerkte ihre gute Stimmung und machte folglich einen weiteren Einwurf: ?Wenn du dich auch brav in deinen Studien verh?ltst, kann ich dir noch mehr als nur mein Lob als Belohnung geben. Das setzt aber voraus, dass du dich auch jetzt wirklich zusammenrei?t. Richte deinem Freund also keine sch?nen Gr¨¹?e von mir aus, wenn du ihn nicht wiedersiehst.¡°
Die Dame dachte, sich dass sie eine clevere, sarkastische Aussage get?tigt hatte, mit der sie bei ihrer Tochter ein wenig sticheln konnte. Sie hatte leider einen ganz anderen Effekt, da Viktoria jetzt annahm, dass man ihr bez¨¹glich ihres Hinausschleichens auf den Fersen war. Sie blickte ihren Vormund mit gro?en Augen an und verstummte. Amalie schlussfolgerte, dass das M?del ihren Humor wohl einfach etwas zu ernst aufgefasst hatte und verlie? den Raum einfach ohne Weiteres. Es war ein bizarres Ende der Unterhaltung.
Die sommerliche Hitze knallte ihnen auf die Sch?del. Dennoch stellten sich die Bl?tter der B?ume in saftigem Gr¨¹n zur Schau. In der Ferne konnte man den Schrei eines Falken h?ren, w?hrend zwei Reiter nebeneinander ¨¹ber eine Weide ritten. Achaz strahlte Optimismus aus, w?hrend sein ¨¹berwacher in vergleichsweise ged?mpfter Stimmung war, jedoch wesentlich besser gelaunt als sonst wirkte. Ihr Ziel war nat¨¹rlich der Treffpunkt mit Viktoria, welcher derselbe wie letztes Mal sein w¨¹rde. So, hatten sie es ausgemacht und auch hatte sie dies in dem Brief, den sie ihm letztlich doch zukommen hatte lassen, nochmals hervorgehoben. Begleitet vom Zirpkonzert der Grillen, lie? er sich ihre Nachricht nochmals durch den Kopf gehen. So gut wie alle Vorschl?ge, die sie darin gemacht hatte, waren seiner Mutter und Lucius zu unbedarft und halbbacken gewesen. Leider hatte er den beiden bei dieser Einsch?tzung zustimmen m¨¹ssen. Keine von Viktorias Ideen war wirklich realistisch verwertbar. Sie w¨¹rden ihr mit anderen Vorschl?gen aufwarten. Er war wirklich gespannt, wie sie Petra und ihren Spie?gesellen hier reinlegen w¨¹rden.
?Es ist gut, dass du die Notwendigkeit, das B?se zu bek?mpfen, verstanden hast, B¨¹rschlein¡°, ?u?erte Lucius nach einer viel zu langen Zeit der Stille, wohl wissend, dass der Knabe ihm nur etwas vorgaukelte. Dem entgegnete Petras Abk?mmling: ?Es gibt nun mal Dinge, die gr??er als ich selbst sind. Das habe ich endlich verstanden. Niemand sollte ohne seinen Vater aufwachsen m¨¹ssen, so wie es mir widerfahren ist.¡° Die L¨¹gen, die der Jugendliche hier auftischte, waren auf jeden Fall k¨¹hn, vor allem, da er bisher kaum den Anschein erweckt hatte irgendetwas von ihren hintertriebenen Machenschaften zu halten. Daraufhin musste sein Begleiter kurz husten. Beinah w?re er wegen so einer dummen Aussage des Jungen in Zorn geraten. ?Ich hatte auch nie einen Vater! Was wei? der Zwerg schon, was wahres Leid ist? Zehn Jahre werf ich ihn in ein dunkles Verlies, dann hat er vielleicht mal eine Vorstellung davon!¡°, schwirrte es ihm durch die Gedanken. Er schwieg eine Minute lang, dann schnitt er ein anderes Thema an:
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?Wei?t du, die Melgaristen haben sich der Verehrung von Magiern, sprich von D?monen, verschrieben. Das kann man nur als b?se betrachten. Wer den Menschen verg?ttlicht, der wird eine schwere Strafe daf¨¹r bezahlen! Gott allein sollte man anbeten.¡° Er pausierte kurz, setzte seine Ausf¨¹hrung aber gleich wieder fort: ?Die andere Seite, sind aber nicht automatisch die Guten, nur weil sie gegen die B?sen sind. Meine Mutter, Gott hab sie selig, war auch der Blasphemie schuldig. Sie hatte diesen seltsamen D?moneng?tzen, zu dem sie regelm??ig betete! Was f¨¹r ein Schwachsinn!¡° Diese Enth¨¹llung schockierte Achaz. Verdutzt schaute er auf Herrn Cornel her¨¹ber und fragte: ?Warum erz?hlst du mir so etwas?¡°
M¨¹rrisch gab der Mann zur¨¹ck: ?Glaub ja nicht, dass das jetzt zur Gewohnheit wird. Es k?nnte das letzte Mal gewesen sein, dass ich dir so etwas anvertraue, wenn du das irgendwem weitererz?hlst. Ist das klar?¡° ¨C ?Glasklar!¡°, kam ohne Z?gern die Antwort. Trotzdem, es war ein sehr uncharakteristisches Verhalten, das Lucius heute zeigte. Vielleicht f¨¹hlte er sich ein wenig sentimentaler als sonst, wer wusste das schon so genau.
?Die Alethische Kommune hat ihre Berechtigung, sie steht f¨¹r den richtigen Weg. Ich habe nur die Bef¨¹rchtung, dass sie unter dem dauerhaften Druck der ketzerischen Mehrheit entweder irgendwann komplett zerquetscht werden wird oder aber sich anpasst und Eingest?ndnisse gegen¨¹ber den Melgaristen macht. Wenn das passiert, ist Hopfen und Malz verloren! Wir k?mpfen jetzt schon auf beinah verlorenem Posten. Dennoch gibt es einen Weg f¨¹r uns zu siegen, selbst wenn er h?chst unwahrscheinlich ist. Du kannst uns hier von gr??ter Hilfe sein, Bursche¡°, er?rterte ihm der Rachs¨¹chtige.
Achaz erwiderte ihm immer nur mit einem schlichten ?Aha¡° oder ?Mhm¡°. Letztlich erkundigte er sich aber: ?So viel und so offen hast du noch nie mit mir geredet. Gibt es einen Grund daf¨¹r?¡° Ohne den Jungen eines Blickes zu w¨¹rdigen entgegnete Lucius ihm einfach: ?Du wirst es sehen.¡°
Jetzt war die Nacht der Verabredung gekommen. Die Zaubrerin ¨¹berflog die ordanischen Lande, w?hrend sie gleichzeitig angestrengt in ihren Gedanken durchging, was sie heute gemeinsam mit ihrem Freund f¨¹r ein Schauspiel aufbieten w¨¹rde, um die Mutter von Achaz und deren Mitverschw?rer reinzulegen, und um die Situation langsam in ihre eigene Richtung zu manipulieren. Es war vorprogrammiert, dass dies ein schweres Unterfangen werden w¨¹rde. Dennoch, wer nicht wagt, der nicht gewinnt, wie man so sch?n sagt. Sie war aber auch schon in Vorfreude, vor allem weil sie ihren Schwarm wiedersehen w¨¹rde.
Unter ihr erstreckte sich der riesige, finstere Wald. Aus einer gewissen Distanz erreichte schlie?lich aber das Licht des vorbereiteten Lagerfeuers den Bereich ihrer visuellen Wahrnehmung. Voll Nervosit?t beschleunigte sie nun ihren Flug. Das Feuer kam immer n?her und n?her, bis sie dann endlich dicht genug herangekommen war, um sich abzubremsen und vor den Flammen, die dieses so einsame und beinah schon gruselige Fleckchen Erde hier erhellten, zu landen. Im Feuer lag noch ein gr??eres Holzscheit. Es war niemand hier. Im vom Lichtschein ausgeleuchteten Bereich befand sich keine Menschenseele. Inquisitiv warf das M?dchen einen Blick nach links und rechts. Dann sogar hinter sich. Keiner da. Was war hier los?
?Achaz? Bist du hier?¡°, verlautete sie. Aber keiner r¨¹hrte sich. ?Komm schon, sag doch was! Ich wei?, dass du hier bist¡°, rief sie nun in etwas lauterem Ton. Es kam immer noch keine Antwort, kein gar nichts. Das verunsicherte sie nun wirklich. Ein klein wenig Angst, fing an in ihr emporzusteigen. Eines war n?mlich absolut sicher: Irgendjemand musste das Feuer hier entz¨¹ndet haben und es gab kaum eine andere M?glichkeit als, dass es entweder Achaz oder aber sein Aufpasser, der ihn immer bei ihren Treffen beobachtete, gewesen war. Versuchte man ihr einfach Angst einzujagen? Daf¨¹r dauerte das hier aber schon zu lange. Oder war es ein Hinterhalt? Beim Realisieren dieser Eventualit?t sprangen ihre Sinne sofort in h?chste Alarmbereitschaft. Die Muskeln der Prinzessin spannten sich fieberhaft an. Sie machte nochmal einen Rundumblick. Nichts war auszumachen. Nicht einmal aus dem Wald waren im Moment Ger?usche zu vernehmen. Da war nur das Rauschen des Flusses hinter ihr.
Sie ging einige Schritte vorw?rts, bis sie an den Rand des Lichtkegels gekommen war. Vor ihr waren nur die St?mme der B?ume. Weiter hinten, wo es schon erheblich dunkler war, blitzte ihr ganz kurz ein Funkeln, eine Reflexion der Flammen entgegen. Etwas oder jemand war da! Diese Situation war wirklich furchteinfl??end, doch sie war eine Magierin. Sie war Viktoria und niemand konnte ihr etwas anhaben! Somit fasste sie all ihren Mut zusammen und ging weiter in Richtung dessen, was sie gesehen hatte. Erneut rief sie nach ihm: ?Achaz! Achaaaz!¡° Es wurde nun wirklich d¨¹ster hier, doch noch war die visuelle Orientierung m?glich. Ein kleines St¨¹ck entfernt lag irgendetwas Gr??eres am Boden, das etwas anders als der Waldboden und die Moose hier aussah. Schrittweise gew?hnten sich ihre Augen an die geringere Helligkeit hier und sie fing an besser sehen zu k?nnen.
Dann offenbarte es sich. Da lag ein Mensch am Boden! Ohne Zaudern eilte sie augenblicklich zu diesem hin. An der Kleidung erkannte sie schnell, dass es sich um Achaz handelte. War er etwa hingefallen und ohnm?chtig geworden? Sie nahm ihn an den Schultern und versuchte ihn wachzur¨¹tteln. Dadurch sah sie es dann. Als es dem M?dchen auffiel, durchfuhr sie ein Schock, der sich schnell zu reinem Horror wandelte. Ihre H?nde und gleich darauf ihr ganzer K?rper begannen unkontrollierbar zu zittern. Erst danach gab sie einen panischen Schrei von sich. Ein tiefer Schnitt war an der Kehle des Jungen zu sehen. Seine Augen waren offen und starrten leblos uns Leere.
?Was? Wieso? Wie ist das passiert? Wer hat das getan?¡°, alles gute Fragen, die panisch durch ihren Kopf fluteten. Als die Realisation dessen, was sich hier vor ihr befand, langsam zu ihr durchsickerte, fiel Viktoria auf die Knie und begann bitterlich zu weinen. Diese Schreckenstat ersch¨¹tterte sie so sehr, dass sie erst einmal von ihren Gef¨¹hlen ¨¹berw?ltigt wurde. Nach einer Weile des Schluchzens schaute sie aber auf und ersp?hte einen einzelnen Gegenstand, der auf der Brust der Leiche gezielt platziert worden war. Es war das Ding, welches vorher das Licht reflektiert hatte. Mit zittriger Hand griff sie nach diesem und holte es her. Im Licht ihrer glei?enden Augen drehte sie es hin und her und betrachtete es von allen Seiten. In dem Moment war es um sie geschehen. Jetzt hatte sie verstanden. Oh ja, sie hatte alles verstanden! Sie wusste, wer das getan hatte, und auch warum er das getan hatte. Daf¨¹r w¨¹rde er bezahlen!
Ein mordslautes Klirren riss die ganze Familie aus dem Schlaf. Theodor rappelte sich schlagartig auf und sprang, wie von der Tarantel gestochen, aus dem Bett auf. Die M?dels brauchten alle ein wenig l?nger. Man konnte sehen wie es nun heftig beim Fenster hereinregnete und der Mann ging gleich hin, um zu inspizieren, was geschehen war. Es war eigentlich offensichtlich. Drau?en st¨¹rmte es und die Scheibe hatte dem Wetter nicht standgehalten. ?Oh, Gott, was ist denn das?¡°, konnte er dann Irnfrid hinter sich jammern h?ren. Es sch¨¹ttete wie aus K¨¹beln und orkanartige B?en lie?en alles, was nicht niet- und nagelfest war, in den Stra?en drau?en davonfliegen. ?Eleonore, Marzia! Kommt, geht weg vom Fenster¡°, schaffte die Mutter hier gleich an. Sie sah, dass es so stark hereinregnete, dass sich innerhalb so kurzer Zeit bereits eine Lacke am Boden gebildet hatte.
W?hrenddessen starrte Theodor weiterhin ins Freie hinaus und horchte dem ohrenbet?ubenden Knallen und Grummeln des Donners, welcher nun in sehr kurzen Abst?nden immer und immer wieder zu h?ren war. Das war ein absolut h?llisches Gewitter! Der ?ltere Milit?r wunderte sich nur, wo es denn so rasch hergekommen war. Bevor sie schlafen gingen, war der Himmel noch sternenklar gewesen. Kurios. Als es, ?Liebling, was machen wir jetzt?¡°, hinter ihm ert?nte, lenkte er seine Aufmerksamkeit aber wieder auf seine Damen. Alexander schlief mittlerweile in seinem eigenen Zimmer und war deshalb nicht hier mit ihnen. ?Schnappt euch die Decken und Polster. Wir ¨¹bernachten heute bei Alexander¡°, trat er sogleich in Aktion. Eleonore fragte da nat¨¹rlich gleich: ?Hei?t das, dass wir am Boden schlafen m¨¹ssen?¡° ¨C ?Hach!¡°, seufzte ihr Vater entnervt. ?Ich werde euch auch die Matratzen mit r¨¹ber schleppen, zumindest die, die noch nicht nass sind.¡° Daraufhin schien die Kleine erstmal zufrieden.
Der Umzug ging recht schnell vonstatten. Dann rannte der Kerl auch noch hinunter ins Erdgeschoss, um die Wachen zu informieren, dass ihr Fenster so z¨¹gig wie m?glich wieder repariert oder f¨¹rs Erste mal verbarrikadiert werden sollte. Die Treppe hoch war er dann etwas langsamer. Ihr tempor?res Nachtquartier lag nun ganz am Ende des Ganges und Theodor hetzte sich nun nicht mehr, um dorthin zu gelangen. Scheinbar waren noch mehr als nur sein Fenster zu Bruch gegangen und aus manchen Gem?chern konnte man auch so einige T?tigkeit vernehmen. Dann allerdings kam ihm etwas ganz anderes zu Ohren. Ein Ger?usch, das einer Explosion gleichkam, hallte f?rmlich durch das weitr?umige Geb?ude! Das lie? ihn unmittelbar auf den Plan treten, um dem nachzugehen.
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Im schwachen Kerzenschein las Wenzel den antiken Text vor sich. Ab und an warf er einen kurzen Blick hin¨¹ber zum Fenster, das vom Sturm immer wieder gewaltsam ger¨¹ttelt wurde. Sich unter diesen Umst?nden zu konzentrieren war schwierig, vor allem, wenn man versuchte uralte Aufzeichnungen zu ¨¹bersetzen, f¨¹r die er ohnehin oft die Beihilfe seiner Assistentin ben?tigte. Er brachte seine ¨¹bersetzung des Satzes zu Pergament. Danach legte er die Feder behutsam beiseite, direkt neben das Tintenfass. Wom?glich war es ratsamer die heutige ?Nachtschicht¡° fr¨¹hzeitig zu beenden und zu Bett zu gehen. Das Wetter war ¨¹beraus beunruhigend.
?Bumm! Klirr! Wusch!¡° Urpl?tzlich brach beim Fenster eine Druckwelle herein, die nicht nur die Scheibe in tausend Scherben zerbersten lie?, sondern auch gleich Teile des Mauerwerks rundherum wegbrach. Den Kaiser fegte diese Detonation ebenso gleich weg und mehrere Fu? nach hinten, bis er sich wieder auf seine F¨¹?e aufrichtete. Das wilde Gewitter von drau?en drang nun auch mit all seiner zerst?rerischen Kraft hier ein. Dem Magier kamen als allererstes gleich seine B¨¹cher in den Sinn, und dass er diese von den Naturgewalten sch¨¹tzen musste. Als er aber sein Haupt hob und zum Loch in der Wand blickte, schob er all diese ¨¹berlegungen vorerst einmal auf. In der L¨¹cke vor ihm schwebe seine vom Regen ¨¹berstr?mte Tochter und schaute auf ihn herab.
Noch bevor er ihren geplagten Gesichtsausdruck bemerken konnte, warf sie etwas Kleines zu ihm her¨¹ber. Es sprang einige Male am Boden auf und blieb dann direkt vor ihm liegen. ?Ich habe ihn gefunden. Das ist deiner, oder?¡°, erklang ihre Stimme in seltsam hartem und gleichzeitig ged?mpftem Ton. Ihm fiel augenblicklich auf, dass irgendetwas an ihr ganz gewaltig nicht stimmte. Wenzel hob das Objekt auf und betrachtete es genau. Es war ein Siegelring, auf dem ?M.R.¡° eingraviert war. Es war das kaiserliche Siegel der Melgarionen. Er hatte diesen Gegenstand noch nie zuvor gesehen, aber als Nachfolger ihrer Dynastie und Erbe ihrer Autorit?t musste dieser der Logik nach ihm geh?ren. Somit antwortete der Kaiser: ?Sch?tze schon.¡°
Er hatte nicht den blassesten Schimmer, was er damit ausgedr¨¹ckt hatte. In Reaktion darauf ballte das M?del seine F?uste und spannte alle Muskeln seines K?rpers an, so sehr, dass es ein St?hnen von sich lie?. Aus ihrer Sicht ergab nun alles Sinn. Ihr Vater hatte herausgefunden, dass sie sich seinen Anordnungen widersetzt hatte und sich erneut heimlich mit Achaz traf. Infolge hatte er einen Schritt gesetzt, um dem ein f¨¹r alle Mal ein Ende zu bereiten. Sie war nun ¨¹berzeugt, dass Wenzel ihren Freund get?tet hatte! Und seine Worte hatten es ihr soeben best?tigt.
?Du Monster! Wie konntest du nur!¡°, br¨¹llte sie ihn aus voller Kehle an. Absolute Verwirrung zeichnete sich daraufhin auf dem Gesicht des Herrschers ab, der nicht wusste, welch schweren Fehler er hier begangen hatte. ?Was in aller Welt ist in dich gefahren? Ich verstehe nicht, was du sa¡.¡° Weiter kam Wenzel nicht. Bevor er seinen Satz beenden konnte, lie? die Magierin eine weitere telekinetische Druckwelle auf ihn los! Er versuchte sie abzublocken, doch die St?rke des Angriffs war zu gro? und katapultierte ihn zur¨¹ck, sodass er mit dem R¨¹cken gegen die Wand krachte. Eine rasende, manische Viktoria erzeugte nun eine riesige Flamme in ihren H?nden.
?Ich werde dir zeigen, wie es sich anf¨¹hlt, Dinge zu verlieren, die einem unersetzlich sind!¡°, waren die wahrhaftig niedertr?chtigen Worte, die ihren Mund verlie?en. Gerade erst hatte sich ihr Adoptivvater von der vorangegangenen Attacke erholt. St¨¹cke des Wandverputzes br?selten noch von seinen Schultern und der restlichen Kleidung herab, als sie schon zum n?chsten Schritt ¨¹berging. Vor den Augen des Mannes, der doch so mit der Erforschung von Magie besessen war, lie? sie eine Flut an Flammen in alle Richtungen ausstr?men, die seine Bibliothek augenblicklich in ein Feuerinferno verwandelte! Beim Anblick dessen sank dem Souver?n das Herz in die Hose. Er streckte seinen Arm nach vorne, um die Flammen sogleich wieder mit seiner Zauberei zu l?schen, doch das M?dchen griff ihn sofort wieder an, um ihn davon abzuhalten.
Wieder schleuderte sie ihn weg wie ein Spielzeug. Ihre magischen Kr?fte waren viel st?rker als seine, eine Tatsache derer sich Wenzel nun sehr schmerzlich wieder bewusstwurde, obgleich sie ihm ohnehin bekannt war. Was sollte er jetzt machen? Er wollte seine Tochter nicht verletzen, aber die bessere Frage war wohl, ob er das ¨¹berhaupt konnte! Die Kleine setzte auf dem Boden ein paar Schritte vor ihm ab. Der Erkorene stand unmittelbar wieder auf. Mental bereitete er sich vor ihrem n?chsten Angriff auszuweichen. Doch dieser kam nicht. Mit hasserf¨¹lltem Gesicht starrte sie ihren ?Vater¡° an. Wenzel wunderte sich, was in diesem Moment durch ihren Kopf ging, doch noch bevor er seinen Mund ?ffnen konnte, um dies zu erfragen, um ihr m?glicherweise vern¨¹nftig zureden zu k?nnen, fing er an, es zu sp¨¹ren. Eine eigenartige Spannung lag in der Luft, die kontinuierlich zuzunehmen schien, sodass die Haare an seinen Unterarmen und darauf auch gleich die auf seinem Kopf hochzustehen begannen.
Mit ausgestrecktem Zeige- und Mittelfinger brachte die Magierin ihre Handglieder in eine Stellung, die an die unz?hligen Abbildungen seiner Heiligkeit, Melgars des Gro?en, erinnerten. Es schien sich nun eine elektrische Spannung hier im Umkreis aufzubauen, die sich um Viktoria herum konzentrierte. Von der Situation ¨¹berw?ltig, stand der Kaiser nur reglos da, und tat nichts, um dem irgendwie Einhalt zu gebieten. Die ganze Zeit sah er nur das lebensnahe Antlitz Melgars mit seiner, anders als die Ikonen es oft abbildeten, gro?en Nase und seinem entschlossenen Ausdruck, welcher sich tief in sein Unterbewusstsein einbrannte. Dann richtete die junge Dame ihre Finger auf ihn. Sein Schicksalsmoment war gekommen! Die Energie wurde freigesetzt und ein glei?endes Licht flutete den ganzen Raum, begleitet von einem ohrenbet?ubenden Knall. Ganz kurz bevor sie ihren Blitz losgelassen hatte, war aber zu h?ren gewesen, wie jemand, ?Wenzel!¡°, gerufen hatte.
Beide Zauberer waren jetzt gr¨¹ndlich geblendet worden. Ihre Sehorgane mussten sich erst von der ¨¹berbelichtung erholen. Als dann langsam die Welt wieder wahrnehmbar wurde, pr?sentierte sich ihnen etwas vollkommen Unerwartetes. Wenzel war unversehrt. Vor ihm auf dem Fliesenboden lag nun der K?rper eines Mannes, den er gut kannte. Er war hier in diese Szene hereingetreten und hatte in letzter Sekunde versucht, das Leben des Erkorenen zu besch¨¹tzen. Dies war ihm gelungen. Doch hatte Theodor leider sein eigenes Leben daf¨¹r lassen m¨¹ssen! Als Vater und Tochter begriffen, was soeben passiert war, standen sie gleichsam erst einmal im Schock da. Dies hatte Viktoria nicht gewollt! Der Oberste Marschall hatte nichts mit all dem hier zu tun. Eigentlich hatte sie ja noch nicht einmal ihren Adoptivvater verletzen wollen. Es waren nur die Pferde mit ihr durchgegangen.
Best¨¹rzt und verwirrt wandte sie sich ab. Sie wollte dies nicht noch l?nger mitansehen und machte sich einfach aus dem Staub. Seine Hoheit nahm aber sofort die Verfolgung auf. Hinaus in den sch¨¹ttenden Regen flog er ihr nach. ?Viktoria! Bleib stehen, Viktoria!¡°, br¨¹llte er ihr nach, als ihm buchst?bliche Schwalle an Wasser entgegenschlugen. Sie h?rte nicht auf ihn und sch¨¹ttelte ihn sehr rasch ab. Wenzel begriff innerhalb k¨¹rzester Zeit, dass er viel langsamer als seine Tochter flog, so sehr er sich auch bem¨¹hte. Verzweifelt hielt er inne und blickte auf den Palast zur¨¹ck, der nun im Begriff war immer mehr Feuer zu fangen. Nach einer Sekunde des ¨¹berlegens kehrte er um und kam zur¨¹ck in seine Privatbibliothek.
Menschenleben hatten immer die oberste Priorit?t. Er begab sich sogleich zu Theodor, bef?rderte ihn schleunigst mit Telekinese auf den Gang hinaus und versuchte ihn dort mit einem Heilungsritual zu retten. Es war sinnlos. Der Mann war bereits tot und keine Magie der Welt konnte die Toten zur¨¹ckbringen. Dennoch machte sich der Magier die vergebene M¨¹he, den Zauberkreis zu zeichnen. Unterdessen begannen immer mehr Diener, Wachen und andere Bewohner des Palastes hier zusammenzulaufen. Linie um Linie zeichnete der Herrscher mit gr??ter Eile, w?hrend er durch die offene T¨¹re zusehen musste, wie das Wissen, dass er all die Jahre zusammengesammelt hatte vor seinen Augen von den Flammen verschlungen wurde. Auch das Buch mit dem gr¨¹nen Einband konnte man am Schreibtisch liegend in Rauch aufgehen sehen. All die Arbeit umsonst!
Bald schon kamen die ersten Leute mit Wassereimern daher, um den Brand zu bek?mpfen, aber dieser war schon viel zu m?chtig geworden. Gleichzeitig h?rte dann auch noch abrupt der Regen auf. Diejenige, deren Emotionen ihn erzeugt hatten, war nun au?er Reichweite. Mehr und mehr breiteten sich die Flammen aus und der Befehl wurde gegeben, das Geb?ude zu evakuieren. Die Garde, gemeinsam mit der Feuerwehr w¨¹rde aber weiterhin versuchen das Feuer, so gut es nur ging, einzud?mmen. Dies war wahrhaftig ein schwarzer Tag im Leben Wenzels aber auch in der Geschichte des Landes!
1. 12 Konsequenzen
Ein neuer Morgen graute. Die Stra?en der Reichshauptstadt waren immer noch feucht von den fast schon Sintflutartigen Regenf?llen der vorangegangenen Nacht. Die gro?en Tore der Stadtgarnison schwangen offen und ein ganzes Regiment marschierte imposant daraus hervor. Die Stadt wurde abgeriegelt. Es war vermutlich schon ein wenig zu sp?t daf¨¹r, aber dennoch w¨¹rde man sich nicht nachsagen lassen wollen, dass man nicht einmal den Versuch unternommen h?tte sie zu finden.
?Habt Acht!¡°, gab der Kommandant den Befehl und alle Mann blieben sogleich in Formation stehen. ?Ich habe hier eine einfache Skizze der Person, die wir suchen. Sie soll LEBEND, wenn es auch nur irgendwie m?glich ist, festgenommen werden! Stellt euch an und schaut euch alle das Gesicht genau an. Ich will, dass ihr es euch einpr?gt. Danach werden Vierermannschaften geformt, die die Stadt durchk?mmen. Wir werden absolut alles durchsuchen, jedes Haus, jeden Keller, jeden Raum, jeden Kasten, lasst nicht eine einzige Sache aus! Wir werden jeden Hebel in Bewegung setzen, um diese Misset?terin dingfest zu machen. Habe ich mich klar ausgedr¨¹ckt?¡° ¨C ?Jawohl, Vizemarschall!¡°, gaben die Soldaten zur¨¹ck. Darauf korrigierte sie Ulrich sogleich: ?Von jetzt an hei?t das Oberster Marschall f¨¹r euch. Also, dann, auf geht¡¯s. Salutiert!¡°
Die M?nner folgten dem Befehl und stellten sich dann an, um einen Blick auf das Fahndungsplakat werfen zu k?nnen. Es war eine Dame, mit k¨¹rzeren, schwarzen Haaren und einem eher schmalen, ovalen Gesicht, die auf diesem abgebildet war. Auch wenn sie in dieser Darstellung noch wesentlich weniger Falten hatte, als es tats?chlich schon der Fall war, so konnte man sehr klar erkennen, dass dies Petra Vogt sein sollte. Ja, die Dame w¨¹rde nun in der ganzen Stadt und demn?chst schon im ganzen Reich gesucht werden. Der Kaiser hatte dies befohlen, da sie ihm zufolge hinter den Ereignissen der letzten Nacht stand. Viele Bewohner Meglarsbrucks waren noch nicht einmal aus den Betten und hatten von den dramatischen Geschehnissen der letzten Stunden noch nichts erfahren.
Es war ein f¨¹r Viele ersch¨¹tterndes Ereignis. Der Melgarionenpalast, der selbst die Heilige Revolution unbeschadet ¨¹berstanden hatte, lag nun zu gro?en Teilen in Schutt und Asche. Laut den Worten seiner Majest?t, waren Saboteure in den Komplex eingedrungen und hatten darin Feuer gelegt. ?Es waren ganz sicher wieder die Alethischen daran schuld!¡°, war, was sich die meisten im Milit?r dachten. Deren Bitterkeit ¨¹ber ihren Machtverlust als Folge der Revolution hatten sie niemals abgelegt. Das Heer war rund um die Uhr damit besch?ftigt, diesen ?ihren Platz¡° zu zeigen, doch dieser j¨¹ngste Akt der politischen Gewalt, w¨¹rde nur zu noch mehr Unterdr¨¹ckung f¨¹hren. ?Wir werden diese widerw?rtigen Ketzer zerst?ren! Sie haben es ja anscheinend auch nicht anders gewollt!¡°, sagte Ulrich, nachdem er sich in den Sattel seines Rosses geschwungen hatte. Sein Befehl hatte zwar gelautet, alle H?user ohne Diskriminierung zu durchsuchen, doch ihm selbst war einhundertprozentig bewusst, dass die Soldaten hier mit zweierlei Ma? messen w¨¹rden.
Zack! Die T¨¹r wurde gewaltsam aufgerissen, nachdem die Hausbewohner sie einen Spalt ge?ffnet hatten, um nachzusehen, wer da zu solch fr¨¹her Stunde angeklopft hatte. Gleich darauf st¨¹rmte der Trupp hinein. Generalmajor Alexander Kuhn blieb nahe der Eingangspforte stehen und musste sich als Befehlshaber hier mit den Fragen und Beschwerden der ¨¹berrumpelten Einwohner herumschlagen. ?Wir haben nichts zu verbergen. Es war v?llig unangebracht von Ihnen, meinen Sohn einfach so niederzusto?en! Es gibt rein gar nichts, was wir uns zu Schulden haben kommen lassen.¡° ¨C ?Das sagen sie alle, bis wir finden, was f¨¹r ''Leichen'' sie tats?chlich im Keller haben¡°, erwiderte der junge Mann unverbl¨¹mt und mit Unnachgiebigkeit in seiner Stimme, w?hrend er dazu auch noch die Augen verdrehte. Er hatte keinerlei Verst?ndnis oder gar Mitleid f¨¹r diese Alethischen. Sie hatten seinen Vater auf dem Gewissen! Das w¨¹rde er ihnen nie verzeihen! Das war auch der Grund, weswegen er sich sofort freiwillig gemeldet hatte, um mit der Suchaktion zu helfen.
In der Zwischenzeit durchsuchten die Soldaten das ganze Haus. Sie gingen in alle Winkel, durchst?berten den Dachboden und Keller, ja sie durchw¨¹hlten sogar alle Schr?nke und Laden. Die Dame des Hauses wollte da schon zu ihnen hingehen und ihnen etwas sagen, doch ihr Ehemann nahm sie am Arm und hielt sie davon ab einen solch t?richten Fehler zu begehen. Als sie auf ihn zur¨¹ckblickte, war ein Kopfsch¨¹tteln und ein ernster Blick alles, was er ihr gab. Sie verstand ihn schon. Hier gegen Unrecht aufzustehen, war die Sicherheit ihrer Familie zu riskieren nicht wert. Im Endeffekt konnte man nichts finden. Ein einziges ?verd?chtiges¡° Buch, konnte man unter der Stiege ausfindig machen. Dieses wurde nat¨¹rlich beschlagnahmt. Das war¡¯s. Die M?nner zogen wieder ab, ohne auch nur ein Mindestma? an Anstand zu zeigen, da sie sich nicht einmal verabschiedeten. Es ging augenblicklich weiter zum n?chsten Haus.
So zog sich der Tag nun elendslang hin. Ein paar Frauen, die dem hastig gezeichneten Fahndungsbild ?hnlich sahen, waren verhaftet worden, doch jede einzelne dieser Festgenommenen musste man als Zu-Unrecht-Beschuldigte wieder auf freien Fu? setzen. Eine gef¨¹hlte Ewigkeit sp?ter kam Alexander wieder zu seinem Mentor, zur¨¹ck, um ihm Bericht ¨¹ber den Mangel an Erfolg in ihrem Auftrag zu erteilen. Als er an ihn herannahte, sah er aber, wie sich Ulrich mit einem Mann, den er vom Aussehen her zwar kannte, welchen er aber so auf die Schnelle nicht wirklich zuteilen konnte, unterhielt. Er hatte kurze, gut gek?mmte, schwarze Haare und trug eine Brille. Seine Gew?nder waren sehr erhaben, was darauf hindeutete, dass er eine Person sehr gro?er Autorit?t war. Kleider machen Leute. In seiner Unerfahrenheit hatte Alexander jedoch noch nicht einmal den Reichskanzler an seiner doch so hervorstechenden Aufmache erkennen k?nnen.
?Die Bestattungsfeier wird selbstverst?ndlich in geb¨¹hrendem Umfang stattfinden. Man hat mich bereits ¨¹ber die Veranlassung der entsprechenden Vorbereitungen unterrichtet¡°, kam es in gew?hltester Ausdrucksform von seiner Exzellenz. Auch in Hochsprache, aber ein bisschen weniger hochgestochen sagte dann Ulrich darauf: ?Mir ist es nur leid um die Witwe, die er zur¨¹ckl?sst. Sie war nicht einmal mehr ansprechbar.¡° Mit leichtem Kopfnicken und einer k¨¹hlen Miene signalisierte ihm Peter sein Verst?ndnis, woraufhin der Milit?r fortfuhr. ?Ich habe hier leider keine Zeit mich mit solcherlei Gef¨¹hlsduseleien herumzuschlagen. Meine Aufgabe ist klar: Die Stabilit?t des Landes gew?hrleisten und Verr?ter und Attent?ter ausfindig machen und ausmerzen! Im Grunde, alles wie gehabt.¡°
Dem hatte nun der Regierungschef etwas beizuf¨¹gen. Er r¨¹ckte seinem Gespr?chspartner ein wenig mehr auf die Pelle und begann in leisem Ton zu sprechen: ?Sie haben die Position des Obersten Marschalls interimistisch inne. In der aktuellen Situation sind ihre F?higkeiten dem Reich von Nutzen. Glauben Sie aber ja nicht, dass dies bedeutet, sie k?nnten den angemessenen Prozeduren entgehen! Es gibt eine vorgeschriebene Nachr¨¹ckordnung im Heer, aber ebenso gibt es Gesetze. Und das Gesetz besagt, dass der Oberste Marschall vom Souver?n abgesegnet werden muss.¡° Der Ton in seiner Stimme war hart und feinselig.
Mit gleichfalls animosem Tonfall antwortete ihm Ulrich: ?Ich bin im Moment der Einzige hier, der in die Fu?stapfen des Helden der Revolution treten kann! Ihre politischen Spielereien interessieren mich in keiner Weise. Und ebenso werden sie das Heer nicht interessieren!¡° Der Mann war durchaus selbstbewusst, dies war kein Bluff. Eines war ihm aber trotzdem klar: Es war in den Gr¨¹ndungdokumenten des Reiches festgelegt worden, dass der Armeechef vom Kaiser berufen wurde. Selbst die Mitglieder des Reichstags w¨¹rden sich nicht erdreisten gegen jene Dokumente zu versto?en, die sie damals selbst einvernehmlich unterschrieben hatten. Der zwischenzeitliche Oberste Marschall legte es mit seinem Verhalten hier lediglich darauf an, dass er den R¨¹ckhalt des Heeres bis zur R¨¹ckkunft seiner Hoheit eindeutig zur Schau stellen konnte, um Wenzel damit scheinbar vor vollendete Tatsachen zu stellen, die diesem das Gef¨¹hl gaben, dass er dem nur zustimmen konnte, wenn er nicht noch mehr Unruhe im Land haben wollte. Nat¨¹rlich war dies alles nur Spekulation vonseiten Ulrichs. Er wusste nicht, wie genau die Dinge sich ergeben w¨¹rden oder wann seine Majest?t tats?chlich in die Hauptstadt zur¨¹ckkehren w¨¹rde.
Peter hatte eine sehr ¨¹ble Reaktion darauf. ?So viel mir zu Ohren gekommen ist, sind Sie damals der Revolution auch nur sehr sp?t beigetreten, zu einer Zeit als sich das Blatt schon sichtlich zu wenden schien. Opportunisten sind nicht diejenigen, die eine bl¨¹hende Zukunft f¨¹r ein Land garantieren k?nnen.¡° Es waren harte Worte, die dem Veteranen da an den Kopf geworfen wurden. Der Zorn, den diese wachriefen, war ihm offenkundig anzuerkennen. In dem Moment kam pl?tzlich der Sohn des Mannes, der heute Nacht zum M?rtyrer geworden war, herangeschneit. Augenblicklich entfernte sich der Reichskanzler wieder etwas von seinem Gegen¨¹ber und ?u?erte nun wieder in normaler Lautst?rke: ?Der Umzug des Hofes l?uft einwandfrei ab. Seien sie versichert, dass die Reichsgarde diese Angelegenheit im Griff hat. Nun denn, ich muss wieder von dannen ziehen. Auf ein baldiges Wiedersehen, Herr Marschall!¡° Er machte die entsprechende Abschiedsgeste und spazierte davon. Dann erst trat der ahnungslose Alexander heran, um seinen Rapport abzuliefern.
Amoroso von Alduino holte sich ein l?ngliches Objekt in der Gr??e eines Fingers aus seiner Brusttasche, steckte es sich in den Mund und z¨¹ndete es am vorderen Ende an. Er sog den Rauch dessen ein und paffte diesen dann gekonnt wieder heraus. So griesgr?mig wie er es fast immer war, stand Lucius neben diesem und starrte ihn missf?llig an. ?Verpeste mir nicht die Luft mit deinem stinkenden Zeugs hier!¡°, fauchte er den Lockenkopf ungehobelt an. Der Cousin Fulcos reagierte nur mit einem leichten Schulterzucken. Die Meinung dieses Giftzwergs scherte ihn nicht allzu sehr. Er vermutete, dass der Komplize Petras nur eifers¨¹chtig war, da er sich nicht solche Luxusg¨¹ter leisten konnte, die s¨¹ndteurer von jenseits des S¨¹dmeeres herbeigeschifft werden mussten. Mit dieser Annahme lag er falsch, aber es spielte ohnehin keine Rolle. So oder so h?tte Lucius sicher einen Grund gefunden, um seine typischerweise m¨¹rrische Laune zum Besten zu geben.
Dann erschien pl?tzlich eine verh¨¹llte Dame, die ¨¹ber die H¨¹gelkuppe herabkam. ?Na, endlich! Ich dachte schon, dass ich euch gar nicht finden w¨¹rde!¡°, verlautete diese. Auf dem R¨¹cken ihres abgemagerten Kleppers von einem Pferd kletterte sie geschwind den steilen Hang im Zick-Zack zu diesen hinab. Die beiden Herren wussten nat¨¹rlich, dass es sich bei dieser um Petra handelte. Von Alduino antwortete ihr: ?Meine Verzeihung, aber es war nicht anders m?glich. Die Stadt war bis heute abgeriegelt und ich habe erfahren, dass man Sie f¨¹r vogelfrei erkl?rt hat. Es w?re lebensm¨¹de f¨¹r Sie, unter den aktuellen Umst?nden die Hauptstadt zu betreten.¡° Darauf entgegnete die Frau sogleich: ?Was? Vogelfrei? Wirklich? Was glauben die denn, dass ich getan habe?¡° Sie blickte nun auf den Cornel und adressierte ihn unmittelbar: ?In deinem Brief hast du mir geschrieben, dass irgendetwas im Kaiserpalast passiert ist. Wieso kommt denn das Regime darauf, dass ich was damit zu tun habe? Ach, vergiss es. Sag mir lieber zuerst, was jetzt wirklich passiert ist!¡°
?Als ich die Nachricht verfasst habe, wusste ich noch nicht genau, was sich ereignet hatte. Darum konnte ich dir nur Ger¨¹chte, die ich geh?rt habe, weitergeben. Die Soldaten haben kurz darauf die Stadt abgeriegelt und intensiv nach dir, ja dir, gefahndet. Sie haben auch mir und dem, ?hhm¡¡°, er z?gerte kurz, da er sich nicht mehr seines Vornamens entsinnen konnte, ?dem Herrn von Alduino hier, einen Besuch abgestattet. Logischerweise war bei uns nichts zu finden. Sp?ter, als es mir wieder m?glich war, das Haus zu verlassen, konnte ich mir mit eigenen Augen ein Bild davon machen, was passiert war. Der Melgarionenpalast ist abgebrannt. Offenbar hat unsere Strippenzieherei bei der Prinzessin Fr¨¹chte getragen. Ich wei?, dass sie diejenige ist, die dies verursacht hat.¡°
Als Petra dies vernahm, brach sie in geradezu extatische Freude aus. Ihr resultierendes Gel?chter war schrill und f¨¹r die beiden, die diesem beiwohnten, befremdlich. Sie sagten aber nichts dazu. In ihrer ¨¹berschw?nglich guten Laune ging jeglich kritische Betrachtung der fragw¨¹rdigen Geschichte, die ihr Mitverschw?rer ihr aufgetischt hatte, unter. Wie hatte er den Brief an sie schicken k?nnen, BEVOR ein Verlassen der Stadt verunm?glicht wurde? Wieso wusste Lucius w?hrend des Zu-Papier-Bringens dessen noch nicht, dass der Palast zerst?rt worden war, obwohl ihm gleichzeitig die Tatsache, dass Viktoria die T?terin gewesen war, augenblicklich einleuchtete? Solcherlei Diskrepanzen schwappte nun der Rausch, den das Entz¨¹cken der Dame ¨¹ber dieses Ereignis erzeugt hatte, hinfort.
Schlie?lich kam ihr aber ein einziger n¨¹chterner Gedanke: ?Wo ist Achaz?¡° Unverz¨¹glich erwiderte ihr angeblicher Verb¨¹ndeter darauf: ?Er ist mit mir in die Metropole gekommen, weil wir die junge Hexerin ¨¹berzeugen konnten, gegen ihren Vater vorzugehen. Aber es hat sich ein gro?er Auflauf an Menschen gebildet und unter all dem Bohei und Tumult, habe ich ihn leider verloren. Ich bin mir sicher, dass er irgendwo bei seiner, ?hem, Freundin ist. Wir werden ihn schon finden.¡° Unglaublicherweise kaufte ihm Petra diese Erkl?rung ohne Weiteres ab.
Einstweilen stand Amoroso nur daneben und lauschte den Zweien kommentarlos. Er hatte den Burschen, von dem sie redeten, niemals zu Gesicht bekommen, hatte aber offenbar nicht genug Interesse an dieser Angelegenheit, um etwas diesbez¨¹glich zu kommentieren. Innerlich lachte der hinterlistige Mann, der als Einziger wusste, was tats?chlich mit Achaz geschehen war, sich dar¨¹ber kaputt. ?Die machen es mir zu einfach!¡°, dachte er sich. ?Wohl denn, was sollten wir denn als N?chstes machen?¡°, fragte er dann. Petra sagte dazu: ?Der Plan muss fortgesetzt werden, genauso wie wir es vorbereitet haben. Der n?chste Schritt ist es unsere Truppen in Camenia zu sammeln und nach Ordanien zu f¨¹hren.¡°
Dies veranlasste schlie?lich doch eine Frage des Herrn von Alduino: ?Ich vermute, dass der Kaiser noch am Leben ist. Spielt dessen Zustand denn gar keine Rolle f¨¹r eure Pl?ne?¡° Dem entgegnete Lucius: ?Ja und nein. Wir k?nnen diesen nicht ausschalten, nur seine adoptierte Tochter kann das. Und ich gehe davon aus, dass sie das auch tun wird. Wir konzentrieren uns unterdessen darauf, wozu wir f?hig sind, n?mlich der Einf¨¹hrung einer neuen, alethischen Kampftruppe, die unsere Interessen in Ordanien durchsetzen wird.¡° ¨C ?Das war ohnehin der Plan.¡°, warf Petra nun ein und fuhr fort, ?Achaz ist auch in diesen eingeweiht. Er wei?, wo das Lager der Lanzknechte ist. Wenn wir dort hingehen, wird er uns schon finden.¡°
Diese Gedankenfolge passte Cornel sehr in den Kram. Daher pflichtete er ihr bei und f¨¹gte noch hinzu: ?Der Junge ist gut, was die Orientierung angeht. Ich bin ¨¹berzeugt davon, dass er uns ausfindig machen wird. Vorausgesetzt, er ist bei dem M?dchen, gibt es sogar noch weniger Grund zur Sorge. Auch wenn er nicht gleich bei uns erscheint, so wei? er zumindest, wo er uns finden kann.¡°
Petra war sich der Niedertracht in diesen Worten nicht bewusst. Dennoch war ihre scheinbar vollkommene Sorglosigkeit um ihr eigen Fleisch und Blut doch ein wenig ¨¹berraschend f¨¹r Lucius. Sie pflichtete ihm bei all dem einfach bei und dr?ngte sogar selbst darauf, so schnell wie m?glich mit Etzel zu kongregieren und ohne Aufschub mit ihren Vorhaben fortzufahren. ?Macht Sinn¡°, vermerkte der Mann da und tischte ihr dann das Argument auf, mit dem er eigentlich beabsichtig h?tte, sie zum Abzug Richtung S¨¹den zu bewegen. ?Da sehr bald schon Steckbriefe von dir hier ¨¹berall zu finden sein werden, ist es wohl sowieso eher ratsam, uns au?er Landes zu begeben.¡°
Somit war es einstimmig beschlossen. Sie zogen nach Camenia und von dort aus w¨¹rden sie dann das Reich noch weiter zu destabilisieren beginnen. Chaos war bereits ges?t. Offensichtlich war Lucius seine diabolische List gegl¨¹ckt, ohne dass er davon Schaden genommen hatte. Es war ein Meisterstreich, von dem nie jemand erfahren w¨¹rde oder durfte.
Der kaiserliche Tross schob sich vorw?rts, vorbei an weiten Feldern auf sanften H¨¹geln. Der Wind trug den Ruf des M?usebussards heran. Gem?chlich trabten die Pferde voran, w?hrend die M?nner, die auf diesen sa?en, geradezu Sturzb?che aufgrund der hochsommerlichen Hitze und ihrer dicken R¨¹stungen und W?mser hinausschwitzten. ?Wo ist denn Paul?¡°, erkundigte sich einer der Gardisten da bei seinem Kollegen. Dieser antwortete: ?Der ist in der Vorhut eingeteilt. Seine Hoheit hat sie vorausgeschickt, um Greifenburg schon mal vorab abzuschotten und abzusichern.¡° ¨C ?Ah, verstehe¡°, gab der Typ, welcher offenbar nicht gut bei dem, was passiert war, aufgepasst hatte, zur¨¹ck.
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Der Kerl, der neben ihm ritt, sagte dann noch: ?Was ich mitbekommen habe, sind Botenv?gel ins ganze Reich ausgeschickt worden, um ¨¹berall Razzien zu beginnen. Anscheinend geht es hier prim?r um eine einzige Person.¡° ¨C ?Kling ziemlich ¨¹berzogen, wenn du mich fragst¡°, erwiderte sein Gegen¨¹ber darauf. Dem konterte aber der andere sofort: ?Aber ¨¹berhaupt nicht! Hast du gesehen, was mit dem Kaiserpalast passiert ist, Junge! Seine Majest?t hat hier auf jeden Fall recht!¡° Der Adressierte konnte hier nur zustimmen. In ihrer Vorstellung war es gar nicht m?glich, dass der Erkorene Unrecht haben konnte. Aufgrund dieser ?falschen¡° Gedanken, die ihm soeben gekommen waren, w¨¹rde der Mann sich nun noch eine Zeit lang fertig machen. Zweifel an seiner Heiligkeit war eine S¨¹nde!
Derweilen befand sich das Kaiserpaar in seinem Wagen, umringt von einer gr??eren Anzahl an Wachen, als es sonst der Fall war. Amalie blickte schon seit einiger Zeit aus dem Fenster, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Still betrachtete sie nur die langsam an ihr vorbeiziehende Landschaft. Ihre Tochter war alles, woran sie im Moment denken konnte. Besorgt, warf ihr Gemahl einen genauen Blick her¨¹ber auf ihr entkr?ftet aussehendes Gesicht. Sie machte keine sch?ne Visage, war jedoch angesichts der Umst?nde noch relativ gefasst. Auch Wenzel war nerv?s, aber nicht ann?hernd so ersch¨¹ttert wie es sein Schatz war. Im Krieg hatte er schon weit schlimmere Sachen gesehen und miterlebt. Wenn er sich an den Anblick der unz?hligen leblosen K?rper, die ¨¹ber das Schlachtfeld vor Greifenburg verstreut gelegen waren, zur¨¹ckerinnerte, wurde ihm nur wieder der Grund f¨¹r seine Abstumpfung bewusst. Dennoch war er innerlich ¨¹beraus besorgt um Viktoria, daran war kein Zweifel. Schreckliche Dinge, die jemand Fremdem geschahen, mitzubekommen, war eine Sache, die eigene Familie war jedoch eine ganz andere. Immer wieder begannen seine H?nde unaufgefordert zu zittern. ?Hmm. Vielleicht ist da noch viel mehr an Emotionalit?t in mir ¨¹brig als ich mir selbst glauben machen will¡°, ging es ihm da durch den Kopf. ?Nein. Ich kann hier nicht schw?cheln! Ich bin derjenige der hier stark und fokussiert bleiben muss!¡°
Schlie?lich sprach er seine Frau wieder an: ?Ich habe bereits meine Anweisungen ausgegeben, dass im Falle meines Ablebens du Regentin werden w¨¹rdest und die Rolle einen neuen Kaiser zu finden an die Reichsgarde fallen w¨¹rde.¡° Amalie antwortete ihm nur mit einem leisen: ?Mhm.¡° Sie verstand sehr wohl, dass dies Zeugnis seines gro?en Misstrauens gegen¨¹ber dem Heer und dem Reichsrat war. Nur seinen treuesten Untergebenen vertraute er tats?chlich einen w¨¹rdigen Nachfolger, sprich eine Person mit magischen Kr?ften, zu finden. Dies insinuierte nat¨¹rlich, dass Viktoria nicht mehr als Nachfolgerin gesehen wurde, was noch niemand entschieden hatte, selbst Wenzel nicht. Dennoch fra? sich dieser schreckliche Gedanke nun in Amalies Bewusstsein hinein. Ihr Mann fuhr einstweilen fort:
?So viel ist schief gegangen. Ich glaube, dass es eines neuen Systems bedarf, um Magier k¨¹nftig in das Gesellschafts- und Machtsystem zu integrieren. Ich wei? aber wirklich nicht wie. Das Land und die Denkweise seiner Einwohner sind so widerspr¨¹chlich. Einerseits wird der Herrscher verehrt, ja von einigen schon fast verg?ttlicht, andererseits sieht man Kinder, die anders als der Rest sind als vom Teufel besessen an und l?sst diese verschwinden. Wie kann ich das nur hinkriegen?¡° Er seufzte kurz und blickte hin¨¹ber auf seine Liebste, die ihm nun aufmerksam zuh?rte. Dann sprach er: ?Wie nur kann ich Viktoria helfen? Was genau habe ich falsch gemacht? War ich zu streng?¡°
Jetzt begann eine einzelne Tr?ne die Wange seiner Ehefrau hinunterzulaufen und er nahm sie zu sich. ?Es ist ganz sicher nicht deine Schuld, glaub es mir¡°, gab sie weinerlich heraus. ?Sie hat sich nur von diesen Schurken hinters Licht f¨¹hren lassen. Je fr¨¹her wir sie finden, desto besser. Ich will, dass du die Verr?terin und ihren Sohn vernichtest! Damals ist sie entkommen und sieh was f¨¹r einen Schaden das angerichtet hat!¡° Es waren au?ergew?hnlich ruchlose Worte, die seine Gemahlin da von sich gab, aber der Kaiser wusste, dass sie die mit diesen recht hatte. Der Junge und seine Mutter, also die Verr?terin und ihr Nachwuchs, steckten hinter Viktorias unfassbaren Taten. Sie hatten ihre Tochter manipuliert und er w¨¹rde daf¨¹r sorgen m¨¹ssen, dass sie den ultimativen Preis daf¨¹r zahlten!
?Ich verspreche es¡°, erwiderte Wenzel ihr. ?Dieses Mistst¨¹ck und ihren Abk?mmling werde ich finden und beseitigen!¡° F¨¹r beide Eheleute war klar, dass ihre Kleine nur bei diesen beiden sein konnte. Wenn sie die Vogts f?nden, f?nden sie auch Viktoria. Beide lehnten sich danach wieder schweigsam zur¨¹ck und lie?en ein wenig die Zeit dahinflie?en, w?hrend der Wagen weiterzuckelte.
Amalie entsinnte sich ihrer Freundin Flora, die nicht Teil des Hofstaats war und sie deshalb nicht beim Umzug begleitete. Ebenso schweiften ihre Gedanken hin¨¹ber zu Irnfrid. Diese war auch zur¨¹ckgeblieben, erstens um der Bestattung ihres Mannes beizuwohnen, aber zweitens auch weil sie wirklich momentan nicht imstande war, eine Reise anzutreten. Die Kaisergattin hatte die Dame immer als recht hart im Nehmen betrachtet, doch der Zustand, in dem sie sie nach dem Vorfall gesehen hatte, hatte auch bei Amalie gro?e Sorge um sie hervorgerufen. Sie w¨¹rde schon dar¨¹ber hinwegkommen, da war sie sich sicher. Immerhin hatte Irnfrid ja noch ihre restliche Familie. Nichtsdestotrotz w¨¹rde sie mit ihr in absehbarer Zeit ¨¹ber die Ereignisse ein intimes Gespr?ch f¨¹hren m¨¹ssen. Das alles war nur ein furchtbarer Unfall gewesen, so hatte es ihr Ehemann ihr jedenfalls erz?hlt. Und das hatte er sich garantiert nicht ausgedacht.
Unterdessen br¨¹tete Wenzel neben seiner Liebsten ¨¹ber etwas anderes. Als ihn Viktoria wahnwitzigerweise attackiert hatte, hatte sie etwas gemacht, das er noch nie zuvor gesehen oder gar geh?rt hatte. Sie hatte einen Blitz erzeugt. Er wurde dadurch nur wieder daran erinnert, wie wenig er eigentlich ¨¹ber Magie wusste. Der Verlust seiner vielj?hrigen Arbeit schmerzte ihn sehr, aber er w¨¹rde dar¨¹ber hinwegkommen. Viktoria war nun die Priorit?t f¨¹r ihn. Dennoch, die Stellung ihrer Finger ging ihm nicht mehr so schnell aus dem Kopf. Es war sicher wieder ein weiterer Aspekt der Kunst der Zauberei, den er einfach noch nicht begriff. Das M?dchen hatte von selbst eine neue Anwendung von Magie entdeckt. Diese hatte nicht einzig die riesigen Manareserven, welche die Zaubrerin besa?, zur Ursache. Nein, die Fingerstellung, m?glicherweise sogar die K?rperhaltung spielten garantiert auch eine Rolle dabei. Au?erdem hatte er in seinem gef¨¹hlt letzten Moment auf Erden auch ein Abbild Melgars vor sich gesehen. Was es wohl damit auf sich hatte?
Ihre Brust war schwer wie ein M¨¹hlstein. Immer wieder krampfte sie sich zusammen, so lange bis ihre Glieder aus Ersch?pfung nachgaben. Von einem tr?nendurchn?ssten Kopfpolster schaute sie ein wenig auf. Neben ihr sah sie da ihre von Staub bedeckte, alte Kommode an. Der restliche Raum war auch schmutzig und ein Mief hing in der Luft. Wie lange hatte sie nun schon in ihr Kissen geweint? Sie wusste es nicht. Vermutlich Stunden. Irgendwie wurde der Schmerz nicht besser. Drau?en herrschte Regenwetter. Das war auch ihre Schuld, denn sie konnte sich nicht beherrschen. Sie konnte ihre Emotionen nicht in Zaum halten, so wie es ihr Adoptivvater ihr immer und immer wieder versucht hatte einzuh?mmern.
Ein klein wenig wurden ihre Gedanken nun wieder klarer. Dadurch erinnerte sie sich aber nur wieder zur¨¹ck an das Geschehene. Es war so schrecklich! Wie hatte Wenzel das nur tun k?nnen! Augenblicklich begannen ihr wieder Tr?nen herunterzulaufen. Sie begrub ihr Gesicht erneut in ihrem Polster und fing an bitterlich zu weinen und zu schluchzen. So viel hatte sie schon geweint, dass sie eigentlich gar kein Wasser mehr zu entbehren haben sollte, und doch heulte sie weiter und weiter. Es war ihr in diesem Zustand unm?glich auch nur einen einzigen vern¨¹nftigen Gedanken zu fassen. Alles schwamm f¨¹r sie nur so dahin.
Schlie?lich klopfte es aber an der T¨¹r. ?Geht es dir schon etwas besser?¡°, erkundigte sich ihre leibliche Mutter in besorgtem Ton. Wie fr¨¹her auch immer trug sie ein Kopftuch und sehr bescheidene Kleidung, auf der Blumen aufgestickt waren. ?Nein. Geh wieder weg!¡°, murmelte sie gerade noch h?rbar aus ihrem Kissen hervor. Gertrudes Mundwinkel senkten sich da nach unten. Sie erwiderte: ?Ich wei? auch nicht was mit dir los ist. Irgendetwas Schlimmes muss aber passiert sein, sonst w?rst du nicht hier. Wenn du nicht mit mir redest, kann ich dir auch nicht helfen.¡° Es kam nichts von der Betr¨¹bten zur¨¹ck. Die Dame machte sich nun wirklich Sorgen deswegen. In all den Jahren hatte sie sie nur ein einziges Mal besucht. Jetzt war sie wie aus dem Nichts dahergekommen und verkroch sich nur flennend in ihrem ehemaligen Zimmer.
?Na dann, heul halt weiter¡°, kommentierte sie schlie?lich schroff und verschwand wieder. Nachdem sie die T¨¹r ins Schloss fallen geh?rt hatte, schaute Viktoria kurz zu dieser hin¨¹ber. Auf dem kleinen K?stchen neben dem Eingang waren frische Klamotten f¨¹r sie hingelegt worden. Sie wusste momentan nicht genau, wie sie mit dem umgehen sollte. Offenbar liebten ihre Eltern sie immer noch. ?So sehr man es halt als Liebe bezeichnen kann, wenn man sein eigenes Kind im Austausch f¨¹r die Entlassung aus der Leibeigenschaft verkauft!¡°, dachte sich das M?dchen da zynisch. Sie legte sich wieder hin.
Nichts als Verzweiflung war in ihr. Was sollte sie jetzt tun. Sie konnte nicht mehr zur¨¹ck in den Palast. Aber bei ihren echten Eltern konnte und wollte sie auch nicht bleiben. Ihr Adoptivvater w¨¹rde sie sicher bald suchen. Sie musste es tunlichst vermeiden gefunden zu werden. Wohin also? Sie hatte keine Ahnung. Die Dinge, die geschehen waren, spielten sich in ihrem Kopf wieder und wieder, wie in einer Endlosschleife ab. ?Ein paar Tage hierzubleiben wird schon gehen¡°, meinte sie schlie?lich. Nur f¨¹r ein paar wenige Tage. Ich brauche Zeit, um mir zu ¨¹berlegen, was ich mache. Starr blickte sie nun auf die Decke hinauf. Ihre ganze Welt war jetzt zusammengebrochen. Sie stand vor dem Nichts, und das jagte ihr gro?e Angst ein.
Etwas sp?ter lie? sich die Zaubrerin dann doch endlich wieder blicken. Beim Herabstieg ¨¹ber die knarzende Holztreppe, sah sie Hans und Gertrude beim Essen sitzen. Die zwei schauten nur kurz auf, als sie die Schritte des M?dchens h?rten. Sofort fiel auf, dass Viktoria das Kleid angezogen hatte, das ihr ihre Mutter vorhin gebracht hatte. Die Dame stand kurz auf, um der Jugendlichen auch ein wenig von dem Gericht, welches offenbar irgendeine Art Bohneneintopf war, in einen Teller zu geben. Dann stellte sie ihr diesen hin. In minimaler Lautst?rke brachte ihre Tochter ein ?Danke¡° hervor. Sie starrte das Essen nur an und a? nichts davon. Dann lie? sie ihren Blick zu ihren leiblichen Eltern wandern. Beide waren sie merklich ?lter geworden. Sie waren noch nicht wirklich alt, in Viktorias Augen jedoch schon.
Nach einiger Zeit der Stille fragte sie ihr Vater schlie?lich: ?Und hast du dich jetzt beruhigt? Geht es jetzt schon?¡° Seiner barschen ?u?erung entgegnete die Teenagerin nur mit einem Kopfsch¨¹tteln. Letztlich machte sie dann aber doch den Mund auf: ?Ich will nicht dar¨¹ber reden, was passiert ist. Keine Angst, ich werde euch nicht lange behelligen. Sp?testens in ein paar Tagen bin ich schon wieder weg von hier.¡° Die Ehepartner schauten sich daraufhin beide an. Ihre Mutter setzte gerade dazu an etwas zu sagen, da unterbrach sie das M?dchen. ?Danke f¨¹r die frische Kleidung. Das war sehr aufmerksam von dir.¡° Daraufhin stutzte Gertrude. Solche Demut und H?flichkeit war sie von ihrer Kleinen nicht gewohnt. ?Deine Zeit im Kaiserpalast hat dich sehr ver?ndert¡°, musste sie somit vermerken. Viktoria antwortete mit einem schmerzgeplagten Gesichtsausdruck. Was war nur los mit der Kleinen?
?Wenn sie dir erlaubt haben einige Tage hier zu bleiben, kannst du vielleicht mal bei Isolde vorbeischauen. Sie freut sich sicher, dich nach all der langen Zeit mal wieder zu sehen¡°, gab der Mann am Tisch da zum Besten. Fast schon schamhaft presste die Prinzessin da ihre Lippen zusammen. ?Nein! Ich will niemanden sehen!¡°, bellte sie ihn dann an. Dem folgte wieder Schweigen. Ein Anflug von Ungemach war in Hans Gesicht zu erkennen und er sagte: ?Wie du willst. Die Nachbarn haben auf jeden Fall mitbekommen, dass du auf Besuch bist.¡°
Nachdem das P?rchen aufgegessen hatte, sah es, dass Viktoria ihr Essen noch nicht einmal anger¨¹hrt hatte. ?Willst du denn gar nichts essen?¡°, erkundigte sich der Vater da. ?Ich hab keinen Hunger¡°, kam es kurz und knapp zur¨¹ck. Dann wollte sie aber noch etwas in Erfahrung bringen. ?Wie geht es euch denn so? Was hat sich in den letzten Jahren so getan?¡° Es war die erste Frage, die Gertrude zu erfreuen schien. ?Uns geht es gut, so im Gro?en und Ganzen.¡° Mit heiterer Stimmung erz?hlte sie ihr folglich, was im Dorf so alles passiert war und was sie am Hof gemacht und umgebaut hatten. Noch nie hatte sich das M?dchen f¨¹r die beiden interessiert oder ihnen so lange zugeh?rt. Von sich selbst erz?hlte sie zwar immer noch nichts, aber es war klar f¨¹r die Zwei, dass sie auf irgendeine Weise ihre N?he suchte. Danach verkroch sie sich aber wieder in ihre ?H?hle¡° und legte sich schlafen. Langsam begann der Regen abzunehmen.
Es war ein lauer Morgen und die ganze Reisegesellschaft war schon seit kurz vor Sonnenaufgang wieder unterwegs. Sie hatten schon Freistadt passiert und n?herten sich langsam dem Kascharenland an. In der Ferne konnte man bereits die ber¨¹hmten Finger der ?Hand des Riesen¡° ersp?hen. Es w¨¹rde nicht mehr lange dauern, dann w¨¹rden sie in ihrer alten Heimat sein. Schon jetzt bildeten sich manche ein, dass ihnen der Geruch vom Salz der Ge?chtetenpfann in die Nase stieg.
Inmitten seiner Sippe ritt einer ihrer wichtigsten, wenn nicht gar der wichtigste ihrer Vertreter: Ferenc. In einer einfachen Lederr¨¹stung ohne viel Trara, sprich ohne die Aufmache der Reichsgarde, die er all die Jahre immer am Leib getragen hatte, sa? er zu Pferde und trabte mit den Seinen voran und seiner Heimat entgegen. F¨¹r ihn waren die Jahre der wilden Abenteuer und der gro?en Ereignisse nun vorbei. Er w¨¹rde sich dort, wo er herstammte, in den Ruhestand begeben und sich nur noch dem Privaten widmen. ¡..Zumindest dachte er sich das!
In Windeseile und mit einer Hast, als ob ihn der Tod h?chstpers?nlich verfolgen w¨¹rde, brauste auf einmal ein Bote daher. Es war ein d¨¹rrer, hochgewachsener Jungspund mit br¨¹nettem Haar. ?Der Befehlshaber der Reichsgarde! Ich suche den Befehlshaber der Reichsgarde!¡°, verlautbarte er. Der langb?rtige Kaschare in Frage wandte sich um und kam an diesen heran. ?Du meinst den Ehemaligen. Und dieser steht vor dir. Was gibt es, Bursche?¡°, ?u?erte er in etwas fadem Ton. Was er nun h?ren w¨¹rde, weckte ihn aber sogleich aus seinem Stupor und brachte ihn dazu sofort die Ohren zu spitzen.
?Es hat einen ¨¹berfall auf den Melgarionenpalast gegeben! Der gr??ere Teil dessen ist abgebrannt. Es herrscht gro?er Aufruhr in der Hauptstadt und der Hofstaat ist einstweilen sicherheitshalber nach Greifenburg umgezogen.¡° Ein l?hmender Schock ging durch die Menge der Anwesenden. Viele der ebenso b?rtigen Sippschaft Ferencs blieb augenblicklich die Luft weg. Der alte Gef?hrte des Erkorenen reagierte aber sogleich und erkundigte sich: ?Sind alle Mitglieder des kaiserlichen Haushalts sicher?¡° Einen kurzen Moment schien der ¨¹berbringer dieser schlechten Kunde ¨¹berfordert mit der Frage zu sein. Schlie?lich gab er aber zur¨¹ck: ?Laut meinen Informationen ist das Kaiserhaus unversehrt und in Sicherheit. Allerdings kann ich das nicht f¨¹r alle wichtigen M?nner im Reich ebenso sagen. Der Oberste Marschall ist bei dem Angriff zum M?rtyrer geworden.¡°
Als er dies vernahm riss Ferenc seine Augen weit auf. Es dauerte ein paar Minuten, bis man solch ¨¹ble Kunde verdaut hatte. W?hrend der junge Mann nebenbei stand und wartete besprachen sich der Veteran und seine Verwandten und Familienmitglieder. Es dauerte nicht lange, dann adressierte er ihn auch schon wieder: ?Du kannst gleich umkehren und nach Meglarsbruck zur¨¹ckreiten, Bursche. Sieh zu, dass du dich beeilst, sonst hol ich dich noch auf dem Weg dorthin ein! Kurzerhand hatte er einfach beschlossen, dass er wohl noch nicht ruhigen Herzens in Ruhestand gehen konnte. Das Heilige Reich ben?tigte seine Dienste noch. Die Gruppe machte kehrt und begab sich wieder zur¨¹ck in die Hauptstadt.
Hin und her w?lzte er sich. Es war ein ungewohntes Bett, dessen Matratze und Kopfpolster anders waren und sich auch anders anf¨¹hlten. Mit aller Macht versuchte er die Augen geschlossen zu halten, und das, obwohl er ¨¹berhaupt nicht einschlafen konnte. Die unvertraute Umgebung des Greifenburger Palastes, ebenso wie seine nicht aufh?ren wollenden Sorgen um Viktoria verunm?glichten ihm das Einschlafen. Wieder und wieder rollte er sich von rechts nach links, von links nach rechts. Fast schon glaubte er, dass er bis zum Anbruch des neuen Tages nicht einmal das kleinste bisschen Schlaf bekommen w¨¹rde. Irgendwann entschwand er aber dann doch endlich in die Welt der Tr?ume.
Entlang eines schmalen Pfades unter offenem Himmel spazierte ein einzelner Mann. Es schien sich um eine sehr skurrile Type zu handeln. Sein K?rper hatte eine fast schon groteske, runde, plumpe Gestalt, welche an die Form eines Apfels erinnerte. Er hatte mittellange, blonde Haare und ein pralles, vor Freude strahlendes Gesicht, mit roten Wangen. Seine Kleidung war ein Fleckenteppich aus unterschiedlichsten Stoffresten mit verschiedensten Mustern zu sein, die er offenbar einfach irgendwie provisorisch zusammengen?ht hatte. Wer in aller Welt war dieser seltsame Zeigenosse? In seiner rechten Hand hielt er die Z¨¹gel eines Esels, der neben ihm stand. Die Decke, die auf dem R¨¹cken des Tieres aufgelegt war, lie? darauf schlie?en, dass es sein Reittier war. Momentan ritt er aber nicht, sondern unterhielt sich mit einem Mann, der kurze, braune Haare hatte und einen langen Mantel trug. Sein Gesicht konnte Wenzel, als ?u?erer Beobachter, nicht sehen, da ihm nur sein R¨¹cken zugekehrt war. Was die beiden besprachen, konnte er auch kaum vernehmen.
?¡.besonders. Wir alle sind das auf die eine oder andere Weise¡°, war der kleine Ausschnitt, den er h?ren konnte, bevor der Wind wieder zu stark wurde und dessen Worte ¨¹bert?nte. Nachdem er noch ein paar weitere Dinge gesagt hatte, gab er ein herzerw?rmendes Lachen von sich. Fr?hlich deutete er ihm mit einer Geste Lebwohl. Damit endete die seltsame Vision. Es war wieder einmal eine jener, die besonders bizarr und kaum interpretierbar waren.
1.13 Ein neuer Heerf眉hrer
Der Sonnenschein fiel beim Fenster herein und seine warmen Strahlen trafen direkt auf Viktorias Gesicht. Sie regte sich und drehte sich anf?nglich weg. Vor ihr spielten sich die Tr?ume nochmals ab, die sie heute Nacht gesehen hatte. Sie war am Dorfteich gewesen. Im Traum war es allerdings finster gewesen, und keine Enten, die man f¨¹ttern h?tte k?nnen, waren da. Oft war sie an diesem Ort, als sie noch klein war, baden gegangen. Au?erdem hatte sie von ein paar ihrer Nachbarh?usern, also allen aus Althain, getr?umt. Und sie hatte sogar die gro?e M¨¹hle, welche ihr als Kind immer so imponiert hatte, wiedergesehen. Es war ein sehr bekanntes Wahrzeichen der gesamten Gegend hier, welches im Nachbarort Zieslingen stand. Es hatte im Traum fast genauso ausgesehen, wie sie es in Erinnerung hatte.
Dann ?ffnete sie endlich ihre Augen und raffte sich gleich danach auf. In der Nacht hatte es bereits deutlich abgek¨¹hlt, ein Zeichen, dass es mittlerweile Sp?tsommer war. Sie ging hin¨¹ber und ?ffnete beide Fensterfl¨¹gel. Dann blickte sie kurz hinunter auf die Wiese hinterm Haus. In all den Jahren hatte sich hier kaum etwas ver?ndert. Der uralte, riesige Elsbeerbaum, dessen Bl?tter sie von hier aus mit ausgestrecktem Arm beinah schon ber¨¹hren konnte, sah noch punktgenau so aus, wie in ihren Erinnerungen. V?llig blank starrte sie auf die Blumenwiese und entsinnte sich ihrer Kindheit, die ihr jetzt schon wieder fern vorkam. Als sie hier das Stockspiel gespielt hatten und die anderen Kinder von ihren Eltern weggezerrt worden waren, da sie Viktoria als ?verflucht¡° ansahen¡. Es hatte ihr wehgetan. Einzig Isolde hatte sie nie verurteilt und sie trotz allem als Freundin gesehen. ?Vielleicht sollte ich ihr doch einmal einen Besuch abstatten¡°, ging es ihr da durch den Kopf. Nachdem sie auf diese Weise in der Vergangenheit geschwelgt hatte, drehte sie sich um und ging die Treppe hinab.
Wie sie vermutet hatte, waren ihre Eltern bereits l?ngst auf. Hans war schon dabei sich auf die heutige Arbeit vorzubereiten. Als er Viktorias Pr?senz bemerkte, starrte er sie kurz aus seinen tiefen, gr¨¹nen Augen heraus an. Er musterte sie von oben bis unten, nur um sich dann wortlos abzuwenden und in Richtung der T¨¹r zu gehen. Auf dem Weg dorthin machte er aber abrupt Halt und sprach zu seiner Frau: ?Die Teppiche sind auch schon recht verdreckt. Du solltest sie vielleicht mal wieder putzen.¡° Dieser Wortlaut schien seiner Ehefrau gewaltig zu missfallen und sie schnauzte ihn an. ?Sag mir nicht, was ich hier zu tun und lassen habe! Mach mal lieber, dass du Anschaffen gehst! Das Haus ist meine Zust?ndigkeit, die Felder sind deine!¡° Ein kurzes Grummeln war von diesem daraufhin zu vernehmen, dann verschwand er gleich bei der Pforte hinaus.
Gertrude winkte ihr Kind sogleich zum Tisch herbei. ?Komm, iss etwas!¡° Das M?dchen kam dem nach und setzte sich an den kleinen, alten Tisch, auf den ihr ihre Mutter folglich einen Teller mit einem St¨¹ck Brot und Butter servierte. ?Danke!¡°, ?u?erte die Kleine immer noch recht verhalten. ?Du bist immer so aufmerksam, und das obwohl ich nur ein paar wenige Tage bei euch sein werde.¡° ¨C ?Ach, komm schon! Du bist meine Tochter und wirst es auch immer bleiben, egal was passiert¡°, gab die Dame da zur¨¹ck. Sie war sich nicht im Klaren, wie sehr sie Viktoria damit mitten ins Herz treffen w¨¹rde. Als sie kurz darauf die Reaktion ihrer Kleinen bemerkte, verstummte sie kurz. Dann wechselte sie das Thema.
?Der viele Regen hat endlich aufgeh?rt. Zum Gl¨¹ck. Ich dachte schon, dass wir hier bald Land unter haben w¨¹rden.¡° Nach kurzer ¨¹berlegung erwiderte Viktoria darauf: ?Das war allein meine Schuld. Meine Gef¨¹hle k?nnen solche Ph?nomene erzeugen.¡° Das schien ihre Mutter ein wenig zu ¨¹berraschen. ?Wenn ich meine Gef¨¹hle besser unter Kontrolle h?tte, w?re das nicht passiert. Tut mir leid.¡° ¨C ?Bei mir musst du dich daf¨¹r nicht entschuldigen. Ich bin nur froh, dass es dir jetzt besser geht.¡° Die Frau pausierte dann kurz und ¨¹berlegte, ob sie die Jugendliche befragen sollte, was denn passiert war. Sie entschied sich dann aber dagegen. Sie dachte sich, dass sich die Kleine ihr gegen¨¹ber schon noch ?ffnen w¨¹rde, wenn sie selbst dazu bereit war.
Somit sprach sie ein anderes Vorkommnis an. ?Wei?t du, es ist wirklich ¨¹berraschend.¡° ¨C ?Was?¡° ¨C ?Erst letzte Nacht hat der Regen aufgeh?rt, aber genau in dieser Nacht ist in Zieslingen ein Feuer ausgebrochen.¡° Dies weckte nun Viktorias Aufmerksamkeit und sie wollte nun mehr dar¨¹ber wissen. ?Wirklich? Was ist denn abgebrannt?¡° ¨C ?Die alte M¨¹hle. Von allen Dingen, die in Flammen aufgehen h?tten k?nnen, war es gerade das Wahrzeichen der Gegend. Naja, was soll man machen.¡° Diese Enth¨¹llung verschreckte und verwirrte die Zaubrerin nun. Sie h?rte kurz auf zu essen und zog sich in ihre Gedanken zur¨¹ck. ?Von der M¨¹hle hab ich letzte Nacht getr?umt. K?nnte ich tats?chlich dort gewesen sein? Fr¨¹her kam es immer wieder vor, dass ich im Schlaf irgendwo herumgewandert bin, so als ob ich besessen gewesen w?re. K?nnte ich das gewesen sein?¡° Die Wahrheit verleugnend, sch¨¹ttelte das Kind den Kopf, was ihr karmesinrotes Haar hin- und herfliegen lie?, w?hrend ihre Mutter sie etwas besorgt anblickte.
?Ist alles okay, Viktoria?¡°, fragte sie nach. ?Ja, alles in Ordnung¡°, gab die Kleine zur¨¹ck. Dann erg?nzte sie noch: ?Ich werde dann wieder in mein Zimmer raufgehen. Danke, f¨¹r deine liebevolle F¨¹rsorge um mich. Aber ich brauche einfach Zeit f¨¹r mich allein. Das ist alles.¡° Dem entgegnete die Dame: ?Ist schon okay. Du wei?t, dass wir dich lieben.¡° Das kleine L?cheln, dass dann auf ihren Lippen folgte, lie? dem M?dchen ein wenig das Herz erweichen. Sie verzehrte noch den Rest ihres Fr¨¹hst¨¹cks und verkr¨¹melte sich dann wieder in ihrem Raum im Obergescho?.
Ein Botenvogel aus der Kaiserstadt traf ein. Balduin hatte gerade eben sein morgendliches Gebet beendet, da klopfte es an der T¨¹r. Der im Gebet der Sonne Zugewandte machte das Signum, sprich er klopfte sich dreimal aufs Herz, und stand dann aus seiner knienden Stellung auf. Einer seiner Untergebenen trug ein an seine Heiligkeit adressiertes Schriftst¨¹ck an ihn heran. Der Kommandant der Garde verlor keine Zeit. So schnell, wie es ihm m?glich war, schl¨¹pfte er in seine Stiefel und packte sich zusammen. Dann eilte er schleunigst zu seiner Majest?t hin¨¹ber. Es war noch relativ fr¨¹h, doch war er sich sicher, dass sein Herr schon auf den Beinen war.
Er glitt die lange Treppe zum Salon hinunter, in dem er annahm, dass Ihre Majest?ten noch ihr Fr¨¹hst¨¹ck zu sich nahmen. Ihre Hoheit, die Kaiserin, lie? sich bekanntlich ja oft viel Zeit beim Speisen. Als er auf seinen Zielort zusteuerte, konnte Balduin durch die Glasscheibe der breiten Salont¨¹re sehen, wie sich zwei feinst gekleidete Damen darin, auf einem kleinen Tisch sitzend, unterhielten. Noch etwas n?herkommend, konnte er schlie?lich ausmachen, dass es sich um die Kaisergattin und eine ihrer Freundinnen handelte.
?Tut mir leid, ich kenne Irnfrid wirklich nicht so gut. Jedenfalls sicher nicht ann?hernd so gut wie du sie kennst¡°, verlautete eine h¨¹bsche Frau mit langen blonden Haaren, die in einem ?hnlichen Alter wie Amalie zu sein schien. ?Das wei? ich schon, Emma. Ich brauche halt trotzdem jemandem, mit dem ich dar¨¹ber reden kann¡°, erwiderte ihr Amalie darauf. ?Und meinen Gatten kann ich diesbez¨¹glich definitiv nicht fragen. Ein Mannsbild hat einfach keine Ahnung wie wir Frauen ticken. Er w¨¹rde mir vermutlich nur vorschlagen, dass ich sie sanft tr?sten soll und ihr vielleicht ein paar Blumen zur Mitleidsbekundung schenke. Das funktioniert mal sicher nicht!¡° ¨C ?Ja, das mal garantiert nicht¡°, best?tigte sie Emma. Dann schlug sie vor: ?Aber ihr auf irgendeine Weise zu zeigen, dass ihr auch Reue wegen dem, was mit ihrem Mann passiert ist, versp¨¹rt, ist sicher wichtig.¡° ¨C ?Ja, genau deshalb.¡° Dann sprach sie aber nicht weiter. Vom Wohntrakt sah sie einen gro?en, kahlk?pfigen Mann in den Speisesalon hereintreten. Es war Balduin, der Kommandant der Reichsgarde.
Schnurstraks trat er an die beiden feinen Damen heran. Als er vor ihnen zum Stillstand kam, f¨¹hlten sich die die beiden schon beinah ein wenig von dessen Gr??e und Imposanz eingesch¨¹chtert. Emma schien sogar ein wenig vor ihm zur¨¹ckzuweichen. ?Verzeihen sie die St?rung, Eure Majest?t. Ich w¨¹rde nach meinem Herrn suchen.¡° W?hrend Emma vom muskul?sen K?rperbau des Kriegers eingenommen zu sein schien, schenkte Amalie dem keine Beachtung. Sie sah ihm direkt in die Augen und antwortete: ?Mein Mann ist hinten auf der Terrasse. Sie m¨¹ssen nur um die Ecke da hinten links.¡° Sie sprach in abweisendem Ton, offensichtlich missmutig aufgrund der St?rung ihres Gespr?chs mit ihrer Freundin. Balduin bedankte sich bei ihr und trat unmittelbar ab. Ihrer simplen Wegbeschreibung folgend, erreichte er sogleich den Kaiser.
Bei seiner Ann?herung konnte er bereits das Ger?usch von aufeinanderprallenden Schwertern vernehmen. Drau?en auf der Terrasse waren Wenzel und sein Leibw?chter Brahm in ein Duell verstrickt. Wie immer war es ein freundschaftliches Gefecht zwischen den beiden. Hinter ihnen erstreckte sich der feine Rasen der weitl?ufigen Parkanlage dieser ehemaligen Pfalz, in der sie nun vor¨¹bergehend verweilten. Balduin wusste dies nicht, doch diese Szene trug f¨¹r den Erkorenen einen Hauch an Nostalgie mit sich. Nach dem Sieg in der Schlacht von Greifenburg hatten er und Brahm an genau diesem Ort den Zweikampf gegeneinander praktiziert. Diese Situation versetzte Wenzel in eine andere Zeit zur¨¹ck, in einen Moment, an den er sich vergangenheitsverliebt zur¨¹ckerinnerte. Blitzschnell holte Brahm zum Schlag aus, w?hrend er seinen Kontrahenten ansprang. Das Eisen schwang von links oben herab. Doch Wenzel parierte seinen Hieb gekonnt und stellte dann mit einem r¨¹ckf?lligen Seitensprung wieder etwas Distanz zu dem Angreifer her.
Nun schritt Balduin heraus in die frische Morgenluft, blieb ein paar Ellen von den Duellanten entfernt stehen und verbeugte sich tief. ?Mein Herr, wir haben dringliche Kunde aus Meglarsbruck erhalten. Der Reichskanzler hat Ihnen pers?nlich einen Eilbrief geschrieben.¡° Er erhob sich wieder aus seiner gesenkten Pose und hielt ihm den Brief mit ausgestrecktem Arm hin. Erst jetzt bemerkte er, wie ungepflegt der Bart seiner Hoheit war, welcher diesen dem Anschein nach schon mindestens eine Woche lang nicht mehr rasiert und zurechtgestutzt hatte. Obendrein hatte er dunkle Ringe unter den Augen. Wenzel pausierte sofort seine T?tigkeit, legte sein Schwert beiseite und nahm die Nachricht entgegen. ?Vielen Dank, Kommandant!¡°, bedankte er sich kurz. ?Stets zu Euren Diensten!¡°, gab der Angesprochene zur¨¹ck.
Fast schon dilettantisch fummelte er mit dem Umschlag, der das Siegel der Regierung trug, herum, bis er ihn endlich aufbrachte. Dann ¨¹berflog seine Majest?t schnell was darin geschrieben stand. Er hielt inne und, wie f¨¹r ihn typisch, ¨¹berlegte eine Weile, ohne etwas zu ?u?ern. Somit kam Brahm zu ihm heran und fragte: ?Was ist es denn? Gibt es Probleme in der Hauptstadt?¡° Wenzel schaute ihm ins Gesicht und entgegnete: ?K?nnte man so sagen. Es scheint so, dass Vizemarschall Ulrich versucht sich als der neuer Heereschef zu positionieren. Peter bittet mich schleunigst zur¨¹ckzukehren und einen anderen Mann zum neuen Obersten Marschall zu benennen.¡°
Brahm hatte die Ernsthaftigkeit der Lage sofort begriffen. Er sah die M¨¹digkeit im Antlitz des Kaisers und entschied sich, ihn gleich die wichtigste Frage zu stellen: ?Und wer sollte das dann sein? Balduin ist ja jetzt der neue Reichsgardenkommandant. Er kommt also nicht infrage.¡° ¨C ?Wie sieht¡¯s mit dir aus? W¨¹rdest du die Rolle ¨¹bernehmen wollen?¡°, schlug Wenzel unverbl¨¹mt einfach vor. Auf fast schon ¨¹bertriebene Weise sch¨¹ttelte sein treuer Freund da den Kopf. ?Mit allem Respekt, aber ich f¨¹hle mich nicht einer solchen Aufgabe gewachsen. Viel lieber w¨¹rde ich hierbleiben, um dich und deine Frau zu sch¨¹tzen. Das passt mir, und au?erdem gibt es sowieso niemanden, dem du hierbei so sehr vertrauen k?nntest wie mir.¡° Die Argumente Brahms leuchteten seiner Hoheit ein. Er musst ihm dabei leider recht geben.
?Hmm¡°, dachte Wenzel nun intensiv nach. ?Vielleicht gibt es doch eine M?glichkeit Balduin als Obersten Marschall einzusetzen. Ich k?nnte ihn ja als beides, also sowohl als Kommandanten der Reichsgarde und als Obersten Marschall festlegen¡°, spekulierte er nun laut vor den Zweien. Daraufhin warf Balduin allerdings ein: ?Ich f¨¹hle mich geehrt von Eurem Vertrauen mir gegen¨¹ber, mein Herr, aber ich glaube nicht, dass es mir m?glich w?re die F¨¹lle an Pflichten in beiden Rollen gleichzeitig zu erf¨¹llen.¡° Der Erkorene warf einen entt?uschten Blick auf seinen Untergebenen hin¨¹ber. Er wusste, dass dieser recht hatte.
?Es wird sich schon eine L?sung finden lassen. Es gibt ja noch mehr Leute als nur euch im Milit?r¡°, sagte er dann. Dennoch, es musste jemand sein, dem er hundertprozentig vertrauen konnte. So viele gab da nun auch wirklich nicht. ?Gehen wir erst mal zum Reichskanzler. Der wird schon wen wissen¡°, erg?nzte Wenzel dann noch. Darauffolgend wandte er sich an Balduin und sagte: ?Du und ich, wir werden unverz¨¹glich nach Meglarsbruck zur¨¹ckkehren.¡° Dann schaute er zu Brahm und ?u?erte: ?Du bleibst derweil hier bei Amalie.¡° ¨C ?Wie es meine Pflicht verlangt¡°, gab ihr Leibw?chter da von sich. Nach einer kurzen Absprache mit Amalie und dem In-Kenntnis-Setzen der Dienerschaft ging die Reise schon los.
Hellbrauner Staub mischte sich mit den Ger¨¹chen scharfer Kr?uter, die hier wuchsen Diese eigenartige Kombination and D¨¹ften stieg nun dem fahrenden Duo in die Nasen, w?hrend sich dessen G?ule lahm den schmalen Pfad entlangschleppten. Ihre Gem¨¹ter hoben sich, als sie endlich die Ger?usche des geheimen Lagers vernahmen. Ein Stimmengewirr von gleicherma?en M?nnern und Frauen, Klopfen, H?mmern, Schleifen, S?gen, Wiehern, all das konnte man bei der Ankunft hier h?ren. Petra und Lucius verloren keine Zeit und begaben sich im sp?rlichen Schatten der Pinien geradewegs zum Zelt des Kommandanten. Amoroso hatten sie ausgesandt, um Petras Partner, Fabio, ¨¹ber deren Abreise nach Camenia zu informieren. Keiner der beiden w¨¹rde ihnen in die s¨¹dlichen Gefilde nachfolgen. W?hrend Fabio ohnehin nicht f¨¹r solcherart gef?hrliche Abenteuer zu gebrauchen war und lieber auf die R¨¹ckkunft seiner Lebensabschnittsgef?hrtin wartete, w¨¹rde der Cousin Fulcos sich wieder seinen Gesch?ften in der Hauptstadt widmen.
Sie banden ihre Reittiere bei der Tr?nke an und schritten hin¨¹ber zum gro?en Firstzelt Etzels. Beim Eintritt sahen sie diesen mit einer Gruppe aus zwei M?nnern und einer Frau diskutieren. Als er die beiden dann aber mitten in seinem Kriegsf¨¹hrerzelt ersp?hte, beendete er seine Unterhaltung schnell und schenkte den Neuank?mmlingen seine Aufmerksamkeit. ?Ihr seid schon wieder da? Ich m¨¹sste l¨¹gen, wenn ich sagen w¨¹rde, dass ich davon nicht ¨¹berrascht bin.¡° ¨C ?Spar dir deine seltsamen Spr¨¹che!¡°, machte Lucius da den ungehobelten Einwurf und fuhr fort, ?In Ordanien haben sich mittlerweile ganz andere Dinge ergeben.¡° Nun griff Petra aber gleich ein und ¨¹bernahm die weiteren Ausf¨¹hrungen von ihrem Begleiter, da sie f¨¹rchtete, dass dessen unangebrachte Art Zwietracht in ihrer Gruppe s?en k?nnte.
Im Stehen brachte sie den grauhaarigen Mann nun auf den neuesten Stand bez¨¹glich der Dinge, die sich ereignet hatten. Er h?rte ihr angestrengt zu, wobei bei einigen ihrer Erkl?rungen seine Gesichtsmuskeln zu zucken begannen. Als sie mit ihren Er?rterungen zum Ende gekommen war, wandte sich der Mann augenblicklich um und setzte sich hin¨¹ber auf seinen Sessel. Jetzt vermerkte Petra: ?Ich glaube, dass die Zeit gekommen ist, unsere Widerstandsk?mpfer nach Ordanien zu f¨¹hren, um dort den Kampf gegen das Regime zu beginnen.¡° Etzels abweisender Blick, den er ihr in Reaktion darauf gab, war alles, was sie brauchte, um zu wissen, was er von ihrem Vorschlag hielt.
?Aber warum nicht?¡°, n?rgelte sie. ?Der richtige Zeitpunkt ist JETZT. Willst du dieses Zeitfenster einfach verstreichen lassen?¡° ¨C ?Nein¡°, erwiderte er k¨¹hlen Gem¨¹tes, ?Die Sachlage legt sich etwas anders dar, als es dir bekannt ist.¡° Dies brachte nun sowohl Petra als auch Lucius zum Stutzen. ?Wir haben auch Kontakt mit den Kascharenhorden, oder dem was noch von diesen ¨¹brig ist, aufgenommen. Sie wollen auch den Aufstand gegen das Heilige Reich ¨¹ben, solange es ihnen noch irgendwie m?glich ist. In ihren Nachrichten an mich, haben sie die Bereitschaft ge?u?ert, sich mit uns zu koordinieren. Beim letzten Mal hatten die Horden ja keine Absprache mit uns, wodurch die Melgaristen unsere und deren Kr?fte separat behandeln konnten. Das war sicher zu unseren Ungunsten. Wenn wir uns diesmal zusammentun, w¨¹rde es unsere Erfolgschancen erheblich steigern.¡°
?Aber k?nnen wir diesen Barbaren denn ¨¹berhaupt trauen?¡°, kommentierte Herr Cornel da. Dem entgegnete der ehemalige Feldmarschall wie folgt: ?Deren Vertrauensw¨¹rdigkeit ist von keinem Belang f¨¹r uns. Sie m?gen vielleicht Heiden sein, aber sie werden die Schlacht um ihr ?altes Kascharovar¡® nicht gewinnen. Ihre Heidnischen Gebr?uche sind am Aussterben, jeder, der Augen im Kopf hat, kann das klar sehen. Sie weigern sich nur die Realit?t anzuerkennen. Das kann uns allerdings egal sein. Was wichtig ist, ist der Nutzen, den wir aus ihnen ziehen k?nnen.¡° ¨C ?Mir gef?llt deine Denkweise, alter Herr¡°, musste ihm Lucius schlie?lich eingestehen. Dieser Mann war von ?hnlicher Durchtriebenheit wie er selbst. Auch Petra gefiel dieser Plan. Somit erfragte sie dann:
The tale has been taken without authorization; if you see it on Amazon, report the incident.
?Also warten wir, bis wir uns mit ihnen abgesprochen haben, um gleichzeitig nach Ordanien einzudringen?¡° ¨C ?Nein!¡°, verneinte sie der einstige Bundesritter schroff. ?Die Barbaren wollen, dass wir und all unsere K?mpfer uns mit ihnen in ihrer Heimat treffen, um die Angelegenheit Auge in Auge zu besprechen, um dann gemeinsam angreifen zu k?nnen.¡° Dies l?ste Emp?rung bei der dunkelhaarigen Dame aus. ?Was? Eine so weite Strecke unter gr??ten Gefahren durch Ordanien zu ziehen, nur um uns mit den Kascharen zu treffen ist verr¨¹ckt! Wenn du solch ein selbstm?rderisches Unterfangen wagen willst, kannst du auch gleich direkt im Reich einmarschieren und sie zur Schlacht zu Felde herausfordern. Das hat wohl eine ?hnliche Wahrscheinlichkeit des Erfolgs.¡°
?Aber wir ben?tigen deren Hilfe. Leider. Wir haben nicht die St?rke, die wir br?uchten, und wir werden diese in absehbarer Zeit auch nicht erreichen.¡° Lucius stand w?hrend all dem nur nebenbei und wog deren Argumente ab. Da stupste ihn Petra an und sprach: ?Du bist auf meiner Seite, oder? Komm, sag ihm, dass eine solche Vorgehensweise kontraproduktiv ist.¡° Ausnahmsweise schwieg Herr Cornel f¨¹r einen kurzen Moment, bis er wenig sp?ter aber die Stimme erhob: ?Die Sache ist schwierig. Auch dir sollte bekannt sein, wie m?chtig die Streitkr?fte der Melgaristen sind. Nur wir allein werden sie unm?glich bezwingen k?nnen, selbst wenn wir die hinterh?ltigsten Taktiken w?hlten.¡° ¨C ?Siehst du!¡°, sagte nun Etzel in Petras Richtung. Die Frau schnaubte w¨¹tend. ?Aber die Frau Vogt hat auch nicht ganz Unrecht hier¡°, versuchte Lucius die Wogen ein wenig zu gl?tten.
An diesem Punkt machte der alte Haudegen vor ihnen allerding die wichtigste Bemerkung: ?Wir k?nnen sowieso noch keine abschlie?ende Entscheidung f?llen. Der Freiherr ist noch nicht hier und er hat auf jeden Fall auch ein Wort in der Sache. Ich schlage vor, wir warten auf dessen Ankunft und bereden die Angelegenheit dann nochmals mit ihm. Dann wird eine Entscheidung gef?llt.¡° Hier konnten die Zwei ihm nicht widersprechen. Der Beschluss musste aufgeschoben werden, bis Von Alduino sich zu ihnen gesellte.
Vormittags ¨¹berquerten sie die Stadtgrenze. Es war ein durchwachsener Tag, mit abwechselnd Wolken und Sonnenschein. Gleich einem kleinen Vogelschwarm ¨¹berflogen Wenzel, Balduin und eine Handvoll Gardisten die Stadtmauer der alten Kaiserstadt. Anfangs steuerte er noch aus Gewohnheit auf den Melgarionenpalast zu, bis dessen Anblick von der Weite ihn daran erinnerte, dass er wahrscheinlich beim Reichstagsgeb?ude auf der anderen Seite des Duhn besser aufgehoben war, wenn er Peter finden wollte. Seine Gedankten setzte der Zauberer gleich in Taten um, ¨¹berflog den die Stadt durchschneidenden Strom und lie? sich und seine Begleiter sanft auf dem Platz vor dem ehemaligen Inquisitionshauptquartier hernieder. Dessen Baustil war erheblich schlichter als es der des Kaiserpalastes gewesen war. Weniger Firlefanz an den Mauern und Fenstern, weniger S?ulen und keine Kuppeln. Dies lie? das Bauwerk im Lafoglia Baustil weniger herrschaftlich und wohl eher noch funktional aussehen.
Seine Wachen stellten sich hinter und um seine Majest?t auf. Dann schritten sie gemeinsam nach vorne zum Hauptportal der Einrichtung. Als die Soldaten am Eingang den Erkorenen und dessen Entourage in ihren rot-wei?en Karouniformen herannahen sahen, gaben sie ihnen einen milit?rischen Salut und lie?en diese ungehindert passieren. Das Innere des Geb?udes, welches Wenzel bisher nur ein einziges Mal zu Gesicht bekommen hatte, war insgesamt schlichter und vor allem profaner als die Architektur aus Zeiten Melgars, jedoch konnte sie mit vielen Malereien an den W?nden aufwarten. Den gut belichteten Gang entlangschreitend, liefen sie schlie?lich einer Person ¨¹ber den Weg.
Ein edler, langer Mantel in Gelb mit Stehkragen und aberdutzenden von goldenen Kn?pfen, sowie dem Wappen seines Adelshauses darauf, darunter ein feines Leinenhemd, rot gef?rbt und auf dem Kopf ein dazu passender, gro?er, gleichfalls gelber Chaperon. So stellte sich der Mann zur Schau, welchen sie hier zuf?llig trafen. Es war jene Kleidung, in der man als Mitglied des Reichsrates erkannt wurde. Der Herr erstarrte momentan, verneigte sich dann aber sogleich, um seiner Hoheit geb¨¹hrend zu begegnen. ?Seid gegr¨¹?t, Eure Durchlauchteste Hoheit! Eugen von Rauttenstein ist mein Name, in meiner Funktion der Sprecher des Reichsrates.¡° ¨C ?Gott zum Gru?e!¡°, erwiderte Wenzel. Er war erfreut gleich auf Anhieb einem hohen Tier begegnet zu sein. Das beruhte nicht auf Gegenseitigkeit. So sehr er es auch versuchte, es war dem Herrn Sprecher eindeutig seine Abneigung dem Kaiser gegen¨¹ber anzusehen. Der Grund daf¨¹r war nicht ersichtlich. Die beiden sahen sich hier zum ersten Mal.
?Sein Durchlauchtest ¡.¡° ¨C ?Herzog, mein Herr!¡°- ?Ah, verstehe. Sein Durchlauchtest Herzog, w¨¹ssten Sie vielleicht, wo denn seine Exzellenz, der Kanzler zu finden w?re?¡°, erkundigte sich Wenzel nun. ?Ich f¨¹rchte, dass mir dies nicht im Genauen bekannt ist. Allerdings kann ich Euch best?tigen, dass seine Exzellenz zurzeit durchaus in diesem Komplex verkehrt und tempor?r Unterkunft hat. Sie w?ren wohl besser beraten diesbez¨¹glich einen Diener zu fragen.¡° Offenbar konnte ihm der Hochadelige nicht helfen. Aber das war schon in Ordnung. Woher sollte jeder ¨¹ber alles Bescheid wissen? Als von hinten noch vier weitere M?nner in denselben Roben wie der Sprecher gewisserma?en heranstolzierten, bedankte sich seine Majest?t bei dem Befragten und verabschiedete sich auch gleich wieder. Die Herren, die vorgehabt hatten, sich auch geb¨¹hrend bei dem Kaiser vorzustellen blickten ihm in Verwirrung nach, als der Souver?n sich raschen Schrittes mit seinen Leibw?chtern gleich wieder aus dem Staub machte. Man konnte sie aus der Entfernung dann noch ein wenig untereinander nuscheln h?ren. Das Echo des weitr?umigen Geb?udes trug deren verzerrtes Gefl¨¹ster an die Ohren der sich-entfernenden Besucher.
Weiter ging¡¯s. Er w¨¹rde schon jemanden finden, der ihm den Weg zu seinem ersten Freund sagen konnte. Um eine Ecke weiter hinten begegnete er aber jemand ganz anderem. Ganz in schwarzen Trauerfarben war sie gewandet und mit einer Gugel bis ¨¹ber die Augen gezogen, sodass sie die M?nner schon beinah ¨¹bersehen h?tte. J?h blieb sie dann aber stehen und hob den Kopf, sodass der Erkorene ihr Gesicht erkennen konnte. ?Irnfrid! Bin ich froh dich hier zu sehen. Wie geh..¡° Er unterbrach sich selbst, als er sich vergegenw?rtigte, was denn mit ihrem Man passiert war, und dass er wohl etwas piet?tlos her¨¹berkam. Die Bl?sse in deren Antlitz war ein klares Zeichen ihrer Zerm¨¹rbung.
?Nochmal mein aufrichtigstes Beileid, Werteste!¡° Mehr sagte er nicht. Die Witwe blickte ihn nur an, scheinbar in Erwartung weiterer ?u?erungen Wenzels. Doch es kam nichts, und sie brachte ihm ein kaum merkliches Nicken entgegen. Nun trat der Kommandant der Reichsgarde von der Seite herbei und fragte: ?Wissen Sie, wo wir den Reichskanzler Peter finden k?nnen?¡° Irnfrid starrte nur wie versteinert, aber eine Magd, die sie begleitete, gab ihm Antwort. ?Seine Exzellenz ist im S¨¹dfl¨¹gel einquartiert. Zimmer 452.¡° ¨C ?Danke! Das ist uns von gro?er Hilfe!¡°, erwiderte der Milit?r. Daraufhin sagte ihnen seine Heiligkeit auch schon sein Lebewohl: ?Nun denn, dann w¨¹nsche ich noch¡.¡° ¨C ?Hast du mir sonst gar nichts zu sagen, Wenzel?¡°, unterbrach ihn seine alte Freundin da in respektlosem Ton.
Auf der Stelle blieb er da stehen. Er wusste nicht, was er antworten sollte. Deshalb erhob die Dame schlie?lich ihre Stimme: ?Du bist wohl nur in der Stadt, um notwendige Gesch?fte zu erledigen. Dann f?hrst du vermutlich wieder fort, fort von hier, weil der Hof kein Ausweichquartier in Meglarsbruck hat. So schnell wie¡¯s geht, willst du wohl wieder weg von hier, so wie an jenem Tag, an dem mein Gatte verstorben ist! Wie k?nnte sein Tod dich ¨¹berhaupt ber¨¹hrt haben, wenn du sofort darauf abgezogen bist, ohne auch nur bei seiner Beerdigung dabei zu sein.¡° Sie holte kurz Luft f¨¹r das, was sie nun sagen w¨¹rde: ?Sei doch ehrlich zu mir. Sein Ableben ist dir gelegen gekommen! Er war dir schon lange ein Dorn im Auge, weil er der Held der Revolution war und du nur der kleine Junge, der immer in seinem Schatten stand!¡°
Diese Aussage lie? nun die Adern auf Balduins Stirne hervortreten. Voll Wut trat er hervor und fuhr Irnfrid scharf an: ?Wie kannst du es wagen, so mit seiner Majest?t zu reden, Weib! Wenn es¡¡° Er war gerade im Begriff ihr mit erhobenem Finger eine Standpauke zu halten, da intervenierte sein Herr. Er schob seine Hand vor den Kommandanten und dr?ngte ihn mit seiner Handfl?che nach hinten. ?Es reicht, Balduin!¡°, sprach er in gelassenem Ton. ?Von den Karos ist nichts anderes zu erwarten. Das ganze Leben hat man euch nur das Gehirn vernebelt!¡°, legte die Frau dann noch nach.
Der Kaiser reagierte nicht darauf. Er sah ihre von Trauer und Schmerz geplagten Blicke. Und er verstand diese. Er selbst war auch noch betroffen von den Dingen, die passiert waren. H?chstpers?nlich hatte er versucht Theodor noch zu retten. Er hatte dessen leben sogar dem L?schen des Brandes vorgezogen. Wom?glich h?tte er die Ausbreitung des Feuers noch eind?mmen k?nnen, wenn er das nicht getan h?tte, aber stattdessen hatte er lieber den Mann, der so viel f¨¹r das Land geopfert hatte, noch irgendwie zu retten versucht. Doch Irnfrid wusste das. Warum also sprach sie nun solch b?sartige, unwahre Worte?
Somit entgegnete er ihr nur Folgendes: ?Wenn du das, was du ¨¹ber mich gesagt hast, wirklich glauben willst, dann haben wir uns nichts zu sagen!¡° Und mit diesen Worten gingen sie auseinander.
Volmar von Kosen, Konrad zu Niederstett, Hartmann von Herchtenau. Sie alle waren angesehene Krieger, jung und, was von gr??ter Bedeutung war, aus den Kreisen derer stammend, die die Heilige Revolution mitgetragen hatten. Kein einziger von ihnen war dem Souver?n bekannt. Dieser sa? dem Reichkanzler Peter gegen¨¹ber an einem riesigen, aufw?ndig gearbeiteten Arbeitstisch und sah sich die Unterlagen, welche Peter ihm zu diesen zusammengetragen hatte, durch. Sein alter Schulfreund klopfte nerv?s mit den Fingern auf der Tischplatte herum, in gespannter Erwartung von Wenzels Antwort.
?Ich wei? nicht, ob ich einem dieser Vorschl?ge zustimmen kann¡°, gab er schlie?lich kund. ?Von keinem dieser M?nner habe ich bisher auch nur geh?rt. Nur bei einem kenne ich den Vater, aber das auch nur fl¨¹chtig. Ich bin mir wirklich nicht sicher bei diesen Leuten, und ich muss mir aber VOLLKOMMEN sicher sein, bei der Besetzung eines solch quintessentiellen Postens.¡° Daraufhin machte der Regierungschef eine ernste Miene. ?Ich habe dir die vertrauensw¨¹rdigsten, f?higsten M?nner, die in Frage kommen, herausgesucht. Derart kurzfristig habe ich es zwar nicht vermocht sie hier pers?nlich erscheinen zu lassen, doch kannst du mir glauben, wenn ich sage, dass sie keine von der Sorte sind, die uns hintergehen w¨¹rden¡°, rechtfertigte er seine enge Auswahl. Der Kaiser entgegnete darauf: ?Wie viel Zeit hast du wirklich mit diesen Menschen verbracht, dass du dich vor mir mit solchen Garantien f¨¹r diese verb¨¹rgst? Wei?t du, wie sie sich im Privaten verhalten, wenn keiner hinsieht?¡°
Der Kanzler entschied sich hier besser nicht zu antworten. Das war alles, was Wenzel brauchte, um seine Zweifel best?tigt zu sehen. Infolge bat ihn sein Gegen¨¹ber dann aber eindringlich, seine Meinung zu ?ndern. ?Was sollten wir denn sonst tun? Wir brauchen einen neuen Obersten Marschall und Ulrich kann es mal garantiert nicht sein! Du kannst nicht ausschlie?lich Leute, mit denen du innig vertraut bist, in wichtige Positionen hieven. Manchmal muss man auch dem Wort anderer glauben und sich auf die Ehre und Aufrichtigkeit anderer verlassen.¡° Sein Gespr?chspartner schnaubte entnervt und sagte dann: ?Nein.¡° Peter lie? daraufhin sein Gesicht in seine H?nde sinken und verschloss entmutigt die Augen. ?Was soll ich nur mit dir machen?¡°, sprach er.
Etwas dahinter sa? Balduin und horchte den beiden stillschweigend zu. Er hatte nichts zu all dem beizutragen, hatte aber auch das Gef¨¹hl, dass es nicht seinem Stand entsprach, hier etwas einzuwerfen. Dann geschah es aber. Es klopfte an der T¨¹re. Es war kein normales Klopfen, sondern ein gewaltiges Donnern. Der Erkorene schreckte sofort auf, denn er kannte dieses. Er wandte sich um und bat die Person herein. Wie er es bereits richtig erraten hatte, betrat nun der Ex-Kommandant der Reichsgarde den Raum. ?Ferenc! Was machst du denn hier, bitte? Bist du nicht in deine Heimat zur¨¹ckgekehrt?¡°
Ohne zu z?gern, erwiderte der Kerl mit dem langen Zottelbart: ?Als ich geh?rt habe, was mit dem Palast passiert ist, habe ich mir gedacht, ?Kascharovar kann warten.¡® In einem solchen Zustand kann ich das Reich nicht verlassen. Das w¨¹rde mir mein Gewissen niemals erlauben.¡° Es steht wohl au?er Frage, dass Wenzels und Peters Stimmung sich schlagartig aufhellte. Sie sahen nun eine L?sung f¨¹r ihr Dilemma vor sich. ?Du bist ein Lebensretter, wei?t du das, du alter Hund!¡°, spa?te der Kaiser in nun sichtlich wohlgelaunterer Manier. ?Warum denn das?¡°, musste er da nat¨¹rlich nachfragen. Der Reichkanzler antwortete f¨¹r seinen Freund: ?Wir suchen nach jemandem, der der n?chste Oberste Marschall werden kann. Leider ist Theodor Kuhn in jener Ungl¨¹cksnacht von uns geschieden.¡°
Ferenc klopfte sich dreimal aufs Herz. Er sah Peter und dann Wenzel in die Augen. Er wusste genau, was sie dachten. ?Wenn ihr wollt, dass ich die Rolle ¨¹bernehme, w?re ich dazu bereit. Einstweilen.¡° ¨C ?Ich danke dir! Das Reich braucht noch immer jemanden, der ihm Stabilit?t verleiht. Du bist sicher ein solcher. Ich werde zusehen, dass du diese Pflicht nicht zu lange aus¨¹ben musst. Ich wei? ja, was du eigentlich wolltest¡°, ?u?erte sich Wenzel erleichtert. ?Ein langj?hriger Wegbegleiter und enger Freund Theodors und jemand, der bei den Truppen hoch angesehen ist. Du bist als neuer Oberster Marschall sicher ¨¹ber jede Kritik erhaben. Niemand wird ein Problem mit dir haben¡°, stellte Peter schn?rkellos fest. ?Vielen Dank! Ich werde mein Bestes geben¡°, gab der Kascharenkrieger zur Antwort. Somit war es beschlossen. Wie es das Schicksal wollte, hatte sich eine perfekte L?sung f¨¹r das Problem seiner Majest?t ergeben.
Umringt von Soldaten r?umten Arbeiter den Schutt und andere ¨¹berreste des Melgarionenpalastes beiseite. Anbei stand Silke und kontrollierte genau, was sie hier zu Tage f?rderten. Jedes auch nur irgendwie erhalten gebliebene Schriftst¨¹ck z?hlte. Ihre Entgeisterung bez¨¹glich des Geschehenen hatte sie bereits ¨¹berwunden. Bedauerlich war es nat¨¹rlich trotzdem. ?Seid mir ja vorsichtig! Ich will nicht, dass ihr mir Sachen, die vielleicht noch zu retten w?ren, durch eure Grobheit ruiniert!¡°, ermahnte sie die M?nner, die man ihr hier zugeteilt hatte.
V?llig ¨¹berraschend erschien dann aber ihr Chef hier. ?Hallo! Was macht Ihr denn hier, Eure Hoheit?¡° Erst als er nah genug an sie herangekommen war, bemerkte sie, wie m¨¹de und fahl er wirkte. Seine Assistentin wusste, dass dies mit den Ereignissen in Bezug auf Viktoria in Verbindung stand. Man hatte sie als eine der Wenigen dar¨¹ber informiert, was tats?chlich vorgefallen war. Wenzel antwortete ihr: ?Tut mir leid, dass ich dir eine solch m¨¹hselige Aufgabe anvertraut habe. Ich bin hier wegen meiner Artefakte. Hast du sie schon alle geborgen?¡° ¨C ?In der Tat habe ich das, mein Herr!¡°
Er lie? den Blick ¨¹ber die Tr¨¹mmer schweifen und erinnerte sich zur¨¹ck, welch ein grandioser Prachtbau hier einmal gestanden hatte. Es erf¨¹llte ihn mit Wehmut. All die sch?nen Freskos, die himmelw?rts strebenden T¨¹rme, die die Kuppeln kr?nten, die atemberaubenden S?ulenhallen und die kunstvollen Mosaikb?den, das alles war nun zerst?rt oder schwer besch?digt. All die Anstrengungen, die vorangegangene Generationen gemacht hatten, um dieses Meisterwerk zu erschaffen umsonst. Wenigsten war sonst nichts in der Stadt ein Raub der Flammen geworden. Gemeinsam begaben sich die beiden dann sogleich hin¨¹ber zu einer kleinen Arbeitsh¨¹tte, in der sie die verzauberten Gegenst?nde verwahrt hielt. ?Ihr wollt sie also wieder mit euch nach Greifenburg nehmen, damit sie in greifbarer N?he sind.¡° ¨C ?Nein, nicht ganz¡°, widersprach ihr der Magier. ?Ich werde sie alle mitnehmen, ja, aber eigentlich bin ich hier, weil ich das Szepter brauche.¡° ¨C ?Um Eure Tochter zu aufzusp¨¹ren?¡° ¨C ?Ganz genau.¡°
Augenblicklich schnappte er sich das eben genannte Objekt. Er konzentrierte sich und stellte sich Viktorias Gesicht vor. Als er dann aber auf den blauen Stein in dem Heiligen Artefakt blickte, war kein Leuchten zu sehen. ?Wie bitte? Was ist hier los?¡°, bekundete er laut seine Verwunderung. Er versuchte es nochmal. Wieder schien das Reichszepter nicht den geringsten Umstand zu machen. Es zeigte ihm keine Richtung an, selbst nach dem dritten und vierten Versuch nicht. Der Kaiser gr¨¹belte ¨¹ber dieses Kuriosum eine Weile. Letzten Endes konnte er sich aber keinen Reim darauf machen, warum das Szepter das M?dchen nicht ausfindig machen konnte.
Mit dem Objekt in der Hand trat er nun vor die T¨¹re. Der Zauberer war hierhergekommen, um seine Adoptivtochter zu finden. Wie konnte er dies trotz dieses unerwarteten Hindernisses bewerkstelligen? Der Suchende hatte da schon eine Vorstellung. Erneut konzentrierte er sich, und siehe da, das Juwel des Artefakts begann zu erstrahlen. ?Gut¡°, kommentierte Wenzel da mit ein wenig Nervosit?t in der Stimme.
Dann pl?tzlich wurde er aus seiner gedanklichen Isolation herausgerissen. Eine Traupe an Menschen bewegte sich nun heran und begann einen Mords Bohei zu machen. Rufe von, ?Lang lebe der Kaiser!¡°, und, ?Ave Melgar!¡°, erschallten aus der Menge. Sie klangen freudig, ja gar hoffnungsvoll. Die Gardisten, die ihn an diesen Ort begleitet hatten, bildeten sofort einen Kreis um den Erkorenen, damit sie diesen besch¨¹tzen k?nnten. Es schien so, als ob sich hier bald eine gro?e Meute versammeln w¨¹rde. ?Mein Herr, es w?re besser, wenn wir uns von hier entfernen!¡°, empfahl ihm eine seiner Leibwachen. Diese hatte nat¨¹rlich recht, jedoch blieb der Kaiser noch ein wenig, wie gebannt, stehen und lie? sich von der fr?hlichen, sehns¨¹chtigen Begr¨¹?ung seines Volkes umsp¨¹len. Es stimmte ihn gl¨¹cklich zu beobachten, dass die Menschen seine Bem¨¹hungen um deren Wohl erkannten und wertsch?tzten. Es waren all die gro?en Bauprojekte, die er in seinem Namen in den letzten Jahren beordert hatte, aber auch die Besuche bei jenen, die Unrecht und Unterdr¨¹ckung erfahren hatten, die das Volk gesehen hatte, und die es ihm hoch anrechnete.
Schlie?lich wollte er dann aber wieder mit seinen M?nnern davonfliegen, da die Menschenmassen hier tats?chlich immer weiter anzuschwellen schienen. Als er gerade zum Abflug ansetzen wollte, galoppierte dann ein Soldat auf pechschwarzem Hengst heran. Es war ein Generalmajor mit einer einfachen Topffrisur. ?Preiset die M?rtyrer!¡°, deklarierte dieser, nachdem er vor seiner Majest?t zum Stillstand gekommen war. Wenzel ¨¹berlegte kurz, wie der Spross Theodors noch gehei?en hatte, dann fiel es ihm aber gleich wieder ein. ?Alexander, oder?¡° ¨C ?So ist es, eure Hoheit¡°, gab der Bursche zur¨¹ck.
?Ich bin schon im Begriff wieder abzureisen. Was brauchst du denn von mir, Junge?¡° ¨C ?Euch helfen, das m?chte ich.¡° Dies lie? den Herrscher aufhorchen. Theodors Sohn erkl?rte sich: ?Wenn es eine M?glichkeit gibt, wie ich Euch beim Kampf gegen die Feinde Ordaniens behilflich sein kann, lasst es mich, bitte, wissen. Ich will meinen Vater r?chen!¡° Der Magier ging zu ihm hin und klopfte ihm auf die Schulter. Dann erwiderte er dem jungen Mann: ?Wei?t du, ich h?tte da etwas, wo du mir Beistand leisten k?nntest.¡° Daraufhin konnte man sehen, wie sich Eifer im Gesicht Alexanders abzeichnete.
1. 14 Erwischt
Das erste Mal seit Langem hatte Viktoria tief geschlafen. Ihre Sorgen und ?ngste waren keineswegs kleiner geworden, doch sie war wenigstens dazu in der Lage gewesen, diese in der Folterkammer ihres Hinterst¨¹bchens weiter zur¨¹ckzudr?ngen. Endlich konnte sie einmal schlafen. Nun riss sie ein un¨¹berh?rbares Scheppern und Krachen aus ihrem doch so ersehnten Schlummer. Duselig zwang sie sich aus ihrer Matratze und taumelte augenreibend in Richtung T¨¹re. Wer machte denn um solche eine Uhrzeit so einen Radau?
Im Raum war es dunkel, aber das Mondlicht, das durch das winzige Fenster einen Weg hereinfand, erleichterte die Orientierung ungemein. Als das M?dchen dann den T¨¹rgriff in die Hand nahm, um hinunterzugehen und zu schauen, was denn los war, h?rte sie pl?tzlich Stimmen von unten. Sie waren ihr unbekannt. Das lie? sie sofort alarmiert aufschrecken. Selbstbewusst wie sie war, startete sie sogleich auf den Gang hinaus und dann die Treppe hinunter. An deren unterem Ende angekommen, bot sich ihr eine Szene, die sie wohl nicht so schnell vergessen w¨¹rde. Unz?hlige M?nner, aber auch ein paar wenige Frauen waren in ihr Elternhaus eingedrungen. Drei von ihnen hatten Fackeln in den H?nden, viele andere hatten einfache Bauernwerkzeuge wie Messer, Sensen oder Mistgabeln mitgebracht.
Unverz¨¹glich verstand Viktoria, was dies war: Ein Lynchmob! Als der erste der Eindringlinge sie erblickte, rief er sogleich: ?Da ist die Hexe! Auf sie!¡° Etwas ¨¹berfordert und immer noch ein wenig schwummrig, da sie erst aufgestanden war, versuchte Viktoria mit Vernunft an die Situation heranzugehen. Sie sprach die Meute an: ?Was wollt ihr denn von mir? Ich will niemandem etwas tun. Geht einfach und wir vergessen die Sache!¡° Ihr Appell an die Vernunft verhallte. Der n?chstbeste Kerl sprang sie an, wobei sie ihn mit ihrer Telekinese einfach niederwarf und auf den Boden dr¨¹ckte. Die Magierin ber¨¹hrte ihn kurz und blickte in seine Gedanken. Dies verriet ihr, dass die Leute hier der ¨¹berzeugung waren, dass sie diejenige war, die die M¨¹hle in Zieslingen in Brand gesteckt hatte, wodurch der M¨¹ller und seine Familie verendet waren. Nicht einmal sie selbst wusste, ob dies tats?chlich stimmte.
Mit einer Druckwelle stie? sie den Mob vor sich weg, um etwas Abstand zu schaffen. Erst jetzt kam ihr in den immer noch schlaftrunkenen Sinn, woran sie eigentlich gleich h?tte denken m¨¹ssen: ?Wo sind meine Eltern?¡° Besorgt schwebe sie ¨¹ber die K?pfe der Einbrecher hinweg. Jegliche Versuche dieser, sie mit ihren Werkzeugen anzugreifen wurden von ihr problemlos abgewehrt, doch konnte sie Gertrude und Hans nirgendwo ausmachen. Als N?chstes flog sie in die K¨¹che. Hier fand sie die beiden. Ihre Mutter lag erschlagen am Boden, w?hrend deren Ehemann noch ?chzend und in eine Ecke gedr?ngt mit den Eindringlingen rang. In ihrem momentanen Schock vermochte die Zaubrerin nichts zu tun. Hans k?mpfte derweil, bereits vom Leibe blutend, um sein Leben.
Schnell ¨¹berwand sie aber ihren Stupor und kam ihrem Elternteil zu Hilfe, indem sie die Angreifer brutal wegschleuderte. Die Meute hielt daraufhin eingesch¨¹chtert inne. ?Wie geht es dir, Papa? Bist du verletzt?¡°, stellte sie die ¨¹berfl¨¹ssige Frage. Einer von dem Pack hinter ihr versuchte nochmal an sie heranzukommen, doch wurde augenblicklich von Viktorias Kr?ften gegen die Wand katapultiert, was ihm ein St?hnen auskommen lie?. Dann erst entgegnete ihr Hans: ?Nein, ich bin am Ausbluten!¡° Das Kind zeigte nun vollkommene Best¨¹rzung. ?H?r mir gut zu, Viktoria!¡°, sprach er dann mit schw?chelnder Stimme. ?Wir haben dich immer geliebt. Auch das hier wird das nicht ?ndern.¡° ¨C ?Warte, ich kann dir sicher irgendwie helfen!¡°, ?u?erte die Jugendliche in ihrer Panik. Nat¨¹rlich wusste sie, dass sie das nicht konnte. Zwar hatte ihr ihr Adoptivvater das Heilungsritual beigebracht, doch sie hatte keine der Zutaten parat.
In ihrer Verzweiflung zog sie dem Mann das Obergewand hoch und legte ihre Hand auf die tiefe, klaffende Fleischwunde, die sich in seinem Abdomen befand. Sie hoffte, dass sie ihm vielleicht irgendwie seine Verletzung durch ein Wunder heilen k?nnen w¨¹rde. Im Testament waren einige der Wunder, die der erste Erkorene gewirkt hatte, beschrieben. Es waren oft Dinge, von denen er selbst nicht einmal wusste, dass er dazu in der Lage war, bis sie Gott geschehen lie?. So zumindest stand es in der Heiligen Schrift. Viktoria glaubte nicht daran, doch versuchte es trotzdem. Eine Weile verging, doch nichts geschah. Ihr leiblicher Vater wurde immer und immer schw?cher und schien nun langsam das Bewusstsein zu verlieren.
?Papa! Bitte, bleib bei mir Papa! Sieh mich an!¡° Die Tr?nen begannen seiner Tochter ¨¹ber die Wangen zu laufen. Er reagierte auf ihr Flehen und starrte ihr in die Augen. Mit keuchender Stimme sprach er: ?Geh zur¨¹ck in den Kaiserpalast. Dorthin haben wir dich geschickt, damit du ein besseres Leben hast. Geh! Geh, und leb dein Leben!¡° Danach sackte er auf den Boden und gab nichts mehr von sich.
Das war der Tropfen, der das Fass zum ¨¹berlaufen brachte. Viktorias rasender Herzschlag dr?hnte in ihren Ohren. Sie konnte nicht mehr klar denken. Alles, was sie nun beherrschte, war Hoffnungslosigkeit und Zorn, ja gl¨¹hender Zorn! Sie drehte sich um zu denjenigen, die dies zu verschulden hatten. Keiner von ihnen w¨¹rde dieses Haus mehr lebend verlassen!
Nach getaner Sache flog sie davon, ihre alte Heimat hinter sich lassend. ?Zur¨¹ck in den Kaiserpalast¡°, ging es ihr durch den Kopf. Unm?glich war das jetzt. Vollkommen unm?glich! In bitteren Tr?nen aufgel?st, zog sie davon. Die schreckliche Pein w¨¹rde wohl niemals aufh?ren. Ganz im Gegenteil, war sie noch viel schlimmer geworden! Sie wusste keinen Ausweg. F¨¹r sie gab es keine Zukunft!
Hohe Stirne, dunkle, gelockte Haare, schwarz-graue Kleidung. Das Haupt des Freiherrn war auf seine gefalteten H?nde gest¨¹tzt, w?hrend er am Tisch sitzend seine Optionen abwog. Die anderen waren nat¨¹rlich auch da. Petra, Lucius und Etzel sa?en bei ihm am Tisch. Der Raum war wieder einmal erf¨¹llt vom Zigarrenrauch Etzels, welcher wiederum von der gew?lbten Decke ¨¹ber ihnen hier drin eingeschlossen wurde. Der camenische Adelige war sich nicht sicher, was er tun sollte, nachdem er nun einen vollumf?nglichen Lagebericht erhalten hatte. Schlie?lich ?u?erte er sich:
?Mir ist schon bewusst, dass die Lanzknechte alleine nicht in der Lage sind, das Regime zu st¨¹rzen. Ich bin aber wirklich nicht einer Zusammenarbeit mit den Kascharen zugeneigt.¡° ¨C ?Das sind diese auch nicht¡°, argumentierte Etzel da. ?Es ist davon auszugehen, dass die Horden uns gegen¨¹ber eine ?hnliche Ablehnung haben, wie den Melgaristen. F¨¹r sie w?re es dieselbe Begr¨¹ndung wie f¨¹r uns: Je mehr Kr?fte sich gegen das Heilige Reich vereinen, desto h?her sind die Chancen auf Erfolg.¡° Der Herr entgegnete darauf: ?Das verstehe ich schon, aber wir m¨¹ssen auch daran denken, was denn nach einer erfolgreichen Erhebung folgen w¨¹rde. Wollen wir wirklich Heiden die Kontrolle ¨¹ber einen so gro?en Teil von Kaphkos ¨¹berlassen?¡° Der Ex-Milit?r holte da gleich Luft, um zur Gegenrede anzusetzen, doch sein Gegen¨¹ber fuhr unmittelbar fort. ?Und bevor sie etwas sagen, ja, ich wei?, dass deren abergl?ubige Praktiken in Kascharovar auch immer mehr im Abnehmen begriffen sind. Trotzdem wei? ich nicht, ob die Rechnung so aufgehen wird, wie Sie sich das einbilden.¡°
Diese Behauptung schien den einstigen Feldmarschall zu emp?ren. Er antwortete aber nicht gleich. Somit machte dann Lucius einen Einwurf: ?Ich stimme dem durchlauchtesten Freiherrn da zu. Wir m¨¹ssen an die Zeit nach einem Sieg denken, falls wir einen solchen, so unwahrscheinlich dieser auch sein mag, err?ngen. Was w¨¹rden die Folgen sein? Wer w¨¹rde ¨¹ber Ordanien herrschen? Und was w¨¹rde aus den anderen K?nigreichen von Kaphkos werden?¡° ¨C ?Alles gute Fragen¡°, erwiderte der Edelmann und f¨¹gte dann hinzu, ?Ich sch?tze mal, dass sie da schon bestimmte Vorstellungen haben. Wie mir gestern noch von einem meiner Vertrauten mitgeteilt wurde, ist der Kaiser aber am Leben. Sollten wir uns damit nicht lieber zuerst besch?ftigen? Immerhin ist er ein Hexer! Und au?erdem ist der Aufenthaltsort seiner Thronerbin ebenso unbekannt. Sie ist ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor, weil sie so unberechenbar ist. Sich einfach darauf zu verlassen, dass sie ihn schon irgendwie eliminieren wird, kommt fast schon einem Hasardspiel gleich, meinen Sie nicht?¡°
Dem erwiderte Lucius: ?Was wissen Sie schon! Der D?mon wird ganz sicher nach seiner Tochter suchen und somit ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie zusammentreffen. Das M?dchen k?nnen wir um unsern Finger wickeln. M?ge es vielleicht ein Hasardspiel sein, ja, aber ein solches, bei dem wir uns unsere Chancen ausgerechnet haben und die strategisch klugen Schritte setzen. Im Endeffekt ist unser ganzes Unterfangen hier nur ein reines Spiel mit dem G¨¹ck, wenn Sie sich unsere Position anschauen! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Es ist notwendig, dass wir etwas wagen.¡° Von Alduino stellte das Gesagte nicht in Abrede. Aber er stellte noch eine weiterf¨¹hrende Frage:
?Und welche Richtung denken Sie, dass wir einschlagen sollten, was die l?ngerfristige Zukunft Ordaniens betrifft?¡° Diese Nachfrage brachte Lucius ein h?misches L?cheln ¨¹ber die Lippen. Infolge deklarierte er: ?Als der rechtm??ige Erbe des Throns des K?nigreichs Ordanien und des Ordanischen Bundes, m?chte ich das Mir-Zustehende zur¨¹ckhaben! Ich verlange keine gro?en Machtbefugnisse. Die Kompetenzen, die dem Thronrat einst zugesprochen wurden, darf dieser behalten. Alles andere w?re eine Legitimierung der Ver?nderungen, die der Melgaristische Umsturz gebracht hat.¡° Sein Publikum war daraufhin erst einmal verbl¨¹fft. Keiner hatte so etwas von Lucius erwartet. Allesamt hatten sie seine Herkunft bereits geistig verdr?ngt. Der Freiherr r?usperte sich kurz und sagte schlicht: ?Es w?re wohl angebracht, ¨¹ber dies eingehender zu diskutieren, wenn wir eine gr??ere Position der Macht haben. Ansonsten bauen wir nur Luftschl?sser.¡°
Das passte dem Herrn Cornel in den Kram. F¨¹r ihn pers?nlich war nur seine Rache von Bedeutung. Dies beinhaltete auch, dass er die Tyrannei der Magie beendete und dies auf Dauer sicherstellte. In seinen Vorstellungen konnte nat¨¹rlich nur er selbst das tun, da es sonst niemanden gab, dem er vertraute. Er hasste diese Leute hier alle! F¨¹r ihn waren sie nur Bauern, die er in seinem gro?en Schachspiel opfern konnte, wenn es denn notwendig werden w¨¹rde. Pl?tzlich fing er wegen dem immer dichter werdenden Rauch hier unten zu husten an. ?Entschuldigt mich mal eine Minute. Ich muss ein wenig frische Luft schnappen¡°, teilte er den anderen mit und verlie? den Kellerraum. Er schloss die T¨¹re hinter sich, stieg die Stufen hinauf, schob das Brett, welches die schmale Abw?rtstreppe verdeckte zur Seite und kam aus der kleinen Luke hervor, die hinter ein paar F?ssern verborgen war. Danach ¨¹berpr¨¹fte er schnell, ob ihn auch niemand gesehen hatte und verdeckte die ?ffnung im Boden wieder. Dann begab er sich hinaus ins Freie vor der Alten Teichstube.
Der M?zen der Lanzknechte, der sich soeben mit Lucius ausgetauscht hatte, lie? sich einstweilen auch einige der besprochenen Dinge durch den Kopf gehen. Er war einer ganz anderen Meinung als dieser. ?Dieser ungehobelte Penner hat nicht das geringste bisschen Anstand und Haltung! Wenn er sich der Fantasie hingeben will, dass irgendwer von uns, geschweige denn jemand anderer, ihm zu seinem Ziel verhelfen wird, dann ist er ein Narr! Aber lassen wir ihn mal in dem Glauben, dass wir ihm hierbei zur Seite stehen. Soll er sich sicher gewogen f¨¹hlen. Beziehungen und Einfluss hat er sowieso keine, welche er nutzen k?nnte, um seinen Traum in die Realit?t umzusetzen.¡° Das war, was der Freiherr sich wirklich ¨¹ber ihn dachte. Er war klug genug, es nicht zu verbalisieren.
Bald darauf bemerkten sie ein Rumpeln und Schmettern, das von oben zu kommen schien. Etzel war es schon zuvor aufgefallen, er hatte aber angenommen, dass es die ¨¹blichen Ger?usche des Etablissements waren, die beim Betrieb nun mal gemacht wurden. Das war nun aber deutlich zu laut gewesen, um herk?mmlich zu sein. Es brachte die ganze Gruppe in Verlegenheit.
Es war finster. Gelegentlich st?rkere, dann wieder schw?chere Windb?en trugen die mittlerweile k¨¹hle, sp?tabendliche Luft heran, welche einen schon beinah fr?steln lie?. Eine vollst?ndig verh¨¹llte Gestalt stapfte heran. Im Lampenschein vor einem Gasthof, dessen Mauern aus runden Steinen gebaut waren, blieb diese kurz stehen. Die Fahnen, welche man hier beflaggt hatte, schienen einen Augenblick die Aufmerksamkeit der Figur auf sich zu ziehen. Dabei handelte es einerseits um die Landesfahne Camenias, aber auch jene des Heiligen Reiches. Zweitere war bis auf den Boden herunterh?ngend, ein schwerer Fauxpas, wenn es denn versehentlich passiert war. Dies war aber unwahrscheinlich¡.
Prompt drehte sich der Ank?mmling um und kehrte in die Stube ein. Beim Eintritt kam einem bereits Gel?chter und der allgegenw?rtige L?rm von zahlreichen Unterhaltungen entgegen. Mit entschiedenem Schritt dr?ngte der neue Gast nach vorne Richtung Bartresen. Dessen feste Stiefel stampften ¨¹ber die quietschenden Bodendielen, bis sie neben einem der kastanienfarbenen Barhocker zum Stehen kamen. Erwartungsgem?? war es warm und dunstig hier drin. Er blickte sich kurz hier drin um, scheinbar nach etwas suchend. Schon kam ein festerer Mann mit braunem Haar und gezwirbeltem Schnurrbart daher. ?Wie kann ich helfen?¡°, stellte er der Kundschaft die Frage. Die Person zeigte ihr Gesicht nicht, sondern verbarg dieses tunlichst unter ihrer Kapuze. Sie antwortete: ?Vagant, der ich bin, suche ich eine St?tte zum Einkehren f¨¹r die heutige Nacht. Danach bin ich wieder meines Weges. K?nnten Sie mir eine solche Unterkunft anbieten?¡° Es war eine m?nnliche Stimme.
Der Herr warf einen skeptischen Blick auf den geheimnisvollen Mann, der ihm hier erschienen war. Dann entgegnete er aber: ?Wir sind zwar kein Hospiz, aber theoretisch h?tten wir noch ein Zimmer frei, das wir ihnen anbieten k?nnten.¡° Die Gestalt konnte dem Inhaber seinen Wankelmut ansehen und sagte somit: ?Ich habe mehr als genug Geld, wenn das ihre Besorgnis ist.¡° Dann ¨¹berreichte er ihm sogleich zehn Sesterze, eine deutlich zu hohe Summe f¨¹r eine einzige N?chtigung. Den Host schien dies auf der Stelle umzustimmen und er gew?hrte ihm somit den Aufenthalt hier. ?Ich werde Sie erst sp?ter, wenn Ladenschluss ist, in ihr Zimmer f¨¹hren, wenn das f¨¹r Sie so in Ordnung ist.¡° ¨C ?Ja, das geht so in Ordnung¡°, gab der Gast kurzerhand zur¨¹ck.
Dann bestellte er ein Seidel Bier. Nachdem er schon an der Schank stand, zapfte ihm der Chef auch gleich sein Bier ab. W?hrend die goldbraune Fl¨¹ssigkeit in das Glas hineinlief, begann der Verh¨¹llte aber ein weiteres Gespr?ch: ?Ich h?tte da eine Frage. Haben sie hier k¨¹rzlich eine Dame mit schulterlangen schwarzen Haaren gesehen? Sie ist relativ klein und sollte mittlerweile schon ein ?lteres Baujahr sein.¡° Der Adressierte lie? noch die letzten Tropfen des Biers herab und stellte dieses auf den Tresen. Erst dann schaute er ihn etwas verunsichert an. ?M?glicherweise. Wir haben hier viele G?ste und ich kann mich meistens nur an meine Stammg?ste erinnern. Warum wollen Sie das wissen?¡° ¨C ?Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich ein Gesch?ft mit ihr und die Dame schuldet mir noch Geld.¡° Man sah es ihm nicht an, doch der Mann an der Schank schenkte ihm keinen Glauben. Er erwiderte einfach: ?Solch eine Frau ist mir nicht bekannt. Vielleicht hat sie dieses Gasthaus besucht und ich habe es einfach nicht mitbekommen oder es ist mir nicht h?ngengeblieben. Wie gesagt, viele Leute gehen hier jeden Tag ein und aus.¡° ¨C ?Verstehe. Trotzdem danke!¡°, ?u?erte das mysteri?se Individuum da einfach, nahm sich sein Getr?nk und begab sich woandershin, hin¨¹ber zu einem der Tische f¨¹r die G?ste.
Er suchte sich einen aus, auf dem bereits eine andere Person sa?. Dieser schien ein relativ angenehmer Zeitgenosse zu sein, und erlaubte den Kerl bei Nachfrage sich zu ihm zu gesellen. Der Typ, dem der Besucher hier nun gegen¨¹bersa?, trank auch Bier, aber gleich ein ganzes Ma?. Sein trainierter K?rper gab einem den Eindruck, dass dieser ein Krieger war. Er hatte aber kein Schwert mit, eine Waffe, die Soldaten vorbehalten war, was leider ein Loch in die Theorie bez¨¹glich dessen Berufes schlug. ?Verdingst du dich beim Heer?¡°, erkundigte sich die Kapuzengestalt dann in ordanischer Sprache. ?Nein, ich habe mal gedient, arbeite aber jetzt als Holzf?ller¡°, kam es von dem Mann ebenso in Ordanisch zur¨¹ck.
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Dieses Vorkommnis veranlasste jetzt aber eine weitere Frage: ?Woher kannst du denn Ordanisch.¡° Der Angesprochene kam kurz ins Stocken. Dann erwiderte er: ?Mein Cousin lebt auf der anderen Seite der Grenze. Das ist ja nicht weit von hier. Wir sind ab und an noch in Kontakt und ich kann die Sprache deshalb recht gut.¡° ¨C ?Macht Sinn¡°, gab sein wissbegieriges Gegen¨¹ber da zur¨¹ck und f¨¹gte dann noch hinzu, ?In den letzten Jahren soll es ja einige Auswanderer aus Ordanien hierher verschlagen haben. Das stimmt doch, oder?¡° ¨C ?Ja, tut es¡°, antwortete ihm sein Tischnachbar ein wenig verlegen. Er machte den Anschein, dass ihn irgendetwas beunruhigte. Nat¨¹rlich waren es die neugierigen Fragen dieses Fremden, der hier anscheinend etwas in Erfahrung bringen wollte.
Der Genannte schaute sich jetzt nochmal genauer in der Gaststube um. Es war reges Treiben und ein Haufen G?ste, welche haupts?chlich M?nner waren, unterhielten sich in ausgelassener Atmosph?re. Nichts Au?ergew?hnliches. Naja, unter Umst?nden vielleicht doch. Langsam fiel ihm auf, dass die meisten Leute hier fast identische Kleidung trugen. Zudem wirkten sie alle recht, wie soll man sagen, kampferprobt. Geh?rten sie vielleicht alle zusammen? Das w¨¹rde Sinn ergeben.
Nach einer Weile des stillen Konsums ihrer Getr?nke und nur beil?ufigem Plaudern ¨¹ber das Wetter, wollte der immer noch Verh¨¹llte aber noch etwas in Erfahrung bringen. ?Kennst du eine Frau namens Petra? Sie hat mittellange schwarze Haare und ist eher klein gewachsen.¡° Der Befragte sch¨¹ttelte den Kopf. Erneut keine brauchbare Information. Sollte er einfach so weitermachen? Wie gro? waren die Erfolgschancen, wenn er so bei einem nach dem anderen durchfragte? Wohl eher gering.
?Was ist denn das?¡°, ert?nte es dann hinter diesem. Der Mann, der seine Identit?t verbarg, drehte sich um und sah, wie einer der G?ste einen goldenen Stab in der Hand hielt. Er hatte diesen aus seinem Mantel gestohlen, als er nicht aufgepasst hatte. ?Gib das sofort her!¡°, fuhr er ihn an und entriss ihm den Gegenstand sogleich. Es war aber schon zu sp?t. Diese Aktion hatte die Aufmerksamkeit einiger anderer hier auf sich gezogen. Mehrere Leute starrten nun auf ihn her¨¹ber, als er das Ding wieder in seinem Mantel verschwinden lie?. Dann aber schlussfolgerte er, dass damit wohl schon wieder das Ende der Fahnenstange erreicht war. Er lie? einen kurzen Seufzer aus. Dann warf er seine Kapuze vor den Augen der Anwesenden zur¨¹ck.
Wenzel pr?sentierte sich dem Gasthaus. Innerhalb k¨¹rzester Zeit wurde es leise und alle Augen waren auf ihn gerichtet. Es war eindeutig eine gro?e Spannung bei den Leuten hier zu sp¨¹ren. Der Kaiser erhob seine Stimme: ?Ich suche nach einer Frau namens Petra Vogt. Ich wei?, dass sie hier ist. Bringt mich zu ihr und ihr habt meine Garantie, dass euch nichts passieren wird! Unterlasst es, und ihr werdet die Konsequenzen daf¨¹r tragen!¡° Sogleich ging ein Ruck durch die Menge. Ein wilder Aufruhr schlug los, und die ersten begannen sich dem Magier entgegenzuwerfen. Er schmetterte diese mit seiner Zauberkunst ab. Dann verschloss er die T¨¹ren. Keiner w¨¹rde entkommen.
Was folgte war ein gewaltiges Massaker. Unter gro?em Get?se versuchten die Widerst?ndler seine Majest?t zu attackieren, doch sie waren machtlos gegen ihn. Die meisten von ihnen zogen krude Messer hervor und langten damit nach ihm, doch im gesamten Zirkel um den Zauberer, auf dessen Vorder- wie R¨¹ckseite, katapultierte er diese einfach mit einer Druckwelle hinfort. Er war erbarmungslos und die seine uneingeschr?nkte arkane Kraft zermalmte seine Feinde. Weder das weichere K?rpergewebe, noch die Knochen von diesen konnten der verheerenden Hexenkunst standhalten!
Letztlich stand nur noch einer und das war Wenzel. Die W?nde des ganzen Raumes hatten nun einen neuen Anstrich in Rot bekommen. Es war ein makabrer Farbstoff, der hier benutzt worden war. Vor seiner Hoheit lag der letzte Am-Leben-Gelassene zu dessen F¨¹?en. ?Und, wirst du mir sagen, wo sie ist?¡°, erklang es mit erboster Stimme. ?Die Vogt ist im¡¡° ¨C ?Sprich weiter!¡°, beorderte der Kaiser ungeduldig, bis er dann bemerkte, warum der Mann gestutzt hatte. Hinter ihm war aus dem gut versteckten Kellerabgang eine Person hochgekommen. Es war ein gro? gewachsener Milit?r, dessen Vorname Etzel war. Obwohl er mit allen Wassern gewaschen war, konnte selbst dieser nicht seinen Schock ¨¹ber das, was er hier vor sich sah, verbergen. Das Spiel war aus.
Gefesselt und geknebelt sperrte er den bezwungenen Etzel, sowie einen Mann mit Pluderhosen, der offenbar sein Verb¨¹ndeter war, im Abstellk?mmerchen ein. Hiernach f¨¹hrte er die Frau, nach der er gesucht hatte, in eines der hinteren Zimmer des Gasthofs. Der Erkorene l?ste die Fesseln, mit denen er ihre H?nde gebunden hatte und wies sie an, auf einem Sessel, der hier stand, Platz zu nehmen. Sie befanden sich hier in der K¨¹che. Allerlei schmutzige Gl?ser und Teller t¨¹rmten sich hier noch ¨¹berall, da die Mitarbeiter alle schleunigst das Weite gesucht hatten. Das war nat¨¹rlich nachvollziehbar. Wenzel schnappte sich schnell einen Stuhl, in dessen Lehne ironischerweise ein paar Herzchen hineingeschnitzt waren, positionierte ihn gegen¨¹ber von Petra und setzte sich wie diese hin.
Ihre Augen sp?hten mit widerspenstigem Blick auf ihn hin¨¹ber. Sie sagte nichts. Kein Wort verlie? ihren Mund, w?hrend sie auf das Ziel ihrer Rachegel¨¹ste blickte. Dessen schn?der, schwarzer Mantel war mit Blutflecken ¨¹bers?t. Es war nicht sein eigenes Blut. Schlie?lich entschied sie sich dann doch diejenige zu sein, die die Unterhaltung begann: ?Wie hast du mich gefunden?¡°
?Wie habt IHR mich gefunden!¡°, korrigierte sie Wenzel. Sie verzog ihr Gesicht. Als sie dann aber bemerkte, dass er ihr bewusst nicht antwortete, solange sie ihn nicht richtig adressierte, gab sie dann schlie?lich nach und stellte ihre Frage so wie er es wollte. An seinem Ausdruck war keinerlei Gef¨¹hls?nderung, welche ihr Einknicken verursacht haben k?nnte, zu erkennen. Er entgegnete ihr schlicht: ?Mit einer W¨¹nschelrute.¡° Diese Auskunft half hier kein bisschen weiter. Als sie nachfragen wollte, was er damit gemeint hatte, gab er nur dies zur¨¹ck: ?Ist nicht so wichtig. Du brauchst das schon mal gar nicht zu wissen.¡° Somit lie? sie die Sache sein und ging lieber zum n?chsten Thema ¨¹ber.
?Und, bist du jetzt zufrieden, dass du mich erwischt hast?¡°, erkundigte sie sich. Dem Zauberer schien diese ?u?erung zu missfallen und er erwiderte grimmig: ?Erst wenn ich Viktoria wiedergefunden habe, werde ich zufrieden sein. Dann kann ich n?mlich den Schaden, den ihr angerichtet habt, wieder anfangen zu reparieren.¡° Daraufhin stellte sich Petra dumm und sprach: ?Viktoria? Ich vermute mal, dass das deine Schwiegermutter oder deine Tochter ist. Was hat das denn mit mir zu tun?¡° Selbstverst?ndlich versuchte sie ihre L¨¹ge auch mit entsprechendem Gepose her¨¹berzubringen. Einen Versuch war es wert, obgleich es unklar war, ob er es ihr tats?chlich abkaufte.
In Reaktion darauf wischte sich seine Majest?t ¨¹ber die Stirn. ?Hast du keine Ahnung, wo sie ist?¡° Die Befragte sch¨¹ttelte den Kopf. Er stellte infolge fest: ?Wenn du es wirklich nicht wei?t, dann werde ich dir erz?hlen, was passiert ist.¡° Somit fuhr er fort damit, ihr nicht nur die Vorf?lle jener Schicksalsnacht nachzuerz?hlen, sondern er schilderte ihr auch die vorangegangenen Geschehnisse in den Karantischen W?ldern. Nachdem er seine Ausf¨¹hrungen abgeschlossen hatte, war die Dame durchaus ¨¹berrascht, und das aus mehreren Gr¨¹nden. Erstens hatte sie sich vollstens ¨¹berzeugt, dass sie hier ein gewaltsames, schmerzhaftes ?Verh?r¡° erwarten w¨¹rde. Dass Wenzel sie hier in der Tat nur befragte, und sich relativ ruhigen Gem¨¹tes mit ihr unterhielt, kam nat¨¹rlich als eine riesige Erleichterung f¨¹r sie. Dieser Umstand war aber auch insofern erstaunlich, da der fahle Blick, den er machte, auf gro?en Stress bei diesem schlie?en lie?. Es w?re eigentlich davon auszugehen, dass er volatiler als sonst war.
Der zweite Grund, der sie ¨¹berrascht hatte, fing nun an eine Verunsicherung titanischen Ausma?es in ihr hochquellen zu lassen. Laut Wenzel war seine Adoptivtochter zutiefst verst?rt und manisch auf ihn losgegangen, und zwar ohne ersichtlichen Ausl?ser. Allerdings hatte sie ihm zuvor noch mit einem Ring, der das Siegel Melgars abbildete, konfrontiert. Der Mann hatte dieses Objekt bedauerlicherweise nicht einzuordnen vermocht. Die Frau Vogt, als sie nun davon h?rte, konnte es jedoch mit jemandem in Verbindung bringen! Sie erinnerte sich daran, dass Lucius gelegentlich mit einem solchen Ring in seiner Hand herumgespielt hatte! Somit schlussfolgerte sie, dass ihr Komplize hier eine List angewandt hatte, von der er ihr nichts erz?hlt hatte. Er hatte sie also zuallermindest in Teilen dar¨¹ber angelogen, was die Vorf?lle im Kaiserpalast betraf!
Ihr konkreter Plan w?re eigentlich gewesen, Viktoria dazu zu bringen, ihren Vater im Schlaf zu ermorden. Das Letztgenannte konnte sie ihrem Gegen¨¹ber definitiv nicht sagen, alles andere, wor¨¹ber sie sinniert hatte, teilte sie ihm aber nun mit. Warum? Sie war verst?rt und bekam nun Angst, da Lucius die Wahrheit vor ihr verborgen hatte. ?Glaubt mir, bitte, wenn ich Euch sage, dass ich gar nichts von dem Ring wusste. Es war ganz sicher der, den Lucius immer mit sich hatte. Er hat diese Sache eingef?delt. Ich wei? gar nichts von all dem! Achaz hat sich ?fters mit Lucius auf ?Jagdausfl¨¹ge¡°, wie sie es nannten, die die ganze Nacht dauerten, begeben. Das ist mein tats?chlicher Informationsstand.¡°
Wenzel h?rte all dem zu und strich sich dabei fortw?hrend ¨¹ber den Bart. Sich intensiv mit dem vorliegenden Gewirr an widerspr¨¹chlichen Behauptungen befassend, starrte er eine Zeit lang ins Leere. F¨¹r ihn war auch zu bedenken, dass Petra ihn mit Falschinformationen in die Irre f¨¹hren wollen k?nnte. Was davon stimmte und was nicht? ?Der Junge¡¡°, konnte man ihn an einem Punkt einmal nuscheln h?ren. Schlie?lich sprach er sie aber wieder an: ?Wo ist dein Sohn jetzt?¡° ¨C ?Ich wei? es nicht. Er ist an jenem Tag, an dem sich die gro?en Ereignisse im Palast abgespielt haben, verschwunden.¡° Der Magier schien auf diese Aussage schon fast erfreut zu reagieren. Gleich darauf schoss es auch der Mutter ein, dass hier etwas ganz gewaltig stank an der Sache.
Seine Hoheit vermerkte nun: ?Ich h?tte da eine Theorie. Sie lautet folgenderma?en: Viktoria war in einem Zustand, der derma?en aufgebracht war, dass ich noch nie etwas Vergleichbares von ihr gesehen habe. Ihr Hass war spezifisch auf mich gerichtet und ich hatte keine Vorstellung, warum das der Fall war. Sie war verliebt in Achaz. Und sie kam mit einem Ring zu mir, von dem sie glaubte, dass er mir geh?rt.¡° W?hrend seiner Ausf¨¹hrungen begannen sich nun Petras Augen vor Entsetzung zu weiten. Langsam setzte sie die Puzzlest¨¹cke selbst zusammen. ?Das Einzige, was ich mir vorstellen k?nnte, das mein Kind in eine solche Fassung bringen h?tte k?nnen, w?re wohl etwas furchtbar Schockierendes, das sich mit ihrem ?Schwarm¡® zugetragen haben k?nnte. W?re es vielleicht m?glich, dass sie ihren Freund tot aufgefunden hat und jemand, der ihn immer auf seinen ?Ausfl¨¹gen¡® begleitet hat, den Verdacht auf mich lenken wollte, indem er am Tatort einen Gegenstand hinterlie?, der mit dem Kaisertum zu tun hatte? Er k?nnte auf diese Art und Weise versucht haben den ultimativen Zwist zwischen dem Herrscher und seiner Thronerbin zu erzeugen. K?nnte das sein?¡°
Seine Zuh?rerin lugte schockiert in die kleinen Sterne, die jetzt in Wenzels Pupillen aufleuchteten. Mit aller Kraft versuchte sie ihre Gef¨¹hle zu unterdr¨¹cken, aber allein der Akt dessen, machte es f¨¹r den Kaiser recht einfach zu erkennen, wie innerlich aufgew¨¹hlt sie von dem, was er hier spekuliert hatte, war. ?Wenzel hat wahrscheinlich recht mit seinen Vermutungen!¡°, ging es ihr durch den Sinn. In dem Moment als Wenzel gerade ansetzen wollte, sie zu fragen, wo denn Lucius war, begann pl?tzlich und unverhofft ihre harte Schale aufzubrechen. Sie legte ihr rot angelaufenes Gesicht in ihre H?nde. Wenzel hielt inne und wartete stillschweigend ab. Die ?u?ere Fassade br?ckelte nur minimal herab und sie konnte sich davon abhalten zu weinen.
Dennoch jammerte die Frau nun: ?Wie konnte ich nur so dumm sein! Ich habe ihm einfach geglaubt, dass er ihn aus den Augen verloren hat. Einfach geglaubt habe ich so eine bl?de Ausrede! Und nichts habe ich hinterfragt.¡° Unterdessen war der Erkorene von ihrem Gef¨¹hlsausbruch kalt erwischt worden. Dieser brachte ihn dazu ihre fr¨¹heren Worte jetzt neu zu bewerten und diese als vermutlich gr??tenteils wahr anzusehen. Er dachte sich: ?Anscheinend war das alles Lucius Schuld. Dass Petra von Viktoria ¨¹berhaupt nichts wusste, halte ich f¨¹r unwahrscheinlich, aber es sieht wohl so aus, als ob sie selbst Opfer einer Intrige geworden ist. Oder, naja¡.vielleicht war sie wirklich v?llig im Dunkeln ¨¹ber das wof¨¹r ihr Sohn da instrumentalisiert wurde. Vielleicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass genau der Bursche, dessen Mutter mit uns in Fehde liegt, hinter deren R¨¹cken eine Beziehung mit meiner Tochter beginnt, noch dazu eine Beziehung, die eingef?delt wurde, und deren Absicht die Vergeltung an uns ist, ist wohl verschwindend gering. Hmmm.¡°
Nachdem sie mit ihrem lauten Denken zum Ende gekommen war, sprach sie der Souver?n schlie?lich an: ?Wenn dieser Lucius so eine gro?e Rolle in all dem gespielt hat, w¨¹rdest du mir verraten, wo er ist?¡° Die Angesprochene blickte z?gerlich zur Seite, entgegnete ihm dann jedoch: ?Ich habe keine Ahnung, wo er ist. Zuletzt habe ich ihn in Ordanien gesehen. Aber er ist auch mit den beiden Herren, die du hier festgenommen hast, vertraut. M?glicherweise ist er auch auf dem Weg hierher, aber wissen tu ich das nicht.¡° ¨C ?Bist du dir da ganz sicher? Wei?t du sonst nichts von ihm?¡°, fragte er da nach. Sie jedoch beharrte auf dieser Unwahrheit und f¨¹gte noch hinzu: ?Es besteht eine gute Wahrscheinlichkeit, dass er irgendwann genau in diese Gegend kommen wird, wenn man hier auf ihn wartet.¡°
Wenzel war sich nicht sicher, ob er ihr das abkaufen sollte. Petra, Etzel und die dritte Person, welche dem Anschein nach ein Adeliger war, diese waren die Einzigen, die er aus dem geheimen Kellerst¨¹bchen extrahiert hatte. Es best¨¹nde nat¨¹rlich die M?glichkeit, dass sich der In-Frage-Kommende unter den anderen G?sten hier befand, wodurch er ihn versehentlich ins Jenseits bef?rdert haben k?nnte. Dann w?re die ganze Sache sowieso hinf?llig. F¨¹rs erste w¨¹rde er aber einmal versuchen, diesen Mann ausfindig zu machen. ?Und was wirst du mit mir machen?¡°, wollte die Frau Vogt nun wissen. Seine Majest?t antwortete ihr schlicht: ?Das ¨¹berleg ich mir noch. Still zu sein und mich nicht zu provozieren, wird dir hier sicher helfen!¡° Sie nahm sich seinen Rat zu Herzen.
W?hrend die Frau sich noch einmal alle von den Toten anschaute, um f¨¹r den, der sie gefangen genommen hatte, zu attestieren, dass Lucius tats?chlich nicht unter diesen war, ging Wenzel vor die T¨¹re. Er blickte die staubige Stra?e hinunter und klopfte ungeduldig mit seinem Fu? auf den Boden. ?Wo bleibt dieser Nichtsnutz!¡°, ?u?erte er. Neben ihm sah er, dass zwei der Fenster des Gasthofs zerbrochen waren. Einige Wenige hatten es offenbar geschafft in dem Gewirr zu entfliehen. Die Person, von der Petra gesprochen hatte, konnte wom?glich einer davon sein. Weit ¨¹ber ihm strahlte ein kaltes, bl?uliches Licht auf die Umgebung herab, das von einem Orb aus reiner Energie stammte. Der Zauberer hatte diesen als Leuchtfeuer f¨¹r die Truppen positioniert.
Er begab sich wieder hinein. Als ihm die Vogt best?tigte, dass der Gesuchte nicht unter den Gefallenen war, holte Wenzel die letzten zwei M?nner, die hier noch am Leben waren aus dem K?mmerchen hervor. Doch noch bevor der Kaiser auch nur irgendetwas sagen konnte, spuckte ihm der Heerf¨¹hrer des alten Regimes mitten ins Gesicht. Daraufhin vermerkte dieser trocken: ?Bist du so sauer, dass ich dich nur mit meinem Schwert besiegt habe und noch nicht einmal meine Magie benutzen musste?¡° Was folgte, war ein l?ngeres Verh?r, bei dem vor allem Etzel vollkommen unkooperativ war. All das lie? Wenzel unber¨¹hrt. Ruhig und gesammelt befragte er die Herren, obwohl sich beide Seiten hier abgrundtief hassten. Dies war der erste Moment, in dem Petra zu verstehen begann, wie sehr sich der Kaiser eigentlich zur¨¹ckhielt. Seine innere St?rke und Selbstbeherrschung beeindruckten sie, und sie begriff endlich, wie erwachsen er geworden war.
Letztlich bekam er auch aus diesen Leuten heraus, wo das Lager ihrer sogenannten Widerstandsk?mpfer situiert war. Der Freiherr h?tte wahrscheinlich irgendwann nachgegeben, doch war es die Dame, die es Wenzel als Erste verriet. Ihre Verb¨¹ndeten waren infolge au?er sich, doch seiner Hoheit war dies einerlei. Ganz am Schluss versuchte er dann noch ihre Gedanken zu lesen. Er legte seine Hand auf Etzels Scheitel und konzentrierte sich. Schon eine Minute sp?ter gab er auf und probierte es nochmals, diesmal aber bei Petra. Er erhielt dasselbe Ergebnis und schmiss schlie?lich das Handtuch. Wie erwartet, ergab sich f¨¹r ihn das Resultat, dass er nicht in das Bewusstsein und die Erinnerungen anderer eindringen konnte, wenn diese sich ihm widersetzten. Es war ja nicht so, als ob er das nicht bereits gewusst h?tte, aber einen Versuch war es trotzdem wert.
Nach viel zu langer Wartezeit kam dann endlich die Kavallerie. Kurz vor Anbruch des Morgens ritt ein ganzes Regiment daher, mit einem viel zu jungen Mann an der Spitze, der sie anf¨¹hrte. Alexander schwang sich enthusiastisch aus dem Sattel und eilte schnell zu seiner Heiligkeit hin¨¹ber. Dieser brachte ihm einen missmutigen Gesichtsausdruck entgegen und sprach: ?Ihr seid sp?t. Sehr sp?t sogar!¡° ¨C ?Verzeiht, Eure Hoheit!¡°, entschuldigte sich der Bursche sogleich. ?Wir haben Euer Leuchtsignal nicht gleich gesehen und die Wege und Stra?en in diesem gebirgigen Land sind mir auch nicht bekannt.¡° Wenzel schien das wenig zu scheren. Er erwiderte ihm einfach: ?Wie dem auch sei. Ihr habt sowieso gleich einen Auftrag. Nicht weit von hier ist ein Lager von Aufst?ndischen. Der Durchlauchteste Herr Alduino hier wird euch zu diesem f¨¹hren und ihr werdet dieses ausradieren. Hast du verstanden?¡° ¨C ?Ja, mein Herr!¡°, gab der junge Kuhn ohne Wenn und Aber zur¨¹ck.
Dann ging¡¯s schon los. Die riesige Reitertruppe, die angekommen war, schnappte sich sogleich den Adeligen und lie? sich von ihm den Weg zu den M?chtegernrebellen zeigen, die er selbst aufbauen hatte lassen. Welch Ironie. Der Freiherr hatte allerdings keine Wahl. Es war entweder dies, oder die Anklage des Hochverrats, auf welche er nachvollziehbarerweise nicht gerade erpicht war. Einer solchen w¨¹rde Etzel nicht entkommen. Der Kaiser lie? ihn am selben Abend noch nach Meglarsbruck ¨¹berstellen, um dort ?ffentlich hingerichtet zu werden. Und was w¨¹rde nun mit Petra geschehen? Nun ja¡..
1. 15 Tricksereien
Von einer gro?en Rebellion hatten sie getr?umt. Viele von ihnen hatten sich der Illusion hingegeben, obwohl sie wussten, wie beschr?nkt ihre Kr?fte tats?chlich waren. Diese Nacht hatte es dann aber ein b?ses Erwachen gegeben. Nun war Eile das Gebot der Stunde. Lucius und ein paar der M?nner, die den Angriff des D?monenkaisers ¨¹berlebt hatten, sputeten sich jetzt nicht nur, nein, sie jagten sich buchst?blich ab, um so schnell wie m?glich zum Lager zur¨¹ckzukommen. Die Hufe ihrer Pferde donnerten wild ¨¹ber die unwegsamen Trampelpfade, die durch diese bewaldete Gegend f¨¹hrten. Der kalte Wind einer wolkenlosen Nacht schlug ihnen entgegen. Lucius hatte heute Gl¨¹ck gehabt, unglaubliches Gl¨¹ck. Durch reinen Zufall war er drau?en vor dem Gasthaus gestanden, als der Teufel Wenzel sich darin zu erkennen gegeben hatte. Daraufhin hatte er sich in der N?he versteckt, sammelte unauff?llig einige der Entkommenen zusammen und machte sich mit diesen auf den R¨¹ckweg zu ihrer Haupttruppe.
Die Erde hatte die Sonne bereits geboren und allerhand Aktivit?t war im gesamten Camp zu beobachten. Da kam pl?tzlich eine kleine Gruppe von ihren M?nnern aus dem Forst angaloppiert. Unter ihnen war einer, den die Krieger in letzter Zeit immer neben ihrem Anf¨¹hrer gesehen hatten. Lucius sah allerdings gebeutelt und gestresst aus. Der Schwei? tropfte von ihm herab und er rang nach Luft. Schlie?lich konnte er aber einen Atemzug machen, der tief genug war, um alle herbeizurufen. Die anderen Soldaten hetzten unmittelbar und wie getriebene Tiere durch die Leute und zwischen den Zeltern hindurch, um alle M?nner zusammenzurufen. Was w¨¹rde es sein? W¨¹rden sie nun endlich, nach all der langen Zeit des Trainings nach Ordanien vordringen?
?Ruhe! Ruhe!¡°, pl?rrte der kleine Mann mit durcheinandergewirbelten Haaren. Es dauerte ein wenig, aber relativ rasch hatte man die Versammelten mucksm?uschenstill gemacht. Danach kam die Verk¨¹ndigung: ?Lanzknechte! Die Kr?fte des Heiligen Reiches haben uns ausfindig gemacht! Vermutlich werden sie schon bald hierherkommen.¡° Infolge ging ein lautes ?chzen durch die Menge und Rufe von, ?Gro?er Gott!¡°, waren zu h?ren. ?Aber es gibt keinen Grund zur Panik. In diesem unwegsamen Land werden sie wohl noch ein wenig brauchen, um exakt hierherzukommen. Also verlieren wir keine Zeit. Wir haben einen langen Marsch vor uns. Unser Ziel ist Kascharovar. Dort b¨¹ndeln wir uns mit dem kascharischen Widerstand, um gemeinsam das Regime herauszufordern. Packt euch schleunigst zusammen! Wir ziehen ab!¡°
Bei vielen der Zuh?rer hatten sich gro?e Zweifel aufgetan, als sie erfuhren, dass sie zu denen, die eigentlich auch ihre Feinde waren, fahren w¨¹rden. Dennoch gehorchten sie und begannen nun hastig die Zelte abzubauen, die Wagen zu beladen und alles f¨¹r den Abzug vorzubereiten. Die ¨¹berlebenden der letzten Nacht machten ihnen hier massiven Druck. ?Lasst alles zur¨¹ck, was nicht zwingend notwendig ist! Kommt schon, beeilt euch!¡°, schallten da die Befehle. Es dauerte trotzdem eine Weile. Als sie dann schon Gro?teils fertig waren, geschah es allerdings.
Aus der Entfernung drang an omin?ses Dr?hnen an sie heran, welches stetig lauter zu werden schien. Viele der Schwerstbesch?ftigten ¨¹berkam nun die Furcht, unter anderem auch Lucius h?chstpers?nlich. Dann, gleich einem Blitzschlag, waren sie auf einmal da! Wie eine tosende Sturzflut brach das vierte Regiment der Heiligen Ordanischen Armee aus dem Dickicht des Waldes hervor, als ob sie dieses gar nicht st?rte, und st¨¹rmte die Aufst?ndischen. ¨¹berrumpelt, begannen viele dieser die Flucht zu ergreifen, andere wiederum hielten die Stellung und zogen ihre Waffen. Es str?mte aber leider eine immer gr??er werdende Anzahl an Gro?teils jungen Soldaten herbei, die scheinbar kein Ende zu haben schien. Voll Tatendrang lie?en diese ihre Kampfesschreie von sich und attackierten die alethischen Kr?fte hier hoch zu Pferden und mit Speeren. Zu allen Seiten fielen die M?nner. Einige der Angreifer wurden nat¨¹rlich auch erwischt, doch f¨¹r die Rebellen sah es wirklich nicht rosig aus. Die Ihrigen starben wie die Fliegen.
Einstweilen war vom vor¨¹bergehenden Befehlshaber, Lucius, keine Spur. Es war fast schon so, als w?re er vom Erdboden verschluckt worden. Die Menge der gegnerischen Kr?fte erreichte bald kritische Ausma?e. Diejenigen, die noch zur¨¹ckgeblieben waren, um den Angreifern die Stirn zu bieten, hatten nun keine Chance mehr und wurden niedergestreckt, w?hrend die ¨¹brigen M?nner von ihrer Seite das Weite suchten. Doch Alexanders Kr?fte lie?en ihnen keine Verschnaufpause. Sie waren ihnen sofort hart auf den Fersen und w¨¹rden nicht von ihnen ablassen, bis sie die Verfolgten entweder gefangen oder anderweitig besiegt hatten. Zweifelsohne war es ein fulminanter Sieg f¨¹r dieses Regiment der Heiligen Armee, doch gab es auch beachtlich viele, die ihnen entkamen. In den wilden, unerforschten Pinienw?ldern Translimesiens zerstreuten sich diese, wo sie auf Nimmerwiedersehen entschwanden.
Ein Mann namens Lucius Cornel war allerdings weder unter den Gefangenen, noch konnte man ihn unter den Gefallenen vorfinden. Diese Tatsache w¨¹rde nach all dem Chaos allerdings etwas ben?tigen, um dem Kommandanten, Generalmajor Kuhn, bekannt zu werden. Dieser ritt unterdessen selbstgef?llig heran, stapfte ¨¹ber das Schlachtfeld und prahlte bei seinen Gef?hrten, wie sehr dieser Erfolg seiner guten F¨¹hrung zu verdanken war. Der Freiherr, der in dem Moment nebenan stand, zog es vor hierzu besser nichts zu sagen, verdrehte aber die Augen.
Der Einfall, der seinen eigenen ¨¹berlegungen entsprang, hinterlie? einen bitteren Nachgeschmack in seinem Mund. Im Selbstzweifel sa? Wenzel immer noch auf einem der ?Herzchensessel¡° und gr¨¹belte. ?Nein, ich werde das so machen!¡°, f?llte er letztlich die Entscheidung. Anbei befand sich immer noch Frau Vogt, bewacht von ein paar Reichsgardisten, welche die Truppen auf ihrer Mission hierher begleitet hatten, um seiner Majest?t beiseite sein zu k?nnen. Der gefangene Etzel hingegen war bereits unterwegs in die Hauptstadt. Die Unsicherheit dar¨¹ber, was sie nun erwartete, brachte Petra um, und sie sa? gespannt wie ein Flitzebogen, ab und an zitternd, und mit gefalteten H?nden da. Was w¨¹rde Wenzel jetzt mit ihr machen? War dies tats?chlich schon ihr Untergang? Einleuchten w¨¹rde es, wenn dies so w?re.
Somit rang sie sich durch ihn anzusprechen: ?Kann ich dich fragen, was du jetzt mit mir vorhast?¡° Der Erkorene stutzte etwas, da sie ihn wieder nicht in der verlangten H?flichkeitsform adressierte. Dann gab er ihr aber doch eine Antwort: ?Ich empfinde nicht das geringste bisschen Sympathie f¨¹r dich. Das gesagt habend, gibt es kein Verbrechen, das ich dir nachweisen kann, und ehrlich gesagt, glaube ich, dass du in dieser Sache unschuldig bist.¡° Als sie das vernahm, musste sich die Dame irrsinnig anstrengen, um nicht ihr h?misches Am¨¹sement ¨¹ber die Schlussfolgerungen des Kaisers zu enth¨¹llen.
?Folglich habe ich entschieden, dich gehen zu lassen.¡° Das kam als eine gro?e ¨¹berraschung f¨¹r sie, und obgleich es kontraproduktiv sein durfte, MUSSTE sie nun eine Nachfrage stellen. ?Hegst du¡. Hegt Ihr denn gar keinen Hass gegen mich? Immerhin habt ihr damals August etwas angeh?ngt, um ihn loszuwerden!¡° ¨C ?Das ist wohl eher deine pers?nliche Sache. F¨¹r mich ist etwas, das im Jahre Schnee passiert ist, gegessen¡°, erkl?rte ihr Gespr?chspartner ihr da. Seine zugespitzte Aussage hatte einen ¨¹beraus provozierenden Effekt auf Petra, tat er doch ihre Gef¨¹hle so geringsch?tzig damit ab. Sie schluckte ihre Wut dar¨¹ber hinunter, da sie ihre Position hier nicht gef?hrden wollte und vorerst ihre Sch?fchen lieber ins trockene brachte. ?Ruhig Blut! Ich kann es mir nicht erlauben hier jetzt auszurasten¡°, sprach sie sich in Gedanken selbst zu.
Anschlie?end ergab sich aber auch schon etwas Neues. Eine der Wachen kam herein und informierte sie: ?Erw?hlter Gottes, Generalmajor Kuhn ist zur¨¹ckgekehrt!¡° ¨C ?So schick er ihn her!¡° Schnellen Schrittes stampfte dann der Jungspund in die Stube und trat vor seine Heiligkeit. Einen Augenblick schien er abgelenkt von der Verw¨¹stung und den garstigen Spuren des Kampfes, die man hier noch sehen konnte, zu sein. Dann wandte er sich aber gleich wieder Wenzel zu. Dieser blickte ihn relativ emotionslos an und bat ihn gleich darum, Bericht ¨¹ber ihre Operation gegen die Rebellen zu erstatten. Alexander sammelte sich kurz, und legte dann Folgendes dar:
?Wir haben die Aufr¨¹hrer absolut zerschmettert. Die meisten von ihnen zogen den Schwanz ein und versuchten das Weite zu suchen, als sie sahen, wie meine M?nner, von mir pers?nlich an der Spitze angef¨¹hrt, auf sie losst¨¹rmten! Ein paar Wenige sind uns entronnen, aber alles in allem war es ein vernichtender Schlag gegen die Alethiker.¡° Hierauf fuhr sich der Kaiser mal wieder mit den Fingern durch den Bart. Er wog die Worte des Jungen ab. Auch seine Hoheit verstand rasch, dass dies wohl ein Haufen Eigenlob war. Aber hatte es zumindest irgendeine Basis? ?Komm mal kurz her!¡°, befahl er dem Kuhn Spr?ssling somit. Dem wurde Folge geleistet und der Magier warf einen schnellen Blick in dessen Erinnerungen. ?Lass mich, bitte, hinein¡°, ersuchte Wenzel ihn und der Bursche gehorchte. Was sich ihm hier offenbarte, war, dass Alexander seine Rolle im Kampf zwar ¨¹bertrieben hatte ¨C er hatte die Truppe nicht vorne angef¨¹hrt ¨C doch war die Behauptung der Zerschlagung dieses Widerstandsnestes definitiv korrekt. Es waren ihnen jedoch auch Unz?hlige entkommen.
Ein wenig besch?mt, da er sich beim Flunkern erwischt f¨¹hlte, drehte sich der Jugendliche weg. Dann wollte der Erkorene aber noch etwas Wichtiges in Erfahrung bringen: ?Und was ist jetzt mit Lucius Cornel?¡° ¨C ?Wir haben alle Leichen besichtigen lassen. Keiner hat ihn gesehen oder identifizieren k?nnen¡°, gab der Bursche ratzfatz zur Antwort. Seine Majest?t war, wie es zu erwarten war, nicht sonderlich erfreut ¨¹ber eine solche Nachricht. W?hrend all dem sa? Petra immer noch anbei und lauschte allem, was die zwei so besprachen. Schlie?lich kehrte sich Wenzel ihr aber zu und sagte: ?Bist du noch immer hier? Hast du nicht geh?rt, was ich dir vorhin gesagt habe? Du bist entlassen. Geh!¡°
Die Dame war einen Moment wie bet?ubt, erhob sich dann aber und schritt beim Eingang hinaus. Ungl?ubig gaffte der junge Generalmajor dieser nach, dann wieder zur¨¹ck zu seinem Herrscher. ?Wie? Ihr wollt die Kriminelle einfach ziehen lassen? Wieso?¡° Wenzel wirkte genervt von dessen Frage und erwiderte diesem barsch: ?Weil ich es so entschieden habe. Und jetzt sei still! Ich werde die Angelegenheit sicher nicht mit Kindern diskutieren!¡° Daraufhin traute sich Alexander keine Gegenrede zu geben. Der Zauberer beorderte ihn dann die Soldaten schleunigst wieder startklar f¨¹r die R¨¹ckreise nach Ordanien zu machen. Er sprach: ?Das Camenische K?nigreich wird keine Freude haben, wenn wir hier, ohne vorher gefragt zu haben, einfach auf seinem Territorium verweilen. Und die Bev?lkerung hier w¨¹rde es sicher auch nicht guthei?en. Also haltet euch ran! Macht, dass ihr wieder nach Hause kommt!¡°
Als der junge Milit?r schon wieder aufbrechen wollte, trug er allerdings dann doch noch ein Anliegen an seine Hoheit heran: ?Sind wir damit wirklich schon wieder mit unsrer Unternehmung am Ende, Eure Majest?t? Die Ketzer sind sicher noch an vielen Orten versteckt. Wenn ich nach Meglarsbruck heimkehre, wird Ulrich meine Ausbildung fortsetzen, statt mich in den Kampf ziehen zu lassen. Bitte, lasst mich weiterk?mpfen!¡° Wenzel verstand diesen Gedankengang seines Bittstellers. ?Eigentlich brauche ich ihn hier nicht mehr, aber¡.naja, was soll¡¯s! Wenn er nach einem Zweck im Leben sucht, kann ich ihm einen solchen anbieten.¡° Folglich entgegnete er ihm: ?Eine Sache h?tte ich noch, die du f¨¹r mich erledigen k?nntest.¡° Als er das h?rte, hellte sich die Laune des Jungen schlagartig auf.
Anfangs war sie noch langsam davonspaziert, aber als sie au?er Sichtweite war, nahm sie dann ordentlich an Geschwindigkeit auf. Zwar w?re es wohl l?cherlich anzunehmen, dass Wenzel es sich auf einmal anders ¨¹berlegen w¨¹rde und ihr nachjagte, um sie erneut gefangen zu nehmen, doch in ihrem Geist hielt sich immer noch hartn?ckig ein kleines Restchen der Furcht, die sich dort eingenistet hatte. Minute um Minute verging und sie entfernte sich immer weiter von der Alten Teichstube. Dann erreichte sie schon die Einstundenmarke. Immer noch hatte sie niemand versucht zu holen. Dem Anschein nach hatte der Kaiser es mit ihrer Freilassung wahrhaftig ernst gemeint.
?Was f¨¹r ein Idiot!¡°, begann sich Petra nun im Selbstgespr?ch ¨¹ber diesen auszulassen. ?Ich konnte ihn tats?chlich reinlegen. Puh! Was habe ich Schwein gehabt! H?tten sie Lucius dann noch erwischt, w?re ich dran gewesen. Gl¨¹cklicherweise waren Etzel und Fulco di Alduinos Bruder klug genug, dem Hexer nur minimalste Informationen preiszugeben, was bez¨¹glich der Sachlage mit Lucius ein Lebensretter f¨¹r mich war. Es hat nicht Etzels Leben gerettet, aber zumindest meines.¡° Dann juckte es sie auf der Nase und sie kratzte sich dort. Irgendetwas schien ihr noch Ungemach zu bereiten. Was war es nur?
?Wenn der D?monenkaiser mir meine L¨¹gen abgekauft hat, wonach es im Moment aussieht, wird er vielleicht sogar eine Weile hierbleiben, um denjenigen, der die Situation mit dessen Tochter zu verschulden hat, abzupassen. Ha, da kann er aber lange warten! Genau das war mit meiner Mogelei auch beabsichtigt.¡° Es war eine weise Entscheidung von ihr gewesen, sich dem Erkorenen zu f¨¹gen und ihn nicht feindselig zu behandeln. Ihre Freude ¨¹ber den positiven Ausgang dieser dramatischen Notlage f¨¹r sie, wurde aber wiederum durch einen gro?en Faktor ged?mpft: Die Angelegenheit mit Achaz. Jetzt da sie wusste, dass ihr vermeintlicher Komplize sie hinters Licht gef¨¹hrt hatte, war sie scharf darauf ihm seine Hinterlist zu vergelten. Er hatte ihr ihren einzigen Sohn genommen. Oder sagen wir mal so, die Wahrscheinlichkeit, dass dies so der Fall gewesen ist, war ziemlich hoch.
Sie hatte ihren Achaz geliebt¡..irgendwie zumindest. Ihre Reaktion auf Wenzels Schlussfolgerungen, die diesen anlangten, waren vielleicht ein wenig gek¨¹nstelt gewesen, doch war sie in der Tat schockiert ¨¹ber die Offenbarungen gewesen, auf die der Herrscher da mit seinem Intellekt gesto?en war. Herr Cornel hingegen hatte ihr Vertrauen missbraucht und daf¨¹r w¨¹rde er bezahlen! Ihre Reise w¨¹rde ins Kascharenland f¨¹hren. Wenn sie Lucius wo finden konnte, dann w¨¹rde es dort sein. Somit schritt sie weiter voran. Ihr Pferd war in all dem Durcheinander verschwunden und es war wohl sinnlos die Suche nach diesem zu beginnen. Per pedes ging¡¯s Richtung Nordosten. Es lag ein weiter Weg vor ihr.
Eine Stunde sp?ter war hier die Ruhe eingekehrt. Nur noch der Kaiser und seine Garde waren in dem verw¨¹steten Gasthof vorzufinden. Stillschweigend und in Gedanken versunken, trudelte Wenzel hin¨¹ber zum Tresen, schenkte sich ein Glas Wasser ein, da er ¨¹blicherweise keinen Alkohol trank, und sinnierte weiter. ?Ich vermute, dass sie den K?der geschluckt hat¡°, ging es ihm durch den Kopf. Weiterhin starrte er auf den h?lzernen Wandverbau, auf dessen Regalen unz?hlige Flaschen verschiedenster Spirituosen zur Schau gestellt waren. Die Reichsgardisten standen nur unt?tig daneben und wussten nicht recht, was los war. Sie trauten sich aber auch nicht bei ihrem Herrn nachzufragen.
?Haben es diese Halunken doch tats?chlich geschafft ein ganzes Heer an Freisch?rlern direkt unter unserer Nase aufzubauen, ohne dass auch nur irgendwer etwas davon geahnt hatte. Sie waren einfach auf die andere Seite der Grenze gewandert, um sich dem starken Arm des Reiches zu entziehen. K?nnte wom?glich der K?nig Camenias dies erlaubt haben oder zumindest diesbez¨¹glich ein Auge zugedr¨¹ckt haben? Nein, wohl eher nicht. Es ist anzunehmen, dass das weitgehend autonome Camenia dem Herzland des Heiligen Reiches nicht sonderlich rachs¨¹chtig gegen¨¹bersteht, und wohl eher friedsame Koexistenz mit seinem ¨¹berm?chtigen Nachbarn bevorzugt. Dieses Projekt ist wohl eher den reaktion?ren ¨¹berresten des kurzen Alethischen Interregnums zuzuschreiben.
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Es ist wohl besser einzeln und auf gewitzte Weise mit dessen R?delsf¨¹hrern umzugehen. Etzel von Gellingen, der Feldmarschall des alten Regimes, wird die Todestrafe bekommen. Was den Herrn Von Alduino angeht, ist es sicher ratsamer mit diesem gn?dig zu sein, da eine Fehde mit einem gro?en camenischen Adelshaus auf jeden Fall einen destablisierenden Effekt haben w¨¹rde.¡°
Weisheit vor Emotionalit?t, das war hier das Credo. Und der Magier meinte es damit todernst. In Bezug auf die Vogt war er mit derselben Einstellung vorgegangen. Er hasste sie so sehr, oh, wie entsetzlich doch sein Hass f¨¹r diese Frau war! Und doch hatte er sich beherrscht und im Gespr?ch mit ihr all seine emporsteigenden Gef¨¹hle unterdr¨¹ckt.
?All das habe ich getan, um sie dorthin zu lenken, wo ich sie haben will, um mein Ziel zu erreichen. Anh?nger der alethischen Tyrannei sind n?mlich sicher nicht nur hier rekrutiert und ausgebildet worden, da bin ich mir einhundertprozentig sicher. Es ist davon auszugehen, dass sie in anderen L?ndern au?erhalb Ordaniens noch weitere Kr?fte sammeln. Und Petra wei? ganz sicher davon. In dem Glauben mir Sand in die Augen gestreut zu haben, wird sie sich nun zu ihren Alliierten begeben. Und ich werde sie finden. Es ist unm?glich, dass ich sie nicht finde, was auch immer sich hier ergibt.¡° Als ihm dies durch den Sinn ging, klopfte er zufrieden auf den Rucksack, in dem er alle seine Heiligen Artefakte verstaut hatte.
?Ich habe sie nicht entkommen lassen, denn sie kann mir gar nicht entkommen. Ausnutzen werde ich sie, damit sie mich unwissentlich zu weiteren Verr?tern und vielleicht sogar zu Lucius, oder gar zu meiner kleinen Viktoria f¨¹hrt. Dann, wenn sie keinen Nutzen mehr f¨¹r mich hat, wird sie sterben!¡°
Seine Hoheit sa? mit einem leichten Schmunzeln immer noch allein an dem Tresen. Dieses war aber nur fl¨¹chtiger Natur, da er sich sogleich wieder entsinnte, dass er nicht das hatte, was wirklich f¨¹r ihn z?hlte: seine Tochter. Erst danach instruierte er seine Wachen, mindestens einige Tage lang mit ihm an diesem Ort zu verweilen. Laut seiner Majest?t warteten sie, ob nicht vielleicht ein Mann namens Lucius Cornel hier aufkreuzte. Dieser war angeblich ein kleinerer Mann, mit ungepflegtem, schwarzem Haar. Es war eine ¨¹beraus nichtssagende Personenbeschreibung. Nun, ja, was half es ihnen? Seine Heiligkeit hatte etwas entschieden und dieser war ¨¹ber jeden Zweifel erhaben. Somit lie?en sie sich hier vorerst nieder. Doch begannen sie sehr bald schon aus eigenen St¨¹cken die R?umlichkeiten hier zu putzen, da deren Abscheu hervorrufender Zustand unertr?glich war.
Eine riesige, flache Ein?de, deren teils schneewei?en, dann wieder schmutzigen, gr?ulichen Ebenen sich bis zum Horizont erstreckten. Es war ein Flecken Erde, auf dem nichts gedieh, und der unglaublich trocken und hoffnungslos war: Die Ge?chtetenpfann. Benannt nach denjenigen, ¨¹ber die die Reichsacht verh?ngt worden war, und welche den Erz?hlungen nach oft hierher vertrieben oder hier ausgesetzt worden waren, um ihr Ende zu finden. ¨¹ber die Geister jener, die in dieser unwirtlichen Salzw¨¹ste verendet waren, und welche aber immer noch alle, die sie durchquerten, heimsuchten, gab es unz?hlige Volkssagen und Gruselgeschichten. Vermutlich war dies alles nur Humbug¡..so ist es! Fast schon ironischerweise war dieses ?dland direkt am S¨¹dmeer gelegen, wodurch es an und f¨¹r sich ja genug Feuchtigkeit dort geben musste. Dennoch verdunstete hier jeglicher Niederschlag recht bald in den endlosen Salzpfannen dieser Landschaft.
Zur Zeit der Schneeschmelze, also im Fr¨¹hling, speisten ein paar Siegefl¨¹sse und -b?che die Pfanne mit Schmelzwasser, welche dann, wie ihr Name impliziert, im restlichen Jahr kein Wasser mehr f¨¹hrten. Deren Ursprung waren nat¨¹rlich die kolossalen Gletscher der kascharischen Hochgebirge, die diesen Landstrich vom Nordosten her eingrenzten. Von einzelnen Abenteuerlustigen oder Nomaden mal abgesehen, lebte hier niemand. Die Reichstra?e, welche das Gebiet in Ost-West Richtung durchzog, um letztlich nach Nargyosch, der Hauptstadt Kascharovars zu f¨¹hren, war die einzige Verkehrsader hier und der einzige Ort, an dem man regelm??ig Menschen antraf. Selbst auf dieser war es aber ein beschwerlicher Trip durch diese W¨¹ste.
Auf eben jene Ein?de blickte eine Gruppe an M?nnern nun in d¨¹sterer Ehrfurcht hinunter. Soeben hatten sie eine kleine Anh?he ¨¹berwunden, auf der ein allseits bekanntes Denkmal der Gegend stand. Es war die ?Hand des Riesen¡°, die sich nicht allzu weit von Freiburg befand, und in deren Schatten sich nun eine Anzahl an Reisenden langsam zur Ge?chtetenpfann voranschob. Sie war eine Gesteinsformation aus f¨¹nf Basalts?ulen, die einsam aus der Gegend herausragten, und die der Form einer ¨¹berdimensionalen Hand glichen. So einige Mythen ¨¹ber deren vermeintliche Entstehung existierten, unter anderem eine, die erz?hlte, dass einst ein Steinriese aus den Bergen nach Ordanien vordringen wollte, aber es nicht ganz durch die Ge?chtetenpfann schaffte, wodurch er schlie?lich hier an ihrem Rand seinen Geist aushauchte. Traditionell markierte seine Hand somit den Anfang der Salzw¨¹ste.
Lucius und die ¨¹berlebenden, die nach dem ¨¹berfall auf ihr Lager nicht aufgegeben hatten, hatten unabgesprochen und mehr durch Zufall zusammengefunden, und schritten jetzt gemeinsam ihrem Ziel entgegen: Dem geheimen Quartier der Kascharischen Horden jenseits dieses ?dlands. Sie waren ein armselig winziges Gr¨¹ppchen. Der trockene, befremdliche Geruch des Salzes stieg ihnen in die Nasen. Lucius hoffte nur, dass das Wasser, welches sie zuvor in gr??tm?glicher Menge auf ihre Packtiere geladen hatten, bis zum Ende f¨¹r sie ausreichen w¨¹rde. Das, was in der Luft lag, reizte seinen Riechkolben und er musste schon bald kr?ftig niesen. Als er sich dann seinen Zinken mit einem Taschentuch abwischte, bemerkte er, wie die Sonnenstrahlen, die er im R¨¹cken hatte, einen Schatten vor ihm auf den Boden warfen. Es war jedoch nicht jener von der Hand des Riesen, denn dieser bewegte sich!
Bange drehte er sich unmittelbar um und blickte hinauf, um zu sehen, womit er es hier zu tun hatte. Das Gestirn lie? ihn aber schon beinah erblinden und er wandte sich benommen ab. Au?er irgendwelchen schwarzen Umrissen hatte er nichts ausmachen k?nnen. Als sich Lucius optische Wahrnehmung so halbwegs wieder erholt hatte, schaute er nochmals hin. Das Ding war deutlich gr??er geworden, denn es war n?hergekommen, und nun konnte man erkennen, dass es sich um eine Person handelte. Ihr Abstand zu ihnen verringerte sich noch mehr und schlie?lich war sie schon ganz nah bei ihnen. Erst jetzt sah der Strubbelkopf, um wen es sich handelte. Es war das M?dchen mit karmesinroten Haaren. Den Herrn Cornel durchfuhr da der blanke Horror! Alle anderen von diesem ¨¹berbleibsel der Lanzknechte blieben auch sofort stehen und erstarrten, passend zu ihrer Umgebung, zu Salzs?ulen.
Aus irgendeinem unerfindlichen Grund trug Viktoria ein Kleid, das mit traditionell b?uerlichen Mustern bestickt war. Des M?dchens Augenschein war direkt auf Lucius gerichtet. Er r¨¹hrte sich nicht, hatte aber eine ¨¹ble Vorahnung. ?Ist sie wegen mir hier? Nein, das gibt¡¯s nicht. Sie kennt meine ?u?ere Erscheinung gar nicht. ¡..Oder etwa doch?¡° Nicht weniger beunruhigend war die Visage, die sie machte. Mit roten ?derchen im Wei? ihrer Augen, wirkte sie ermattet und reizbar. Die junge Dame sank herab und landete auf dem Boden vor demjenigen, der Achaz auf dem Gewissen hatte. Sie betrachtete den Mann kurz, wandte sich dann aber um, und warf einen Blick auf die Hand des Riesen. Danach sprach sie:
?Ich habe diesen Ort hier und genau diesen Moment jetzt in einem Traum gesehen. Darum bin ich hergekommen, um zu sehen, was es damit auf sich hat.¡° Dies lie? das Hirn von Lucius sogleich auf Hochtouren laufen. ?Also wei? sie nicht, wer ich bin! Gott sei Dank!¡°, ging es dem Herrn da gleich durch den Sinn. Auf der Stelle versuchte er mit einem neuen Trug aufzuwarten, um die Situation f¨¹r sich ausnutzen zu k?nnen. Somit entgegnete er ihr nach einer kurzen Pause: ?Es ist wohl g?ttliche Vorsehung, dass wir uns hier treffen, junge Dame. D¨¹rfte ich deinen Namen wissen?¡° Der Rotschopf drehte sich zu ihm hin. Ihr Gesichtsausdruck lie? einem das Blut in den Adern gefrieren. ?Sieh mich einfach an. Allein schon meine Haarfarbe sollte dir klarmachen, wer ich bin¡°, ?u?erte sie einfach. Der Adressierte tat so, als ob er dies erst jetzt bemerkte und gab ihr zur Antwort: ?Oh, eine Magierin! Moment, dann bist du, bist du etwa die Prinzessin?¡° ¨C ?Wenn man es so sehen will, ja.¡°
Es f¨¹gte sich nun so, dass der Sohn Gabrielas augenblicklich das Richtige aus der soeben gefallenen Aussage herauslas. Er erwiderte ihr das Folgende: ?Das wird dich jetzt ganz sicher ¨¹berraschen, aber ich habe schon mehr ¨¹ber dich geh?rt.¡° Neugierig starrte ihn Viktoria daraufhin mit einem Gesicht, das immer noch ein emotionales Wrack war, an. Er f¨¹hrte aus: ?Mein Neffe hat dich mir gegen¨¹ber ein paar Mal erw?hnt. Achaz ist sein Name. Er hat viel Nettes ¨¹ber dich zu sagen. Ich hei?e Bertram. Sch?n dich kennenzulernen!¡° Ihre Reaktion auf seine ausgestreckte Hand lie? etwas auf sich warten, da sie offenkundig von seinen Behauptungen betroffen war. Letztlich gab sie ihm aber doch ein H?ndesch¨¹tteln und stellte sich nur mit ihrem Vornamen vor.
?Ich will dir etwas sagen, wei? aber noch nicht, wie ich es tun soll. Gib mir, bitte, etwas Zeit¡°, stie? sie nun melancholisch und fast schon im Fl¨¹sterton hervor. Ihr Gegen¨¹ber kam ihr da sofort entgegen und sagte: ?Sicher doch. Aber wir m¨¹ssen jetzt schon weiter, da wir wohin m¨¹ssen. Du kannst uns einfach durch die Salzw¨¹ste begleiten, wenn du willst.¡° Somit schloss sie sich der Bande hier vor¨¹bergehend an. W?hrend das M?dchen neben Lucius herging, war ein riesiges Ungemach und eine Furcht in den Reihen der M?nner hier zu versp¨¹ren. Diese Jugendliche machte ihnen Angst.
Es war ein hei?er Tag und die Reisegruppe kam nur recht schleichend voran. Sie mussten ja auch die zus?tzliche Strapaze auf sich nehmen, die zerm¨¹rbenden Trampelpfade durch die Ge?chtetenpfann zu beschreiten, da sie als regimefeindliche Kr?fte logischerweise nicht einfach die Hauptstra?e nehmen konnten. Auch das kleine Teufelskind schleppte sich scheinbar langsamer werdend vorw?rts. Sie war die ganze Zeit ¨¹ber still, doch von einem Moment auf den anderen brach pl?tzlich etwas aus ihr hervor, das sie offenbar zuvor nicht auszudr¨¹cken vermocht hatte: ?Dein Neffe ist tot. Mein Vater hat ihn get?tet. Tut mir wirklich leid.¡°
Fassungslos erwiderte ?Bertram¡° da: ?Was? Achaz ist¡tot? Ist das wahr?¡° Zur Antwort gab das M?dchen nur ein fast unmerkliches Kopfnicken. ?Oh, weh mir! Er war doch noch so jung!¡°, ?u?erte der Betr¨¹ger da viel zu theatralisch. Das Ausbleiben einer relevanten Reaktion Viktorias lie? ihn allerdings darauf schlie?en, dass sie ihm seine vorgegaukelte Best¨¹rzung abkaufte. Ansonsten h?tte sie ihn wohl eher feindselig behandelt. Nichtsdestotrotz war der Mann sehr beunruhigt. Er musste bei jeder Aussage, jeder Mimik und Gestik ?u?erste Vorsicht walten lassen, wenn er das Geschehen hier zu seinen Gunsten manipulieren wollte. ?Auf dem Spiel steht hier nichts Geringeres als mein Leben!¡° Warum glaubte er so etwas? Der Eindruck, den die Prinzessin bei ihm machte, war jener gr??ter Angespanntheit, und zwar in solchem Ausma?, dass man meinen k?nnte, ihre Nerven w¨¹rden jeden Moment mit ihr durchgehen.
Dennoch sprach er nun weiterhin mit ihr, nur eben in einem explizit sanfteren, niederschwelligen Ton. Sein Ziel w¨¹rde es nun sein, die Teenagerin auf seine Seite zu ziehen, um sie f¨¹r sich ausnutzen zu k?nnen! Dies war ein k¨¹hnes Vorhaben, wenn man bedachte, dass er sich selbst damit mit einem Fu? im Abgrund platzierte. Das wusste Lucius allerdings sehr genau. In seinen Vorstellungen war seine ganze Existenz sowieso schon lange nur noch ein Tanz auf dem Eis.
Er wusste, wie er das Kind rumkriegen konnte. Das Einzige, dem es bedurfte, war es die schwer besch?digte Beziehung Viktorias mit ihrem Vater auszunutzen, um sie dazu zu bringen, die Dinge zu tun, die er wollte. Auf ihrer Reise durch die Ein?de hatte er nun Zeit mit dieser zu sprechen und langsam etwas Vertrauen zu ihm bei ihr aufzubauen. Und dann, wenn der richtige Moment gekommen sein w¨¹rde, w¨¹rde er zuschlagen. ?Bist du deshalb hier drau?en im Niemandsland anstatt einem Palast?¡°, fragte die Person, welche vorgab Bertram zu hei?en dann. Dem f¨¹gte er nach einer kurzen Sprechpause hinzu: ?Ich kann es verstehen, wenn man Diskrepanzen mit der eigenen Familie hat, das kann ich wirklich. Aber dein Fall wirkt mir doch ein wenig¡..ausufernd.¡° Viktorias Lippen blieben hierzu versiegelt. Dies h?tte der Herr Cornel eigentlich wissen m¨¹ssen.
Folglich schwenkte er lieber auf ein anderes Thema um und erz?hlte ihr eine Weile von sch?neren Dingen, wie etwa ein paar netten Ereignissen aus seiner Kindheit. Nat¨¹rlich waren diese alle erfunden und nicht tats?chlich passiert. Langsam wurde es dann Abend und sie schlugen ihr Lager f¨¹r die Nacht auf. Es zeigte sich hier schon der erste kleinere Erfolg seiner vehementen Arbeit an dem M?dchen, da sie ihm im Schein des Lagerfeuers dar¨¹ber erz?hlte, wie sie immer gern die Enten am Teich f¨¹ttern ging. Erst am n?chsten Tag wagte er dann den Schritt sie ¨¹ber die Natur ihre ?Reisegemeinschaft¡° hier aufzukl?ren. ?Auf die Gefahr hin hier mich selbst zum Untergang zu verdammen, muss ich dir noch etwas ¨¹ber uns sagen. Wir sind antimelgaristische K?mpfer. Wir sind also Feinde des Regimes, dessen Gallionsfigur dein Vater ist.¡° Als die Jugendliche daraufhin, ?Es ist in Ordnung. Ich werde euch nichts tun¡°, entgegnete, war der Mann ¨¹bergl¨¹cklich. Das erste gro?e Hindernis hatte er bei ihr nun ¨¹berwunden.
Der faule Geruch des Morasts waberte durch die Luft. Es war bereits dunkel geworden und der junge Krieger musste sehr genau aufpassen. Die Feuchtigkeit und der Moder drangen in Alexanders Nasenh?hlen, w?hrend er sein Reittier kurz zum Stillstand brachte, um eine Fackel anzuz¨¹nden. Es war vielleicht nicht die cleverste Idee, da man seine Pr?senz auf diese Weise schon vom Weitem sehen konnte, doch was sollte er sonst machen? Er konnte, nein, er durfte sie nicht verlieren. Aus irgendeinem unerkl?rlichen Grund hatte sie es nicht, wie sonst auch immer, f¨¹r heute Schluss sein lassen und sich zur Nachtruhe begeben. Sie wanderte einfach weiter und weiter.
War sie denn gar nicht m¨¹de? Welchen Zweck verfolgte sie mit so etwas Sinnlosem? War ihr wom?glich aufgefallen, dass ihr jemand nachstellte? Das k?nnte eine Ver?nderung in ihrem Verhalten zwar erkl?ren, aber dieses dennoch nicht logisch nachvollziehbar machen. Die ganze Nacht durchzumachen, w¨¹rde ihr nicht helfen ihn abzusch¨¹tteln, das war mal klar. Noch dazu hatte sie ja gar kein Pferd, so wie er. Also was war hier jetzt los? Der Kuhn Spr?ssling konnte sich keinen Reim darauf machen.
Im Licht seiner Fackel trabte er dann weiter. Seine Hoheit hatte Alexander mit der Mission beauftragt, Petra Vogt zu verfolgen, selbstverst?ndlich ohne dabei aufzufliegen. Sie w¨¹rde ihn zu einem weiteren Ketzernest f¨¹hren, welches die Heilige Armee dann auch ausr?uchern k?nnen w¨¹rde. Es war eine gute Idee. Doch war der junge Mann nicht recht erfahren in der Beschattung anderer. Es war ihm bisher ¨¹beraus schwergefallen, die F?hrte der Frau nicht zu verlieren. Doch er war ihr immer noch auf den Fersen. Die Abdr¨¹cke im Schlamm waren unverkennbar, und ihnen zu folgen, war ein Leichtes. Hier, wo die abzweigenden Duhnarme, die weiter ?stlich dessen Delta bildeten, ein Marschland erschufen, war es leicht jemandes Spur zu folgen.
Gleich den sich auff?chernden Armen des gro?en Stroms verfloss die Zeit hier an diesem einsamen Flecken unmerklich, aber unaufh?rlich. Au?erhalb der Sph?re, die der Lichtkegel der Flamme erzeugte, schien nichts zu existieren, fast schon so, als ob dies hier sein eigenes Universum war. Ganz aus der N?he drang lautes Froschquaken zu ihm heran. Alexander merkte, dass er in dieser Monotonie langsamer wurde und dr?ngte dann wieder etwas mehr vorw?rts. Einen unbestimmten Zeitraum sp?ter erschrak er allerdings. Viel zu knapp vor ihm erkannte er pl?tzlich eine menschliche Gestalt vorne zu seiner Linken. ?Oh, nein! Hab ich¡¯s etwa schon versaut, weil ich nicht genau genug aufgepasst habe? Bin ich Frau Vogt ¨¹ber den Weg gelaufen, weil sie sich jetzt doch irgendwann f¨¹r eine Pause entschieden hatte?¡°, schoss es ihm ein.
Dem war nicht so. Das Bisschen an Beleuchtung, welches die Figur im Schatten der Nacht erreichte, enth¨¹llte einen mittelalten Herrn, mit einem Schirmhut auf dem Kopf. Es war aber klar, dass die Spuren, denen der Bursche gefolgt war von dieser Person stammten, da die Fu?abdr¨¹cke hier bei diesem Herrn endeten. Jetzt schwante ihm ¨¹bles, und Alexander ritt sogleich an den Wanderer heran. ?Guten Abend! Wer sind Sie denn und was machen sie hier?¡°
Ein von Alter gezeichnete Gesicht wandte sich ihm daraufhin zu. Nun konnte man auch ein paar Fischerhaken erkennen, die in dem Hut, den der Mann trug, steckten. Scheinbar angefressen erwiderte ihm dieser: ?Ich hab mich hier gar nicht zu rechtfertigen, J¨¹ngchen! Ich wohne hier! Hast wohl noch nie vom Nachtfischen geh?rt, was? Brassen und sogar Karpfen bei?en besser, wenn¡¯s finster ist.¡° Der junge Milit?r biss sich infolge auf die Z?hne. Ohne sich zu entschuldigen, ritt er zuerst vor. Als er dann sah, dass in diese Richtung keinerlei Fu?tritte zu sehen waren, kehrte er um und ritt, wie gehetzt, denselben Weg zur¨¹ck. Es war eine Katastrophe! Er hatte Petras F?hrte verloren. Jetzt musste er sich sputen, denn je l?nger er brauchte, um ihre Spur wiederaufzunehmen, desto geringer wurden seine Chancen diese wiederzufinden.
Doch das war leider vergebens. Die ganze restliche Nacht und den kommenden Tag versuchte er sein Ziel ausfindig zu machen, aber sie hatte sich offenbar in Luft aufgel?st. Alexander war am Boden zerst?rt. Er war ¨¹berzeugt, dass seine Majest?t ihm sein Scheitern ¨¹belnehmen w¨¹rde. Am allermeisten aber, traf ihn die Sache selbst. Wieder einmal hatte er versagt. Er hatte nicht nur andere, sondern auch sich selbst entt?uscht. Warum? Warum nur war er so nutzlos!
1. 16 Gegenrevolution
Nach der langen Durchquerung der vegetationslosen Salzpfannen folgte ein steiler Anstieg ¨¹ber ebenso karge Berge, deren Dach allerdings riesige Gletscher bildeten. Es war eine beschwerliche Route ¨¹ber unwegsame Hochgebirgsp?sse. Danach ging es hinab in ein Hochtal, das zum s¨¹dlichen Medje ¨Cin Ordanien w¨¹rde man es als Bezirk bezeichnen - von Kascharvarosch z?hlte. Hier oben in dieser unwirtlichen Gegend war ihr Treffpunkt mit den Horden. Auf dem langen Marsch hierher, den Viktoria teils zu Pferd und teils zu Fu? zur¨¹cklegte, hatte sie ?fters Gespr?che mit Bertram gef¨¹hrt. Er schien ihr in Ordnung zu sein, strahlte aber ein gewisses Ausma? an Nervosit?t in ihrer Gegenwart aus. Sie konnte das verstehen, war doch ihre Magie etwas Furchteinfl??endes f¨¹r andere, besonders wenn man, wie er, Alethiker war und Zauberei als etwas Unheilvolles betrachtete.
Schon als sie sich einem der gr??eren Geh?fte hier ann?herten, konnte man die zahllosen Wollpferde der kascharischen Horden auf den weiten Hochlandweiden hier oben grasen sehen. Erst weiter unten im Tal war Wald auszumachen. Hier befanden sie sich noch oberhalb der Baumgrenze. ¨¹ber steinige Trampelpfade, und vorbei an allerlei sch?nen Almblumen in rosa, gelb und auch in blauer Farbe, stiegen die alethischen Widerst?ndler nun langsam, aber stetig zu ihrem Zielort hinab. Das gro?e Wohngeb?ude des Bergbauernhofs machte einen unscheinbaren Eindruck, vor allem, da es an einem dem Anschein nach so malerischen Ort lag. Die riesengro?e H¨¹tte, deren Untergescho? gemauert, das Obergescho? hingegen aus Holz gebaut war, hatte ein Schr?gdach, auf dem, warum auch immer, eine gr??ere Anzahl an Steinen in regelm??igen Abst?nden aufgelegt waren.
Lucius kam gemeinsam mit Viktoria als erster an und blieb vor einem Zaun aus L?rchenholz, der das relativ gro?e Areal unmittelbar vor dem Geh?ft abgrenzte, zum Stillstand. Trotz der zus?tzlichen Schichten an Kleidung, die er sich angezogen hatte, bibberte er. Was f¨¹r ein Kontrast dies zu der dr¨¹ckenden Hitze der Ge?chtetenpfann war, welche sie noch vor nicht allzu langer Zeit durchschritten hatten! Der Zaubrerin schien hingegen nicht zu fr?steln. Immer wieder konnte man sehen, wie sie sich ¨¹ber ihre H?nde beugte, aus denen, wie aus dem Nichts, auf einmal kleine Flammen emporz¨¹ngelten. Derweil sich die ¨¹brigen ihrer gar nicht so zahlenschwachen Truppe gem?chlich den Berg herunterschoben, gab ihr Anf¨¹hrer schon mal Anweisung die Reittiere auf dem Weidezaun etwas abseits von dem Bauernhof anzubinden, um keine Probleme mit den Einheimischen anzuzetteln. Ihm war scheinbar noch nicht bewusst, dass eine riesige Anzahl der Wollpferde auf den Weiden hier eben jene der heidnischen Rebellen waren, mit denen sie sich hier verabredet hatten.
Noch bevor sie die Wiese vor dem gro?en Einhof ¨¹berhaupt betreten hatten, kamen ihnen schon aus diesem ein paar augenscheinlich raue Zeitgenossen entgegen. Sie trugen f¨¹r die Temperaturen sehr leichte Kleidung, zumindest aus Sicht der Besucher. Diese waren aber auch nicht das klar andere Klima des Kascharenlandes gewohnt. Was sich f¨¹r die Fremdlinge wie sp?therbstliche W?rmegrade anf¨¹hlte, war f¨¹r dieses Gebirgsvolk normales Sommerwetter. Ein Mann mit langen braunen Haaren ¨C Naja, diese Beschreibung traf eigentlich auf mindestens die H?lfte von den Kascharen hier zu ¨C trat an Lucius heran und reichte ihm die Hand. Nach einer schnellen Begr¨¹?ung begaben sie sich auch schon ins Innere des Hauses. Es w¨¹rde Einiges zu besprechen geben.
Das Innenleben des mehrst?ckigen Geb?udes war definitiv unerwartet und faszinierend f¨¹r die G?ste. Es war hier keinerlei Muff, der in der Luft hing, aber die D¨¹fte von ger?ucherten W¨¹rsten und Holz waren nichtsdestotrotz allgegenw?rtig. Schon beim Eintritt fiel sofort auf, wie hier drin, wie in einer Schuhschachtel, irre Vieles auf engstem Raum zusammengepfercht war. Alle W?nde waren auf irgendeine Art und Weise f¨¹r einen Zweck adaptiert worden, sei es als Wandkasten, f¨¹r Kleiderablage, zur Fixierung von Werkzeugen oder nur um Etwaiges daran anzulehnen oder aufzuschlichten. Folglich war der Platz, den man in den G?ngen hier hatte, nur ?u?erst bemessen, sodass sie alle im G?nsemarsch, einer hinter dem anderen, durch das Haus gingen. Dem Gastgeber folgend, passierten sie ein paar T¨¹rdurchg?nge und kehrten dann schlie?lich in ein Zimmer zu ihren Linken ein.
Nur Lucius, Viktoria und ein weiterer Mann von den Lanzknechten w¨¹rden sich hier zu den Verhandlungen begeben. Alle anderen w¨¹rden drau?en warten m¨¹ssen. Der Letzte schloss die T¨¹re hinter sich, dann nahmen alle Eingeladenen auf den einfachen Holzst¨¹hlen Platz, die hier, etwas unvorbereitet wirkend, umherstanden. In einer der hinteren Ecken hatte man einen winzigen Hausaltar eingerichtet. Dieser bestand im Wesentlichen nur aus zwei Kerzen, ein paar gr¨¹nen Zweigen von drau?en und einem bunt bemalten Sch?del. Es war davon auszugehen, dass dies die ¨¹berreste des Ahnen vom Hausherren waren.
Auf dem Weg herein hatte die Prinzessin bereits ihre Kopfbedeckung abgenommen, da die Temperaturen hier drin ausreichend warm waren. Doch erst jetzt fiel demjenigen, der die Drei hereingef¨¹hrt hatte auf, welch stechendes Rot ihre M?hne vorzuweisen hatte. In Reaktion darauf erschrak er momentan und f¨¹r alle klar ersichtlich. ?Beruhigen Sie sich. Dies ist keine Falle. Wir haben Sie nicht hintergangen. Erlauben Sie mir die Umst?nde zu erkl?ren, weswegen diese junge Dame hier ist¡°, versuchte Lucius auf der Stelle die Situation zu beruhigen und das Aufkommen jedweder Animosit?t einzud?mmen. Das war das Erste, was er gesagt hatte. Erst danach stellte er sich unter seinem falschen Namen, Bertram, vor und behauptete der neue Anf¨¹hrer des alethischen Widerstandes zu sein. Ganz falsch lag er damit zwar nicht, da Etzel, Von Alduino und Petra nun in den H?nden des Regimes waren, aber dennoch hatte er sich einfach so selbst dazu ernannt. Sein Gastgeber entgegnete ihm: ?Lajosch. Ist mir eine Ehre!¡° Er schien sich sehr rasch wieder von seinem Schock durch die Anwesenheit der Magierin erholt zu haben.
Selbst Herrn Cornel war dieser Name bekannt. Der Oberste Anf¨¹hrer der Horden traf sich hier h?chstpers?nlich mit ihnen. Somit war die Ehre tats?chlich ihrerseits und nicht umgekehrt. Um seinen Hals hing ein v?lkischer Talisman, dessen pr?gnantes Lapislazuliblau einem besonders in Auge sprang. Der Mann starrte sie mit durchdringendem Blick an, w?hrend sein Gast dazu ¨¹berging, ihm darzulegen, wie es dazu kam, dass sie eine Hexe bei sich hatten. So schwer es auch zu glauben war, dass das M?dchen ihm einfach zugeflogen war, so war zur selben Zeit jedoch das Finden einer anderweitigen Erkl?rung beinah unm?glich. Der ungepflegt wirkende Alethiker versuchte ihm die Sache aber auf andere Weise schmackhaft zu machen:
?F¨¹hren Sie sich doch einfach vor Augen welch ein Gl¨¹ckstreffer dies f¨¹r uns ist! Was wir nicht alles mit einer solchen Verb¨¹ndeten erreichen k?nnten!¡° Lajosch lenkte da blitzschnell ein und vermerkte: ?Deine Argumente leuchten mir ein, Ordanier. Mich wundert viel mehr, dass du dies so offen vor dem Kind zur Aussprache bringst.¡° Es schien nun so, dass der Kaschare keine inh?rente Ablehung geben¨¹ber Hexerei hatte. Im Widerspruch zu ihrer althergebrachten, Ahnenverehrung stand diese immerhin nicht, selbstverst?ndlich war diese Sachlage dadurch aber auch nicht. Den anwesenden Ordaniern hier war sie zumindest nicht bekannt gewesen.
Bez¨¹glich der Dinge, die der Oberste Anf¨¹hrer der Horden soeben in puncto Viktoria gesagt hatte, hatte der sogenannte Bertram sich ohnehin schon sehr viele Gedanken gemacht. Infolge ging er sogleich dazu ¨¹ber das M?dchen direkt dazu anzusprechen. ?Wir haben in letzter Zeit einige Unterhaltungen gef¨¹hrt. Ich wei?, dass ein tiefer Schmerz in dir sitzt, Viktoria. In uns allen, die wir hier unser altes Leben hinter uns gelassen haben und zu den Waffen gegriffen haben, steck ein solcher Schmerz. Wir teilen deine B¨¹rde. F¨¹r uns gibt es nur eine M?glichkeit die Pein loszuwerden, und diese ist, das ¨¹bel an der Wurzel anzupacken. In unserem konkreten Fall hier, ist die Wurzel des ¨¹bels das Regime in Meglarsbruck. Wenn wir uns mit den Kascharen hier zusammentun und gemeinsam auf die Kaiserstadt losmarschieren, haben wir wahrscheinlich immer noch recht schlechte Erfolgschancen. DU aber kannst hier den entscheidenden Unterschied machen! Hilf uns! Zerst?re die Stadt, dann k?nnen wir siegreich sein!¡°
Viktoria wirkte skeptisch, ?u?erte aber kein einziges Wort. Somit dr?ngte sie der Mann weiter: ?W?re es nicht die ultimative Rache an demjenigen, der die Quelle deines Ungl¨¹cks ist, Zerst?rung und Chaos zu stiften, wo er doch, wie weithin bekannt ist, Ordnung und Wiederaufbau so liebt. Damit w¨¹rdest du ihm wirklich eins auswischen.¡° Still dasitzend, br¨¹tete die Teenagerin etwas ¨¹ber die Sache. Als Lucius sich dann schon abwenden wollte, gab sie aber schlie?lich eine Antwort: ?Also gut. Ich werde euch helfen. Aber nicht euretwegen. Das hat nichts mit euch oder euren ¨¹berzeugungen zu tun.¡° Als er dies h?rte, wollte Bertram schon fast in geh?ssiges Lachen ausbrechen, konnte sich aber gerade noch so beherrschen. ?Das ist es! Ich habe gewonnen! Hahaha!¡°, ging es ihm durch den Kopf. Es war wirklich l?cherlich einfach ein Kind zu etwas zu ¨¹berreden.
Danach adressierte er Lajosch wie folgt: ?Sehen Sie, unser Ziel ist erreichbar. B¨¹ndeln wir unsere Kr?fte und lassen Sie uns zum Schlag gegen Meglarsbruck ausholen!¡° Der Angesprochene erwiderte vorerst nur einen strengen Blick. Seine gro?en, kr?ftigen H?nde, ballte er zu F?usten, w?hrend er in eine der Ecken des Raumes starrte. Ab und an, wenn auch nur fl¨¹chtig, schweifte sein Blick her¨¹ber zu der Zaubrerin. Er sagte nichts. Was war hier los? Hatte Lucius etwas Falsches ge?u?ert? Aber was denn?
?Mir w?re es lieber, wenn wir zuerst unser Nargyosch befreien. Unser innigstes Verlangen, also von uns Kascharen, ist es das Ordanische Joch abzuwerfen und unsere Heimat wieder unabh?ngig zu machen. Somit geht unsere eigene Hauptstadt vor.¡° Etwas durcheinander setzte Herr Cornel nun seine Bem¨¹hungen daran den Obersten Anf¨¹hrer hier umzustimmen: ?Bedenken Sie doch, dass eine solche Aktion wohl kaum von langer Dauer sein kann. Das Reich w¨¹rde sehr schnell eine gro?e Truppe beisammen haben und zur R¨¹ckeroberung ansetzen. Dies w¨¹rde nur sinnlos Ressourcen aufbrauchen. Besser w?re es, wenn wir den Kopf der Schlange abschlagen!¡°
In seinen traditionellen Fellschuhen im Raum herumwandernd, gab ihm Lajosch nur erneut dieselbe ablehnende Antwort. Wieder und wieder versuchte der Mann zu diesem durchzudringen, doch es half nichts. Der einst so junge, ungest¨¹me Empork?mmling, der die Tiboren abgel?st hatte, war ¨¹ber die Jahre weiser geworden. Nur zu gut erinnerte er sich noch an die vernichtende Niederlage, die sie durch ihre Invasion Ordaniens w?hrend der Revolution damals erlitten hatten. Er war kein Narr. Bevor er etwas so Tollk¨¹hnes tun w¨¹rde, mussten ihm diese Monotheisten erst einmal etwas daf¨¹r geben. Nargyosch schien ihm da ein gutes Pfand zu sein. Somit blieb er beharrlich auf seiner Position. Am Ende der heutigen Verhandlungen verabschiedete er die drei geladenen G?ste h?flich und lie? sie auf ihre Zimmer geleiten. Es war noch nicht das letzte Wort gesprochen, auch wenn er sich w¨¹nschte, dass dies der Fall gewesen w?re.
In dieser Nacht tr?umte Viktoria von gar nichts, denn sie konnte kein Auge zubekommen. Dies war wohl kaum ein Unterschied zu dem, wie es die letzten Wochen bei ihr gewesen war. Dennoch war da ein gewaltiges Unbehagen, das an ihr nagte. ?Will ich diesen Heiden denn wirklich zur Seite stehen? Die Umst¨¹rzler glauben zumindest an Gott, aber die anderen sind echt fragw¨¹rdig. Deren barbarische Weltsicht st??t mich einfach nur ab!¡°
Als die Sonne die Bergspitzen aufblitzen lie?, schob Lajosch die Vorh?nge seines Zimmers im zweiten Stock beiseite, um den stets so berauschend sch?nen Ausblick ¨¹ber die Bergkulisse zu genie?en. Auf den Almwiesen darunter lagerte eine Schar an Ausl?ndern. Diese waren nat¨¹rlich die ordanischen Dissidenten. Bei deren Anblick realisierte der langj?hrige Widerstandsk?mpfer nun, wie viel schw?cher die Truppenst?rke dieser M?chtegernrevoluzzer im Vergleich zu seinen M?nnern tats?chlich war. Keine dreitausend Mann hatten sie hier herankarren k?nnen! Folglich schlussfolgerte er, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, auf dem Vorrang der Eroberung Nargyoschs gegen¨¹ber deren Zielen zu beharren. M?ge es sein, dass dies nicht alle von deren Kr?ften waren, dennoch f¨¹hlte er sich in seiner Position best?tigt.
Etwa zur selben Zeit lugte Lucius auch aus seinem Fenster. Was ihm ins Auge fiel, war aber etwas ganz anderes als es beim Obersten Anf¨¹hrer der Horden der Fall war. Im fr¨¹hmorgendlichen Treiben der jungen Krieger sah man eine Person den steilen Steig hinab vom Berg herannahen. In dem Moment, als er sie erkannte, blieb ihm wahrhaftig die Spucke weg. Es war Petra Vogt, welche in Begleitung von ein paar Nachz¨¹glern der Lanzknechte hier auftauchte! Gleich einem Wirbelwind st¨¹rmte er bei seiner T¨¹r hinaus, ins Erdgescho? hinunter und in deutlich zu leichter Kleidung hinaus ins Freie. Wie getrieben eilte er der Frau entgegen, die er bereits abgeschrieben hatte.
Bei ihrem Abstieg ersp?hte die Dame schon von Weitem, wie ihr ?Verb¨¹ndeter¡° ihr entgegenhetzte. Sie hielt an und wartete, bis dieser zu ihr kam. Au?er Atem kam der Typ vor ihr zum Stehen. Dennoch sprach er sie sogleich keuchend an: ?Du ¡.und deine Gef?hrten¡.nennt mich k¨¹nftig nur noch Bertram. Das ist mein Name, verstehst du?¡° ¨C ?Dir auch einen sch?nen, guten Tag!¡°, erwiderte sie ihm zynisch. ?Weshalb die Eile?¡° Gleich infolge musste der Mann ihr nat¨¹rlich darlegen, weswegen er so ¨¹berhastet mit der T¨¹r ins Haus fiel. ?Es hat sich etwas ergeben, wovon du nichts wei?t. Das M?dchen, ich meine die Hexe, die Prinzessin, ist bei uns. Und ich konnte sie einwickeln. Aber sie glaubt, dass ich Achaz Onkel namens Bertram bin. Also rede mich von nun an mit diesem Namen an, oder wir alle k?nnten echte Probleme bekommen.¡°
Petras Ankunft barg das gro?e Risiko ihn und seine L¨¹genkonstrukte vor Viktoria auffliegen zu lassen. Darum musste er diese Gefahr schnellstm?glich eliminieren. Er elaborierte: ?Bisher hatte sie mich noch nicht pers?nlich zu Gesicht bekommen, weswegen sie nicht wei?, dass ich Lucius bin. Es w¨¹rde sie nur verwirren, wenn sie jetzt erfahren w¨¹rde, dass ich mich als jemand anderer ausgegeben habe.¡° ¨C ?Ich verstehe schon¡°, gab die Dame da kurzerhand zur¨¹ck. ?Ich werde versuchen deine T?uschungen nicht zu enth¨¹llen.¡° Das erzeugte sogleich deutliche Entspannung bei dem Mann. Dann sagte er zu ihr: ?Den Rest besprechen wir sp?ter. Ich sollte besser wieder hineingehen.¡° Die Morgenluft war f¨¹r sein d¨¹nnes Schlafgewand eindeutig zu frisch.
W?hrend der Kleingewachsene, Frau Vogt und ihre Handvoll Begleiter dann miteinander zum Hof hinunterschritten, unterhielt sie sich noch ein wenig mit einem von den K?mpfern. Es war derjenige, der ihr die Flucht vor Alexander in den Duhnmarschen erm?glicht hatte. Sie hatte damals schon eine ganze Weile bemerkt, dass ihr jemand nachgestellt hatte, aber sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte, da dieser immer au?er ihrer Reich- und besonders Sichtweite geblieben war. Als sie dann aber zuf?llig einem Ihrer Rebellen ¨¹ber den Weg lief, kam sie auf die Idee, einer bereits vorhandenen Spur am Boden zu folgen, bis die Stra?e abzweigte, woraufhin sie dann auf dem R¨¹cken des Pferdes eben dieses Lanzknechts mitritt. Der junge Kuhn war dann einfach weiterhin der anderen Spur gefolgt, da er nicht davon ausging, dass Petras Spur pl?tzlich zu Hufabdr¨¹cken werden konnte. Es war ein Trick von passabler Gewieftheit. Auf jeden Fall war er erfolgreich darin gewesen, den Verfolger abzusch¨¹tteln.
Den ausgemachten Treffpunkt mit den Kascharen hatte sie ja bereits gewusst. Da sie zu dem Zeitpunkt nur zu zweit waren, konnten sie dann Lucius Kolonne einholen. Oder, naja, fast hatten sie diese eingeholt. Sie kamen nur einen Tag sp?ter als dieser an. Nun aber musste Petra einen wahrhaftigen Eiertanz auff¨¹hren. Sie durfte Lucius nicht vor Viktoria auffliegen lassen, w¨¹rde aber nat¨¹rlich auch ihre eigene Manipulation an dem M?dchen versuchen. Dieser Verr?ter w¨¹rde seine wohlverdiente Strafe bekommen, daf¨¹r w¨¹rde sie sorgen. Vielleicht konnte sie hierf¨¹r sogar die Teufelin einspannen. All das g?rte weiter in ihren Gedanken, w?hrend sie bereits das Geh?ft betraten. Die gesamte Angelegenheit hier war ein riesiges Pokerspiel geworden und sie musste ihre Karten RICHTIG spielen, dann konnte sie gewinnen.
?Sollte ich wirklich bei dieser Sache mitgehen? Bin ich tats?chlich bereit dazu, etwas so Widerspr¨¹chliches zu tun? Keiner dieser Leute, weder die Alethischen noch die Kascharen, halten etwas von Zauberern wie mir. Vor diesen habe ich keine Angst, nein, das sicher nicht. Und der Akt der Rebellion gegen mein Heimatland, st?rt er mich? Nein, auch das nicht. Mir sind all diese Tussen, Schn?sel und Hochwohlgeborenen dort schnurzegal. Von mir aus k?nnen in sie im H?llenfeuer schmoren! Also warum bin ich so zaghaft? Was h?lt mich zur¨¹ck?¡°
Auf einer ungem¨¹tlichen Strohmatratze liegend, starrte Viktoria an die Decke und sinnierte ¨¹ber die Zweifel, die sie nun plagten. Sehr schnell aber erschienen ihr wieder die Bilder ihrer ermordeten Eltern in Gedanken. Schwer ergriffen musste sie, wie aus dem Nichts, zu weinen beginnen. Wie oft war ihr das jetzt schon passiert? Sie hatte nie auch nur angefangen zu z?hlen. Klar war, dass sie jeden Tag Tr?nen f¨¹r diese vergoss. Und in diese tiefe Melancholie mischte sich auch noch der Verlust von Achaz und ihrer Beziehung zu ihren Adoptiveltern. Ihr Leben war ein einziger Scherbenhaufen!
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Als ihr dies durch den Sinn ging, erinnerte sie sich dann auch wieder an Wenzel. Es lie? den Zorn in ihr aufsteigen. ?Er hat das alles zu verschulden! Er wollte mich nicht zusammen mit Achaz sehen und hat folglich das Unvorstellbare getan. Wenn das nicht passiert w?re, h?tten sich die Ereignisse mit meinen Eltern auch nicht zugetragen!¡° Sie ¨¹bersah hier nat¨¹rlich, dass die Konsequenzen ihrer Taten w?hrend ihrer n?chtlichen Schlafwandlerei nicht Wenzels Schuld sein konnten, und ihm dies zuzuschreiben wohl doch ein wenig zu weit ging. Ihr war das aber egal. Der Anfang und die Wurzel all ihrer Betr¨¹bnis war in ihren Augen einzig und allein Wenzel!
?Nein, ich werde ihm den gr??tm?glichen Schmerz zuf¨¹gen, indem ich die Stabilit?t und den Wohlstand in Ordanien zerst?re! Diesen Aufr¨¹hrern zu helfen ist also sehr wohl der richtige Weg dahin¡°, war die Schlussfolgerung, die sie jetzt aus dem zog. Blinde Emotionalit?t, verursacht durch Trauma. Das M?dchen war eine h?chst gef?hrliche Zeitbombe. Das zeigte sich auch augenblicklich wieder. Als Manifestation ihres inneren Furors fing ihre Matratze urpl?tzlich Feuer!
Just sprang sie auf, lie? das Ding in die H?he schweben, ?ffnete ihr Fenster mit Telekinese und bef?rderte ihre Schlafunterlage dort hinaus. Sie sah nicht, wie sie auf die Wiese darunter fiel, konnte aber deren Aufklatschen sehr wohl h?ren. Die Rauchentwicklung rief recht rasch die Hausbewohner auf den Plan, welche besorgt bei ihrer T¨¹re hereinst¨¹rmten. ?Alles ist gut. Habe das Problem schon gel?st¡°, teilte sie diesen schlicht mit, ohne irgendwie ins Detail zu gehen. Was darauf folgte war allerdings sehr befremdlich f¨¹r die Eindringlinge ihres Zimmers. Die Magierin brach spontan und ohne ersichtliche Ursache in Gel?chter aus. Diese Episode dauerte nicht lang und sie hatte sich schnell wieder gefangen. Nichtsdestotrotz war es eine seltsame Begebenheit f¨¹r die unfreiwilligen Zeugen dessen.
Bald schon beruhigte sich die Situation wieder. Zwar brannte die Matratze unten ab, ging aber auch schnell wieder aus. Die Flammen griffen nicht auf das umliegende Gras ¨¹ber, da geschwind ein paar Knechte mit Wassereimern herbeieilten und den Brandherd unterdr¨¹ckten. Zum Gl¨¹ck war, au?er dem Schock, den die Anwohner hier kurz bekommen hatten, nicht viel passiert. Entschuldigung gab ihnen Viktoria aber keine. Sie war viel zu sauer auf sich selbst, da sie ihre Kraft nicht in Zaum halten konnte. Diese Sache, genauso wie alles andere, was sich in letzter Zeit zugetragen hatte, zehrten an ihr, ja raubten ihr buchst?blich den Verstand.
Sp?ter kreuzten sich ihre Wege dann mit Bertram. Irgendwo in einem der engen G?nge des gro?en Hauses traf sie auf den Mann, den sie gesucht hatte. Sie sprach ihn unmittelbar an: ?Hey, ich habe mir die Sache mit den Horden nochmal durch den Kopf gehen lassen. Ich glaube, wir sollten ihnen dabei helfen, ihr Ziel zuerst zu erreichen. Danach k?nnten wir machen, was du dir vorstellst, und sie h?tten keine Ausrede mehr uns nicht dabei zu unterst¨¹tzen. Eine Hand w?scht ja bekanntlich die andere.¡° Daraufhin stand der Angesprochene einen Moment lang nur verdutzt da und wusste nicht, was er sagen sollte. Die Kleine hatte sich das offenbar vorher gut ¨¹berlegt.
Schlie?lich entgegnete er aber: ?Du willst ihnen tats?chlich beiseite stehen? Ich denke nicht, dass wir diesen,¡° er z?gerte mal eben, fuhr dann jedoch in leiserem Ton fort, ?Barbaren wirklich trauen k?nnen. Sie wollen uns, und vor allem dich, wahrscheinlich nur ausnutzen!¡° Mit ernster Stimme gab ihm das M?dchen jedoch zur Gegenrede: ?Sie werden es nicht riskieren mich zu hintergehen. Wer mich w¨¹tend macht, wird es bitterb?se bereuen! Sag das, bitte, auch dem Anf¨¹hrer von ihnen.¡° Selbst Lucius fing sich da schon beinah zu f¨¹rchten an. Dies war eine gerissene Herangehensweise, die die Hexe da hatte. Sie war seiner eigenen gar nicht so un?hnlich. Gef¨¹rchtet zu sein, bedeutete aber auch unberechenbar zu sein. Und f¨¹r den angeblichen Bertram war sie berechenbar. Zumindest glaubte er das.
Nach dieser kurzen Unterhaltung verlie? der Mann das Geb?ude und machte einen kleinen Spaziergang. Er musste nun ¨¹ber alles, was sich allein in den letzten 24 Stunden ergeben hatte, nachgr¨¹beln. Vorhin hatte er noch ein weiteres Gespr?ch mit Petra abgehalten. Es hatte einiges gegeben, was er von dieser wissen wollte. Ihre Erkl?rungen dazu, vor allem jene bez¨¹glich des Umstands, dass der D?monenkaiser sie einfach so freigelassen hatte, verwunderten ihn doch sehr. ?Ich glaube ihr kein bisschen! Da gibt es etwas, das sie mir enth?lt, und ich wei? nicht, was es ist¡°, ¨¹berlegte er, w?hrend er einen ausgetrampelten Pfad, der vom Einhof wegf¨¹hrte, entlangspazierte.
In seiner N?he war erheblich mehr los, als man sich an einem solchen Ort jemals vorstellen w¨¹rde. Zahllose Kascharenkrieger, die treuen M?nner Lajoschs, die sich f¨¹r die Dauer ihres Aufenthalts hier als Helfer f¨¹r die Bergbauern bet?tigten, rannten ¨¹berall umher und verrichteten allerlei Arbeiten. Den Blick etwas weiter hoch ins Tal werfend, pr?sentierte sich einem der Lagerplatz, den die Lanzknechte sich eingerichtet hatten, oder, nun ja, diejenigen, die nicht davongelaufen waren. Eine gro?e Zahl von ihnen, die im j¨¹ngsten Schlag der Melgaristischen Streitkr?fte in Camenia davongekommen waren, hatten n?mlich den Schwanz eingezogen und hatten sich nicht zum befohlenen Zielort, also dem Standort genau hier, aufgemacht. Der Teufel Wenzel hatte, wahrscheinlich ohne es zu wissen, dem Widerstand einen schweren D?mpfer verpasst.
Als er so am Weidezaun lehnte, kam von hinten der Rangn?chste ihrer Organisation zu ihm. Sein Name war Randolf, und er war derjenige, der auch bei ihrem Treffen mit dem Obersten Anf¨¹hrer der Kascharenhorden anwesend gewesen war. ?Was macht Ihr hier drau?en?¡°, wollte er von ihm wissen. Die Antwort folgte ohne Verzug: ?Unsere Strategie ersinnen, Pl?ne mit mir selbst entwerfen.¡° Sogleich war der Typ ganz Ohr. ?Es sieht so aus, als w¨¹rden wir keine andere Wahl haben, den Horden vorerst einmal dabei behilflich zu sein, ihre Anliegen umzusetzen, bevor wir in unserer Heimat die Gegenrevolution starten k?nnen. Vielleicht hatte Etzel einen solchen Ausgang sogar vorhergesehen. Das k?nnte auch der Grund sein, warum er die Reste der Alethischen Kommune hierzu nicht eingeladen, ja diese noch nicht mal kontaktiert hat. Naja, das und vermutlich deren aktuelle innere Fragmentierung im Allgemeinen.¡°
Der Kommandant nickte nur und horchte ihm weiter zu. ?Was er nat¨¹rlich nicht vorhersehen h?tte k?nnen, war, dass die ?Unheilige Armee¡® uns finden w¨¹rde, und dass die Teufelin zu uns kommen w¨¹rde und sich zu unserem willigen Instrument machen l?sst. Ein Ungl¨¹ck und ein Gl¨¹cksfall dicht nacheinander. Sei¡¯s drum. Wir m¨¹ssen nun mit dem arbeiten, was wir haben.¡° Somit wandte er sich dann endlich direkt an seinen Zuh?rer: ?Geh zu Lajosch und teile ihm mit, dass wir damit ¨¹bereinstimmen, seinem Plan zu folgen. Au?er nat¨¹rlich du bist der Meinung, wir k?nnten das anders angehen?¡° ¨C ?Nein, es ist so, wie Ihr gesagt habt. Wir haben hier wohl kaum gute Optionen.¡° Infolge trat der K?mpfer ab und machte sich auf zum Obersten Anf¨¹hrer.
Die Nacht war am Hereinbrechen. In dem von Wurstger¨¹chen und anderen D?mpfen durchzogenen Wohnbereich des Geb?udes war eine gef¨¹hlt viel zu gro?e Menge an Menschen, die hier n?chtigte, dicht gedr?ngt. Viktoria, die den Gro?teil des Tages in ihrem Schlafk?mmerchen verbracht hatte, folgte nun Lucius, welcher sie in ein privates Zimmer f¨¹hrte, wo sie alleine sein konnten. H?chstwahrscheinlich ging es darum, wie ihre Gruppe nun fortfahren w¨¹rde. In einem kleinen Raum angekommen, erblickte sie aber eine schwarzhaarige Dame, die dort bereits auf sie gewartet hatte.
?Viktoria, darf ich dir Petra vorstellen¡°, machte er die zwei einander bekannt. Frau Vogt stand sogleich auf und hielt ihr die Hand zur Begr¨¹?ung hin, zauderte aber kurzfristig, als ihr die mit roten ?derchen unterlegten Augen der Prinzessin auffielen. Sie riss sich zusammen und stellte sich freundlich bei der Jugendlichen vor. Allein ihr Vorname hatte der Teenagerin aber unmittelbar verst?ndlich gemacht, wer die Person vor ihr war. Folglich krampfte sie sich zusammen. Gleich darauf wandte sie sich Lucius zu und fragte ihn: ?Wei? sie schon ¨¹ber¡..du wei?t schon?¡° ¨C ?Nein. Ich habe ihr noch nichts gesagt. Jedoch glaube ich, wir sollten vorsichtig an die Sache herangehen¡°, gab der Mann zur¨¹ck. Er hatte zwar mit so einer Frage von ihr gerechnet, jedoch nicht, dass sie sie geradeheraus vor Frau Vogt ?u?ern w¨¹rde. Das war durchaus ein Problem!
Petra verstand sehr wohl, worum es hier ging, stellte sich aber dumm, indem sie die beiden, die ihr gegen¨¹ber waren, nur fragend anschaute. Bertram machte eine abweisende Handbewegung und sagte: ?Vergessen wir das erst mal. Was viel wichtiger ist, sind die Dinge, die ich euch mitzuteilen habe.¡° Er holte kurz Luft und fuhr dann fort: ?Ich habe Lajosch dar¨¹ber in Kenntnis gesetzt, dass wir zuerst Nargyosch¡ ?hem¡ ?befreien¡® werden. Dies sollte unserem B¨¹ndnis eine Vertrauensgrundlage geben, auf Basis derer wir dann auch gegen das Kernland des Reiches zum Schlag ausholen k?nnen. So viel ich mitbekommen habe, hat der Oberste Anf¨¹hrer der Kascharenhorden bereits den Befehl dazu ausgegeben, dass alle verf¨¹gbaren Kr?fte von ihrer Seite sich versammeln sollen. Mit der Magierin hier an unserer Seite, k?nnen wir diese Schlacht nicht verlieren. Der im Anschluss angedachte Feldzug gegen Ordanien, wird da wohl viel schwieriger werden. Aber ich hege diesbez¨¹glich gro?e Hoffnungen.¡°
Infolge lie? ihm die ?ltere Frau hier wissen, dass sie ¨¹beraus unzufrieden damit war, bei dieser Entscheidung ¨¹bergangen worden zu sein. Der hinterlistige Bertram entschuldigte sich bei ihr nur lapidar daf¨¹r, was diejenige, die sich beschwert hatte, beleidigte. Sie versuchte es nur nicht zu zeigen. Danach ¨¹bernahmen die beiden Frauen die Unterhaltung, wobei sie Bertram kaum mehr zu Wort lie?en.
?Ich habe von dir ein-, zweimal geh?rt. Mein Sohn kennt dich. Im Moment ist er nicht hier, sondern vermutlich noch in Ordanien bei Fabio, meinem Partner.¡° Gezielt versuchte sie hier m?glichst ahnungslos her¨¹berzukommen. Sie musste schlie?lich auch die Hexe UND Lucius hinters Licht f¨¹hren, welche beide keinen Wind davon bekommen durften, dass sie um Achaz Ableben Bescheid wusste. Es schien zu klappen, denn Viktoria sprach ihr gegen¨¹ber nur recht zur¨¹ckhaltend, leise und ¨¹ber Themen die eher noch angenehmerer Natur waren. Immer wieder schaute sie der Mutter ins Gesicht, nur um dann gleich wieder ihren Blick abzuwenden, sobald sich ihre Blicke trafen.
Sehr bald schon schien das alles der Jugendlichen aber schon zu viel zu werden. Nicht einmal eine Stunde sp?ter, stand sie vom Tisch, an dem sie gesessen waren, auf, verabschiedete sich und kehrte f¨¹r die Nacht ein. Damit machten auch Petra und Lucius Schluss f¨¹r heute. Die Dame hatte nur m??igen Erfolg mit ihren Ann?herungsversuchen an die Prinzessin gehabt. Sie w¨¹rde noch eine Weile ben?tigen, um ein Vertrauen zu sich bei dieser aufbauen zu k?nnen. Und Lucius? Er war in ihren Augen ein Schwachkopf! Er hatte noch nicht einmal eins und eins zusammenz?hlen k?nnen, dass sie Wenzel ¨¹ber das informiert hatte, was an jenem Entscheidungstag tats?chlich im Palast vorgefallen war! Eigentlich h?tte es in seinem eigenen Interesse sein m¨¹ssen, sie m?glichst von der Zaubrerin fernzuhalten. Aber selbst daf¨¹r war er zu naiv. Dies spendete ihr Zuversicht, dass sie ihn an der Nase herumf¨¹hren k?nnen w¨¹rde. Ihre Rache w¨¹rde noch kommen, und zwar dann, wann er es am wenigsten erwartete!
Behutsam und auf Zehenspitzen tapste eine Person durch die G?nge. Es war bereits stockefinster und man musste sich fast schon mit dem Tastsinn orientieren, um voranzukommen. Au?er dem gelegentlichen Quietschen der Bodendielen, wenn man auf diese trat, oder dem fallweisen lauteren Schnarchen, das aus einem der Gem?cher anbei ert?nte, war es komplett still. Die Gestalt schlich eilig weiter, bis sie vor der T¨¹r eines bestimmten Zimmers ankam. Sie dr¨¹ckte die T¨¹rklinke ganz vorsichtig nach unten, um m?glichst kein Ger?usch zu erzeugen, trat dann langsam ein und schloss diese auch wieder ebenso vorsichtig hinter sich. Durch das Fenster fiel der Mondschein auf die heimliche Einbrecherin. Es war Viktoria. Vor ihr im Bett lag, in eine dicke Decke eingeh¨¹llt, die Frau Vogt. Argw?hnisch blickte sie auf diese hinab.
?Hier kann ich der Sache nun ungest?rt auf den Grund gehen. Vor Bertram h?tte ich vorhin nicht in ihre Gedanken und Erinnerungen blicken k?nnen, ohne dadurch massive Querelen mit diesem hervorzurufen. Das will ich auch nicht unbedingt.¡° Die junge Dame hatte im verbalen Austausch mit Petra schnell ein mulmiges Gef¨¹hl bekommen. Nicht nur das Schicksal deren Sohnes, welches die Rothaarige schwer belastete, war hieran schuld. Nein, alle Signale, die ihr Frau Vogts Manieren, ihre Mimik und Gestik, sandten, waren ihr verd?chtig gewesen. Sie sp¨¹rte, dass diese Frau etwas vor ihr verbarg. Und sie glaubte nicht, dass es sich dabei schlicht um die Tatsache handelte, dass Achaz Mutter ihren Sohn bewusst dazu gedr?ngt hatte, eine Beziehung mit Viktoria einzugehen, um sie ausnutzen zu k?nnen. Dies hatte Petra zwar auch vor ihr verheimlicht, doch war die Magierin ¨¹berzeugt davon, dass da noch mehr sein musste.
In aller Seelenruhe w¨¹rde sie hier und jetzt das Geheimnis l¨¹ften. Zwar w?re es ihr jederzeit m?glich in deren Bewusstsein einzudringen, denn im Gegensatz zu ihrem Vater war sie dazu in der Lage auch die Gedanken von anderen zu lesen, ohne dass diese ihr das gew?hrten, doch h?tte es ihr in der Gegenwart von anderen zu viele Umst?nde bereitet und Konsequenzen nach sich gezogen. Diese n?chtliche Aktion war da doch wesentlich reibungsloser und unproblematischer. Au?erdem w¨¹rde sie in dieser Situation keinen geistigen Widerstand gegen ihr Eindringen leisten, was es dem M?dchen nat¨¹rlich erheblich leichter machte, in deren tiefstes Innerstes einzutauchen.
Bis knapp neben ihre Bettkante trat sie an die Schlummernde heran. Dann langte sie hinunter und versuchte diese so sachte wie nur irgend m?glich zu ber¨¹hren. Dies gelang ihr. Petra wachte nicht auf. N?chster Halt: Deren Erinnerungen.
¡¡
Aus der g?hnenden Leere ert?nte eine beklemmende Stimme: ?Lucius, wach auf!¡°
?Ha? Was?¡° Er erkannte die Stimme. Wieso st?rte sie ihn um so eine Zeit? Es war noch nicht einmal hell drau?en.
?Zeit f¨¹r dich aufzuwachen, Lucius.¡° ¨C ?Kann das nicht warten? Es ist¡¡¡° Schlagartig unterband er die Absonderung eines jeglichen weiteren Wortes. Ihm war aufgefallen, mit welchem Namen er adressiert worden war. Von Grauen erf¨¹llt, sprang er auf, nur um sich unverhofft direkt in ihr Antlitz schauend wiederzufinden. Zwei leuchtende Sph?ren, in denen Flammen wild wie das Fegefeuer selbst loderten, erhellten den Raum und starrten ihm unheilvoll entgegen.
?Woher hast du¡..¡° ¨C ?Schweig, du *****sohn!¡°, donnerte es zur¨¹ck. ?Ich werde dich weder darum fragen noch bitten!¡° Dann las sie auch seine Gedanken.
Eiseskalte Luft zischte ihm um die Ohren. In schwindelerregender H?he flog der Erkorene dem Horizont entgegen, welcher ihm graduell die fernen Bergspitzen der kascharischen Gebirge enth¨¹llte. ?Dieser Alexander ist echt zu nichts zu gebrauchen!¡° ?rgerte er sich. Wenige Wochen nach dem Beginn seiner Mission zur Verfolgung Petras, war der Kerl wehm¨¹tig zu ihm zur¨¹ckgekrochen, nur um ihn dar¨¹ber in Kenntnis zu setzen, dass er ihre F?hrte verloren hatte. Seine Majest?t war selbstverst?ndlich nicht erfreut ¨¹ber solche Nachrichten gewesen, zur selben Zeit jedoch war er deswegen nicht wirklich aus der Fassung geraten. ?Was auch immer passiert, sie kann mir nicht entwischen,¡° wiederholte er seine eigene fr¨¹here Aussage, w?hrend er auf das azurblaue Funkeln des Steins schaute. Das Szepter, wovon dieser Teil war, leuchtete ihm den Weg zu der Frau.
Eine karge W¨¹stenlandschaft zog unter ihm hinweg und er ¨¹berquerte den ersten Berg. Da r¨¹hrte sich auch schon sein Wegef¨¹hrer und deutete ihm in Richtung eines der T?ler, gleich hier in der n?heren Umgebung. Trotz seiner vorsichtshalber dickeren Kleidung, die er trug, sch¨¹ttelte es Wenzel von den frostigen Temperaturen. Er sank hinunter und kam seinem Ziel immer n?her. Letztlich geleitete ihm sein Szepter vor die gro?e Ruine eines Bauernhofs, der offenbar abgebrannt war. Schwarz und verkohlt pr?sentierte dieser sich vor ihm, der Brandgeruch immer noch in der Luft. Es war offensichtlich, dass dieser erst vor Kurzem in Flammen aufgegangen war.
Ringsum verstreut lagen ¨¹berall unz?hlige, scheinbar leblose Leiber. Als der Kaiser dies bemerkte, lie? er, auf der Suche nach dem Urheber dieses Gemetzels, seinen Blick umherschweifen. Nichts. Weiter weg sah er ein paar wenige Hanseln, die die Verstorbenen auf einem Haufen zusammenwarfen, h?chstwahrscheinlich nachdem sie diese ihrer noch brauchbaren Gegenst?nde entledigt hatten. Aus irgendeinem Grund hatten sie die Ankunft des Zauberers nicht mitbekommen, wodurch sie wohl nicht gleich vor ihm davonliefen. Wenzel w¨¹rde dieses Pack gewiss bez¨¹glich der Vorkommnisse hier befragen. Doch zuerst musste er noch Petra finden. Die Szenerie, die sich ihm hier bot, lie? ihm allerdings nun ¨¹bles erahnen.
Das Imperiale Szepter wies in Richtung des zerst?rten Almgeh?fts. Schritt um Schritt kam er heran und r?umte den Schutt, der ihm im Weg war, mit seiner Telekinese beiseite. Letzten Endes wurde er zu einer pechschwarz verkohlten Leiche gelotst. Davon lagen hier darunter einige. Im Wesentlichen war sie nur noch ein Skelett, wodurch es ausgeschlossen war, zweifelsfrei verifizieren zu k?nnen, ob es sich hierbei um Petra Vogt handelte. Sein magisches Artefakt meinte aber, dass es so w?re, weshalb seine Hoheit davon ausging, dass dies der Fall war. ?Wurde sie etwa von den Kascharen, bei denen sie Zuflucht gefunden hat, umgebracht? Das w?re schon ziemlich absurd!¡°, stellte er in s¨¹ffisantem Ton fest und lachte darauffolgend. Ihr Verderben k¨¹mmerte ihn nicht. Es bedeutete lediglich, dass er nun kein Instrument mehr hatte, um Viktoria vielleicht finden zu k?nnen.
Jetzt nahm er sich der, wie er vermutete, Pl¨¹nderer an. Rapide schwebe er hin¨¹ber zu diesen, welche erst jetzt realisierten, wer er war. Die Gruppe versuchte das Weite zu suchen, doch er hielt sogleich einen von ihnen fest. Der arme Kerl wurde zu Boden geworfen, und als er sich wieder aufrappeln wollte, packte der ¨¹ber-Ihm-Stehende ihn am Kragen. ?Sag mir, was hier passiert ist!¡°, befahl er ihm. Etwas z?gerlich und offenkundig verwirrt kam es dann von dem Mann, der einfache Kleidung trug, jedoch gute Fellschuhe zu haben schien, zur¨¹ck: ?Die Hexe hat das angestellt! Sie hat sie alle get?tet!¡° Erstaunt, lie? der Magier kurz von ihm ab. Viktorias Verwicklung in die Dinge hier erwischte ihn kalt. Er fasste sich aber schnell wieder, und stellte als weiterf¨¹hrende Frage: ?Wen? Wen hat sie get?tet? Petra Vogt?¡° ¨C ?Alle! Den Obersten Anf¨¹hrer, Bertram, Gandolf, die Frau, die noch dazugekommen war, und danach alle, die sie von unseren K?mpfern hier erwischen konnte¡°, gab der Verh?rte Hals ¨¹ber Kopf zur Antwort. Ihm war Petra anscheinend unbekannt.
Anstatt das Pokerspiel mit diesen Leuten mitzuspielen, hatte die Prinzessin einfach den ganzen Tisch mitsamt aller Karten darauf umgeschmissen. Somit hatte sich Kaiserin Elisabeths Fluch, mit dem sie vor so langer Zeit die Cornels verwunschen hatte, schlussendlich doch bewahrheitet.?Und wo ist das M?dchen jetzt?¡°, war er nun begierig zu erfahren. Der Typ erwiderte ihm einfach, indem er mit dem Finger in die Ferne zeigte. Westw?rts deutete er. ?In diese Himmelsrichtung hat sie sich davongemacht. Von dem, was ich so mitgekriegt habe, hat unser Anf¨¹hrer auch ¨¹ber die M?glichkeit Meglarsbruck anzugreifen diskutiert. Vielleicht¡¡° Sein Satz blieb unvollendet. Wenzel lie? ihn los und stapfte weg von ihm. Dann blieb er aber wieder stehen und dachte dar¨¹ber nach. Er war ¨¹berzeugt davon, dass der Mann hier richtig geschlussfolgert hatte. In der Hauptstadt des Reiches w¨¹rde er sie finden. Da schwante ihm ¨¹bles.
1. 17 Tag der Verhei?ung
Wenzels K?rper sank schlaff auf die Almwiese hernieder. Er hatte keine Ahnung, wie er all das verarbeiten sollte. Was hatte sein Adoptivkind an diesem Ort hier zu suchen gehabt? Wie hatte sie mit Petra zusammengefunden? Und warum hatte sie diese dann ausgeschaltet? Fragen ¨¹ber Fragen. ?Nein!¡° Seine Majest?t sch¨¹ttelte den ruckartig den Kopf und riss sich aus seiner Benommenheit. ?Ich kann mich jetzt nicht mit Belanglosigkeiten besch?ftigen! Petra ist tot, alles, was z?hlt ist jetzt Viktoria¡°, versuchte er seine Priorit?ten zu setzen.
?Sie wird versuchen die Kaiserstadt in Schutt und Asche zu legen. Ich habe das starke Gef¨¹hl, dass dies das Wahrwerden meiner einst so gef¨¹rchteten Prophezeiung sein wird. Ja, ich bin mir vollkommen sicher, dass es so ist.¡° Die Erinnerung, dass er in der Vision einst ein alter Mann zu sein schien, wurde einfach verdr?ngt. Der Souver?n war im intensiven Selbstgespr?ch. Er sinnierte, was er nun tun konnte. Aber er hatte nicht viel Spielraum, denn die Zeit dr?ngte. Er musste so rasch wie m?glich wieder nach Meglarsbruck zur¨¹ckkehren. Doch er wusste, dass er mit Viktoria nicht gesittet reden k?nnen w¨¹rde. Sie w¨¹rde ihn angreifen, und er keine Chance haben. Bei ihrem letzten Treffen war unleugbar hervorgegangen, wie gro? der Unterschied zwischen der Menge an magischer Kraft war, die sie hatten. Wenzel war hoffnungslos unterlegen.
Und um mit ihr reden zu k?nnen, w¨¹rde er erst einmal dazu in der Lage sein m¨¹ssen, seine Tochter in ihre Schranken zu verweisen. Oh, wie schwer ihn doch diese Entwicklungen belasteten, wie sehr sie ihn schmerzten! Doch er musste standhaft bleiben. Wer, wenn nicht er? Immer noch hatte er das Szepter in der Hand, welches ihm nicht den Weg zu Viktoria leuchtete, da sie dessen Effekt irgendwie umgehen konnte. Als er kurz auf das blaue Juwel darin starrte, kam ihm schlie?lich eine Idee. Wie immer lie? er sich diese etwas durch den Kopf gehen, hielt sich diesmal aber k¨¹rzer, da er keine Zeit zu verlieren hatte. ?Also, gut. Machen wir es so¡°, kommentierte er, w?hrend er alle Heiligen Artefakte, inklusive des Klunkers aus dem Labyrinth in Galadea, vor sich aus seinem Rucksack ausleerte.
Er legte sie der Reihe nach im Gras auf und holte sich einen gr??eren Steinbrocken, um damit die bunten Kristalle zu zerbrechen. Ja, das war in der Tat, was er entschieden hatte. Er w¨¹rde die Heiligen Artefakte zerst?ren, um die Magie, welche darin schlummerte in sich aufzunehmen, und hoffentlich stark genug zu werden, um Viktoria die Stirn bieten zu k?nnen. Das war alles, wozu er im Moment imstande war. Das Kind w¨¹rde nicht auf ihn h?ren, au?er wenn man ihm physisch Einhalt gebot. Nur der Erkorene war zu so etwas f?hig. Es gab sonst niemanden. Au?erdem war dies immer noch eine bessere Nutzbarmachung dieser Objekte, als sie sonst in diesem Kontext an Utilit?t gehabt h?tten. Die meisten der Artefakte waren ohnehin nur von recht beschr?nkter Zweckm??igkeit ¨C mit Ausnahme des Szepters. Schade war es trotzdem um diese.
Nach rascher ¨¹berlegung entschloss er sich aber dann zumindest das Schwert zu behalten. Fliegende Schwerthiebe konnten ihm, als Schwertk?mpfer doch von Nutzen sein. Somit hob er dann den Steinklumpen ¨¹ber seinen Kopf und lie? ihn mit voller St?rke zuerst auf das Szepter herniederfahren. ?Krach!¡° Es zerbrach. Ein glei?endes Licht fuhr aus. Wenzel lief es einen Augenblick gl¨¹hend hei? auf, dann fiel er um. Gleich darauf erwachte er wieder. Er wusste, dass kaum Zeit vergangen war, da die Sonne immer noch an derselben Stelle am Himmel war. Ihm war schwummrig. Er f¨¹hlte sich seltsam, derart seltsam, dass er schon beinah meinen wollte, ihm verfloss und entglitt sein inneres Bewusstsein. Der Magier durfte aber nicht warten, sondern musste gleich weitermachen. Erneut griff er nach dem Brocken und schmetterte ihn auf das n?chste Artefakt.
Kerzen erhellten die ansonsten d¨¹steren Kellerr?ume. Es war wirklich staubig hier, aber zur Verteidigung der Dienerschaft muss hierzu gesagt werden, dass diese normalerweise nur dem Lagern von ¨¹berholten oder nicht mehr ben?tigten M?beln oder anderen G¨¹tern dienten. Keiner hatte damit gerechnet, dass man hier die Obrigkeiten unterbringen w¨¹rde. Und doch passierte genau das nun. Auf engem Raum zusammengepfercht, waren die Hohen Herren jetzt alle hier versammelt. Die fensterlose Kammer lie? kaum Ger?usche von au?en hereindringen. Keiner wusste, was dort drau?en vor sich ging. Nun ja, so stimmt das auch nicht. Man hatte sich sagen lassen, dass ein Magier mit roten Haaren auf einmal in der Stadt auftauchte und begann die Br¨¹cken ¨¹ber den Duhn abzurei?en. Als dann die ersten H?user in Brand gesteckt wurden, hatten sie sich entschieden im Keller des Reichstagsgeb?udes Schutz zu suchen. Hier, so vermuteten sie, w¨¹rden sie sicher sein. So Gott wollte.
Dennoch, die Furcht war den meisten hier klar ins Gesicht geschrieben. Sie verstanden nicht, was vor sich ging. Die Abgeordneten mit ihren grellgelben Gew?ndern, ihrer edlen Tracht mitsamt teuren Schuhen und H¨¹ten, sie alle kauerten hier im beengenden Untergrund, ungewiss was passieren w¨¹rde. Herein trat jetzt ein Soldat, seine R¨¹stung immer noch in makellosem Zustand. ?Durchlauchteste Herrschaften, ich bin hier, Sie zu informieren, dass der Reichstag immer noch unbesch?digt ist. Das kann man aber wohl kaum ¨¹ber die ¨¹brige Stadt sagen. Es scheint fast schon so, als w¨¹rde die Vandalin hier gezielt manche Geb?ude verschonen. Ich kann aber noch kein echtes System dahinter erkennen.¡° Er pausierte kurz, dann fiel ihm aber noch etwas ein. ?Die T?terin ist wohl eindeutig ihre Hoheit, die Prinzessin. Wir wissen nicht, warum sie dies tut, aber um Ihrer aller Sicherheit willen, sollten Sie hier unten bleiben, bis die Sache vorbei ist.¡°
Die Adeligen gaben ihm hierbei selbstverst?ndlich recht. Doch trat dann noch Eugen von Rauttenstein, der Sprecher des Reichsrates, an den ¨¹berlieferer der Kunde heran und hatte noch eine Frage: ?Seine Exzellenz Elias II., ist er au?er Gefahr gebracht worden?¡° ¨C ?Ich f¨¹rchte, diese Frage kann ich nicht mit vollkommener Gewissheit beantworten, mein Durchlauchtester Herr. Als die Verw¨¹stung begann, hielt der Patriarch gerade die Messe in der Verk¨¹ndigungskathedrale ab. Diese ist jetzt bereits zum Einsturz gebracht worden. Deshalb wage ich es nicht zu spekulieren, wie es um Seine Exzellenz bestellt ist. Es w?re wohl kl¨¹ger, einfach abzuwarten.¡°
Eugen gab ihm da recht. Unter diesen Umst?nden, einen Suchtrupp nach dem Kirchenoberhaupt auszuschicken, wahr wohl eher aussichtslos und auch unverantwortlich gegen¨¹ber den Soldaten, die dies tun m¨¹ssten. Nein, so ern¨¹chternd dies auch war, alles, was sie im Moment tun konnten, war abwarten und stillhalten. Nur war es eben schade um Elias II., welcher schon sehr hohen Alters war. Zwar war er immer noch ¨¹beraus energetisch, und man h?tte meinen k?nnen, dass er erheblich weniger betagt war, als es tats?chlich der Fall war, dennoch war er nun schon fast f¨¹nfzig Jahre der Patriarch der Teleiotischen Kommune gewesen! Ob er es in sich hatte, eine solche Katastrophe zu ¨¹berstehen, war fraglich.
Nach Abschluss der Auskunft salutierte der Milit?r und trat ab. Raschen Schrittes stieg er dann wieder die gewundene Treppe zu seiner Rechten hinauf, die er auch heruntergekommen war. Die zahlreichen Korridore wurden von ihm im Laufschritt durchquert, und schlie?lich verlie? er durch einen der Seitenausg?nge den gro?en Geb?udekomplex. Als erstes fiel sein Augenschein gleich einmal hinauf zum Himmel. Gleich dem Tag des J¨¹ngsten Gerichts bot einem dieser ein albtraumhaftes Bild dar. Die dicken Wolken, welche das gesamte Firmament verdeckten, waren so pechschwarz, dass wohl niemand, der am Leben war, jemals etwas Vergleichbares gesehen hatte. Von diesem herab zuckten unaufh?rlich und in unvorstellbarer Frequenz Blitze. ¨¹berall, wo das Auge hinreichte, blitzte es, und das Donnergrollen, war zu einem allgegenw?rtigen Hintergrundger?usch geworden. Jedoch Regen fiel keiner. Nicht ein einziger Tropfen Wasser kam herab.
Eine winzige Anzahl an Menschen war trotz all dem immer noch auf den Stra?en. Einige blieben in Ehrfurcht stehen, warfen die H?nde ¨¹ber den Kopf und riefen zum Himmel hinauf ihren Herrn an: ?Oh, allm?chtiger Gott! Erbarme dich unser! Erkorener, erscheine und errette uns vor dem B?sen!¡° Im Jaulen des Windes folgten Sto?gebete, im Grunde diejenigen, die jeder schon von Kindheitsbeinen an lernte. Hoch oben am Reichstag wehte immer noch die Sonnenfahne. Wild von Sturmb?en hin- und hergerissen, klammerte sie sich fest, als ob ihr Leben davon abhinge. Selbst der Kommandant kam beim Anblick dessen nicht umhin, in den Glauben zu verfallen, dass er hier die Apokalypse miterlebte.
Es war ja auch riesige Zerst?rung in der Gesamtheit der Goldenen Stadt. Die Flammen hatten auf gro?e Teile der Stadt ¨¹bergegriffen, eine Feuersbrunst, die alles verschlang. Gleichzeitig waren aber auch viele Bauwerke - er hatte keine Ahnung wie viele oder welche genau ¨C von der Zaubrerin zum Einsturz gebracht worden. Viele der S?ulen, die die Reichstra?e s?umten, waren umgeworfen worden, und zwar deshalb, um gezielt die Stra?en unpassierbar zu machen. Ebenso waren neben der Hauptkathedrale auch die Gildenh?user demoliert worden. Alles, was mit Wirtschaft, Handel und Transport zu tun hatte, aber auch das Symbol jener Institution, die den Kaiser verherrlichte und legitimierte, war Opfer des Angriffs geworden. Jene, die dem Herrscher eher noch ein Hindernis waren, also der Reichsrat, waren bewusst verschont geblieben. Dieser Zusammenhang erschloss sich dem Kommandanten allerdings nicht und die scheinbar unlogische Auswahl an zerst?rten Objekten verblieb f¨¹r ihn ein Mysterium.
Schnell wie ein Falke segelte er durch die L¨¹fte. Aus der Ferne konnte er bereits die Verw¨¹stung, die in der Metropole angerichtet worden war, ersp?hen. Er musste sich sputen. Der Erkorene passierte die Stadtmauer und begab sich hinein in das Inferno. Oder, naja, er wurde Zeuge dessen, was das Inferno bereits angerichtet hatte. Links und rechts, vorne und hinten, ¨¹berall waren kleinere und gr??ere Brandherde zu sehen. Die meisten Bauten, die Feuer gefangen hatten, waren aber bereits abgebrannt. Der Magier w¨¹rde sie nicht l?schen. Als erstes musste er die Quelle dieses Unheils aufsuchen. Unbewusst war ihm hierbei, dass im nord?stlichen Teil Meglarsbrucks gerade hektische L?scharbeiten im Gange waren, welche das Heer auf Befehl Ferencs durchf¨¹hrte.
Zwischen den ruinierten Geb?uden hindurch und ¨¹ber Schutthaufen schritt er, wodurch er viele der Kr?hen, die sich hier eingefunden hatten, aufschreckte. Viele K?rper lagen verstreut, doch er schaute an diesen vorbei. Versehentlich trat der Mann in eine Pf¨¹tze und blickte daraufhin hinein. Seine Reflexion zeigte nur noch eine einzige rote Haarstr?hne. Das Schwert war immer noch in der Scheide an seiner H¨¹fte. Es war das letzte der Artefakte. Er ging weiter und erreichte schlie?lich die umgefallenen S?ulen auf der Hauptstra?e. Der Erkorene blickte hin¨¹ber auf die entfernte Kulisse der eingefallenen Verk¨¹ndigungskathedrale. Beim Anblick dieser kam ihm ein Seufzer aus. Dann geschah es. Die Stimme ert?nte in seinem Kopf:
?Du bist also hier, alter Mann. Gef?llt dir mein Werk?¡°
Obwohl er diese Szene in seiner Vision vorausgesehen hatte, obwohl er wusste, dass dies hier so passieren w¨¹rde, lie? er die Dinge ihren Lauf nehmen. Er hatte das Schicksal akzeptiert. Erst jetzt flog er weiter. Auf dem Platz vor der Kirche im Zentrum der Stadt landete er dann. Hier stand eine gewaltige Statue Melgars des Gro?en. Sie war an jenem Ort platziert worden, wo einst eine identische gestanden hatte, bevor die alethischen Usurpatoren sie durch ein anderes Monument ersetzt hatten. Der Erkorene war kurz vom Aussehen der Skulptur eingenommen und harrte einen Moment lang aus, um diese zu betrachten. Die Gesichtsz¨¹ge sanft und doch eine Strenge ausdr¨¹ckend waren von wahren Meistersteinmetzen gestaltet worden, auch wenn die Nase, wie es diese Darstellungen immer machten, kleiner als beim Original war. Eigentlich hatte er etwas SEHR Wichtiges, um das er sich k¨¹mmern musste, aber f¨¹r fast eine Minute war er vollst?ndig entr¨¹ckt. Schlie?lich kam dann das M?dchen, welches seine Ankunft schon zuvor wahrgenommen hatte aus dem Sakralbau heraus. Sie hielt, gleich nachdem sie das riesige Eingangsportal verlassen hatte. Die Aura, die sie ausstrahlte, war ¨¹berw?ltigend und einsch¨¹chternd.
Viktoria hatte sich ein breites Grinsen aufgesetzt. Es wirkte befremdend und umnachtet. Als sie Wenzel die Stufen heraufsteigen sah, fielen ihr seine fast zur G?nze in Wei? erstrahlenden Haare sofort auf. ?Bist du in einen Farbtopf gefallen, Herr Vater?¡°, fragte sie in ver?chtlichem Ton. Ihn immer noch h?flich mit ?Herr Vater¡° zu adressieren war hierbei Teil des beabsichtigten Spotts. Als Wenzel etwa zw?lf Ellen von ihr entfernt das obere Ende der Stiege erreicht hatte, blickte er ihr direkt in die Augen. Das M?dchen erschrak darauf und wich sogleich ein ganzes St¨¹ck zur¨¹ck. Aus seinen Augen leuchteten ihr zwei gro?e Sterne entgegen, einer pro Augapfel. Keine Pupille war mehr zu finden, da war nur noch ein gro?er Stern, der das gesamte Sichtfeld einnahm.
Erst jetzt nahm sie wahr, dass etwas nicht stimmte. Die Aura, die von dem Mann, der ihr gegen¨¹berstand, ausging erzeugte einen ganz anderen Druck, war ganz anderer Natur als die, die sie von ihrem Adoptivvater kannte. Sie war viel st?rker. ?Was geht hier vor sich?¡°, fragte Viktoria in einem Ton, den sie versuchte, selbstsicher zu halten, dessen Intonation und Klang ihr allerdings ungewollt entglitten und ihre Verunsicherung preisgaben. Der Mann antwortete nicht, sondern starrte sie nur mit seinen gro?en Sternen an. Es war unm?glich zu sagen, was er empfand, oder ob er sie ¨¹berhaupt sehen konnte. Der Schwund seiner Pupillen hatte ihm einen Teil seiner Nahbarkeit genommen. Beide standen sie nur da und starrten sich nieder. Viktoria w¨¹rde ihren Blick nicht abwenden und damit Angst signalisieren, weil sie sozusagen zuerst nachgegeben hatte.
Schlie?lich wurde es der Ungeduldigen zu lang und sie begann zu sprechen: ?Und du hast mir nichts zu sagen? Willst du mich nur anstarren, alter Mann? Sieh doch nur, was ich angerichtet habe! Ich habe deine geliebte Stadt zerst?rt, deinen sch?nen Wohlstand zunichtegemacht! Ber¨¹hrt dich das denn nicht?¡° Es kam keine Antwort. Jetzt wurde das M?dchen nur noch w¨¹tender und sie br¨¹llte ihn wild an: ?Das hast du davon! Du bist schuld¡.¡° Sie z?gerte kurz, als ihr in ihrer Wirre kurz einschoss, dass Wenzel Achaz eigentlich nicht get?tet hatte, fuhr dann aber fort: ?Ja, auch du bist schuld an dem, was mit Achaz geschehen ist. Wenn es dich nicht gegeben h?tte, wenn du dich nicht eingemischt h?ttest, w?re das alles nicht passiert!¡° Immer noch Schweigen vonseiten Wenzels. Viktoria wurde unsicher, doch nun brachte sie diese Unsicherheit erstmals dazu nachzudenken. Sie richtete ihre Magie auf ihr Gegen¨¹ber und blickte in seine Gedanken.
Nachdem dies geschehen war, starrte sie ihn blank an. Endlich war der Groschen gefallen. ?Du bist¡¡Melgar!¡° Der Zauberer blickte sie immer noch ernst und ohne jede Gef¨¹hlsregung an, fast schon so, als ob er Theodor imitieren wollte. Endlich aber ?ffnete er seinen Mund. Aus diesem ert?nte nun eine andere Stimme. Ein f¨¹r Wenzels K?rper unnat¨¹rlich wirkender, archaischer Bariton drang aus dessen Innerem hervor: ?Es ist nicht deine Schuld.¡° Viktorias Augen sausten verwirrt hin und her, ihre Atmung flach. ?Wa¡.¡° Der Magier unterbrach sie: ?Und auch ist es nicht Wenzels Schuld. Er h?tte nicht wissen k?nnen, wie er mit dir umzugehen hat. Ebenso h?tte er nicht wissen k?nnen, dass die Tatsache als Magier geboren worden zu sein, mit einer starken Neigung zum Wahn einhergeht. Dieses Wissen ward selbst der Inquisition verloren gegangen. Bedauernswerterweise.¡° ¨C ?Du bist es wirklich!¡°, war alles, was Viktoria hervorbrachte. Ihr Gesicht war hochrot, ihre Pupillen geweitet.If you encounter this tale on Amazon, note that it''s taken without the author''s consent. Report it.
?Sieh dich doch nur an, Kind. Welch Trag?die! Wir h?tten es niemals so weit kommen lassen d¨¹rfen. Eben dies war der Grund, warum ich die Inquisition erschaffen hatte. Es kann nur einen geben.¡° Er pausierte kurz und f¨¹gte dann hinzu: ?Ich bin dieser eine!¡° Viktoria knirschte zornig mit den Z?hnen, doch Melgar f¨¹hrte weiter aus: ?Dein Vater, Wenzel, liebt dich wirklich. Er hat alles versucht, um dir zu helfen. Leider Gottes, gibt es nur eine richtige Sache, die man hier tun kann.¡° Melgar wusste, dass man D?monen vernichten musste. Durch seine Worte hatte er bei Viktoria aber jetzt das Limit endg¨¹ltig ¨¹berschritten! Der Strahlenkranz ihrer Magie fing an wie ein Sonnwendfeuer aufzuflammen.
Von einem Augenblick auf den anderen riss sie ihren rechten Arm nach vorne und lie? eine immense Druckwelle auf ihn los! Melgar erschrak, konnte aber gerade noch rechtzeitig seine Telekinese aktivieren, um nicht direkt von ihrem Angriff erwischt zu werden. Dennoch dr¨¹ckte ihn der entgegenkommende Schub zur¨¹ck und der Mann sauste mehr als zwanzig Ellen nach hinten. Einen ordentlichen Abstand ¨¹ber dem Boden schwebend, kam er dann zum Stillstand. Eine B?e lie? seinen roten Umhang im Wind flattern, so als ob sie das darauf abgebildete Kaiserwappen zur Schau stellen wollte. Die bittenden H?nde mit dar¨¹ber prangenden Seelenstein waren auf diesem zu sehen. Der Stein, mehr als nur ein Symbol, das nun Wenzel und Melgar auf vielerlei Weisen verband.
Die gro?en Pflastersteine zu F¨¹?en Viktorias waren durch sie nun zerschmettert worden. ?Du l?sst mir ja ohnehin keine andere Wahl, Kind!¡°, rief der Erkorene zu ihr hin¨¹ber. Zornentbrannt schrie die junge Dame auf. Sie stie? sich vom Boden ab und flog in Richtung ihres Herausforderers, um sich auf diesen zu st¨¹rzen. Der Kampf hatte begonnen, der Kampf zwischen zwei Zauberern! Und welch ein sinnloses Duell dies war! Wer auch immer triumphierte, im Endeffekt w¨¹rde niemand gewinnen. Doch der Lauf der Dinge war nicht mehr aufzuhalten, und Melgar wusste das. Als die Au?er-Kontrolle-Geratene wie eine L?win auf der Jagd auf ihn zuschoss, ging auch der Kaiser zur Offensive ¨¹ber. Seine Handfl?chen produzierten Flammen, die er nach vorne hin abfeuerte. Das M?dchen mit dem karmesinroten Haar trafen diese zwei riesigen Feuerb?lle v?llig unerwartet. Sie war gezwungen, diese mit ihrer Telekinese abzuwehren, wodurch sie allerdings ihr gesamtes Moment verlor und zum Halten kam.
Unterdessen nahm der Erkorene mehr Abstand zu ihr, ein Fehler wie sich herausstellen sollte. Sie hob nun n?mlich einen ungeheuer gro?en Tr¨¹mmerbrocken der kollabierten Kathedrale hoch. Auf diesem waren viele der immer noch nicht restaurierten Heiligenstatuen, alle von ihnen Nachfahren Melgars des Gro?en. Gesagte Person konnte nicht umhin, beim Anblick dessen ein Signum zu machen. All die Enkel, Urenkel und Ururenkel, die er nie kennengelernt hatte, von denen er nichts wusste, ihre Erinnerung w¨¹rde hier wieder einmal gesch?ndet werden. F¨¹r ihn lag keine Bedeutung, keine ?Heiligkeit¡° in dem Stein, aus dem dieses Andenken gehauen war, aber trotzdem war es falsch Dinge, die f¨¹r andere eine Bedeutung mit sich trugen, so herablassend zu behandeln.
Das M?dchen wandte all ihre Kraft auf. Ihr Gesicht lief hochrot an, als sie den Felsen ausrichtete und vor sich schwebend, anfing zum Rotieren zu bringen. Mehr und mehr nahm die Rotation an Fahrt auf, w?hrenddessen ihr Gegner aus der Entfernung zuschaute, seine Kr?fte sammelte und einfach nur ihren n?chsten Schritt abwartete. Dieser kam recht rasch. Als der Brocken dann eine gewaltige Menge an kinetischer Energie durch das heftige Drehen aufgebaut hatte, katapultierte ihn schlie?lich Viktoria mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, auf ihr Gegen¨¹ber. Gelassenen Gem¨¹tes nahm Melgar den Koloss entgegen. Er zog sein Schwert und verst?rkte dessen fliegenden Hieb mit so viel Mana, wie er zustande brachte. Vom Schwertstreich erklang ein schrilles Pfeifen, gefolgt von einem lauten Knall. Kurz bevor dieser mit dem Magier in Ber¨¹hrung gekommen w?re, wich der feste Sandstein pl?tzlich. Zu seiner Rechten und Linken toste er vorbei, vom Hieb in der Mitte gespalten! Die zwei H?lften krachten in die dahinterliegenden Geb?ude, was gro?e Staubwolken aufwirbelte.
Das verschlug der kleinen Zaubrerin absolut die Sprache und einen Moment stand sie nur mit offenem Mund da. Ihr Erstaunen schlug aber sogleich wieder in rasende Tobsucht um, als ihr Kontrahent ein paar Schwertstreiche auf sie hetzte. Mit zuchtloser Versessenheit hievte sie das n?chste Tr¨¹mmerteil herbei ¨C diesmal war es nicht so gro? ¨C und schoss es auf ihn. Er wich zur Seite aus, musste sich aber gleich auch dem n?chsten Geschoss entziehen, das von dieser kam. Dieses hielt er dann aber mit seiner Magie bei sich, duckte sich unter dem n?chsten Projektil, das seines Weges kam, durch, und erwiderte schlie?lich das Feuer. Es war ein wildes Spektakel. In allen umliegenden Geb?uden fuhren stetig riesige Felsen ein, die gigantischen Schaden anrichteten. Doch eines wurde hier bald klar: Das G?r feuerte mit einer weitaus h?heren Rate, als Melgar es tat.
?Ich muss meine Kr?fte aufsparen. Wom?glich kann ich sie, wenn ich mich richtig anstelle, dazu n?tigen sich zu ¨¹berverausgaben¡°, spekulierte er gedanklich. Vielleicht war dies aber auch nur die Rechtfertigung vor sich selbst, da die Teenagerin IMMER NOCH mit mehr aufwarten konnte als er. Was auch immer hier die Wahrheit war, die Schlacht tobte weiter. Ein Tr¨¹mmer kam mit Drall von links ¨C der Erkorene wich nach oben aus. Einer kam von rechts, er lenkte dessen Flugbahn etwas zur Seite ab. Da erreichte ihn aber auch schon der n?chste, und dieser w¨¹rde ihn zielgenau treffen! Mit beiden Handfl?chen nach vorne gerichtet, stellte er sich diesem entgegen. ?RAahh!¡°, lie? er einen Br¨¹ller von sich. Ein lautes Krachen schallte ¨¹ber den ganzen Platz und der Steinblock zerbarst in mehrere kleinere St¨¹cke.
Melgar keuchte. Ihm tropfte der Schwei? von der Stirne. Diesmal hatte er nicht einmal mehr die M?glichkeit gehabt, zu einem Konter ¨¹berzugehen. Er sp¨¹rte, wie er immer m¨¹der wurde. Dieser Kampf war extrem kr?ftezehrend. Als er auf Viktoria hin¨¹berblickte, sah er zwar, dass diese auch ordentlich am Schnaufen war, jedoch keine Anstalten machte langsamer zu werden oder irgendwie anders nachzugeben. Der K?rper des Mannes war nun schon ¨¹ber sein bestes Alter hinaus, vor allem aber war er solche irren Anstrengungen nicht mehr gewohnt, wo Wenzel doch zumeist Schreibtischarbeit verrichtete. Ebenso war es aber auch offensichtlich, dass sich die Wut des Teufelskindes nicht bes?nftigte. Sie war noch immer fuchsteufelswild und fuhr fort damit, Steine auf ihn abzufeuern.
Bumm, Bumm, Bumm! Dreimal zerbr?selte er die ¨¹berreste der Bauten hier, die ihm entgegensegelten. Dann machte er urpl?tzlich einen seitlichen Ausfall. Die Zaubrerin nahm sofort die Verfolgung auf. Melgar erzeugte einen starken Windsto?, der die Schmutz-und Staubpartikel ringsum emporschleuderte und eine Wand an desorientierendem Grau generierte. Nat¨¹rlich durchdrang Viktoria diese einfach ungehindert, fand sich dann aber unmittelbar vor den eingefallenen Ruinen der gro?en Gilden wieder. Zerbrochene Dachziegel, kollabierte Giebel und T¨¹rmchen, kaputte Fenster und allerlei zuschanden Mobiliar pr?sentierten sich da wie in einem Suchbild vor ihr. Aber von Melgar keine Spur! Sie versuchte ihn zu ersp¨¹ren, doch sie konnte nichts wahrnehmen. Seine Aura war vollst?ndig verschwunden. Sie h?rte ihn aber auch nicht, was bedeutete, dass er sich wohl hier irgendwo schnell versteckt hatte. Langsam lie? sie sich hinunter in das Skelett des einstigen Gildenhauptquartiers schweben und setzte sich auf dem mit Schutt ¨¹bers?ten Boden ab.
?Ist das etwa der gro?e Messias, von dem jeder so viel spricht! Komm und zeigt dich, Feigling! K?mpf mit mir! Schlag mich doch!¡°, schrie sie mit kochendem Zorn. Keine Antwort. Es war wirklich eine Qual f¨¹r sie. Der Alte konnte, um Gegensatz zu ihr, seine Emotionen kontrollieren und somit das Ausdringen seiner magischen Energie g?nzlich unterbinden. Wenn sie ihn nicht mit ihren f¨¹nf ?herk?mmlichen¡° Sinnen wahrnehmen konnte, war es so, als ob er f¨¹r sie gar nicht existierte. Aber sie wusste, dass er hier war. Er musste es sein!
Einen Fu? setzte sie vor den anderen und durchschritt das Gem?uer. Im Geiste wusste sie zwar, dass sie sanft auftreten sollte, und dies versuchte sie auch zu tun, doch ihre wahnsinnige Anspannung, ihre Erbostheit, ihr Hass, einen Tribut von ihr fordernd, verunm?glichten dies. Die zahllosen Bruchst¨¹cke und Steine knirschten unter ihren Sohlen, w?hrend sie entschieden ¨¹berhastet die Schuttberge hier durchquerte und damit ihre Anwesenheit preisgab. Ein d¨¹nner Schleier an feinem Staub hing in der Luft, ¨¹berall war nur pure Verw¨¹stung. Au?er dem fernen Klang des kontinuierlichen Donnergrollens und der tosenden Br?nde, war hier drin nichts zu vernehmen. Melgar war totenstill. Um eine Ecke ersp?hte sie dann aber, wie sich ¨¹berraschend etwas bewegte. Die Hexe produzierte eine Flamme aus ihrer Hand und feuerte unmittelbar auf das ab, was sie gesehen hatte. Als die dann die die Ecke rundete, um einen maroden Raum zu betreten, stellte sich heraus, dass es nur ein zerrissener Vorhang gewesen war, den der Wind ein wenig umhergewedelt hatte.
Viktoria wurde nur noch ungeduldiger und suchte weiter. Einstweilen wartete der Erkorene mit versiegelten Lippen hinter einer von Rissen durchzogenen Mauer ganz in ihrer N?he. Schwert gezogen, Hand fest am Heft stand er unter maximaler Anspannung da. Um zuzuschlagen, w¨¹rde er den genau richtigen Moment abpassen. Macht allein war nicht das ?Wundermittel¡° zum Sieg, das war sie niemals gewesen. Nein, Gewitztheit, Anpassungsf?higkeit und Kreativit?t waren mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar von noch gr??erer Wichtigkeit. Er h?rte, wie sich die Schritte des M?dchens ann?herten. Seine Konzentration war nun auf h?chstem Niveau. Er durfte sich keinen Fehler erlauben. Dies war seine gro?e Chance hier zu gewinnen. Er hatte nicht ewig Zeit. Der Mann stand neben einem T¨¹rrahmen, genau auf dessen anderer Seite nun die Magierin anlangte. Nur noch eine d¨¹nne Wand trennte die beiden.
Die Spannung war f?rmlich greifbar. Durch den friedlichen, von Staubpartikeln erf¨¹llten ?ther zischte dann eine Klinge. Sie traf auf die junge Magd! Doch sogleich folgte ein ohrenbet?ubendes Peng-Ger?usch und das Schwert kullerte davon. Aus Melgars Hand gerissen, h?rte man ein St¨¹ckchen entfernt das Scheppern seines Aufschlags am Boden. Ebenso wurde aber auch der Kaiser etwas zur¨¹ckgeworfen. Viktoria hatte in allerletzter Sekunde noch reagieren k?nnen und seinen Hieb mit einer Druckwelle abprallen lassen. Oder so halbwegs. Ihre Hand hatte einen Schnitt abbekommen, der nun blutete, aber es war keine recht schlimme Wunde.
?Da bist du also!¡°, kreischte sie und attackierte ihn sogleich wieder. Der Am-Falschen-Fu?-Erwischte flog davon und wieder hinaus unter den freien Himmel. Sein Hinterhalt war gescheitert. Der Zweikampf ging weiter. Unter dem Baldachin bedrohlich dunkler Wolken flogen die zwei ?Von-Gott-Gesegneten¡° ¨¹ber der Stadt und bek?mpften sich bis aufs Letzte, w?hrend um sie herum stetig Blitze herniederfuhren. Es war ein schauriges Schauspiel. Doch wie viele Feuerb?lle oder Druckwellen sie auch aufeinander loshetzten, wie viel zus?tzlichen Schaden sie an der Stadt noch anrichteten, es gelang keinem der beiden einen entscheidenden Treffer beim anderen zu landen. Melgar war absolut ersch?pft. Geschwind versuchte er wieder davonzufliegen, doch seine Adoptivtochter blieb ihm dicht auf den Fersen. Immer wieder wich er ihren Attacken aus, doch pl?tzlich bemerkte er, wie diese aufgeh?rt hatten.
Er hielt an und drehte sich um. Da sah er Viktoria auf einem der unz?hligen Kircht¨¹rme stehen. Sie schien sich zu konzentrieren und er konnte f¨¹hlen wie sich magische Kraft in ihr und um sie akkumulierte. Er begriff rasch, was hier vor sich ging. Die Kleine hielt ihre Hand mit einer ganz spezifischen Fingerhaltung und richtete sie nun vorw?rts gegen ihn. Der Blitz fuhr aus, der Donner grollte. Nur ganz knapp verfehlte er sein Ziel. Der Erkorene war dann zwar zur Seite ausgewichten, jedoch h?tte er dies zu sp?t getan. Wenn der Blitzschlag der Jugendlichen pr?ziser gewesen w?re, w?re es mit ihm vorbei gewesen! Das konnte er nicht so auf sich sitzen lassen. ¨¹ber der ruin?sen Stadtkulisse schwebend tat er es er nun gleich und sammelte auch sein Mana f¨¹r einen Gegenschlag in Blitzform. Das M?dchen brauchte etwas, um zu begreifen, was er hier machte. Sie hatte offenbar eine lange Leitung.
Als es dann endlich zu ihr durchsickerte, preschte sie voran, um ihn noch vorher anzugreifen. Melgar blieb ruhigen Gem¨¹tes. Er fokussierte sich intensiv auf seinen gro?en Angriff. Wieder war es wichtig, den rechten Moment zu w?hlen. Schon fast war die Magierin bei ihm, da lie? er ihn endlich los. ?BUMMM!¡° Der Blitz dr?hnte unbeschreiblich laut in den Ohren der beiden, sein Licht erstrahlte so hell, dass jegliche Sicht verschwand. ¡.
Sie war immer noch da, er hatte verfehlt! Unmittelbar darauf, aber traf ihn irgendetwas, wie ein Faustschlag ins Gesicht. Er wurde r¨¹ckw?rts wegkatapultiert und ehe er sich versah, fand er sich auf dem Dach irgendeines Geb?udes wieder. Sein Verstand wies eine L¨¹cke bez¨¹glich dessen auf, was in den letzten paar Sekunden geschehen war. Melgar sah auf sich hinunter und stellte fest, dass er am Oberk?rper blutete, und gar nicht so wenig! Anscheinend war er in den Schornstein hier gekracht, welcher eindeutig auch die Spuren eines Aufpralls aufwies. Diesmal schien er eine tiefere Wunde zugef¨¹gt bekommen zu haben. Das M?dchen hatte ihn wohl mit ihrer Telekinese direkt nach seinem Angriff getroffen. Da sah er aber auch schon, wie sich Viktoria wieder zu ihm begab. Erst jetzt wurde ihm bewusst wie schmerzhaft seine Wunde war. Der Mann riss sich augenblicklich am Riemen und brauste davon. Er musste fliehen. Melgar der Gro?e war zu schwer verletzt und sah keinen anderen Weg diesen Kampf noch zu gewinnen! Freilich jagte ihm die Zaubrerin auf der Stelle wieder hinterher, doch senkte er sich n?her zum Boden herab und man?vrierte zwischen und durch allerlei kaputte, intakte und teilweise brennende H?user. Der Rauch qualmte, die Sicht war schlecht und von einem Moment auf den andern war er fort. Wieder hatte das M?dchen ihn verloren, wieder hatte er sich vor ihr verstecken k?nnen.
In einem kohlrabenschwarz verbrannten Zimmer, bei dessen Fenster er hereingeflogen war, sa? nun Wenzel. Hastig wischte er den Ru? und Schmutz beiseite, um den darunterliegenden wei?en Fliesenboden freizulegen. Dann verwendete er kurzerhand einfach sein eigenes Blut zum Schreiben und begann den ?u?eren Kreis aufzuzeichnen. Mittlerweile konnte er ja den Zauberzirkel schon in- und auswendig. W?hrend Viktoria auf der Suche nach ihm, ganze H?user einfach zum Einsturz brachte, entfernte sie sich jedoch immer weiter von dem Ort, an dem der Gesuchte tats?chlich war. Als er mit dem Kreis fertig war, holte er die Phiole mit dem Knochenmark und schwarzen Sand hervor. Seine Majest?t war unfassbar nerv?s. Er wusste, dass in dem Moment, in dem er das Heilungsritual durchf¨¹hrte, seine Tochter die Magie davon sp¨¹ren w¨¹rde und ihn somit lokalisieren k?nnen w¨¹rde. Er hatte keine Wahl, die Wunde musste geheilt werden. Aber was dann? Die Schlacht w¨¹rde erneut fortgesetzt werden, obwohl er schon am Ende seiner Kr?fte war. Trotz all der Dinge, die er geopfert hatte, konnte er nicht mehr obsiegen und das wusste er! Der Erkorene Gottes war zu schwach, um die D?monen, die er gewisserma?en selbst gerufen hatte, wieder loszuwerden.
Doch es half nichts. Somit nahm er die Materialien in die Hand und rezitierte die Zauberformel: ?Osto me osto, haima me haima. (¡)¡° Das arkane Blau erhellte den Raum und seine Wunde heilte zur G?nze. Gleich darauf vernahm Viktoria dies und lie? von dem Geb?ude ab, das sie soeben ?bearbeitete¡°. ?Hab dich!¡°, stie? sie besessen hervor und machte sich auf dem Weg zu ihrem Feind. Wenzel wusste nun nicht, was er tun sollte. Er verharrte einfach, wo er war. Nicht einmal, wenn er es wollte, konnte er das M?dchen aufhalten. War dies wirklich schon sein Ende? Das wollte er nicht. Das durfte nicht sein! In seiner Verzweiflung lie? er sich auf die Knie fallen und machte etwas, das er schon viele Jahre nicht mehr getan hatte. Er betete zu Gott.
?Oh, Herr, besch¨¹tze mich! Errette mich! Dein K?nigreich ist nicht das hier und jetzt, sondern das k¨¹nftige.¡° Unterdessen kam Viktoria immer und immer n?her. An einem bestimmten Punkt fing sie auf einmal an, die Aura des Erkorenen wahrzunehmen. Scheinbar hatte dieser es aufgegeben sich verborgen zu halten. Daraufhin beschleunigte sie ihren Flug zu diesem noch mehr. Er war im unteren Gescho? eines Wohnhauses. ?Ich krieg dich!¡°, ging es ihr durch den Kopf. Dann aber geschah etwas ¨¹beraus Seltsames. Die Beschaffenheit, die Konsistenz der Magie, die der Mann ausstrahlte, hatte sich irgendwie ver?ndert. Urpl?tzlich stieg diese drastisch an. Wenzel begann ohne Vorwarnung zu zittern. Es ¨¹berkam ihn und dann¡¡¡¡¡¡¡nichts!
Jetzt betrat die Hexe die R?umlichkeit, in der er sich befand. ?H??!¡°, ?u?erte sie vollkommen verwirrt. Wo war er? Am Boden konnte man einen mit Blut gezeichneten Zauberkreis sehen, der schon wieder verwischt worden war. Aber keine Spur von Melgar. Keine Aura, kein Ger?usch, kein gar nichts, und das, obwohl sie gerade eben noch seine Anwesenheit gesp¨¹rt hatte. Es war, als ob er vom Erdboden verschluckt worden w?re! Was war hier los? Vor Wut sch?umend, riss sie die Mauern ein und fuhr fort damit, das ganze Bauwerk dem Erdboden gleichzumachen. Es enth¨¹llte aber keinen Magier, der sich irgendwo darin noch versborgen gehalten hatte. Der Mann w¨¹rde nicht mehr auftauchen.
1. 18 Versagen
Ein k¨¹hler, feuchter Mief lag in der Luft. Auf einem einfachen Holzstuhl sitzend, starrte ihre Hoheit eine Zeit lang gedankenlos eine lange Reihe an eichenen Weinf?ssern an, die hier unten gelagert wurden. ?Tropf, tropf¡°, erschallte ein unaufh?rliches, leises Echo. Aus irgendeiner unergr¨¹ndlichen Ritze oder Spalte drang Wasser in das alte Gem?uer herab. Das Klimpern des etwas verdr¨¹ckten und folglich nicht mehr richtig klingelnden Gl?ckchens an Wanjas Halsband riss sie dann wieder aus ihrem kurzfristigen Tagtraum. Der kleine Kl?ffer sprang sie schwanzwedelnd an, woraufhin die Dame ihn hochhob und auf ihren Scho? setzte, um ihn zu streicheln. Dann blickte sie hin¨¹ber zu Ylva und dem Abt, der ihnen hier zeitweilig Unterkunft gew?hrte.
Es war der tiefe Keller einer ehemaligen Untergrundkirche, weit au?erhalb von Greifenburg gelegen, in der sie sich befanden. Warum waren sie hier? Nun, es war ein Botenvogel aus der Hauptstadt eingelangt, der von dramatischen Ereignissen in der Metropole berichtete. Und selbst diese Umschreibung war wohl noch sehr euphemistisch. Was allerdings Amalie haupts?chlich ersch¨¹ttert hatte, war die Kunde, dass ihre Tochter die T?terin war. Es war kaum zu fassen! Deshalb waren sie und die wichtigsten Vertreter des Hofes aus Sicherheitsgr¨¹nden aus der Gro?stadt heraus und an verschiedene geheime Orte evakuiert worden.
?Warum macht Viktoria so etwas? Warum nur?¡°, fragte sie sich. Die Kaisergattin versuchte sich ein wenig durch das Kuscheln mit ihrem Hund von dieser furchtbaren Realit?t, die auf sie hereingebrochen war, abzulenken. Es half kaum etwas. Ylva, welche auch von all dem betroffen war, hielt ein sanftes Gespr?ch in leisem Tonfall mit ihrer Herrin. Sie redete ihr gut zu und machte ihr Hoffnung, dass die Dinge besser werden w¨¹rden. Das half ihrer Majest?t noch eher, selbst wenn es auch nur bedingt war.
Aus dem Nichts heraus ¨¹berkam den Abt jedoch auf einmal ein merkw¨¹rdiges Gef¨¹hl des Unwohlseins, unmittelbar gefolgt von den beiden Damen. Alle versp¨¹rten etwas Eigent¨¹mliches, dass sich schwer in Worte fassen lie?. Dann schien sich die Atmosph?re in dem alten Weinkeller irgendwie zu ?ndern. Es war, als ob jemand hier einen tiefen Atemzug t?tigte, der einem so vorkam, als w¨¹rde er dem Umfeld die Luft entziehen. Befremdet schauten sich die Anwesenden um, konnten aber nichts und niemanden hier wahrnehmen. Darauffolgend wurde der imagin?re Sog noch st?rker, nur um sogleich aufzuh?ren. Von einem Moment auf den anderen war alles wieder normal. Oder, war es das wirklich? ?Oha! Seht doch!¡°, ert?nte da Ylvas Ausruf. Die anderen Zwei drehten sich um und erblickten eine Person, die direkt neben den F?ssern am Boden gelandet und offenbar ohnm?chtig war. Diese war, ohne ein Ger?usch zu machen, wie aus heiterem Himmel hier erschienen. Ihr Mantel offenbarte sofort, um wen es sich handelte: Wenzel!
Eine bedr¨¹ckende Stille dominierte die Szene. Immer noch unsicher von den j¨¹ngsten Entwicklungen, standen die Wachen mit sichtlicher Zaghaftigkeit nebeneinander aufgereiht. ?Unsere Aufgabe ist folgende: Wir haben den Patriarchen zu finden. Wie wir von Diakon Porphyros erfahren haben, ist der Zustand seiner Exzellenz der Kommune aktuell nicht bekannt. Also, wir marschieren zur Verk¨¹ndigungskathedrale und suchen nach Elias II. Verstanden?¡° ¨C ?Jawohl, Kommandant!¡°, gaben die M?nner unisono zur¨¹ck. Dann stampften die Soldaten der Stadtgarnison los. Viele von ihnen hatten sich bisher als Feuerwehr bet?tigt. Jetzt, da der Gro?teil der Br?nde erloschen war und sie die Stra?en wieder (etwas) freier passieren konnten, machten sie sich auf, um das Kirchenoberhaupt ausfindig zu machen. ¨¹ber den Reichstag hatten sie bereits erfahren, dass fast alle von dessen Vertretern ungeschoren davongekommen waren und selbst deren Versammlungsgeb?ude von den Zerst?rungen verschont geblieben war.
Der D?mon, welcher die Stadt heimgesucht hatte, war jetzt verschwunden und es war wieder Ruhe eingekehrt. Leider war es eine sehr deprimierende Ruhe. Die Luft war schwer und vorhin hatte es ein klein bisschen genieselt. Die M?nner unter Ferencs Kommando schritten nun in die Innenstadt. Vorbei an haufenweise ausgebrannten H?userruinen und einer gigantischen Verw¨¹stung ziehend, zeigten viele von ihnen sich ersch¨¹ttert ¨¹ber die Ausma?e der Zerst?rung. Sie umrundeten oder ¨¹berwanden einige Schuttberge, sahen hie und da Leute, die verzweifelt versuchten ¨¹berlebende aus den Tr¨¹mmern zu bergen. Die Krieger, welche bei den L?scharbeiten zuvor selbst einige Leute aus Ruinen geborgen hatten, wussten, dass die Chancen um diese nicht gut standen. Dennoch war es notwendig, wenigstens einen Versuch zu unternehmen. Hier in diesem Fall, durften sie aber nichts tun. So sehr die M?nner auch helfen wollten, sie hatten einen Auftrag erhalten und nun bei Bergearbeiten zu helfen, w¨¹rde ihre Mission kompromittieren. Das Ausma? der Katastrophe war schlicht zu gro? f¨¹r sie, um bei allem helfen zu k?nnen. Sie marschierten weiter.
Schlie?lich kamen sie am Hauptplatz an. Hier war alles kurz und klein gehauen. Die Lagesituation, die sich ihnen hier nun bot, schien ¨¹bel. Es gab nur eine einzige Sache, die immer noch unversehrt an diesem Ort dastand: Die Statue Seiner Heiligkeit Melgars des Gro?en. Augenblicklich begannen sie die eingefallenen Bauten hier zu durchk?mmen. ?Hallo! Ist da jemand? Wir sind hier, um euch zu helfen!¡°, wurde immer und immer wieder von den jungen M?nnern gerufen. Es schien beinah hoffnungslos. Nach einer Stunde schafften sie es allerdings den Posaunisten der Kirche aus einem Berg von Schutt und Tr¨¹mmern herauszuziehen. Er sah niedergeschmettert aus und sein Bein, das eingeklemmt gewesen war, w¨¹rde wohl nicht mehr werden, doch er war am Leben. Nach diesem kleinen Mutmacher ging es dann ungebrochen weiter.
Stunden vergingen. Ein junger Gefreiter, legte seine abgenutzte Schaufel beiseite und trat kurz ab, um Wasser trinken zu gehen. Seine ¨¹ber und ¨¹ber mit Schutz zugekleisterten H?nde wischten ¨¹ber dessen feuchte Stirn. Er schmierte sich dadurch nur noch mehr Dreck ins Gesicht. Dann lehnte er sich einen Moment am Brunnen an, von dem er Wasser gesch?pft hatte und blickte sich hier am Ort der gro?en Begegnis um. Sie alle hatten es gesehen, wie seine Majest?t der Erkorene gekommen war, um dem Unheil Einhalt zu gebieten. Er hatte gegen den D?mon gek?mpft, der das pulsierende Herz des Heiligen Reiches in Schutt und Asche legte. W?hrend sie versucht hatten die Br?nde einzud?mmen, hatte sich der Kaiser pers?nlich in den Kampf begeben, um Meglarsbruck zu retten. Es war wie alle es ihm immer erz?hlt hatten. Seine Hoheit war einer von ihnen, einer der auch h?chstpers?nlich auf den Plan trat und mitanpackte, einer der selbst f¨¹r Ordanien stritt und rang.
Nachdem er auf diese Weise ein wenig sinniert hatte, stand der Soldat wieder auf, klopfte schnell mal etwas von den Schmutzkrusten auf seiner Kleidung ab, und machte sich auf, seine Arbeit fortzusetzen. Da sp¨¹rte er etwas. Auf der Stelle blieb der Kerl stehen und warf einen Blick hin¨¹ber auf die eingefallenen ¨¹berreste der Gildenhalle. Es war schwierig zu erkl?ren, aber irgendetwas schien ihn anzuziehen, ja beinah schon nach ihm zu rufen. Der Mann z?gerte zuerst, lie? sich dann aber dazu hinrei?en seine Neugierde zu befriedigen. ¨¹ber den verheerten Platz ging er, Schritt f¨¹r Schritt sich dem ann?hernd, was ihn zu sich lockte. Je n?her er kam, desto deutlicher nahm er die Pr?senz von etwas Berauschendem wahr. Er kletterte bei einem der zerst?rten Fenster des instabil wirkenden Rests des Geb?udes, welcher immer noch dastand, aber jederzeit einst¨¹rzen konnte, hinein. Der Gefreite tapste schlenkernd und unbeholfen durch einen Raum, der mit ruiniertem Mobiliar zugem¨¹llt war. Dann sah er es.
Direkt neben einem umgefallenen Kasten und einer zersprungenen Vase ersp?hte er ein ganz spezifisches Utensil am Boden. Er ging sogleich hin und hob es vorsichtig auf. In H?nden hielt er nun ein Schwert, an dessen Knauf ein roter Edelstein funkelte. Dieser Stein schien ihn geradezu magisch anzuziehen. In diesem bildete er sich ein, ein Schimmern zu sehen, obwohl da gar kein Schimmern war. Faszinierend. Der Gegenstand hielt ihn noch ein, zwei Minuten in seinem Bann, bis ihn dann schlie?lich sein Vorgesetzter rief. Der Soldat erschrak und kehrte dann wieder zu seiner Truppe zur¨¹ck. Er ¨¹bergab das Fundst¨¹ck dem Kommandanten, bevor er wieder seine Schaufel nahm und die Bergungsarbeit fortsetzte. Auch der Kommandant war sich nicht bewusst, was er da ausgeh?ndigt bekommen hatte, doch er wusste, dass es etwas Besonderes war. Die Obrigkeiten w¨¹rden es schon wissen.
Nicht so lang darauf schafften sie es den hinteren Teil des rechten Seitenschiffes des Gotteshauses freizulegen, dessen Decke vom herabfallenden Hauptturm zum Einsturz gebracht worden war. Als laute Schreie aus mehreren Kehlen umherzuschallen begannen, hatten alle anderen Mitglieder der Mannschaft schon eine gute Vorstellung davon, was denn passiert sein konnte. Unter dem eingefallenen Kreuzrippengew?lbe, ganz in der N?he vom Prinz-Alster-Altar fand man die sterblichen ¨¹berreste des Patriarchen. Wie es von Vielen vermutet worden war, hatte er die apokalyptischen Geschehnisse nicht ¨¹berlebt. Au?er ihn unter den Tr¨¹mmern hervorzuholen und ihn der Kommune zu ¨¹berreichen, blieb ihnen nicht sonderlich etwas zu tun ¨¹brig. Die M?nner machten alle das Signum und bargen ihn. Keine Zeit zu beten, das w¨¹rde sp?ter kommen.
Als die noch am Leben befindlichen Kirchenvertreter noch am selben Tag von dessen Ableben erfuhren, waren sie relativ gelassen. Sie schienen schon mit einem solchen Ausgang gerechnet zu haben. Ferenc war pers?nlich zu diesen gekommen, um ihnen die schlechte Botschaft mitsamt der Leiche zu ¨¹berbringen. Das war nicht wirklich eine erw?hnenswerte Besonderheit, jedoch die Tatsache, dass sich der Diakon und die Pfarrer kleinerer Kirchen hier gleichsam ¨¹ber die Tatenlosigkeit der politischen Autorit?ten des Reiches auslie?en, ¨¹berraschte den Obersten Marschall sehr. Dies war nicht nur eine Seltenheit, es war pr?zedenzlos. Zumindest Ferenc konnte sich nicht entsinnen jemals Kritik von diesen geh?rt zu haben.
?Gesch?tzter Oberster Marschall, wir danken Euch f¨¹r Eure Arbeit und Hilfe. Sie kam zwar letztlich zu sp?t, doch immerhin haben wir welche von Ihnen erhalten. Dasselbe kann schwerlich ¨¹ber die Durchlauchtesten Herren im Reichstag gesagt werden!¡° ¨C ?Warum denn das?¡°, war der Milit?r da erpicht in Erfahrung zu bringen. Folgendes kam zur Antwort: ?Unaufh?rlich und mit ?u?erster Vehemenz haben wir die Vertreter des Reichsrats angesucht, ja alsbald f?rmlich angefleht, doch einen kleinen Teil ihrer Wache zu entbehren, um seine Exzellenz Elias II. zu Hilfe zu kommen. All unsere Bitten fielen auf taube Ohren! Die hohen Herren schienen mehr um sich selbst besorgt gewesen zu sein. Der Klerus, der ¨¹berbringer der himmlischen Botschaft, ist ihnen offenbar keinen Pfifferling wert!¡°
Der Oberste Marschall wusste nicht, was er darauf entgegnen sollte. Er hielt sich besser zur¨¹ck, um den offensichtlichen Zorn der Kommune nicht noch mehr anzuheizen. ?Nochmals mein herzlichstes Beileid!¡°, sagte er ihnen und zog dann von dannen. Es gab noch allerhand, was er zu erledigen hatte. Porphyros wandte sich dann den anderen Priestern neben sich zu und hielt fest: ?Es soll ein baldiges Konzil zur Ernennung eines Nachfolgers f¨¹r das Oberhaupt des ordanischen Teleiotismus angesetzt werden.¡° Die Adressierten erwiderten ihm mit willf?hrigen Best?tigungsgesten. Ein solches Konzil w?re ohnehin in nicht allzu ferner Zukunft einmal angefallen, wenn man doch das hohe Alter des Oberhaupts der Teleiotischen Kommune bedachte. Die Emp?rung der Kirchenvertreter minderte diese Tatsache allerdings nicht. Sie f¨¹hlten sich ¨¹bergangen und betrogen.
?Da ist nichts. Ich kann keinerlei Verletzung finden¡°, kam es von der Leibw?chterin. Amalie atmete erleichtert auf. Sie schaute hinunter auf den halb ausgezogenen Leib ihres Ehemannes, den Ylva jetzt mit den rotverf?rbten Gew?ndern dessen wieder einkleidete. Dann schob die Gattin die Dame beiseite, um diese T?tigkeit selbst zu verrichten. Die Zeemarkerin wich sogleich. Sie verstand wie besitzergreifend ihre Majest?t zu sein pflegte. Nachdem sie damit fertig war, setze sie sich wieder auf ihren Stuhl nebst der Pritsche, auf der man den Kaiser vor¨¹bergehend gebettet hatte. Genauso wie der Abt und die andere Frau, die anwesend war, wunderte sie sich, was passiert war. Von einem Augenblick auf den anderen war Wenzel pl?tzlich dagewesen. Wie aus dem Nichts war er hier unten erschienen. Es war Zauberei. Einzig und allein Zauberei konnte die Erkl?rung daf¨¹r sein. Deren Funktionsweise verstand sowieso niemand von ihnen. Nur Wenzel, Viktoria und Silke hatten Ahnung davon, wie Magie wirkte und welchen Regeln sie unterworfen war, selbst wenn dies auch f¨¹r diese Drei nur in beschr?nktem Umfang der Fall war.
Die Dame starrte wie gebannt ihren Liebsten an, beobachtete wie sich sein Brustkorb vom Einatmen hob und anschlie?end wieder senkte. Einige Zeit verging. Schlie?lich ?ffneten sich seine Augenlider. Seine Hoheit erwachte und setzte sich sichtlich desorientiert auf. Er schaute sich im Raum um, bis dann sein Blick auf seine Ehefrau fiel. Kr?ftig und durchdringend strahlten ihr zwei gelbe, f¨¹nfzackige Sterne aus diesen entgegen. Keiner der beiden sprach ein Wort. Das war auch nicht notwendig. Ehe noch irgendwer etwas ?u?erte, sp¨¹rte Amalie sofort, dass etwas g?nzlich anders an ihrem Geliebten war. Und, ja, da waren auch die zwei Sterne, aber diese waren ihr schon lange bekannt, selbst wenn sie andere nur selten bemerkt hatten, weil sie nie so intensiv hervorgestochen hatten, wie jetzt. Nein, irgendetwas, das er ausstrahlte, f¨¹hlte sich so vollkommen anders an, als sie es von ihm gewohnt war.
?Wenzel? Was ist passiert? Sag es mir¡°, sprach sie ihn an. Infolge zeigte sich ein geplagter Ausdruck auf dem Gesicht des Mannes. Er stand auf, ging nur ein paar Fu? weg und lie? sich dann mit dem R¨¹cken angelehnt an die Weinf?sser, auf den Boden sinken. ?Gibt mir, bitte, ein wenig Zeit. Ich¡¡muss nachdenken¡°, erwiderte der Zauberer, w?hrend er sich mit der linken Hand die Augen verdeckte, so als ob er nicht gesehen werden wollte. Ylva und der Abt standen nur still, wie begossene Pudel herum, ahnungslos bez¨¹glich dem, was sie hier tun konnten. Auch Amalie wirkte ratlos und selbst Wanja hatte den Schwanz eingezogen, obwohl sie gew?hnlich immer ihr Herrchen freudig begr¨¹?te.
Die Kaisergattin verblieb nun so eine Weile und lie? die Stille Einzug halten. Der Erkorene sa? einstweilen nur lautlos da, bis sich letztlich die Dame zu ihm gesellte. Direkt neben ihm lie? sie sich nieder und legte sanft ihre Hand in die seine. M¨¹de, aber gleichzeitig tiefgr¨¹ndige Augen fielen auf sie her¨¹ber. Erneut starrte sie gefesselt in diese hinein. Sie sp¨¹rte ihn, doch kannte sie ihn nicht. Nicht mehr. Wer war dieser Mann, der ihr nun so anders vorkam als ihr Teuerster? ?Was ist passiert?¡°, stellte sie ihm nochmals die Frage. Er presste seine Lippen aufeinander. Dann antwortete er: ?Vieles.¡° Nach einer kurzen, fast schon dramatischen Pause setzte er fort: ?Ich habe versagt. Ich konnte Viktoria nicht zur¨¹ckgewinnen. Und aufhalten konnte ich sie letzten Endes auch nicht. Obwohl ich alles gegeben habe, es war immer noch nicht genug. Ich habe meine Tochter im Stich gelassen und auch habe ich das Reich im Stich gelassen.¡°
Seine Frau umarmte ihn, w?hrend er weitersprach: ?Nur ich habe die F?higkeiten dieses Problem zu l?sen, aber ich bin gescheitert. Mein Versagen k?nnte uns alles kosten. Vor allem aber k?nnte es dem Volk alles kosten!¡° Aus seiner schwerm¨¹tigen Stimme klang die Best¨¹rzung und Ersch¨¹tterung des Magiers heraus. ?Wenn du getan hast, was du konntest, dann hast du dir selbst nichts vorzuhalten¡°, versuchte ihn seine ebenso aufgew¨¹hlte, angsterf¨¹llte Frau ihn da zu tr?sten. Es hatte keinen Effekt. Weiters sprach sie: ?Und rede dir nicht immer ein, dass nur du alles l?sen kannst. Du musst lernen, dich auch mal auf andere zu verlassen, an andere glauben zu k?nnen. Dass es sonst niemanden gibt, der Viktorias Zauberkr?ften gewachsen ist, hei?t nicht, dass das die einzige Methode ist, diese zu bes?nftigen. Wer wei?, vielleicht k?nnte ich einmal etwas probieren.¡°This narrative has been purloined without the author''s approval. Report any appearances on Amazon.
Darauf reagierte der Mann sogleich mit wildem Kopfsch¨¹tteln. Es war eine Reaktion aus seinem Bauchgef¨¹hl heraus. ?Du verstehst nicht. Mit dem Kind kann man nicht mehr¡¡Ich m?chte dir die Konfrontation mit ihr ersparen.¡° Die Dame glaubte ihm das nicht. Sie w¨¹rde ihn diesbez¨¹glich schon noch ¨¹berreden k?nnen, dachte sie sich. Was dann folgte war allerdings ein unerwarteter Gef¨¹hlsausbruch der Kaiserin, welche sich noch fester an ihren Ehemann klammerte. Er sa? nur nebenbei, seine Emotionen weiterhin unterdr¨¹ckend, wohingegen die beiden anderen Personen im Raum, in traditioneller Manier und H?flichkeit, sich von ihren Majest?ten abwandten. Es war so tradiert, dass Weinen ein Zeichen der Schw?che war, weswegen Herrscher ¨¹ber so etwas stehen sollten. Wenn man solcherlei Gef¨¹hle preisgab, dann nur privat, wo niemand sie sehen konnte und durfte. Ylva und der Pfaffe nahmen an, dass es sich nicht geziemte, ja, dass es gar verboten war, Zeugen eines solches Verhaltens von ihren Hoheiten zu sein. Mit Handgesten signalisierten sie dem Souver?n, dass sie sich vorl?ufig von hier zur¨¹ckziehen w¨¹rden, und entfernten sich dann leise. Sie w¨¹rden sich derweil zu Brahm und Co. begeben, welche oben die Kirche bewachten.
Der Erkorene lie? einstweilen seine Gedanken weiter kreisen und br¨¹tete still vor sich hin, immer wieder die Hand seiner Geliebten haltend und diese an sich dr¨¹ckend. Als Amalie sich wieder ein wenig beruhigt hatte, schnitt er dann eine Unterhaltung ¨¹ber ein anderweitiges Thema an. ?K?nnte die Usurpatorin vielleicht doch recht gehabt haben?¡°, gab er mit ged?mpfter Stimme von sich. Seine Partnerin erkundigte sich da nat¨¹rlich: ?Wer?¡° ¨C ?Du wei?t schon, Gabriela Cornel, die Putschistin, welche dich damals als Geisel gehalten hat.¡° ¨C ?Ach so, die!¡°, entgegnete Amalie daraufhin immer noch etwas verwirrt. ?Womit sollte dieses Monster denn recht gehabt haben?¡° ¨C ?Dass Magier tats?chlich ein Problem f¨¹r die Gesellschaft sind, dass sie eine Gefahr wom?glich sogar f¨¹r die gesamte Menschheit sind. Unsere Macht ist einfach zu gro?.¡° Dieser Gedankengang schien seine Gattin zu erz¨¹rnen und sie gab ihm Kontra:
?Sicher nicht! Es kommt immer darauf an, wie man seine Macht benutzt, nicht darauf, ob es ¨¹berhaupt M?chtige geben darf. Ansonsten m¨¹ssten wir alle verfolgen, die anderen auf irgendeine Weise ¨¹berlegen sind: die besonders Starken, die besonders Klugen und die besonders Einfallsreichen. Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee w?re. Wir w¨¹rden damit der Gesellschaft diejenigen enthalten, die auch am meisten zu dieser beitragen k?nnen, wenn man sie richtig behandelt. Man darf sie aber nicht ausschlie?en. Du selbst hast mir vor nicht allzu langer Zeit gesagt, dass wir eine neue Art und Weise finden m¨¹ssen, um Zauberer in der Gesellschaft zu integrieren. Ich glaube, dass dies jetzt nur noch mehr ein Ansto? ist, um eine solche Vorgehensweise voranzutreiben.¡° Wenzel gab ihr nichts zur Antwort. Stimmte er ihr insgeheim zu? Wer konnte es schon sagen.
Nach einem Moment der Ruhe schaute ihn Amalie erneut an, eine Handlung, die selbst ihm nun schon auffiel. Er kommentierte sie aber nicht. Sie jedoch entschloss sich das jetzt sehr wohl zu tun. ?Du bist so anders, Schatz. Deine ganzen Manierismen, deine Art zu sprechen weichen auf eine befremdliche Weise von dem ab, wie sie normalerweise sind. Haben dich die Ereignisse mit Viktoria so arg gebeutelt?¡° Wenzels Gesichtsausdruck wurde infolge ernster und er gab zur¨¹ck: ?Wenn man auch allen anderen etwas vormachen kann, bei dir wird es wohl nicht klappen. Schon der kleinste Hauch an Abweichung w¨¹rde meiner Gemahlin wohl auffallen, nicht wahr? Hmm.¡° Somit ging er jetzt dazu ¨¹ber ihr darzulegen, was geschehen war. ?Wei?t du, etwas ist passiert, oder vielmehr habe ich etwas getan, das etwas Unerwartetes ausgel?st hat¡¡¡¡°
Am Ende seiner Ausf¨¹hrungen waren die Wirren im Kopf seiner Ehefrau nur noch erheblich gr??er geworden. ?Ich werde noch entscheiden, wie ich mit meinen neuen Realit?ten verfahren werde. Ob das Land bereit ist es zu erfahren, h?ngt davon ab, wie sehr sie an Melgar und an Gottes Plan glauben wollen.¡° V?llig verwirrt blickte sie Melgar an. Dann starrte sie gleich wieder auf kalten Steinboden und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. Auch den Magier ¨¹berraschte dies, da sie doch sonst so gro?en Wert auf ihre Frisur und generell ihr ?u?eres legte.
Schlie?lich erkundigte sie sich bei ihm: ?Wie bist du ¨¹berhaupt hierhergekommen?¡° ¨C ?Magie. Ich habe mich herteleportiert.¡° Amalie schien seine so n¨¹chtern als Fakt dargebrachte Feststellung dessen, dass er nun eine neue F?higkeit hatte, einfach zu akzeptieren. Sie glaubte ihm, aber wie das Ganze funktioniert hatte, bereitete ihrem Verstand Sorge. ?Nur meine Garde und Balduin wussten, wo ich mich aufhalte. Wie ist es m?glich, dass du dich einfach an genau den richtigen Ort teleportiert hast, wenn du diesen gar nicht kanntest?¡° Der Erkorene stutzte kurz. Ein paar Schritte ging er die riesigen Weinf?sser entlang, auf und ab. Nach kurzer ¨¹berlegung gab er zur Antwort: ?Gottes Wege sind unergr¨¹ndlich. In meiner Not habe ich ihn angerufen und er hat mein Gebet erh?rt. So wie es schon einmal der Fall gewesen ist, hat er das Geflecht der Realit?t f¨¹r mich zerrissen, und das Unm?gliche wahr gemacht, um mich zu retten. Es macht keinen Sinn. Es kann keinen Sinn machen. Man muss daran glauben.¡°
Dies verschlug seiner Gattin die Sprache. Folglich setzte er sich wieder neben sie und nahm ihre Hand, um sie zu versichern. Ein wenig sa?en sie noch nebeneinander. Keiner wei? wie viel Zeit genau verstrich. Ganz dumpf war wiederholtes Donnergrollen aus der Ferne zu vernehmen. selbst hier unten konnte man es h?ren. Der Kaiser wusste, was dies bedeutete, blieb derweil aber entschieden an der Seite seiner Ehefrau. Seine Aura war vollst?ndig unterdr¨¹ckt. Er war unauffindbar. ?Eventuell sollten wir die anderen beiden wieder zu uns herab bitten, was meinst du?¡°, fragt sie der Mann da. Sie schaute ihn daraufhin entfremdet und k¨¹hl an, und sprach dann: ?Wer bist du?¡°
?Das habe ich dir bereits gesagt.¡°
W?hrend sie mit rasender Geschwindigkeit vorw?rtsflog, konnte sie sehen, wie sich die grauen Wolken in der Entfernung vor ihr zu ganz schwarzen wandelten. Das Unwetter zog gemeinsam mit ihr weiter. Es war ihr Unwetter. ¨¹ber die weiten Felder, das goldene Meer Ordaniens, segelnd, h?tte sie die vom Schatten ihrer Wolken verdunkelten ?cker betrachten k?nnen, w?re denn ihre Aufmerksamkeit auf diese gefallen. Doch das tat sie nicht. Viktorias Blick war unverwandt gen Horizont gerichtet, welcher in B?lde schon die ersten T¨¹rme und D?cher Greifenburgs enth¨¹llen w¨¹rde. Es war die zweitgr??te Stadt Ordaniens, die ?Ausweichhauptstadt¡°. Auch sie w¨¹rde bald in Flammen aufgehen! Die Gedankenwelt der Zaubrerin war momentan nur hiervon dominiert. Wenn ihre Rache Melgar nicht vernichten konnte, dann w¨¹rde sie zumindest das, was ihm von Bedeutung war, vernichten! Und da war sie schon.
Die ersten Turmspitzen zeigten sich und das M?dchen sauste diesen entgegen. Die teils immer noch nicht wiederhergestellten Wehranlagen der Stadt pr?sentierten sich im Abendrot, bevor der aufziehende Sturm die Sonne verschwinden lies und sogleich den angehenden Abend in eine stockfinstre Nacht verwandelte. Die Hexe kam heran und w¨¹rde dies sogleich wieder ?ndern. Wusch! Sie flog herbei und steckte das erste gro?e Geb?ude in Brand, das sie sehen konnte. Es handelte sich dabei um einen Teleiotischen Tempel. Dann zog die Vandalin weiter und zerschmetterte das gro?e S¨¹dtor der Stadt, was nat¨¹rlich wieder den Verkehr und damit auch den Handel blockieren w¨¹rde. Sie hatte vor auch mit allen anderen Stadttoren derartig zu verfahren. Sehr schnell erschallte da schon das Leuten der Glocken, welches die Bewohner vor dem Ausbruch eines Brandes warnte.
Das am¨¹sierte die junge Dame fast schon. ?Sollen sie doch versuchen meine Feuer zu l?schen. Sie werden es nicht schaffen, diese Ameisen!¡° Dann stieg sie wieder empor und fuhr damit fort, ?hnliche Verw¨¹stungen, wie zuvor in Meglarsbruck, anzurichten. Auch die Auswahl ihrer Ziele entsprang derselben Logik wie beim letzten Mal. Schreie mischten sich mit dem immer st?rker werdenden Tosen der Feuersbr¨¹nste hier. Bald schon war auch diese Metropole ein einziges gro?es Inferno, eines, das die Finsternis des Nachthimmels mit einem h?llischen Rot ersetzte, w?hrend erneut endlos Blitze herniederfuhren. Viktoria tobte weiter und weiter. Sie wusste nicht, wie viel Zeit eigentlich verstrichen war, aber irgendwann wurde der L?rm und das Treiben in der Stadt weniger. Unsagbar Viele waren geflohen, unsagbar Viele waren in den Flammen oder im generellen Chaos oder unter den Tr¨¹mmern eingefallener Geb?ude umgekommen. Es war eine weitere Katastrophe und es war wieder eine, deren Ausma?e man nur schwer in Worte zu fassen vermochte.
Doch trotz all dieses Horrors erschien er nicht. Melgar, nicht mehr ihr ihr Vater, Wenzel, nein, MELGAR hatte sich nicht mehr gezeigt. Der Erkorene Gottes war nicht gekommen, um ihr das Handwerk zu legen. Man lie? ihr freies Geleit, auch die zweitwichtigste Stadt des Landes in Schutt und Asche zu legen. Es war einfach unglaublich! Nicht einmal ein Hauch irgendeiner anderen magischen Aura als der ihren war hier zu versp¨¹ren. Auf dem Dach des einstigen K?nigspalastes der Alethischen stehend, welchen sie jetzt bereits halb abgerissen hatte, blickte die Magierin ¨¹ber die apokalyptische Stadtkulisse hinweg. Auch sie konnte es nicht fassen. ?Was ist hier los? H?lt mich denn niemand auf? L?sst er mich einfach ungehindert das ganze Reich zerst?ren? Was zum Teufel!¡°, stie? sie inbr¨¹nstig hervor.
Sie schaute nochmals hin¨¹ber, auf die gro?e Bibliothek, von der sie nicht wusste, dass deren Restauration erst vor wenigen Jahren abgeschlossen worden war. Jetzt stand das Bauwerk schon wieder in Flammen. In dem Augenblick stieg etwas in ihr hoch. Die Wut und der Hass des M?dchens, der sie so gewaltig im Griff hatte, schien kurzzeitig zu schwinden. ¨¹bert¨¹ncht von einem wahnwitzigen Am¨¹sement begann sie auf einmal, wie irre, zu lachen. Nichts, aber auch rein gar nichts war lustig an dieser Situation, nicht einmal f¨¹r sie. Doch ihre innere Pein war so gro?, dass ihr Verstand sich sch¨¹tzen wollte, davon ¨¹berw?ltigt zu werden. Diese Schutzreaktion lie? sie wie aus heiterem Himmel hier in schallendes Gel?chter ausbrechen. Es war ein furchteinfl??endes Bild, das sie hier machte.
In K¨¹rze besann sie sich allerdings wieder. Naja, es war nicht wirklich was man als ?Besinnung¡° bezeichnen w¨¹rde. Die Hexe setzte den begonnenen Abriss des Palastes fort, welcher bis vor wenigen Stunden noch den Kaiserhof beherbergt hatte. Nun aber war so gut wie niemand mehr hier. Im Wesentlichen demolierte sie ein leeres Geb?ude. Die edlen Gem?cher, weiten, prunkvollen Treppenabg?nge, den eindrucksvollen Speisesalon und die gro?e Veranda, alles ruinierte und zermalmte sie mit besessenem Eifer und gr??ter Freude.
Nach getaner Tat setzte sich Viktoria dann inmitten des soeben zerst?rten Speisesalons der ehemaligen Pfalz ab. Ringsum war ein Bild der Verw¨¹stung: umher- und durcheinandergeworfene M?bel, Tische und St¨¹hle, kaputte Holzb?den, die wundersch?ne Einlegearbeiten aufgewiesen hatten, zerdepperte Fenster und herabgest¨¹rzte Luster. Das Letztgenannte zog nun ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie kam zu einem der zu Boden gest¨¹rzten Kronleuchter heran, und betrachtete diesen genau. Sie wusste selbst nicht wieso, eigentlich gab es keinen Grund daf¨¹r. W?hrend ihre Aura aus ihrem K?rper herausdrang und dabei, wie eine Flamme nach oben z¨¹ngelte und zuckte, blickte sie einen Moment lang auf das kaputte St¨¹ck Mobiliar hinab. Es war ein Kristalluster. Die Fassung aus konzentrischen, kleiner werdenden Kreisen aus Metall trug sowohl die Kerzenhalter als auch unz?hlige kleinere, aber auch gr??ere, durchsichtige Schmucksteine, die davon herabhingen. Vermutlich waren es Bergkristalle.
Das M?dchen faszinierte sich f¨¹r das funkelnde Objekt und streckte diesem schlie?lich ihre Hand entgegen. Ohne k?rperliche Kraft, sondern stattdessen mit Magie, riss sie einen der kleineren Ringe aus dem Gebilde heraus und nahm es in die H?nde. Danach platzierte sie es probem??ig auf ihrem Kopf, um zu sehen, ob es ihr auch passte. Ihr Augenma? hatte sie nicht betrogen, das Ding hatte die richtigen Dimensionen f¨¹r sie. Folglich versuchte sie die Kristalle vom Luster irgendwie in den Gegenstand zu integrieren, sodass es auch die Funktionen des von ihr gew¨¹nschten Endprodukts, sowie dessen Aussehen hatte. Dieser Vorgang dauerte nun eine gef¨¹hlte Ewigkeit, schien aber nicht zu klappen. Die Teenagerin, die keinerlei Ahnung von Handwerk hatte, fummelte nur unbeholfen herum, wurde zornig und gab letztlich auf. Dann bog sie den Metallring einfach mit ihrer Telekinese zurecht, und zwar so, dass nach oben einige Zacken wegstanden. Mit ein wenig Fantasie konnte man erkennen, dass es sich bei ihrem Werk um eine Krone handeln sollte.
Von ihrem Standort aus konnte sie immer noch auf die brennende Stadt hin¨¹bersehen. Fast schon stolz setzte sie sich ihr ?Monstrum¡° von einer Krone auf und lie? den Ausblick ein wenig auf sich wirken. Dann fing sie schlie?lich an, erneut hysterisch zu lachen. Sie war K?nigin ihres eigenen K?nigreichs, ihres K?nigreichs der Ruinen.
?Ich habe geschafft, was ich wollte. Meine Vergeltung ist vollbracht. Ich habe gewonnen!¡°, ging es ihr durch die Gedanken, als sie weiterhin dementiert johlte. Viktoria hatte sich endg¨¹ltig dem Wahn preisgegeben. Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Die Stimmung des M?dels mit karmesinrotem Haar schlug abrupt ins Gegenteil. Ein Schock durchfuhr ihren K?rper. Sie lie? sich auf die Knie fallen und begann ruckartig zu zittern. ?Habe ich gewonnen? Habe ich das denn wirklich? Was f¨¹r ein Sieg soll das sein?¡°, begann es ihr nun endlich zu d?mmern. ?Meglarsbruck und Greifenburg habe ich verheert. Den Wohlstand und den Aufbau, den mein ?Vater¡® doch so hoch sch?tzt, habe ich zunichte gemacht. Meine Rache habe ich bekommen, aber was habe ich damit im Endeffekt erreicht? Bin ich jetzt gl¨¹cklicher? Nein!¡° Die Zaubrerin ¨¹berkam nun ein Anflug g?nzlich anderer Emotionen, als sie sich die Frage stellte, die ihr unreifes Gem¨¹t nicht im Voraus zu bedenken vermocht hatte: ?Und was jetzt?¡°
Die Tragweite ihrer gr??enwahnsinnigen Handlungen wurde ihr scheinbar erst in diesem Augenblick bewusst. ?Ich habe nichts mehr. Alles habe ich zerst?rt: Die Beziehung zu meinen Eltern, das Vertrauen der Landesbewohner, alle Optionen eines friedlichen Lebens. Niemand wird mich mehr haben wollen, wird mir mehr glauben wollen, oder ¨¹berhaupt mit mir reden wollen. Niemand wird mich mehr in seiner N?he haben wollen oder mit mir leben wollen! Was soll ich jetzt tun? Wo soll ich jetzt hin? Ans Ende der Welt? Wo ist das ¨¹berhaupt? Und was w¨¹rde ich dort dann machen? Ich kann nicht alleine ¨¹berleben. Weder Kochen noch irgendeine andere Art von Handwerk beherrsche ich. Was soll ich jetzt machen?¡°
Viktoria lie? das Gesicht in ihre H?nde sinken und begann bitterlich zu weinen. Die Realisation, dass sie alles, vor allem aber ihre eigene Existenz zerst?rt hatte, hatte bei ihr eingesetzt. Jedoch war es nun zu sp?t. Sie konnte das Geschehene nicht mehr ungeschehen machen. Keine Magie der Welt konnte die Toten zur¨¹ckbringen und keine Magie der Welt konnte ihre ruinierten Beziehungen mehr reparieren. Auf grausame Weise lernte sie hier die Lektion, dass Magie nicht allm?chtig war.
Das Donnern h?rte auf und die Gewitterwolken fingen an herabzuregnen. F¨¹r die B¨¹rger der Stadt war dies sicher ein Segen, da es half, die Br?nde in Schach zu halten. Der Magierin half es recht wenig, dass sie jetzt auch noch klatschnass wurde. Die Verzweiflung ergriff sie und fra? sie auf. ?Ich bin ein D?mon. Melgar hatte doch recht. Wird er¡. k?nnte ich mit ihm vielleicht reden? Nein, Wenzel w?re mir da lieber. Aber gibt es ihn ¨¹berhaupt noch, oder hat ihn der sogenannte Messias vollst?ndig ersetzt, aus seinem eigenen Verstand verdr?ngt? Keine Ahnung! Mit wem k?nnte ich sonst reden? An wen k?nnte ich mich denn sonst noch wenden? Da ist niemand, absolut niemand!¡° W?hrend der Niederschlag heftig daniederprasselte, flackerte ihre magische Aura wild umher. Ihr Gesicht war hochrot, die Adern in ihren Augen ger?teter als je zuvor.
Viktoria war mit ihren Nerven am Ende. Eigentlich war sie das schon lange, aber ihr Begreifen der Realit?t, die sie sich nun selbst geschaffen hatte, brachte sie in einen ganz neuen Zustand, in dem sie sich nie zuvor wiedergefunden hatte. Die junge Dame war am Rande des Abgrunds. Sie konnte nicht mehr vor, aber einen Weg zur¨¹ck gab es auch nicht mehr. Da war nur noch der der steile Sturz an einem Abhang hinab, dessen Boden sie nicht sehen konnte. Nur das reine Schwarz, die Leere tat sich dort unten vor ihr auf. Ihre Welt war zerr¨¹ttet und am Ende angelangt.
1. 19 Mit Tr?nen in den Augen
Wachs geschmolzen, Licht verloschen,
Schwarze Scherben ¨¹berall,
Nach dem lauten Donnerhall,
Reckt sich aus Ruinen, kr?ftestrotzend,
Das neue Alte, ewig trotzend
Reich golden, unverdrossen.
Die Reichsgarde, angef¨¹hrt von Bram an ihrer Spitze, marschierte heran und betrat die Stadt. Durch das Tor der s¨¹dwestlichen Zeerbastion kamen sie herein, deren Transit der Kaiser durch seine magische Beseitigung der im Weg liegenden Tr¨¹mmer erm?glicht hatte. Das letzte Glimmen und Schwelen der Br?nde sa? noch immer tief in den Ruinen, an welchen sie nun vor¨¹berschritten. Es lag der Geruch von Verbranntem in der Luft, aber auch andere noch wesentlich penetrantere ?D¨¹fte¡°. ¨¹berall wo man hinsah, nur Zerst?rung. Die Blicke der ersten Kompanie der Reichsgarde fielen auf dieses traurige Resultat des vorangegangenen Tages. Die Soldaten waren klar ber¨¹hrt von dem, was sie hier sahen, doch versuchten es, ebenso wie ihr Herrscher, der sie nun durch die Stra?en hier f¨¹hrte, nicht zu zeigen.
Auf ihrem Weg Richtung Stadtkern, begannen immer mehr Menschen aus den ¨¹berresten der Stadt, vermutlich aus Kellern, in denen Viele Schutz gesucht hatten, emporzutreten. Waren es am Anfang noch wenige, so wurden es nach und nach mehr, w?hrend der Tross der Stadtverwaltung entgegenzog. Nicht lang bevor sie dort angekommen w?ren, ritten ihnen allerdings der B¨¹rgermeister und dessen Dienstm?nner entgegen. ?Ave, Melgar!¡°, proklamierte seine Exzellenz, ohne sich dabei bewusst zu sein, wie zutreffend doch diese althergebrachte Gru?formel nun geworden war. Seine Heiligkeit w¨¹rdigte den Mann nur mit einem lapidaren Handwink. An seiner Statt ¨¹bernahm Brahm die Unterhaltung mit den Herrschaften.
?Guten Tag, Eure Exzellenz! Ich werde mich hier schon vorab entschuldigen m¨¹ssen. Seine Majest?t ist nicht hier, um Auskunft ¨¹ber den Zustand Greifenburgs zu erhalten. So dringend und ernst diese Sache auch sein mag, ist das Anliegen Seiner Hoheit im Moment nur auf eines beschr?nkt: Den Aufenthaltsort der Urheberin dieses Chaos. K?nnten Sie mir mitteilen, wo diese ist?¡° Die befragten M?nner tauschten sich kurz und in geringer Lautst?rke miteinander aus. Danach antworteten sie dem Kommandanten der Garde: ?Diejenige, die sie suchen, wurde zuletzt beim Palast gesehen. Es ist uns nicht bekannt, ob sie sich immer noch dort befindet. Keiner hat sich bisher dorthin getraut. Es w?re wohl empfehlenswert, hier gro?e Vorsicht walten zu lassen.¡° ¨C ?Seine Majest?t ist sich dessen durchaus bewusst. Seien sie versichert, dass unser Kaiser nichts au?er Gott f¨¹rchtet!¡°
Nachdem er eine solch starke Aussage von sich gegeben hatte, schwiegen die anderen Herren erst einmal. Brahm trat an seinen Souver?n heran, um ihm die erhaltene Information mitzuteilen, doch kam er nicht weit, da dieser ihm klarmachte, dass er das Gesagte sowieso mitgeh?rt hatte. W?hrend die M?nner alle so dastanden, str?mten immer gr??ere Mengen an Leuten herbei. Aus allen L?chern schienen die ¨¹berlebenden hervorzukriechen, nur um sich seiner Heiligkeit anzun?hern, um einen Blick auf diesen zu erhaschen. Aber war das wirklich der Grund daf¨¹r? In den Augen der Menschen, die sich hier um den Erkorenen scharten war Angst und Unsicherheit zu sehen. Die Verw¨¹stung ihrer Stadt hatte sie alle schwer gebeutelt. Es war definitiv Angst, die sie beherrschte, doch auch w¨¹rde sich sogleich etwas anderes zeigen.
Ohne Aufforderung begannen die Ersten, ?Lang lebe der Kaiser!¡°, ?Ave, Melgar!¡°, aber auch andere Parolen der Revolution, die mittlerweile 17 Jahre zur¨¹cklag, zu rufen. Anfangs noch leise, wurden diese immer lauter und lauter. Seine Hoheit schaute da zwar interessiert, gab aber keinerlei Reaktion bez¨¹glich dem, was die Menge hier skandierte, preis. Das Volk hatte offenbar immer noch gro?es Vertrauen in seinen Herrscher. Niemand machte ihn f¨¹r die j¨¹ngsten Ereignisse verantwortlich. Gleich darauf wurde an die Reichsgarde die Order ausgegeben, sich langsam zum zerst?rten Greifenburger Palast zu begeben. Unmittelbar danach hob der Erkorene jedoch ab und flog alleine in Richtung des genannten Ziels voraus. Aufgebracht, konnte man vernehmen, wie seine Ehefrau ihm da nachrief, was aber in den immer lauter werdenden Skandierungen der Massen hier unterging. Ohne sie zu Rate zu ziehen, hatte er sich einfach auf den Weg gemacht und sie zur¨¹ckgelassen. Kommandant Duenitz sah ihren Zorn, wusste aber nicht, wie er diesen momentan bes?nftigen konnte. Gemeinsam zogen sie dann alle ihrem Zielort entgegen, einen riesigen Rattenschwanz an Menschen nach sich ziehend.
Wenzel wollte eine eventuelle Konfrontation seiner Liebsten mit Viktoria verhindern. Deshalb holte er nun einen Vorsprung gegen¨¹ber den anderen heraus. Er w¨¹rde der Allererste sein, der mit seiner Tochter redete. Doch was w¨¹rde er ihr sagen? Wie konnte er an die junge Dame herangehen, deren Geisteszustand schon so weit vorangeschritten war, wie ihrer? Er lie? sich dazu nun allerlei S?tze durch den Kopf gehen. Als er nun so auf seinem Weg zu dieser den Himmel durchkreuzte, sp¨¹rte er nichts. Erst als er beinah schon angekommen war, hatte es sich durch seine Hirnwindungen, welche heute offenbar ungew?hnlich langsam operierten, hindurchgeschl?ngelt, dass er gar nicht die Aura des M?dchens wahrnehmen konnte. Sie war aber nicht dazu imstande ihre Aura zu unterdr¨¹cken. Diese Tatsache lie? nun Nervosit?t in ihm hochsteigen, obgleich er ohnehin schon ein hohes Ausma? an solcher versp¨¹rte. Er erblickte den desastr?s mitgenommenen Prachtbau vor sich und lie? sich genau davor herab. Welch eine Schande es war, wie auch dieses Geb?ude ruiniert war, kam ihm aktuell aber nicht in den Sinn. Jetzt z?hlte erst mal einzig und allein Viktoria.
Er durchschritt die einstige Pfalz. Eingest¨¹rztes Dach, zahllose umgefallene W?nde und zerschmetterte Fenster. Der Zustand war im Rahmen des Erwarteten, leider. Als er so die G?nge und einsturzgef?hrdeten R?umlichkeiten durchquerte, begann er nun wiederholt ihren Namen zu rufen: ?Viktoria! Viktoria!¡° Anders wusste er sich momentan nicht zu helfen, denn er konnte ihre Magie nach wie vor nicht sp¨¹ren. Es kam keine Antwort. Er ging weiter. Schlie?lich erreichte er den Speisesalon. Dessen T¨¹ren waren aus den Angeln geflogen und alles hier drinnen schien v?llig hin¨¹ber zu sein. Vor seinen F¨¹?en fand er dann pl?tzlich ein eigenartiges Objekt, welches er sogleich neugierig aufhob. Ein Ring, mit ein paar Zacken darauf, welche dem Ding vermutlich das Aussehen einer Krone geben sollten. Nebenan lag ein umgefallener, gr??erer Tisch, der ihm einen Teil seiner Sicht versperrte. Wenzel ging ein paar Schritte vorw?rts, nur um dann wieder anzuhalten. Er kam zum vollkommenen Stillstand.
Hinter dem M?belst¨¹ck, das ihn daran gehindert hatte, die Gesamtheit des Bodens hier zu sehen, offenbarte es sich ihm nun. Er blickte hin, doch sah er gleich wieder weg. Die Augen sahen es nicht. Nein, sie sahen es nicht! Sein Verstand begriff es, doch gleichzeitig begriff er es nicht. Er wollte es nicht begreifen. Der Zauberer r¨¹hrte sich nicht. Weiterhin stand er da, ohne jedwede Regung. Etwas Zeit verging, dann konnte man h?ren, wie sich die Garde, also auch seine Frau und Brahm hierher ann?herten. Auch sie w¨¹rden es sehen und nicht sehen, begreifen und nicht begreifen.
Schwer dr¨¹ckte eine dunkelgraue Wolkendecke vom Himmel herab und manifestierte damit die Elegie des Anlasses. Die ¨¹berreste des Melgarionenpalastes um sie herum wirkten in ihrer Verlassenheit fast schon gespenstisch, jedoch sch¨¹tzten sie die Anwesenden vor unerw¨¹nschten Blicken. Alle waren sie in Schwarz gekleidet, die Frauen mit der anl?sslichen, traditionellen Vollverschleierung. Die sehr klein gehaltene Trauergesellschaft stand vor einem Grab, das gerade zugesch¨¹ttet wurde. Seine Worte hatte der Priester schon gesprochen und die Zeremonie war bereits abgeschlossen. Es herrschte eine dr¨¹ckende, melancholische Stille. Ganz vorne stand das Kaiserpaar und knapp hinter ihnen Ylva und Brahm, gefolgt von Irnfrid, Marzia, Eleonore, Peter und Amalie¡¯s Eltern. Es handelte sich somit um eine sehr intime Beerdigung im engsten Kreise Ihrer Hoheiten. Schaufel um Schaufel an Erdmaterial wurde von den Totengr?bern in die Grube und auf die dort hinuntergeworfenen Rosen bef?rdert, w?hrend alle nur lautlos dastanden.
?Viktoria von Althun ¨C Wahre Liebe ist bedingungslos¡°
Dies war auf dem Grabstein zu lesen. Dieser stand ganz alleine in einem Innenhof des ehemaligen Prunkbaus. Nur ein einziger weiterer Grabstein befand sich direkt daneben, auf dem die Namen von Wenzels Adoptiveltern eingemei?elt waren. Im Gegensatz zu Viktorias hatte man ihre Gebeine nie gefunden, weshalb dies nur ein Scheingrab war. All dies dr¨¹ckte schwer auf sie alle. Ylva, jene Frau, welche auf die Prinzessin immer aufpassen h?tte sollen, war sichtlich in Trauer. Auch konnte man deutlich die Gemahlin des Kaisers hinter ihrem schwarzen Schleier weinen, ja gar schluchzen h?ren. Ihr Mann hatte seinen Arm fest um sie gelegt. Von ihm h?rte man nichts.
Seine Majest?t schaute nur weiterhin zu, wie das Grab aufgef¨¹llt wurde, welches unter einem beim Palastbrand abgefackelten Baum lag. Als Einziger schien er standhaft zu bleiben. Dann geschah aber etwas Unerwartetes. Pl?tzlich trat der Magier an den Grabstein heran und fiel davor auf die Knie. Den anderen Anwesenden hatte er den R¨¹cken zugekehrt, weswegen keiner sein Gesicht sehen konnte. Jedoch war auszumachen, wie der Mann sich mit der Hand zum Gesicht fuhr. Jeder wusste was vor sich ging. Darauf sp¨¹rten dann alle Anwesenden, wie die Atmosph?re sich hier zu ver?ndern schien. Die beiden jungen M?dchen, aber auch Peter blickten etwas irritiert umher, bis sie verstanden, dass der Erkorene die Ursache dieses seltsamen Gef¨¹hls war, das in der Luft lag. Die ersten Tropfen fielen vom Himmel und rasch wurden es mehr und immer mehr.
Da trat die Kaiserin an ihren Liebsten heran, um an seiner Seite zu sein. Selbst Irnfrid und andere, die nicht wussten, wie Zauberei wirkte, begriffen, dass die Emotionen seiner Heiligkeit, die er nun nicht mehr in Zaum halten konnte, dieses Wetter verursachten. Alle warteten nur in tiefer Wehmut. Wenn auch Au?enstehende die Schwere diese Ereignisse nicht zur G?nze verstehen mochten, so taten dies zumindest die Trauerg?ste hier. Es war eine schlimme Trag?die. Eigentlich waren es multiple Trag?dien, die hier gemeinsam stattgefunden hatten. Das Reich, ebenso wie das Kaiserhaus, hatten schwere Schicksalsschl?ge erlitten. Es war eine zutiefst pers?nliche Krise, und gleichfalls eine politische.
Letzteres besch?ftigte momentan wohl eher Kanzler Rubellio. Alle anderen waren vom Kummer ¨¹ber die Kaiserstochter beherrscht. Dennoch gr¨¹belte er jetzt schon ¨¹ber all diese anderen Sachen nach, w?hrend sie alle immer nasser vom zunehmenden Regen wurden. Wasser floss auch vom Kaiser herab. In vielerlei Weise. Es war ein Tag gr??ter Tr¨¹bsal, der das Ende von etwas Gro?em bedeutete. Was dieses war, w¨¹rde sich f¨¹r sie erst sp?ter herausstellen.
?Die Budgetverhandlungen haben noch nicht einmal begonnen und schon jetzt steht fest, dass diese zu einer Schlammschlacht zwischen den F¨¹rsten und den Vertretern der Armee ausarten werden. Die Apokalypse, die das Land durch die Heimsuchung dieses Todesengels widerfahren hat, ist ein gewaltiges Problem. Unsere Steuereinnahmen sind eingebrochen, aber wir ben?tigen erheblich mehr Geld, um den Wiederaufbau zu finanzieren. Wer soll das alles bezahlen? Die Steuern in einer solchen Situation zu erh?hen, ist unm?glich, weil es gro?es Ungemach unter den reicheren Schichten erzeugen w¨¹rde. Und die Arbeit der Bauern kann man auch nur bis zu einem bestimmten Grad erh?hen, wissen Sie? Es ist also v?llig unklar, wie wir hier verfahren k?nnen.¡°
So teilte ein Mann in grellgelben Roben seine Besorgnisse einem Gleichgekleideten Herren mit. Der andere war an eine S?ule hier am Gang angelehnt und zwirbelte schon beinah s¨¹ffisant wirkend seinen Schnurrbart, w?hrend er dem lauschte, was sein Gegen¨¹ber zu sagen hatte. Das gelockte Haar dieses Reichstagsabgeordneten schaute unter dessen Chaperon hervor und auf seiner Brust war das Hauswappen von Alduino zur Schau gestellt. Schlie?lich erwiderte Fulco seinem Gespr?chspartner: ?Ich wei?, dass all diese Dinge stets Verhandlungen bed¨¹rfen. Dennoch frage ich mich, wie denn die Angelegenheit nun zu betrachten ist, angesichts der Tatsache, dass das Heer unter dem neuen Obersten Marschall nur noch ein Scho?h¨¹ndchen seiner Majest?t sein wird. Spricht die Armee ¨¹berhaupt noch irgendwie mit einer eigenen Stimme oder ist sie bereits zu einem blo?en Instrument verkommen?¡°
?Sehen Sie, ich verstehe, dass hier auch Ihr Groll ¨¹ber die Enth¨¹llungen in Translimesien, welche ihren Bruder in Ungnade gebracht haben, mitschwingt. Die Heilige Armee unterstand immer schon offiziell dem Souver?n als Obersten Befehlshaber. Der Fakt, dass sie ihren eigenen Willen gegen¨¹ber dem Erkorenen durchsetzte, war allein der unersch¨¹tterlichen Autorit?t des nun zum M?rtyrer gewordenen Theodor Kuhn zu verdanken. Dies war kein Normalzustand.¡°
Nicht sonderlich erfreut ¨¹ber eine solche Gegenrede, antwortete ihm Fulco: ?Groll sagen Sie? Ja, ich bin zornig, aber die Blo?stellung meines Hauses hat hiermit nichts zu tun!¡° Das war ganz offensichtlich eine L¨¹ge, aber sein Zuh?rer belie? es einfach dabei und widersprach ihm lieber nicht. ?Die gro?en Adelsh?user Ordaniens, nein, des ganzen Reiches haben sich in der postrevolution?ren Periode immer mit den Streitkr?ften absprechen k?nnen und zu einer Einigung kommen k?nnen. Mit dem Herrn Ferenc scheint dies erheblich schwieriger, wenn nicht gar schon fast unm?glich geworden zu sein. Etwas hat sich ge?ndert. Und sowohl Sie als auch ich wissen, was dieses Etwas ist: Der neuernannte Oberste Marschall ist nur eine Marionette des Kaisers. Darum werden die F¨¹rsten, Grafen und Freiherren aller Lande es von nun an sehr schwierig haben.¡°
W?hrend er dem zuh?rte, drehte sich sein Gespr?chspartner immer wieder um, um sich zu vergewissern, dass sie auch niemand belauschte. Keiner da. Die Aussagen, die das Oberhaupt der Von Alduino Dynastie nun get?tigt hatte, stimmten. Der Wind im Reich hatte sich gedreht und die gro?en H?user mussten nun um ihre k¨¹nftige Macht und Privilegien bangen. Auch er teilte diese Besorgnis. Somit gab er dann dem Herren zur¨¹ck:
?Es w?re ratsam sich diesbez¨¹glich mit dem Sprecher auszutauschen. Mit den Ver?nderungen der letzten Wochen, scheint eine neue ?ra angebrochen zu sein und wir, der Adelsstand, m¨¹ssen uns wohl neuorientieren.¡° ¨C ?Ich werde mich mit ihm zusammensetzen, ja. Doch reicht dies sicher nicht aus. Zuerst sollten wir uns mit m?glichst vielen anderen Mitgliedern hier absprechen¡°, erwiderte ihm der Camenier. Dann brachte er noch eine weitere Idee zur Ansprache: ?Wie ich mir sagen habe lassen, ist die Witwe des verschiedenen Obersten Marschalls nicht gut auf seine Hoheit zu sprechen. Kontakt mit ihr aufzunehmen k?nnte uns hier auch von Nutzen sein. Ich habe da allerdings nicht die pers?nlichen Beziehungen zu.¡° Der andere Herr verstand augenblicklich, worauf er hinauswollte, und ?u?erte folglich: ?Ich kenne da jemanden. ¨¹berlassen Sie die Sache mir. Ich werden schauen, was sich tun l?sst.¡°- ?Sehr gut!¡°
Private Residenz Ulrich von Lohrs, fr¨¹her Nachmittag
In einem Raum mit hoher Decke sa?en vier Leute versammelt. Die Wandtapete, auf welcher sich ein pastelrosa Muster mit vielen Schn?rkseln immerzu wiederholte, war ein echter Blickfang. Ebenso machten aber auch die anderen edlen M?bel, wie etwa die gro?e Pendeluhr in der N?he des Fensters, aber auch die vortrefflichen Ledersessel, welche um ein winziges Tischchen angeordnet waren, ordentlich Eindruck. Das teure Heim des Generals hatte offensichtlich den Zerst?rungen entgehen k?nnen, ein Schicksal, das mehr als die H?lfte aller Bausubstanz der Metropole nicht teilte.
Auf den Sitzen hier waren nun vier bedeutsame Personen zu einem Treffen zusammengekommen. Es waren Irnfrid Kuhn, die Witwe des gemarterten Obersten Marschalls, Fulco II. von Alduino, der F¨¹rst Translimesiens, dessen Ruf nun deutlich unter der Schande litt, die sein Bruder mit dem Versuch ein Aufst?ndischenheer aufzustellen ¨¹ber das ganze Haus gebracht hatte, Ulrich von Lohr, ein General der Heiligen Armee, den man mit der Wahl Ferencs als Nachfolger Theodors ausgebootet hatte, und schlie?lich Xaver von Duenitz, der ?lteste Sohn der Duenitz Dynastie, welche die Landesherren von Cislimesien waren, der bekanntlich nicht gut auf seinen Bruder, Brahm, zu sprechen war.
?Von Rauttenstein ist auf unserer Seite, dessen konnte ich mich pers?nlich versichern. Er hat au?ergew?hnliches Ansehen unter den Abgeordneten des Reichsrates. Ihm werden unter Garantie eine gro?e Menge an Abgeordneten folgen¡°, legte Fulco den Versammelten dar. Die schwarzgekleidete Frau, was signalisierte, dass ihre Trauerperiode immer noch nicht zu Ende gegangen war, nickte darauf nur verhalten und kommentierte vorerst nichts. Es schien jedoch schon mehr an Emotion in ihr Antlitz zur¨¹ckgekehrt zu sein, was nat¨¹rlich nicht bedeutete, dass sich an ihrer Meinung etwas ge?ndert hatte. Somit ergriff dann Xaver, ein stolzer Mann mit starken m?nnlichen Z¨¹gen, das Wort: ?Mein Haus hat auch viele Verbindungen in allen s¨¹dlichen Landen Ordaniens. Diese Leute lassen sich durchaus als Verb¨¹ndete bezeichnen und ich kann sie sicher ¨¹berzeugen, auch geschlossen mit uns abzustimmen.¡°
Das schien sowohl Fulco als auch Ulrich die Stimmung zu vers¨¹?en. Beide waren im ersten Moment skeptisch gegen¨¹ber diesem Erben der Duenitz gewesen. Dies war kein Wunder, da dieser ja eng verwandt mit dem pers?nlichen Leibw?chter des Erkorenen war. Schnell hatten sie aber in Erfahrung gebracht, dass dieser nichts von seinem j¨¹ngeren Geschwister hielt. Was genau der Grund daf¨¹r war, wussten sie nicht, da es sich hierbei um ein bestgeh¨¹tetes Geheimnis handelte, dass noch zu Zeiten der alethischen Ketzerherrschaft begraben worden war. Die Antwort darauf spielte aber ohnehin keine Rolle. Fest stand nur, dass dieser Mann, genauso wie sie, ein Verfechter der Privilegien und Machtbefugnisse des Hochadels war.This text was taken from Royal Road. Help the author by reading the original version there.
?Ich bin h?chst erfreut dar¨¹ber, mit welcher Leichtigkeit sich unsere neue Koalition hier formen l?sst. Es scheint mir fast schon zu einfach von Statten zu gehen¡°, teilte der Camenier sein Empfinden den anderen Verschw?rern hier mit, w?hrend er einen gro?en Schluck von seinem Tee nahm, welchen er dann wieder auf den Tisch hinabstellte. Dem erwiderte Irnfrid nun: ?Einfach? Ganz so w¨¹rde ich das jetzt auch nicht bezeichnen. Wir mussten uns hier im Geheimen treffen, da die W?nde im Reichstagsgeb?ude immer mehr Ohren bekommen haben.¡° ¨C ?Das hat lediglich mit der einstweiligen Unterbringung des Kaisers in dessen R?umlichkeiten zu tun. Sie sind schlicht von der zus?tzlichen Anwesenheit der Karos verd?chtiger geworden und in erh?hte Alarmbereitschaft versetzt, das ist alles¡°, meinte Fulco da. Doch die Dame konterte ihm sogleich: ?Nein, das ist nicht wahr. So verd?chtig, wie sie durch die G?nge schleichen, schn¨¹ffeln sie sicher herum und spionieren uns aus.¡° Der Adelige schnaufte durch die Nase aus und f¨¹hrte die Konversation zu diesem Thema nicht mehr weiter.
Schlie?lich sah Ulrich seinen Moment gekommen und er erhob die Stimme: ?Ich denke, dass die holde Dame hier durchaus nicht unbegr¨¹ndet besorgt ist. ¨¹ber Jahre hinweg hat seine Hoheit die Reichsgarde immer mehr vergr??ert und versucht ihnen mehr Kompetenzen zu ¨¹bertragen. Mit unserem starken Mann, Theodor, ist der Versuch des Kaisers seine Macht auszubauen, zum Gl¨¹ck gescheitert, doch all das kann sich unter den jetzigen Vorzeichen nun tats?chlich ?ndern. Ich wei? von uns allen hier wohl am besten zu welchen Taten die Heilige Armee imstande ist, und dass sie willens ist jeden Befehl umzusetzen! Wir sollten nicht untersch?tzen, was Seine Majest?t tun kann, und wir sollten uns nicht zur Selbstt?uschung hinrei?en lassen, dass er ?ein liebenswerter Mann ist¡® und sich niemals an seinen politischen Feinden, die ihm doch all die Jahre seine Vorhaben im Reichsrat blockiert haben, r?chen w¨¹rde!¡° Die anderen erkannten hier recht schnell, dass Ulrich ihnen nur Angst einfl??en wollte.
?Und was willst du uns hier vorschlagen? Etwa einen Staatsstreich gegen den Erkorenen?¡°, fragte ihn da F¨¹rst von Alduino in schnippischem Ton. ?Gegen den, der von Gott erw?hlt ist, ¨¹ber Kaphkos zu herrschen, gegen den, der sich dem D?mon in Meglarsbruck entgegengestellt hat und dabei die ganze Stadt verw¨¹stet hat? Willst du es wagen solche Macht herauszufordern?¡° Der Mann sprach das aus, was allen hier eigentlich bewusst war. Sie alle hatten nach den Ereignissen am von Wenzel heraufprophezeiten Tag eine neue Form von Respekt gegen¨¹ber dem Kaiser gelernt. Oder vielmehr war es Furcht, als dass es Respekt war. Dennoch, das Zu-Wort-Bringen dieses Umstandes lie? nun den bitteren, erbosten General verstummen. Er wusste, dass Fulco recht hatte. Sie alle wussten es. Obendrein war da noch die Tatsache, dass niemand von ihnen wusste, was er denn alles mit Magie tun konnte. Selbst Irnfrid ma?te sich kein solches Wissen mehr an, angesichts der Geschehnisse, denen sie bei der Zerst?rung der Hauptstadt alle beigewohnt hatten. In seinen jungen Jahren hatte sie ein wenig von Wenzels Zauberkunst mit eigenen Augen miterleben k?nnen, doch das war schon lange her und der einstige Zauberlehrling war nun ganz offensichtlich kein Frischling mehr.
?Kein Putsch. Das ist zum Scheitern verurteilt¡°, ?u?erte Xaver da und f¨¹gte dann hinzu, ?Wir sollten uns darauf konzentrieren zu tun, was wir mit Sicherheit k?nnen. Jegliche Ma?nahmen, die unsere Macht mindern k?nnten, zu blockieren ist im Bereich des f¨¹r uns Machbaren.¡° Irnfrid und der Camenier stimmten dem Kerl hierbei zu. Ulrich z?gerte, gab ihm dann aber auch recht. Was blieb ihm denn sonst anderes ¨¹brig? Alle hier waren sich im Klaren, dass Wenzel, aber vor allem auch Ferenc, der unter dessen Befehl stand, niemals etwas so Leichtsinniges, wie Gewalt gegen die Eliten anwenden w¨¹rde. Sich hier einfach in die Defensive zu begeben war sicherlich die strategisch kl¨¹gste Option, auch wenn sie politischen Stillstand bedeuten w¨¹rde.
Nach ihrem Treffen verabschiedeten sich die Herr- und Damenschaften voneinander und gingen dann ihrer Wege. Irnfrid und Xaver w¨¹rden sich wieder zum Reichstag begeben, wohingegen Fulco seinem Cousin noch einen Besuch abstattete. Der Duenitz preschte schnellen Schrittes voran und hatte recht rasch die Dame weit hinter sich gelassen. Durch die Stra?en und ¨¹ber weite Promenaden spazierte er seinem Zielort entgegen. Es war mittlerweile w?rmer, als es am Morgen noch gewesen war. Trotzdem hatte es eine ordentliche Weile gedauert, bis die fr¨¹hmorgendlichen Nebelschwaden sich g?nzlich verzogen hatten. Unter den Reihen an Linden zog er hindurch, von denen bereits die ersten Bl?tter anfingen herabzufallen. Der Herbst hatte sp¨¹rbar begonnen.
Leider hatten viele der B?ume die Br?nde hier nicht ¨¹berlebt. ¨¹berall, wo er hinsah, war nur Verw¨¹stung. Selbst wenn die Stra?en schon frei waren, konnte man zu allen Seiten Arbeiter schuften sehen, die das Ger?ll hier fortschafften, um den Wiederaufbau zu beginnen. An manchen Stellen in der Stadt hatte dieser sogar schon begonnen. Unz?hlbar viele Tagel?hner, aber vor allem auch Leibeigene, die ihren Robot verrichteten, schw?rmten durch die Stra?en, um die Reichshauptstadt wieder zum Leben zu erwecken. W?hrend er so ¨¹ber das Pflaster schlenderte, wurde Xaver immer langsamer, da er sich von den Dingen, die er hier beobachtete, ablenken lie?. Der allgegenw?rtige Geruch vom Pferdemist stieg ihm in die Nase, der Auswurf jener Tiere, die hier in gewaltiger Anzahl die Alleen entlangtrabten, um Menschen und G¨¹ter zu transportieren.
Zu seiner Rechten erblickte er einen Stand der ?Barmherzigen Schwestern der Heiligen Elisabeth¡°, an dem eine Schlange von heruntergekommen aussehenden Leuten anstand, um eine Sch¨¹ssel warmes Essen zu bekommen. Dieselbe Organisation konnte er des ?fteren auch bei der Ausgabe von Kleidung sehen und ebenso betrieben sie Seelsorge. All dies taten diese Frauen aus keinerlei Eigennutzen heraus. Sie wollten schlicht und einfach den Katastrophenopfern, von denen es momentan noch viele gab, helfen. Religion war nicht nur eine Ideologie, um die Massen gegen oder f¨¹r etwas zu mobilisieren, es gab auch Gutes an ihr. Als der Adelige von diesen Umst?nden Notiz nahm, erwuchs in ihm der Wunsch, dass solche Barmherzigkeit auch von den Reichen und M?chtigen in Ordanien k?me. Ein Wunschtraum.
Bald schon erreichte er das Regierungsgeb?ude und schritt hinein. An den Wachen vorbei und die Treppe nach oben ging¡¯s. Dann bog er jedoch nicht in Richtung seiner Gem?cher ab, sondern erklomm einen weiteren Treppenaufgang. Es gab da jemanden, dem er etwas sehr Wichtiges mitteilten musste. ?Klopf, Klopf!¡°, ging es an der T¨¹re. Nach wenigen Sekunden des Wartens ert?nte eine Stimme von der anderen Seite: ?Herein!¡° Xaver folgte der Aufforderung und schloss dann die T¨¹re hinter sich. Vor ihm sa? ein Mann an seinem Schreibtisch mit Brille, kurzem, schwarzen Haar und in noblem Aufzug. Reichskanzler Peter freute sich sogleich ¨¹ber den Besuch.
?Werter Herr Duenitz, was ist ihr Anliegen?¡° Der Adressierte sammelte kurz seine Gedanken und entgegnete ihm dann: ?Eure Durchlauchteste Exzellenz, ich habe Nachrichten von h?chster Brisanz f¨¹r Sie!¡° ¨C ?Oh? Und die w?ren?¡° Dann fuhr er fort damit, ihm ¨¹ber seine Unterhaltung mit dem Kreis an Verschw?rern zu berichten. ?Es scheint so, als ob der Reichstag und die Eliten sehr unzufrieden mit den j¨¹ngsten Ereignissen sind, weshalb sie nun im Hintergrund Intrigen spinnen. Der Reichstag, allen voran Sprecher von Rauttenstein, plant aus Sorge um seine Privilegien, sich gegen jedwede politische Initiative des Kaisers zu stellen. Auch der ehemalige Vize-Marschall ist unter diesen. Ich konnte sie dahingehend t?uschen, dass sie sich meiner Unterst¨¹tzung mitsamt meinen Verb¨¹ndeten sicher sind. Nat¨¹rlich werde ich mich aber nicht auf deren Seite schlagen! Das Haus Duenitz war das erste gro?e Adelshaus, welches sich der Heiligen Revolution angeschlossen hat. Wir sind treue B¨¹ndnispartner des Erkorenen.¡°
Diese Information erzeugte sichtliche Nervostit?t bei Peter Rubellio, welcher anfing mit den F¨¹?en am Boden herumzuklopfen und sich im Gesicht zu kratzen. ?Vielen Dank f¨¹r die Warnung!¡°, bedankte er sich bei dem Adeligen. Dann brachte er seine Sorgen zum Ausdruck: ?Wenn sie etwas Illegales oder Gewaltsames planen, dann muss ich sogleich das Milit?r informieren, um dem Einhalt zu gebieten!¡° ¨C ?Halten Sie inne, mein Herr! Die Betroffenen haben es explizit untereinander klar besprochen und sind zu dem Schluss gekommen, dass sie keinen Putsch unternehmen wollen, beziehungsweise k?nnen. Sie haben da doch noch zu viel Ehrfurcht vor seiner Heiligkeit¡°, intervenierte Xaver unmittelbar, um ¨¹berst¨¹rzten ¨¹berreaktionen zuvorzukommen.
Dem antwortete Peter: ?Puh, da bin ich aber erleichtert! Wenn es nur eine Blockadehaltung im Reichsrat ist, werden wir es schon ¨¹berleben.¡° Insgeheim war er aber ¨¹ber diese Klarstellung durch den Cislimesier auch deshalb heilfroh, weil er sich nicht sicher sein konnte, ob die Armee denn tats?chlich gegen den Reichstag vorgegangen w?re. Er kannte Ferenc. Nicht so gut wie Wenzel, aber gut genug, um zu wissen, dass der Mann zwar treu war, aber dennoch die Stabilit?t des Reiches als seine oberste Priorit?t betrachtete. Eine solch destabilisierende Handlung w¨¹rde seinen Ansichten wahrscheinlich sehr entgegenstehen. Zus?tzlich gab es zwar noch die Reichsgarde, aber Peter wusste, dass Wenzel seinen Soldaten niemals etwas so Problematisches beordern w¨¹rde, selbst wenn diese seine Befehle, ohne mit der Wimper zu zucken, ausf¨¹hren w¨¹rden. Eine solch verzwickte Situation hatte sich jetzt gl¨¹cklicherweise aber ohnehin nicht ergeben.
Der Kanzler stand auf und ging in seiner Aufgew¨¹hltheit hin¨¹ber zu seinem B¨¹cherregal und wieder zur¨¹ck an seinen Platz, wo er sich dann im Stehen mit den H?nden an dessen Oberfl?che abst¨¹tzte. ?Gro?e Teile des heutigen Hochadels sind sowieso nur Opportunisten, die sich nach der Revolution unterw¨¹rfig auf die Seite der neuen Herren in Meglarsbruck geschlagen haben. Sie hatten und haben keine wahren ¨¹berzeugungen und konvertierten einfach wieder zum wahren Teleiotismus. Alles, was f¨¹r sie z?hlte, war nur ihr eigenes Auskommen. Das hat sich nicht ge?ndert. Sie wollen keine Konfrontation, nur dass man ihnen ihre Privilegien, die sie nach dem Umsturz des alten Regimes erhalten haben, nicht wegnimmt. Das l?uft den Zielen seiner Hoheit zuwider, doch kenne ich unseren Souver?n gut genug, um Sie versichern zu k?nnen, dass er hier nichts Tollk¨¹hnes unternehmen wird. Es wird sich nichts ?ndern. Alles wird beim Alten bleiben.¡°
Das Nun-Vernommene beruhigte auch Xaver in betr?chtlichem Ausma?. Die beiden Herren unterhielten sich nun noch ein wenig, wobei sie langsam von der anf?nglichen Aufregung wieder herunterkamen. ?Ich werde seine Majest?t ¨¹ber das informieren, woran Sie mich hier teilhaben lie?en¡°, hielt der Chef der Regierung fest. ?Man bittet h?flichst darum¡°, erwiderte ihm Herr Duenitz. Letztlich bekundete er ihm seinen Dank und verlie? die Schreibkammer des Reichskanzlers. Obgleich weiterhin eine Spannung in der Luft zu liegen schien, d¨¹nkte es, als ob eine Krise, die letztendlich ihre Wurzeln in der Zerst?rung zweier der bedeutendsten St?dte des Reiches hatte, vorerst abgewendet worden w?re.
Einsam und bedr¨¹ckt sa? der Erkorene in seinem finsteren Zimmer, Vorh?nge zugezogen. In seiner Tr¨¹bseligkeit sinnierte er, wie nun schon seit vielen Tagen ¨¹ber alles, was ihm in letzter Zeit widerfahren war. ?Ich wollte ihr helfen. Unbedingt helfen wollte ich ihr, doch letzten Endes war ich nicht dazu imstande. H?tte ich das ¨¹berhaupt bewerkstelligen k?nnen? Ich glaube nicht. Ja, ich denke, dass ich nun endlich verstanden habe, dass sich hier Dinge entwickelt hatten, die au?erhalb meiner Kontrolle waren. Mit aller Macht der Welt war Viktoria gesegnet und doch war sie so furchtbar verflucht! Sie litt unter all dem, auch ich konnte es sehen. Nur habe ich mich in meinem Wunschdenken wohl selbst angelogen, was die wahre Sachlage anbelangte. Ich konnte ihr nicht helfen. Viel zu viel gibt es, was ich ¨¹ber die menschliche Seele, was ich ¨¹ber die Welt noch nicht wei? und wahrscheinlich nie wissen werde.¡°
Amalie betrat leise den Raum. Sie kam bed?chtig an ihren Geliebten heran und setzte sich dann direkt neben ihn auf die Bettkante. Er war immer noch zutiefst befangen vom Tod seiner Tochter, ebenso wie sie es war. Weil er aber sonst immer derjenige war, der standhaft blieb, besorgte die Melancholie des Kaisers seine Gattin in erheblichem Ausma?. Ein paar Minuten sa?en sie nur still beieinander und redeten nichts. Schlie?lich sagte er aber:
?Wei?t du, so viele Szenen aus grauer Vorzeit spielen sich vor meinem inneren Auge ab. Die gro?e Revolte der Kaloportischen Plebs, deren Bilder sich die ganze Nacht in meinem Kopf immer und immer wiederholen. Die inbr¨¹nstigen Schreie, der schreckliche Gestank des Blutes, die wilden K?mpfe der Lynchmobs mit den Kr?ften des ketzerischen Kleink?nigreichs. Es nimmt kein Ende. Alles kehrt mir wieder ins Bewusstsein zur¨¹ck. Melgars Erinnerungen, sie sind Teil von mir geworden, er ist Teil von mir geworden. Nein, es ist wohl noch mehr als das. Ich werde mehr und mehr zu ihm, bis vielleicht eines Tages nichts mehr von mir ¨¹brigbleibt.¡°
Jeden Tag hatte er ihr nun von diesem Prozess erz?hlt, dass Nacht um Nacht mehr von den Erinnerungen Melgars zu ihm zur¨¹ckkehrten, seitdem dieser ihn am Tag der Verhei?ung, als deren Seelen verschmolzen waren, besessen hatte. All dies wog noch als zus?tzliche Last zu den Ereignissen mit seiner Adoptivtochter auf ihm. Seine Frau versicherte ihn: ?Mach dir keine Sorgen! Du bist Wenzel, mein Wenzel, und das wirst du auch immer bleiben, egal welche Erinnerungen noch in dein Ged?chtnis eindringen.¡° Jedoch glaubte sie ihre Aussage selbst auch nicht so wirklich. Ihr Ehemann hatte einen massiven Wandel durchlaufen, und sie konnte bei Gott nicht sagen, ob dieser aufgrund der zunehmenden Besessenheit Wenzels durch den Geist Melgars oder einfach der F¨¹lle an entsetzlichen Ereignissen, die nun an ihm nagten, geschuldet war. ?Hoffen wir¡¯s¡°, gab er darauf schlicht zur¨¹ck. ?Selbst wei? ich langsam auch nicht mehr, wer ich eigentlich bin.¡° Danach verbrachten sie noch z?rtlich und in aller Ruhe etwas Zeit miteinander. Etwas sp?ter verlie? Amalie ihn wieder, wobei der Zauberer weiterhin in seinen Schlafgem?chern verblieb.
Die feine, wei?e T¨¹re hinter sich behutsam zugemacht habend, drehte sie sich um, um davonzugehen. Aus der Entfernung konnte sie aber bereits Balduin, den Glatzkopf, herannahen sehen. Sie kam ihm entgegen, und stellte sich dann direkt vor ihn, um ihm demonstrativ den Durchgang zu blockieren. Mit ged?mpfter Stimme vermittelte sie ihm: ?Was willst du denn hier? Lass meinen Mann in Ruhe! Er kann im Moment keine St?renfriede wie dich gebrauchen. Was auch immer eure Probleme sind, ihr k?nnt ihn auch sp?ter dar¨¹ber unterrichten. Geh jetzt!¡° In Reaktion darauf r¨¹mpfte der Milit?r seine Nase entnervt. Er gab aber keine Widerrede und gehorchte der Anordnung Ihrer Majest?t.
Nun ganz allein fuhr Wenzel fort damit, ¨¹ber verschiedenerlei Angelegenheiten nachzudenken. Diesmal versuchte er bewusst die Vergangenheit, die ihn aktuell auf permanenter Basis heimsuchte, au?en vor zu lassen. In der Gegenwart hatte er auch allerhand Nachrichten erhalten, die ?u?erst alarmierend waren. Peter hatte ihm via Boten ¨¹bermitteln lassen, dass die Begebnisse mit Viktoria nun gro?e politische Spannungen erschaffen hatten, die den Hochadel nun dazu veranlassten, gegen ihn R?nke zu schmieden. W?hrend sein Freund dem Kaiser gegen¨¹ber stark betonte, dass die Eliten keinen Aufstand gegen ihn planten, so war dieser hiervon ganz und gar nicht ¨¹berzeugt. ?Mit dem Tod meiner Tochter ist meine Blutlinie dem Anschein nach ausgestorben. Das wird diesen Leuten ein guter Grund und Beleg daf¨¹r sein, dass man mich st¨¹rzen kann. Die Konsequenzen dessen w¨¹rden sie wohl verkraften, da es niemanden gibt, keinen einzigen Magier, der existiert, der meine Rolle ¨¹bernehmen k?nnte. Viele von diesen Wendeh?lsen waren ja bereits zu Zeiten des Ordanischen Bundes Teil des Machtsystems. Sie tun nur was ihnen hilfreich ist, diese Schurken!¡°
Eventuell lie? er dann seinen Blick hin¨¹ber auf sein Nachtk?stchen schweifen. Das Schwert mit einem feuerroten Stein im Knauf befand sich darauf. Die M?nner der Stadtgarnison hatten es gefunden und ihm zur¨¹ck¨¹berstellt. Jetzt griff er nach dem Objekt und schwenkte es ein wenig hin und her. Sein Augenschein fiel nat¨¹rlich sofort wieder auf das funkelnde Juwel. Es besch?ftigte ihn sehr. ?Das letzte St¨¹ck fehlt noch¡°, ?u?erte der Magier verhalten. Bald schon d?mmerte es und es wurde Zeit f¨¹r ihn schlafen zu gehen. Wie erwartet, kamen ihm auch diesmal wieder Visionen in seinen Tr?umen. Doch dieses Mal waren es Visionen anderer Natur als sonst.
Das Dunkel verzog sich und er fand sich inmitten einer Stadt wieder. Es war eine st?dtische Ansiedlung, so anders und befremdlich als jene, die ihm bekannt waren, dass er nicht recht wusste, was er von all dem halten sollte. Er schaute auf eine Stra?e, deren Belag nicht aus Kopfsteinpflaster bestand, sondern welcher eine durchgehende steinerne Oberfl?che, wie aus einem Guss hatte. Wie das m?glich war, verstand er nicht. Zu beiden Seiten dieser ragten gro?e Wohngeb?ude in die H?he, nichts Besonderes, auch wenn sie sehr hoch waren. Auf dem Verkehrsweg tummelten sich allerlei Gef?hrte, die allerdings seltsam und geradezu verst?rend waren. Quietschend und r?hrend bewegten sich allerlei dem Anschein nach eiserne Kutschen an ihm vorbei. Unglaublicherweise wurden sie nicht von Pferden gezogen!
Dies faszinierte Wenzel so sehr, dass er n?her an eine Kutsche herantrat, welche am Stra?enrand abgestellt war, und diese n?her betrachtete. Offenbar war nicht einmal vorgesehen, dass diese von Zugtieren vorw?rtsbewegt wurden. Was sie dann antrieb, war ein Mysterium f¨¹r ihn. Nun begann er zu verstehen. Dies war die ferne Zukunft. Hatte man hier also Wege gefunden, um Gef?hrte mit Magie anzutreiben? Vermutlich¡..naja, oder auch nicht. Der Zauberer gestand sich ein, dass er nichts von dem verstand. Die Menschen, die in diesem Traum an ihm vorbeigingen, trugen befremdliche Kleidung. Diese Szene war seltsam und gleichzeitig interessenweckend. Als er den ersten Schritt setzte, um diesen so andersartigen Ort noch weiter zu erkunden, riss es ihn pl?tzlich hinfort. Die Vision war vor¨¹ber.
Nicht allzu lange Zeit sp?ter:
Von herbstlichen Winden, die das bunte Laub herumwirbelten, umweht, streckten sich gro? und erhaben die Mauern des Klosters Auersbach dem Himmel entgegen. Es war eines der bedeutendsten Kl?ster Ordaniens, was auch in seiner Weitl?ufigkeit und der H?he von dessen Schutzwall, der das gesamte Klosterareal umgab, seinen Ausdruck fand. Darin war vieles im Gange und eine beachtliche Anzahl an Bisch?fen, Kardin?len und anderen Kirchenvertretern waren dort zusammengekommen. Der Anlass: Die Konklave zur Wahl des neuen Patriarchen. Unter die zahllosen alten Gesichter hatte sich heute auch viel junges Blut gemischt. Eine neue Generation war herangewachsen und zu dieser geh?rte auch Damianos. Das war der Name, den er f¨¹r sich auserkoren hatte, sein eigentlicher, b¨¹rgerlicher Name war hier von keiner Bedeutung. In den fr¨¹hen Zwanzigerjahren war er und doch hatte er es bereits geschafft in den Bischofsrang aufzusteigen.
Er hatte glattes, schwarzes Haar, welches allerdings vollst?ndig unter seinem hohen Hut, den man in dieser Rolle trug, verschwand. Sein Herz war voll Inbrunst und Tatendrang. Der Geistliche geh?rte zu den Jungen, die die Revolution als Kinder miterlebt hatten, und die von dieser gepr?gt waren. Er hatte selbst miterlebt, wie m?chtig der Glaube des Teleiotismus war, wie er das Volk inspiriert hatte eine neue Welt, ein neues Reich zu erschaffen. In seinen hellblauen Roben mit gelben Verzierungen schritt er nun voran und in den Abstimmungssaal. Am Beginn des Konklaves w¨¹rde dieser versperrt und erst wieder ge?ffnet werden, wenn man ein neues Kirchenoberhaupt gew?hlt hatte! Die dunklen G?nge hier, welche architektonisch wenig zu bieten hatten, jedoch teils von anschaulichen Malereien eingenommen waren, zogen sich lange hin. Bald schon trat der Bischof gemeinsam mit einer gro?en Menge an anderen Elektoren in den Saal ein.
?Ich gelobe nach bestem Wissen und Gewissen und ohne ?u?ere Einfl¨¹sse oder Interessen den Geeignetsten Kandidaten f¨¹r das Amt zu w?hlen¡°, leisteten sie alle unisono den Eid ab. Diesen beendeten die Versammelten dann noch mit: ?So wahr mir Gott helfe!¡° Dann ging es schon an die Stimmenabgabe. Damianos ging als einer der f¨¹hrenden Kandidaten hier ins Rennen. Er hatte die Kraft und den Elan, um den Aufbruch in eine neue Zeit zu tun und vielleicht auch wichtige Reformen auf den Weg zu bringen. Es brauchte nur zwei Wahlg?nge, dann stand der Sieger bereits fest. Es war der Favorit, Damianos, welcher sich nach vorne ans Podium begab und sich f¨¹r das Vertrauen der hier zusammengekommenen Kommune nun bedankte und ein ambiti?ses Programm in seiner Antrittsrede nochmals kurz zusammenfasste.
Als zum Ende der Rede alle Anwesenden klatschten, geschah allerdings etwas absolut Unfassbares. Hinterhalb eines Vorhangs und aus einem der kleineren Seitenzimmer trat wie aus dem Nichts ein Herr herein, mit dem keiner gerechnet hatte. Diese Person¡¡sie konnte gar nicht hier sein, nicht zwingend deshalb, weil sie es nicht durfte, sondern weil es gar keinen Sinn machte, dass sie nun hier war. Die T¨¹r war verriegelt. Au?erdem musste diese Person momentan ganz woanders sein. Wie war dies ¨¹berhaupt m?glich?¡°
1. 20.1 Ave Melgar! (TEIL 1)
Wenn er denn das Unkraut vom Weizen trennen m?chte, so warte er, bis es reifet, und ernte er alles gemeinsam ab. Erst danach wird er es aussortieren und trennen, so wie er es wollte. - Georg 28:11
Drei mittelalte M?nner sa?en zusammen in einem kleinen K?mmerchen. Alle trugen sie Roben in Erdt?nen, wenn auch jeder in unterschiedlicher Art. ?Was meint ihr, Vater Hartmut?¡° ¨C ?Nicht viel, Eure Heiligkeit. Die Situation scheint unver?ndert. Nun ja, sie hat sich durch das Massensterben in Meglarsbruck und Greifenburg nochmals versch?rft, doch wird sich die generelle Tendenz dadurch nicht ?ndern. Nachdem die S?uberungen, die der melgaristischen R¨¹ckeroberung der Macht gefolgt sind, abgeschlossen waren, hat sich die Zahl unserer Mitglieder wieder eingependelt ..¡.so halbwegs. Wir sind sicher nicht im Wachstum begriffen, aber aussterben wird unsere Alethische Kommune auch nicht, jedenfalls nicht in absehbarer Zeit.
Gleichsam ern¨¹chtert und nachdenklich sa? ihm der Patriarch der Alethischen Kirche da nur gegen¨¹ber und zog sich an ein paar Haaren seines langen Bartes. Zwenterfeld war alt und m¨¹de geworden, und das, obwohl er erst so an die vierzig war. Die unaufh?rlichen Verfolgungen seiner Gleichgesinnten und das st?ndige Verstecken, so wie sie es ja auch in diesem Moment taten, um ¨¹berhaupt kongregieren zu k?nnen, zehrte gewaltig an ihm. Danach h?rte er sich noch ein paar ihrer Berichte beispielsweise ¨¹ber die Pl¨¹nderung einer ihrer Untergrundkirchen, in der man auch das Alethische Testament vervielf?ltigt hatte, um es an ihre Glaubensbr¨¹der weiterreichen zu k?nnen, sowie andere, die Kommune betreffende Ereignisse, an. So gut wie keiner von diesen war positiv. Doch sie w¨¹rden auch diese finstere Zeit ¨¹berstehen, sie mussten es. Es war jetzt alles in den H?nden Gottes. Er w¨¹rde den rechten Augenblick ihrer Erl?sung w?hlen, nicht sie.
Auf einmal klopfte es da an der kruden Holzt¨¹re ihrer kleinen Kammer. Wer mochte dies nur sein? Es gab fast niemanden, der sonst von ihrem Treffen hier wusste. Etwas zaghaft ?u?erte der Patriarch darauf: ?Wer ist da?¡° Einen Augenblick herrschte Stille. Dann jedoch gab eine tiefe Stimme ihm zur Antwort: ?Einer, der etwas Historisches mit euch zu besprechen hat. Der Einzige, der das kann.¡° Daraufhin schauten die Geistlichen einander verwirrt an. Sie sprachen kurz leise untereinander und gew?hrten dem Besucher dann Eintritt. Als das Tor aufschwang und sie erblickten, wer da ¨¹ber ihre Pforte schritt, wurde ihnen allerdings anders. Es war der Hexerkaiser h?chstpers?nlich!
Die Herren fielen bei dessen Erscheinen aus allen Wolken und gerieten augenblicklich in eine Schockstarre. Wie hatte er sie blo? gefunden? Der Erkorene aber kam einfach an die Herrschaften heran und gesellte sich zu diesen an den Tisch. Den vierten Stuhl, der an einer von dessen Seiten stand, schob er geschwind hervor und bequemte sich, ein Bein ¨¹ber das andere gelegt, auf diese recht simple Sitzgelegenheit. Als er somit schon fast mokant vor ihnen lungerte, starrten die Drei nur ungl?ubig, ja gar fassungslos, auf die gro?en Sterne, die ihnen aus seinen Augen entgegenstrahlten. Er erhob die Stimme: ?Seien Sie unbesorgt, ich bin nur hier, um mit Ihnen zu reden. Es gibt viel, das angesprochen werden und endlich gel?st werden muss.¡° Darauf erwiderte Vater Hartmut schlie?lich: ?Was w¨¹nscht Ihr zu besprechen?¡° Diese Frage hellte die Stimmung seiner Hoheit scheinbar auf, und er antwortete:
?Ihr m?gt mich vielleicht nicht als heilig ansehen, doch bin ich bereit euch diese Freiheit zu gew?hren. Alles, was ich m?chte, ist, dass ihr mir das Recht zur Existenz nicht absprecht, dann werde ich euch auch das eure nicht absprechen. Unsere Meinungsverschiedenheiten sind un¨¹berbr¨¹ckbar, doch, um der Menschlichkeit und des Friedens willen, m?chte ich euch darum bitten, dass wir uns zumindest gegenseitig tolerieren. Wir m¨¹ssen nicht miteinander ¨¹bereinstimmen, ja, wir m¨¹ssen uns noch nicht einmal m?gen. Das Einzige, was ich m?chte, ist dass wir das Kriegsbeil begraben. Und mir ist durchaus bewusst, dass dies uns allen viel abverlangt, nach all den Dingen, die passiert sind. Aber weder kann ich noch k?nnt ihr die Vergangenheit ungeschehen machen. Ich habe nicht die Zust?nde und den Teufelskreis des Hasses begonnen und ebenso wenig habt ihr es. Doch wird es Zeit, dass wir ihn beenden!
Wir alle sind von all dem mitgerissen worden. Es bringt nichts nach Schuldigen zu suchen oder Rache zu ¨¹ben. Ich will euch die Hand reichen, um den Wahnsinn langsam, schrittweise zu Ende gehen zu lassen. Die Ideologie des ?Melgarismus¡°, wie ihr sie nennt, sitzt tief in den K?pfen vieler verankert, gleichsam wie der Alethismus tief in den K?pfen so mancher Leute sitzt. Es wird lange brauchen, um die tiefen Gr?ben, die in unserer Gesellschaft sind, zuzusch¨¹tten. Ich habe nicht die Macht das Denken der Menschen zu ?ndern. Aber, was ich tun kann, ist den ersten Schritt zur Besserung zu setzen. Das liegt in meiner Macht. Ich biete euch hiermit an, die alethische Konfession offiziell anzuerkennen und per Edikt in meinem Reich zu tolerieren. Nicht zu f?rdern, oder gutzuhei?en, sie zu tolerieren. Mehr ist aktuell nicht realistisch m?glich.¡°
Des Kaisers langer Monolog kam zum Schluss. Er lie? die Adressierten in vollkommener Verbl¨¹ffung zur¨¹ck. Ohne auf deren potentielle Gegenrede, oder ¨¹berhaupt irgendeine Reaktion dieser, zu warten, erhob sich seine Majest?t dann und informierte die Herren, dass er sie kurz alleine lassen w¨¹rde, um den Belang auszudiskutieren. Danach verlie? er sogleich das K?mmerchen und schloss die T¨¹re hinter sich, um deren Privatsph?re zu gew?hrleisten. Einstweilen wanderte er ein paar Fu? drau?en hin und her, w?hrenddessen er die beiden, am Boden liegenden, W?chter hier betrachtete, die er au?er Gefecht gesetzt hatte.
?Und was haltet ihr von diesem Vorschlag?¡°, war die banale Frage, die der alethische Kirchenvater nach einer Weile des Gr¨¹belns schlie?lich an seine Kollegen, mangels passender Worte f¨¹r diese schier unglaubliche Entwicklung, richtete. Die Gem¨¹ter der anderen beiden verfinsterten sich und Hartmut entgegnete seiner Heiligkeit: ?Ich w¨¹rde sagen, dass wir den Worten dieses Teufels kein Haarbreit trauen k?nnen. Diese Kreaturen sind die Ausgeburten der H?lle! Sehen Sie sich doch einmal an, was sie mit der Hauptstadt angerichtet haben! Unm?glich, unm?glich ist das! Das sage ich Ihnen.¡° Der andere Geistliche neben ihm nickte auch ¨¹berzeugt mit bei dem, was sein Glaubensbruder hier darlegte.
Der Patriarch, dessen wahrer Name Zwenterfeld lautete, war sich da offenbar nicht so sicher und er zog sich wieder an den L?ngeren seiner Barthaare, w?hrend er intensiv ¨¹ber die Situation nachdachte. Sein Gegen¨¹ber legte somit noch nach: ?Kommen Sie schon! Die Sache ist nicht kompliziert. Wir legen ihn rein, indem wir so tun, als ob wir das Angebot annehmen w¨¹rden und verfl¨¹chtigen uns dann bei der erstbesten Gelegenheit. Mit dem Teufel kann man keine Gesch?fte machen!¡° Danach kommentierte der andere Mann noch: ?M?gen die verdrehten Melgaristen die Zerst?rung ihrer eigenen Reichshauptstadt durch den wahnsinnigen D?mon, der des Kaisers eigene Tochter war, hinnehmen, ohne sich die diabolische Natur von Hexern einzugestehen, aber wir sicher nicht! Wir m¨¹ssen hier standhaft bleiben, eure Heiligkeit.¡°
Letztlich gab ihnen ihr Kirchenoberhaupt zur Antwort: ?Ich bin schon oft in meinem Leben belogen und hintergangen worden. Ich kenne diese Art von Menschen. Der D?monenkaiser scheint mir keine Person von diesem Naturell zu sein.¡° Folglich zeigten sich die anderen Zwei emp?rt ¨¹ber das Soeben-Ge?u?erte. ?Unser Glaube ist in schwerer Bedr?ngnis. Ich glaube, dass einen pragmatischen Schritt zu setzen, hier die bessere Option ist¡°, schlussfolgerte Zwenterfeld dann. ?Sind Sie verr¨¹ckt? Genau das ist der Grund, warum der Alethische Widerstand so schwach ist und viele Aufst?ndler nichts mit uns zu tun haben wollen!¡°, tobte Vater Hartmut da. Doch sein Vorgesetzter lie? sich nicht beirren. Er gab schlicht keinerlei Gegenrede. Die beiden Bisch?fe ¨¹berzuckerten sofort, dass dieser sich nicht umstimmen lassen w¨¹rde, vor allem da sie ihn ja schon lange kannten.
?Nun, dann haben wir uns nichts mehr zu sagen!¡°, stie? der Kleriker hervor, bevor er gemeinsam mit seinem Kollegen aus dem Raum hinaustrat und sich aus dem Staub machte. Der Erkorene schaute den beiden nur emotionslos nach. Er hielt sie nicht auf. Dann wandte er sich um und warf einen Blick in Richtung des Verstecks, in dem der Patriarch immer noch ausharrte. Wie es zu erwarten war, hatten sich die Sturk?pfe, genauso wie er es auch aus dem Reichsrat kannte, quergestellt. Jedoch hatte er hier und heute jemanden sehr Wichtigen gefunden, der mit sich reden lie?. Die M?glichkeit einer alethischen Kirchspaltung aufgrund dessen lag recht nahe.
?Ruhe! Ruhe im Saal!¡°, hallte es aus der Kehle des Reichstagssprechers. Schnell legte sich der vorangegangene L?rm, um zu einem zunehmend leiser werdenden Gemurmel zu werden, welches alsbald fast zur G?nze verschwand. Heute war der Reichsrat vollst?ndig versammelt. Kein Einziger fehlte, eine seltene Ausnahme. Der Grund daf¨¹r sollte in K¨¹rze klar werden. Durch gigantische Fenster, die sich gesch?tzt fast drei?ig Fu? bis zur Decke hoch erstreckten, fiel die Sonne herein und gab dem Versammlungsaal mehr als ausreichende Beleuchtung. Das Rednerpult, welches sich im visuellen Brennpunkt der halbrunden Sitzanordnung hier befand, zierte das Sonnenwappen des Reiches. Es befand sich auf einer leicht erh?hten Plattform und gleich daneben waren die Flaggen der K?nigreiche und L?nder des Reiches nach der Reihe zur Schau gestellt. Vorne an der Wand hinterm Podium hingen zwei gro?e Portr?ts. Gleich dem Janus, bildete das Linke Melgar den Gro?en und das Rechte Kaiser Wenzel ab.
?Hohes Haus, ich begr¨¹?e Sie hiermit zur vierunddrei?igsten Sitzung des Reichsrates. Die anf?llige Agenda ist dieses Mal bedeutend umfangreicher als sie es in vielen Jahren war. Dementsprechend sind auch im Voraus eine gro?e Menge an Antr?gen eingebracht worden, die heute von uns behandelt werden m¨¹ssen. Allen voran, Seine Durchlauchteste Heiligkeit, der Kaiser, hat eine Reihe an Dekreten verabschiedet, die es von uns abzuw?gen gilt.¡° Eugen von Rauttenstein sprach in diesem Fall von Angelegenheiten, die gro?e Tragweite hatten, so flach er auch die Materie bei dieser Gelegenheit vortrug. Der Souver?n hatte ein Dekret zum massiven Ausbau der Kompetenzen der Reichsgarde verabschiedet, ein Schritt, den er bisher nie wagen hatte k?nnen. Dies war allerdings noch im Bereich des Zu-Erwartenden gewesen. Was jedoch jeden hier die Sprache verschlug, war das Toleranzedikt f¨¹r den Alethismus, das seine Hoheit parallel dazu unterschrieben hatte! Angesichts der Realit?ten, die seit der Heiligen Revolution im Land herrschten, war dies nicht nur ein unerh?rter, sondern wohl eher ein undenkbarer Schachzug des Erkorenen. NIEMAND w¨¹rde dem zustimmen.The author''s content has been appropriated; report any instances of this story on Amazon.
W?hrend der Sprecher seine Ausf¨¹hrungen weiter herunterratschte, sa? der gesamte Rat in derselben strahlend gelben Kleidung da und horchte ihm aufmerksam zu. Alle waren sie ¨¹berzeugt, dass sie die ¨¹bertrieben selbstbewussten Schritte seiner Majest?t hier im Keim ersticken w¨¹rden. Fast alle w¨¹rden sie gegen dessen viel zu ausufernden Versuche der Machtergreifung stimmen. Und Xaver von Duenitz, der nat¨¹rlich auch anwesend war, bereitete sich einstweilen vor, ihnen mit seinen Verb¨¹ndeten und den Armeegetreuen im Reichsrat eine Lektion zu erteilen, die sie nicht so schnell vergessen w¨¹rden! Gleich zu Beginn kam es zur Abstimmung ¨¹ber die zwei wichtigsten Punkte. Die Stimmen wurden ausgez?hlt und¡..
Oh, nein! Das Dekret zur St?rkung der Reichsgarde war ganz klar gescheitert. Es hatte aber auch eine signifikante Anzahl an F¨¹rstimmen erhalten, was f¨¹r ordentlich Aufruhr im Saal sorgte. Alle fragten sich, wer gegen die Interessen des Hochadels gestimmt hatte. Xaver war sich bewusst, dass man sehr schnell herausfinden w¨¹rde, wer es war! Am liebsten wollte er im Erdboden versinken, als gleich darauf auch das Toleranzedikt eine klare Abfuhr erhielt. Es war vorbei. Sie hatten verloren und der Erkorene w¨¹rde f¨¹r immerdar eine machtlose Galionsfigur bleiben. Der Herr Duenitz hatte sich gedacht, dass er hier eine clevere politische Intrige vorangetrieben hatte, fand sich nun aber in Konfrontation mit dem unnachgiebigen Egoismus der Reichseliten als Verlierer wieder. Ein gen¨¹ssliches L?cheln strich kurz ¨¹ber Von Rauttensteins Lippen. Dann sprach er den n?chsten Punkt auf der Tagesordnung an. Es w¨¹rde¡¡¡¡
?BUMM!¡° Die gro?e Fl¨¹gelt¨¹r in den Saal wurde mit lautem Knall aufgerissen. ?Was in aller Welt ist hier los? Verschw¡.¡° Eugen wurde das Wort abgeschnitten. Niemand Geringerer als Balduin, der Kommandant der Reichsgarde, stampfte donnernden Schrittes herein und ¨¹bert?nte ihn einfach mit seinem dr?hnenden Organ. ?Durchlauchteste Herrschaften, im Namen seiner Majest?t, Kaiser Melgar ist der Reichsrat mit sofortiger Wirkung aufgel?st! Es wird gebeten, sich ruhig zu verhalten und allen Anweisungen der Reichsgarde Folge zu leisten!¡° Nachdem diese Worte den Saal erf¨¹llt hatten, hielt erst einmal Fassungslosigkeit ihren Einzug. Jedermann erstarrte, weil sie diese surreale Botschaft erst einmal sacken lassen mussten, um sich deren eigentlicher Bedeutung bewusst zu werden.
Der Sprecher hatte sich allerdings recht rasch wieder gefangen. Er sprang den haarlosen Muskelprotz geradezu an und beorderte ihn aggressiv die R?umlichkeiten wieder zu verlassen, und das, obwohl ihm vom Bund des Kommandanten dessen Schwert entgegenblitzte. Balduin schaute ihn nur streng an. ?Hau ab! Raus!¡°, br¨¹llte ihn Eugen infolge an, wobei die restlichen Anwesenden immer noch in gro?teils stiller Ratlosigkeit einfach zuschauten. Dann begann der k?rperlich nicht sonderlich starke Mann den Anf¨¹hrer der Reichsgarde zu schubsen, ein Fehler, wie sich herausstellen sollte. Der Kerl fasste ihn daraufhin mit eisernem Griff am Unterarm und warf ihn zu Boden. ?Schafft das ganze Gesocks raus hier!¡°, pl?rrte Balduin dann. Erst jetzt brach der Sturm im Reichstag los. W?hrend der Kommandant dem Niedergerungenen Handschellen anlegte, ihn also festnahm, fing emp?rtes Gejohle an, den gesamten Saal zu durchdringen.
In exakt dem Augenblick drangen die restlichen Gardisten unter lauten Rufen einer Phrase, die alle erzaudern lie?, herein. ?Es sind die Karos! Die Karos machen einen Putsch!¡°, ?Ihr miesen Verr?ter!¡°, und eine Reihe anderer Ausrufe hallten nun umher. Bei der T¨¹r, welche der einzige Ein- und Ausgang war, str?mte eine immer gr??ere Zahl an Gardisten herein, um den Befehl ihres Herren in die Tat umzusetzen. Von einem Moment auf den anderen brach vollkommenes Chaos im Versammlungssaal aus. Wildes Get?se, verzweifeltes Gerangel, hoffnungslose Gegenwehr. Ein paar Wenige versuchten gar durch die Fenster zu entkommen! Dies war keine kluge Idee, weil sie sich nicht im Erdgeschoss befanden und man einen Sturz aus dieser H?he wohl kaum unbeschadet ¨¹berstehen w¨¹rde. Ein hitziges, un¨¹berschaubares Handgemenge folgte, wobei nach und nach die Abgeordneten festgenommen und aus dem Saal eskortiert wurden.
Erst als sie drau?en waren, als sie den irren L?rm hinter sich gelassen hatten, vernahmen sie zu ihrer ¨¹berraschung den Klang der Posaunen. Es waren Viele, nicht nur die Posaunen, die ¨¹blicherweise von der Verk¨¹ndigungskathedrale ert?nten. Nein, von allen Kircht¨¹rmen der Stadt schien die Fanfare geblasen zu werden, und das, obwohl es die falsche Uhrzeit daf¨¹r war. Den M?nnern wurde bange. Berechtigterweise f¨¹rchteten sie, was all dies bedeutete und was nun passieren w¨¹rde. Der Erkorene hatte hiermit den Eliten des Landes im Grunde den Krieg erkl?rt!
Wenige Tage zuvor:
Das gesamte Konklave durchfuhr ein erstauntes Raunen. Seine Heiligkeit war pers?nlich hier bei ihrer Patriarchenwahl erschienen. Wie er das geschafft hatte, wusste niemand, war doch allseits bekannt, dass er seit dem gro?en Schicksalstag in Zur¨¹ckgezogenheit gewesen war. Nun stand er aber in Fleisch und Blut vor ihnen. Selbstbewusst und unentwegt schritt er sogleich zum Vortragenden, dem neuen Patriarchen, hin¨¹ber. Seine Exzellenz verneigte sich sogleich, wie es der Brauch verlangte, und wich etwas zur¨¹ck, um dem Herrscher Platz am Rednerpult zu machen. Gleich war es wieder leise und seine Hoheit begann zu sprechen:
?Mein lieber Damianos! Meine lieben Br¨¹der! Ich gratuliere Dir und euch allen hier zur Wahl des neuen Kommunenoberhaupts, und noch dazu eines solchen, das so jung und energetisch ist!¡° Das Publikum gab ihm einen kurzen Beifall. Dann fuhr er fort: ?Die Zeichen stehen auf einen Wandel, auf einen Aufbruch in eine neue Zukunft. Doch muss ich eure Hoffnungen diesbez¨¹glich leider zerstreuen! Es wird keine Ver?nderung geben, da es n?mlich keine Ver?nderung geben KANN. Weshalb das, werdet ihr mich nun fragen? Weil die Ungl?ubigen und die Verr?ter alles blockieren, um die Dinge im Reich nur zu ihren Gunsten laufen zu lassen! Das wird sich nicht ?ndern, denn diese sitzen bis in die h?chsten ?mter hinauf! Die Revolution kann nicht als abgeschlossen gelten, bis ihre urspr¨¹nglichen Ziele erreicht sind. Somit ist sie das noch nicht!
Viele dieser Parasiten, die sich ¨¹berall im System eingesessen und sich daran gelabt haben, sind genau dieselben, welche das vorangegangene Unrechtsregime mitgetragen hatten. Viele Jahre und Jahrzehnte haben wir diese Zust?nde mitgetragen, weil es sich aus praktischen Gr¨¹nden einfach nicht vermeiden lie?. Doch so kann es nicht ewig weitergehen! Immerw?hrender Stillstand ist nicht das Credo unserer Zivilisation! Die Stimme Gottes gebietet mir hiermit die Revolution, den Heiligen Krieg fortzuf¨¹hren, bis die Ziele dieser erreicht sind. Auf dass die V?lker des Heiligen Reiches Erl?sung finden, rufe ich euch alle hier und heute auf, mir auf diesem Pfad zu folgen, meine teleiotischen Glaubensbruder! Es ist Gottes Wille!
Die Proklamation schloss er dann mit einer altcamenischen Phrase ab, welche sich am ehesten mit ?Gott will es¡° ¨¹bersetzen lie?e. Sie trug gro?e historische und theologische Bedeutung mit sich. Dem Aufruf des Erkorenen folgten sehr schnell und mit wenig Z?gern viele lauter und lauter werdende Repetitionen der Parole, die er gerade ge?u?ert hatte. Die Kirche hatte es satt von den Hochadeligen, die in ihren Augen gro?teils gleichg¨¹ltig gegen¨¹ber dem Glauben waren, ignoriert zu werden, ja gar auf sich herumtrampeln zu lassen. Wieder und wieder erschallte die uralte Phrase durch den Saal. Der Heilige Krieg hatte erneut begonnen!
Nebenbei bemerkt, gab es innerhalb weniger Tage eine Welle an Erscheinungen seiner Majest?t in allen Teilen des Landes. F¨¹rsten, K?nigen, Gener?len, Kardin?len, zahllosen Menschen stattete der Kaiser v?llig unangek¨¹ndigt und wie aus dem Nichts einen Besuch ab, um mit ihnen Angelegenheiten zu besprechen und ihnen Anweisungen zu geben. Dann verschwand er wieder ins Nichts.
Geradezu elektrische Spannung lag in der Luft. Reichskanzler Rubellio hielt ein emotional geladenes Gespr?ch mit Ihrer Hoheit Amalie Althun. Selbst diese beiden schienen von den heutigen Ereignissen ¨¹berrumpelt worden zu sein. Nun marschierte ein Reichsgardist an sie heran. ?Durchlauchteste Herr- und Damenschaften! Ich bin geschickt, um Ihnen zu ¨¹bermitteln, dass Gottes Erkorener heute um vier Uhr eine Rede am Getreidemarkt halten wird. Um die Anwesenheit aller wird gebeten.¡° Getreidemarkt war der Name, den der Platz vor dem Reichstag trug, und der offenkundig auf dessen einstige Ben¨¹tzung schlie?en lie?. Die Zwei antworteten dem Boten nur mit: ?In Ordnung, Sie d¨¹rfen gehen.¡° Der Soldat salutierte sogleich und zog ab.
Was in Gottes Namen war hier los? Die nur wenige Stunden zur¨¹ckliegenden Vorkommnisse im Reichsrat hatten sich nun, wie ein Lauffeuer, verbreitet. Die gesamte Regierung und vor allem nat¨¹rlich der Adelsstand waren im Aufruhr. Eine Hochadelige hatten die beiden jetzt schon mehrere Male hier um Geb?ude auf und ab rennen sehen, wie sie jeden verzweifelt fragte, ob er ihren Mann gesehen hat. Es war ¨¹beraus beunruhigend. Nicht einmal der Kanzler wusste, wo Balduin und seine M?nner, die nach der Verhaftung des Reichsrats davongeritten waren, die Gefangenen hingebracht hatten.
Als N?chstes kam Brahm angest¨¹rmt. ?Herrin, ich konnte Relevantes in Erfahrung bringen. Der Nuntius des Patriarchen hat mir mitgeteilt, dass die ungew?hnliche Posaunenfanfare heute Vormittag kein Fehler war. Die Kommune hat mir best?tigt, dass der Kaiser den Heiligen Krieg ausgerufen hat und sie diesen unterst¨¹tzen werden!¡° Wenn dies denn m?glich gewesen w?re, h?tte sich nun der Schock in Peters Gesicht noch erh?ht, doch war er ohnehin schon au?er sich. ?Oh, mein Gott! Was hat er sich nur bei all dem gedacht?¡°, gab er infolge von sich, w?hrend Amalie ?u?erlich gelassener als er blieb und sich unter Kontrolle hielt. Dann fuhr ihr Leibw?chter aber noch fort:
?Au?erdem habe ich vorhin die Ankunft des Alethischen Patriarchen hier im Reichstag mitbekommen. Ja, ihr habt nicht falsch geh?rt! Es scheint so, dass unser Kaiser ihm seinen Schutz zugesichert hat, da er umringt von einer beachtlichen Anzahl von Karos hier aufkreuzte.¡° Peter wusste offensichtlich nicht, wie er mit der Situation umgehen sollte. Es war so, als ob nun alles gleichzeitig passieren w¨¹rde, ein wahrhaftiger Dammbruch. Angesichts der Umst?nde blieb ihnen wohl nicht viel mehr ¨¹ber als die n?chsten drei Stunden bis zum Beginn der Adresse Wenzels noch abzuwarten. Von ihm wussten sie auch nicht, wo er war. Ringsum herrschte ¨¹berall nur gro?e Verwirrung und Trubel. Der Souver?n w?re gut beraten damit, gute Antworten f¨¹r all das parat zu haben!